Wieder Danke sagen

Spendenaktion Gott-Vater-Glocke

Eine Glocke, die nicht mehr läutet ist wie ein Mensch, dessen Herz aufgehört hat zu schlagen.

Seit Dezember 2017 ist die Gott-Vater-Glocke in der Buchhalde stumm. Der warme, tiefe Klang, der sich nachmittags um drei Uhr über das Ermstal und die Albränder ausbreitete, schweigt aus Sicherheitsgründen. 20 Jahre treuer Dienst, machten dem Glockenjoch zu schaffen. Ein Materialfehler schwächte den Trägerbalken, an dem die 7 Tonnen schwere Glocke hängt. Das Joch bog sich durch und bildete Risse, so dass Läuten nicht mehr möglich war. Somit schweigt ein Dettinger Wahrzeichen und die viertschwerste Glocke von Württemberg.

Die Gott-Vater-Glocke ist eine Liebeserklärung an einen großen Gott. Die Blumenmönche läuteten täglich das „ich mag dich ja so“ in die Region, um den zu ehren, dem sie alles verdanken. Diese Glocke will einfach aber kraftvoll Danke sagen. Anbetung ist die stärkste Reaktion des Glaubens, die höchste Form der Verehrung, die dem Schöpfergott vorbehalten ist. Es ist noch mehr als ein traumhafter Rosenstrauß mit hundert langstieligen roten Rosen. Wenn solch eine tiefe, gehaltvolle Glocke schwingt, ist es wie beim großen Halleluja von Georg Friedrich Händel, bei dessen ersten Aufführung der englische König sich erhob und seine Krone ablegte.

Wo eine Glocke schweigt, schweigt die Botschaft, die sie eigentlich hinaustragen möchte. Für niemand erklingt mehr das, was diese Glocke zu sagen hat. Diese Glocke soll nicht den Frieden oder die Freiheit, sondern Gott selbst hinausläuten.

  

Gott ist – Gott war – Gott schafft

Dies bedeutet höchste Bewegung und Aktivität. Gottes Schaffen – bestätigt durch seine Schöpfung, voll Harmonie, in unendlicher Fülle – alles wohl durchdacht. Nichts hat ER dem Zufall überlassen. Gott klingt mit, wenn diese Glocke läutet.

* eine gewaltige Glocke (ca. 2 m hoch und ca. 2 m Durchmesser) weil Gott in seiner Größe überwältigend ist.

* einen tiefen, warmen Ton, weil Gottes Barmherzigkeit umfängt, unterfängt.

* die schwere Rippe (6.940 kg) damit Gottes kraftvolles Wirken weit und stark gehört wird.

Sieben Tonnen Erz in Form einer schwäbischen Gloriosa sind nur ein Versuch, „Danke“ zu sagen. Danke für Leben und Erleben an der Seite eines unsichtbaren Genies: Gott! Mit der Glocke klingt die Gewissheit, dass Gott lebt, liebt, schenkt, segnet, begnadet, heilt und erlöst. Alle Inschriften bezeugen einen aktiven, einen kämpferischen Gott, der sich das Konzept nicht aus der Hand nehmen lässt, auch in heutiger Zeit nicht.

Gott redet:ER mischt sich ein, ER hat nicht resigniert, ER ist nicht im Laufe der Geschichte verstummt, ER lässt den Dingen nicht ihren Lauf.

Gott hört: ER ist dabei, in allem als Gegenüber anwesend – bei unserem Beten, bei unserem Stöhnen, bei unserem Leiden. Gott hört das Geschrei der Gefolterten, das Stöhnen der Hungernden. Gott hört das Klagen der gebeutelten Schöpfung, den stummen Schrei der abgetriebenen Kinder, die Anbetung der Glaubenden oft mitten in der Nacht. Gott hört mit dem Herzen. Nichts geht ihm verloren.

Jede dieser Eigenschaften Gottes wird in die Welt hinausgerufen, wenn die Glocke ihre Stimme erhebt und läutet. Jedes Läuten bringt in Erinnerung, dass der lebendige Gott auch heute noch dynamisch in unserer Mitte ist.

Für die Anbetung Gottes ist das Beste gerade gut genug. Für den größten Gott das Größte – ER hat es verdient, das ist ER wert, zumal ER dem Land Württemberg über Jahrhunderte reichen geistlichen Segen geschenkt hat.

Sie soll wieder läuten

Sachverständige der Herforder Glockenspezialisten aus Österreich sagten: Sie kann wieder läuten! Das Joch muss mit einem massiveren und höheren Joch ausgetauscht werden. Dazu ist nötig, die Kecharismai-Glocke, die über der Gott-Vater-Glocke schwingt, mitsamt ihrem Glockenstuhl anzuheben, um mehr Raum für das größere Joch zu schaffen. Mit entsprechendem Hebewerkzeug, wird die große Glocke im Glockenturm mit dem neuen Trägerbalken umgerüstet. Mehrere Wochen sind für dieses Projekt veranschlagt, wobei die Bruderschaft mit ihren Haustechnikern einen großen Anteil mit bewältigen wird. Ein Teil der anfallenden Kosten kann von den Blumenmönchen bewältigt werden, doch für den Hauptanteil brauchen sie Ihre Unterstützung. Für eine Summe von 35.000 Euro, braucht es Menschen, die Danke sagen wollen. Diese Glocke soll für das Ermstal und darüber hinaus, den Dank von Menschen zusammenfassen und zum Klingen bringen.

Sagen Sie Danke

Werden Sie zu einem Teil der Dankbarkeit, die Menschen in der Anbetung verbindet. Stehen Sie mit dafür gerade, dass wir alle eine Stimme brauchen, die uns aufbaut und tröstet, die uns wachrüttelt und Mut macht. Engagieren Sie sich, dass zu den vielen Klängen, die auf uns einströmen, solche dazu kommen, die uns innehalten lassen und zum Gebet rufen. Helfen sie mit, dass unsere oft so hektischen Tage, wieder Ankerpunkte der Ruhe erhalten.

Jeder kleine Beitrag bringt eine stumme Stimme wieder zum Reden. Auch wenn sie finanziell nichts dazu beisteuern können, können Sie dieses Anliegen „hinausläuten“, damit in absehbarer Zeit unser aller Dank wieder erklingt. Geben Sie dem die Ehre, dem alle Ehre gebührt. Soli deo gloria.

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Goldberg-Variationen als Silbermannklänge

Das besondere Musik-Ereignis:

Als „Höhepunkt der barocken Variationskunst“ und „eine der schwierigsten Klavierkompositionen“ gelten sie, die Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach, ursprünglich komponiert für Cembalo, häufig interpretiert von berühmten Pianisten.

Dieses Meisterwerk eines großen Komponisten auch mit der Orgel als Königin der Instrumente kreativ zu entfalten, hat sich Felix Hell, Weltklasse-Konzertorganist aus den USA, zum Ziel gesetzt.

Am Sonntag. 22. Juli 2018, bringt er es in eigener Bearbeitung auf der nach Gottfried Silbermann disponierten Orgel der EBK-Blumenmönche zum Klingen.

Das Konzert findet um 17 Uhr in der EBK-Klosterkirche, Schubertstr. 18, 72581 Dettingen/Buchhalde  statt, der Eintritt ist frei.

https://xn--ebk-blumenmnche-jtb.de//Aktuell/veranstaltungen.aspx

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Der Lebensflüsterer

-Br. Markus- Apostelgeschichte 8, 26-39

„Als Pferdeflüsterer bezeichnet man Menschen, die besonders gut mit Pferden umgehen können. Sie verwenden dafür spezielle Methoden der Kommunikation. Voraussetzung dafür ist die Fähigkeit, das Verhalten und die Körpersprache von Pferden zu verstehen. Daher sind gute Beobachtungsgabe und Einfühlungsvermögen die Grundvoraussetzung. Das erlernte Wissen über die sogenannte Pferdesprache wird genutzt, um mittels Gesten mit den Tieren in Kontakt zu treten. Der heutige Pferdeflüsterer flüstert mit seinen Pferden. Er verzichtet auf Gewaltmethoden wie Schmerzeinwirkung auf den Kopf, Peitschenhiebe und das Anbrüllen. (Wikipedia)

Als „Lebensflüsterer“ bezeichnet man Menschen, die besonders gut mit anderen Menschen umgehen können. Dafür sind gute Beobachtungsgabe und Einfühlungsvermögen hilfreich – und viel, viel mehr.

1.          Vom Wort bewegt

Ein Engel des Herrn forderte Philippus auf: „Geh in Richtung Süden, und zwar auf die einsame Straße, die von Jerusalem nach Gaza führt.“

Philippus machte sich sofort auf den Weg. Es ist heiß, drückend heiß – vielleicht nicht so schwül, aber noch viel heißer als hier bei uns, Mittagszeit – nicht einmal die Verrückten gehen um diese Uhrzeit in südlichen Ländern raus. Die Straße von Jerusalem nach Gaza ist eine der weltwichtigsten Handelsstraßen in der Zeit des Textes, vergleichbar mit unserer A 3 von Frankfurt nach Köln. Wer von uns würde um Mitternacht an die Autobahn A 3 gehen zum Missionseinsatz? Um Mitternacht fährt auf der dicht befahrenen Autobahn kaum jemand, so wenig wie in der Mittagshitze von Jerusalem nach Gaza.

„Ein Engel des Herrn forderte Philippus auf“

Es ist hier keine sorgfältig geplante Evangelisation, sondern ein wilder Ein-Mann-Einsatz zu einer völlig unmöglichen Uhrzeit. Der Engel des Herrn ruft – nicht zu einem durch persönliche Stille und gründliche Meditation vorbereiteten Einsatz in kirchlichen Räumen. Der Engel des Herrn ruft auf den heißen Asphalt, in den Dreck der Piste, zu einem äußerst unwahrscheinlichen Treffen, ins Gedröhn des Werktags. Gottes Stimme, die Stimme des Engels, ereignet sich eben nicht, wenn ich es will, sondern wenn Gott spricht – ist ganz normal. Der andere redet, wenn er es will, nicht wenn ich meine, dass er mir was sagen müsste. Gott spricht nicht dann, wenn ich es plane, sondern wenn er will – jetzt oder nachher. Gott spricht nicht dann, wenn ich es plane – sondern wenn er will. Gottes Augenblick kann in meiner Ruhe oder in meiner Unruhe sein. Es ist in jedem Fall seine, also nicht meine Entscheidung.

Ich rede auch nur, wenn ich was zu sagen hab. Gott spricht, wenn er was zu sagen hat. Lebensflüsterer kann nur sein, wer das verstanden hat. Lebensflüsterer kann nur sein, wer ansprechbar ist. Lebensflüsterer kann nur sein, wer leise geworden ist, so leise, dass er das Flüstern der Engel hören kann. Das hat nichts mit Spinnerei zu tun. Gerade dann, wenn ich Gott zwinge, zu meiner Zeit zu reden, ist die Gefahr einer Einbildung umso größer. Gottes Wort bricht in meinen Alltag ein, nicht ich in Gottes Welt. Engel kann nur hören oder sehen, wer die eigene Erwartung zurückschraubt. Es kann im Garten sein, es kann im Büro, beim Einkaufen, unterwegs oder sonst wo sein, dass das Flüstern eines Engels mich stört, wachrüttelt, erschreckt oder zurücknimmt – eben weil nicht meine Einbildung, sondern ein anderer spricht. Das Flüstern des Engels kann eine Störung sein, selbst meines frommen Lebensplans. Nur dort, wo ich beweglich werde, nur dort, wo ich auch hören will, kann es mich erreichen, das lebensschaffende Wort. Wer einen Engel hören will, muss von 0 bis 24 h das Ohr aufmachen, wie eine Hotline, immer und überall. Heiliges Wort trifft mich auch am unheiligen Ort. Heiliges Wort erreicht mich auch und gerade, wo ich mich weit, weit weg von Gott fühle. Es erreicht mich und gibt mir Mut.

Lebensflüsterer

2.          Trauen sich raus

Christen sollen Lebensflüsterer sein, lebendig gemacht durch Gottes Wort andere lebendig machen. Das Wort bleibt nicht allein. Dort wo es allein bleibt, ist es nicht Gottes Wort. Es ist lebensschaffendes Wort, das zum anderen führt, zu dem, der Leben braucht. Das fordert ungemein heraus, weil man die eigene Grenze überwinden muss, die Angst. Als ich das erste Mal auf dem Wochenmarkt war, hab ich mich kaum getraut, jemand anzusprechen. Der Schritt hin zum anderen sprengt oft den Rahmen meiner Vorstellung, meiner Sympathie oder Einstellung. Es ist eben nicht die Stimme Gottes, die mich zu meinem Lieblingsmenschen ruft, sondern zum ach so anderen Anderen. Da ist es gefordert, sich aus dem Gebüsch der eigenen Angst herauszuwagen. Es liegt doch nicht daran, dass wir keine Gelegenheit hätten. Die Straßen der Stadt sind voll von Hofbeamten, die vorbeifahren. Die Straßen sind voll von Menschen, die unsere Unterstützung brauchen. Angst ist ganz normal. Es gibt immer tausend Gründe den Mann oder die Frau, die Gott uns schickt, vorbeifahren zu lassen, gar nicht erst aufzubrechen aus Angst, es könnte schief gehen. Zu viele schlechte Erfahrungen hat man ja immer schon gemacht.

Am christlichen Glauben kann man teilnehmen. Zu den Abenteuern des Glaubens muss jeder für sich selbst aufbrechen“ sagt der Theologe Jetter.

Der Andere ist immer ein Risiko. Ich aber auch. Lebensflüsterer kann man nur sein, wenn man den Mut hat, dabei baden zu gehen, zu scheitern oder aufzulaufen. Das hat nichts mit Selbstzerstörung zu tun. Es ist einfach nur das ganz normale Berufsrisiko des christlichen Glaubens. Vertrauen muss immer gewagt werden. Gott will, dass wir es wagen, zu lieben – auch das, was gar nicht liebenswert scheint. Gott will, dass wir uns rauswagen aus dem Unterholz unserer Ängste, Ahnungen und Befürchtungen – hinein in den weiten Raum des lebensschaffenden Wortes.

In der Welt habt ihr Angst“ sagt Christus.

Die Angst ist ganz normal. Der Glaube verdrängt auch keine Angst. Er glaubt trotz aller Angst, und es steht nirgends geschrieben, dass man dabei keine Narben abkriegt. Die Aufgabe des Philippus ist es, mitzufahren mit diesem unbekannten schwarzen Mann, der soviel reicher, mächtiger und gebildeter ist als er selbst. Es besteht das Risiko, hinter der nächsten Sanddüne ausgeraubt, ermordet, übervorteilt oder sonst wie beschädigt zu werden. Es gäbe tausend berechtigte Gründe, nicht mitzufahren, daheim zu bleiben und auf die nächste Gelegenheit zu warten.

Lebensflüsterer tun das nicht.

3.          Sie fahren mit

Es wäre viel risikofreier gewesen, hätte Philippus dem Hofbeamten ein Traktat oder einen Link für’s Internet besorgt, wo er sich hätte können schlau machen oder so. Er tut das nicht. Er fährt mit, mit dem anderen, mit auf Risiko. Christliche Nächstenliebe versteht sich nicht als Besserwisserei, die man dem anderen schnell auf’s Auge drückt. Es geht um wesentlich mehr. Gott gewinnt den Mensch durch Hingabe. Das prägt den Weg für alle, die ihn gehen wollen. „Seite an Seite“ heißt sein Konzept, nicht „von oben runter“ und auch nicht „mit Gewalt. Durch sein Wort macht er lebendig, durch sein Wort gewinnt er in uns Gestalt, und durch uns will er sich neben die anderen setzen, die sich schwer tun, zu glauben. Gottes Wort will in uns die Gestalt gewinnen, die uns zu Lebensflüsterern macht, zu Menschen, die Leben nicht nur haben, sondern weitergeben, auch durch Drüber-Reden, durch lebendige Mission. Ob man dabei flüstert oder nicht, ist eigentlich egal. Die Lautstärke spielt keine Rolle, die Art und Weise aber schon.

Lebensflüsterer haben Einfühlungsvermögen in den anderen. Man muss ja nicht die Pferdesprache sprechen. Es reicht schon, Worte zu finden, die der andere versteht und auch das Tempo, in dem der andere geht. Mitfahren kann auch Zuhören sein, zuhören, wenn’s harte, beleidigende, kritische oder verzweifelte Worte sind, die der andere spricht. Mitfahren heißt in jedem Fall, bereit zum Risiko „Enttäuschung“ sein. Gott will mich, dass ich derjenige bin, der sich an die Seite des anderen setzt. Gott will mich, um durch mich auf den anderen zu lauschen. Gott will mich, um das warme Herz am kalten Ende dieser Welt zu sein. Gott will mich, um lebensschaffendes Wort statt sterbende Hoffnung zu sein.

Es ist nicht  wichtig, ob ich zu müde, zu gestresst, ausgelaugt oder unsicher dazu bin. Das Wort des Lebens wirkt in sich allein. Es braucht nur einen, der es weitersagt. Jeder kann das sein, jeder soll das sein, jeder auf seine Art – jeder, der es erlebt hat. Jeder Christ soll ein Lebensflüsterer sein, einer, der sich die Zeit nimmt, die er gar nicht hat, um sich an die Seite eines anderen zu setzen, der ein Kapitel oder das ganze Leben, die Welt oder sich selbst nicht versteht.

Wir können das sein. Wir sollen das sein: die Flüsterer des Lebens. Es gibt keine schönere Nachricht, die man erzählen kann.

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Sollen und sein

  1. Joh. 1, 5 – 2,6 – Br. Markus

Ich bin mir nie ganz sicher gewesen, ob es eine Gunst oder eine Härte des Schicksals war. Das hat so eine Art „Lehrerinnentrauma“ in mir hinterlassen. Ja, es waren immer reichlich Lehrerinnen vorhanden, die meinten, mir sagen zu müssen, wie ich sein soll.
– Ich soll nicht zu frech sein.
– Ich soll nicht so faul sein.
– Ich soll artig danke sagen.
– Ich soll nicht den Unterricht stören.
– Ich soll die anderen nicht ärgern.
Ich  könnte es noch nachts im Schlaf aufsagen, was ich alles nicht soll. Da ist dann aber noch das Wildpferd in mir, dem es gewaltig auf die Hufe haut, wenn einer daherkommt, der mir sagen will, was ich tun oder lassen soll.

Im Johannesbrief geht es um mehr. Es geht nicht um moralische Anweisung oder verkrustete Vorschrift, auch nicht um Besserwisserei. Er schreibt, wie Christen sein sollen – wie unser Sollen zum Sein wird und unser Sein sein soll.

1.     Wenn die Gebote zu Bruch gegangen sind

Wenn wir behaupten, sündlos zu sein, betrügen wir uns selbst. Dann ist kein Fünkchen Wahrheit in uns.

Es geht um Sünde. Gemeint ist dabei nicht alles was Spaß macht und deshalb verboten ist oder der Kirschenklau beim Nachbar. Es reicht wesentlich tiefer. Sünde ist mehr als eine moralische Verfehlung. Sünde lässt sich nicht kategorisieren, wie in Flensburg. Sünde lässt sich nicht einordnen in ein Schema. Sünde ist weitaus tückischer. Sünde ist ein böses Phänomen, so böse, dass es oft nicht als Sünde erkannt wird. Zu einfach hat man es sich leider auch in der Kirche gemacht, indem man sich beim Thema „Sünde“ nur auf moralische Verfehlungen fokussiert hat. Sünde ist nicht die Erfindung der Kirche, die benutzt wird, um dem Menschen ein schlechtes Gewissen zu bereiten. Die schlimmsten Sünden sind gerade die, die gesündigt werden im festen Glauben, das Richtige zu tun, die Sünden, die nicht als Sünde erkannt werden.

Zu allererst und vor allem ist Glaube: Erkennen von Sünde. Das ist nicht so einfach wie im Straßenverkehr. Ob man Verkehrssünder ist oder nicht, lässt sich einfach klären. Sünde als Sünde zu erkennen, ist viel schwerer, weil das Leben vielschichtiger und tiefer ist, als die deutsche Straßenverkehrsordnung. Sünde ist mehr als ein Verstoß gegen eine Vorschrift. Geht man dem Urtext nach, bedeutet Sünde „das Ziel verfehlen.“

Wer sündigt, verfehlt das Ziel. Es geht bei Sündigen deshalb auch nie um Bevormundung, es geht ums Ziel, Ziel erreichen oder nicht.  Wer sündigt, erreicht sein Ziel nicht – nicht mehr und nicht weniger. Er läuft ganz einfach ins Leere, dran vorbei sozusagen. Wer sündigt, erreicht seine Berufung nicht. Es ist unser aller Berufung, Mensch vor Gott zu sein, die wir erreichen oder nicht. Mensch vor Gott kann nur der Gerechte sein. Dem steht die Sünde im Weg, weil sie unsere Gerechtigkeit raubt.

Es geht dabei nicht um ein paar geklaute Äpfel –denn was wäre dann mit all den Menschen, die vor lauter Hunger einfach das genommen haben, was zu kriegen war. Die Geschichte der Menschheit und der Kirche ist gesäumt von zerbrochenen Geboten. Was ist, wenn man schießen muss, obwohl man nicht töten will? Was ist, wenn man lügen muss, obwohl man die Wahrheit liebt? Es gibt ungezählte Konflikte im Leben, die nicht mit platter Moral oder schnellen Antworten zu bedienen sind. Dann, wenn alles ganz anders ist, andere Umstände, andere Parameter gelten, muss jeder Gedanke, jede Tat neu geprüft und bedacht werden.

Und genau da ist auch die Gefahr, und nicht nur da, dass man sich selbst betrügt, trotz bestem Wissen und Gewissen falsche Entscheidungen trifft. Gerade die Kirchengeschichte ist voll davon. Zu viele Hexen wurden verbrannt im festen Glauben an den Herrn. Selbst heute noch begegnet man Menschen, die so gnadenlos erleuchtet sind, dass einem Angst werden kann, die genau wissen, was jeweils der andere zu tun hat.

Der Satz, daß wir Sünder sind, ist die erste wahre Aussage, die ein Mensch, der ins Licht Gottes tritt, macht.“ (Iwand)

Wer bemerkt, dass er das Ziel verfehlt hat, ist ganz nah an Gott. In der Erschütterung über mich beginnt sich Gottes Wahrheit zu verwirklichen, meine Zweideutigkeit zu beenden. Wem die Gebote zu Bruch gegangen sind, dem fällt auf, dass es mehr braucht als Schilder, Vorschriften und Hinweistafeln – und dass es oft nicht ausreicht, nur vor sich selber gradzustehen – eben weil ich manchmal für mich selbst nicht geradestehen kann. Die Begegnung mit Gott macht nicht klein, aber sie macht mich meiner Größe bewusst und sie lässt mich die Tatsache aushalten, dass ich nicht so toll bin, wie ich von mir dachte – und ich gar nicht so sein kann, wie ich sein soll.

Ich werde

2.     Ganz von allein gerecht

Gott will in uns sein Gegenüber sehen, Eindeutigkeit in Wort und Tat. Gott will in uns die Gerechten sehen, als die er uns geschaffen hat – und da ist soviel Zweideutigkeit, soviel Zweifel und soviel Angst, soviel Unvermögen, zu sein, wie ich sein soll. Ich kann nicht derjenige sein, den Gott in mir sieht. Ich kann nicht gerecht sein, schon allein, weil es viel zu viel Dinge gibt, die ich nicht sehen, prüfen und beurteilen kann. Trotzdem sieht Gott Gerechtigkeit in mir, spürbare, wirksame Gerechtigkeit in mir, dessen Auge so oft getrübt ist von eigenen Sichtweisen und dessen Ohr voll von Trommeln in eigener Sache ist. Trotzdem ist da die Gerechtigkeit, die hineinscheint in meine Ungerechtigkeit und die so viel heller ist als alles, was ich leisten kann.

Es ist nicht der Glaube, der sündlos macht, und es ist nicht der Glaube, der gerecht macht. Es ist die Gerechtigkeit Gottes, die sich an dem ereignet, der seine Sünde erkennen kann. Wer nicht merkt, dass er das Ziel verfehlt hat, kann nicht umkehren, um neu zu starten. Er fährt immer weiter im selben alten Trott. Die Gerechtigkeit Gottes unterbricht meine Selbstgerechtigkeit. Das macht den Unterschied. Ich sündige immer dann, wenn mir die Hoffnung verloren geht und ich es nicht mehr glauben kann, dass es auch anders geht, als ich selber ermessen kann. Die Gerechtigkeit Gottes folgt keinem fassbaren Prinzip. Sie vertraut sich demjenigen an, der darauf vertrauen kann.

Es ist nicht mein Training oder mein „Stärker machen“, es ist Geschenk Gottes, wenn ich gerecht sein kann inmitten des korrupten Dschungels. Es ist Geschenk Gottes, wenn ich die Wahrheit sagen kann, wo der Irrtum herrscht. Es ist Geschenk, wenn ich verzeihen kann. Es ist Geschenk, wenn ich es hören kann – auch das, was nie gesagt wurde. Es kommt von ganz allein, nicht durch mich, ich bin zu klein dazu. Es braucht größeres Herz und größeres Denken als ich es generieren kann. Es ist mein Fehler, dass ich nicht groß genug denken kann. Ich brauche einen, der diesen Job für mich erledigt.

Wirksam kann die Gerechtigkeit Gottes nur in den Menschen werden, die ihn wirken lassen, nicht in denen, die versuchen, wirksam zu sein. Christen werden immer Sünder sein, Zielverfehler, die einen brauchen, der Barmherzigkeit übt. Wir können nicht im Licht wandeln, wenn kein Licht da ist, das erhellt.

An Gottes Seite entstehen keine „Null-Fehler-Typen“, es entsteht aber

3.     Der utopische Mensch

Es steht nicht in der Bibel, sondern im Wörterbuch: Utopie ist die Vorstellung von vollkommener Gerechtigkeit. Gott leistet sich eine wirklichkeitsfremde Vorstellung von Menschen. Er träumt von vollendeten Gerechten. Gott träumt von Menschen, die in Einheit leben von Wort und Tat.

„Doch wer nach dem lebt, was Gott gesagt hat, an dem zeigt sich Gottes ganze Liebe. Daran ist zu erkennen, ob wir wirklich mit Christus verbunden sind.“

Gott belässt es nicht beim Träumen. Er erfüllt sich seinen Traum in Christus, der in uns Wirkung zeigt. Nicht ich in ihm, sondern er in mir verwandelt die Welt. Christus allein! Weder logisches Denken noch kluge Schlussfolgerung ebnen den Weg zu Gott. Christus allein!

Deshalb kann es auch keine mystische Erfahrung oder Ekstase ein, sondern Christus allein. Die Kraft, die Gebote zu halten, kann aus keiner anderen Quelle kommen. Selbst dann noch ereignet sie sich auf dem schwankenden Boden unserer Wankelmütigkeit. Aber auch wenn sie da und dort strauchelt, zeigt sie doch messbare Wirkung. Das ist das Entscheidende.

Gottes Utopie verwirklicht sich. Unser Leben  hat damit ein erstrebenswertes Ziel: vollendete Gerechtigkeit. Und wie jede Baustelle, die mal fertig werden soll, muss zuerst einmal angefangen werden. In Christus fängt Gott an, startet täglich neu. Heute in mir und durch mich startet die bessere Welt. Ich kann das – auch wenn ich mir’s nicht zutrau. Ich kann anders als nur ängstlich, kleinkariert oder zaghaft. Ich kann mindestens einen halben Zentimeter größer, als ich mir zutraue. Christus in mir – nicht ich, kann der oder diejenige sein, den Gott in mir sieht, den vollendeten Gerechten.

Das ist das eucharistische Prinzip. Gott schenkt voll ein. Er hat, was es ohne ihn nicht gibt: den vollen Ausgleich. Er sieht, was keiner sehen kann. Das beruhigt und beunruhigt ungemein. Es macht den Glauben nicht zur schweißtreibenden Arbeit an moralischen Normen, sondern zum Aufbruch des Vertrauens, hinein in ein offenes Gespräch mit einem, dem man alles sagen kann, auch das, was ich mir selbst verschwieg.

In Christus allein kann ich der sein, der ich sein soll, ohne mich nach irgend einer Seite zu verbiegen. Wir können so sein, wie wir sein sollen. Amen.

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Tief in mir

 – Pfingsten – Br. Markus – 1.Kor. 2, 12-16

 

Ich kann ihn nicht sehen. Ich kann ihn nicht hören. Ich kann ihn nicht greifen – und doch ist er da, unsichtbar zwar, aber er erfüllt mich, ist immer da, Teil meiner selbst. Das, was mich zum Tun treibt – jeder Mensch hat ihn – oder etwas, was ihn antreibt, etwas, das mich genauso unruhig wie fröhlich macht, ängstlich oder hell wach, ja sogar übermütig. Der Geist eines Menschen ist unsichtbar – was aber keinesfalls heißt, dass er nicht da wäre. Die tolle Idee, der riesige Schreck, die bange Erwartung – all das sind Dinge, die tief in mir rumoren, meinen Geist herausfordern oder einschläfern, meine Seele betrüben oder erfreuen. Mein Geist ist unsichtbar, ist trotzdem da, trotzdem wichtiger Teil meiner selbst und jeder Entscheidung, die ich treffe. Rätselhaft oder glasklar kann er sein, so wie ich, der ich heute nicht weiß, was heute auf mich wartet und wie ich mich entscheiden werde. Tief in mir ist mein Geist, der mein Tun und Lassen prägt.

Tief in Gott ist sein Geist, der in ihm atmet und lebt und unseren Geist mitnehmen will zum Abenteuer des Glaubens. Tief in mir will Gottes Geist ein Zuhause finden, in meinem Bewusstsein zur formenden Struktur werden im weiten Spielfeld des Lebens.

1.          Scharfes Sehvermögen

Wir haben nicht den Geist dieser Welt bekommen, sondern den Geist Gottes. Was wir euch verkünden, kommt nicht aus menschlicher Klugheit, sondern wird uns vom Geist Gottes eingegeben.

Paulus legt Wert auf klare Kontur. Zuerst betont der den Unterschied, das Trennende, nicht das Verbindende zu meinem Geist. Somit ist zuallererst eines klar: Gottes Geist ist anders. Gottes Geist unterscheidet sich. Es gibt etwas Trennendes zwischen meinem und dem Geist Gottes. Diese Erkenntnis ist deshalb so wichtig, weil bei Verwechslung der Geister der religiöse Wahnsinn sehr schnell im Boot ist. Mein Geist ist nicht Gottes Geist – obwohl beides in mir wohnen kann. Gott ist anders als ich. Er kann mit mir derselben Meinung sein, muss es aber nicht. Da ist kein Spielraum für Wunschvorstellung, sondern klare Kontur.

Mein Geist, der Geist dieser Welt, der Geist Gottes sowie sonstige Geister unterscheiden sich voneinander – manchmal ein wenig, oft aber deutlich. Es hat einen Grund, dass Paulus so viel Wert auf klare Trennung legt. Der Heilige Geist Gottes hat vor allem eine trennende Wirkung. Er mutet uns zu, dass wir unterscheiden. Es führen zwar viele Wege nach Rom – wie das alte Sprichwort sagt – aber eben nicht alle. Es führen noch mehr Wege an Rom vorbei – sozusagen in die Prärie, oder schlimmer noch, in die Wüste. Deshalb schafft der Geist Gottes klare Kontur. Er will tief in mir klare Struktur, was sein oder mein Geist ist. Was ja nicht heißt, dass man nicht zusammen etwas reißen könnte. Er will aber keine Verwechslung. Zuviel ist schon dabei schief gegangen in der Geschichte der Kirche, dort, wo mein Geist und sein Geist verwechselt wurde. Zu schnell ist man dabei, das eigene Erkennen und Beurteilen zum Maß der Dinge zu machen. Das, was mir gefällt, das, was mir gut tut, das, was mir angenehm ist, kann der Geist Gottes sein, aber eben auch nicht.

Geist Gottes kann auch in dem sein, was mir weh tut, mich überfordert oder fertig macht. Mein Geist und Gottes Geist können so verschieden sein, wie zwei linke Sofafüße. Natürlich wohnt in jedem Menschen der Atem Gottes, aber nicht jedes Kribbeln im Bauch ist heiliger Geist, sondern viel eher meine ganz persönliche Gefühlsregung, die ja durchaus ganz angenehm sein kann, aber eben nicht heiliger Geist ist. Geist Gottes schafft kritischen Abstand zu meinem Geist und allen Geistern um mich herum. Geist Gottes schenkt prüfenden Blick, selbstkritische Wahrnehmung zu allererst. Ich denke, was ich eben denken kann aufgrund meiner Intelligenz, Erziehung, Ausbildung oder Fantasie. Gottes Geist hat weitaus mehr im Angebot. Er ist ein klarer Wegweiser zwischen tausend guten Ideen, die um mich werben. Was ich wünsche und träume, muss nicht zwangsläufig dasselbe sein, was Gott sich von mir wünscht.

„Gerade im Fromm sein gewinnt die Sünde ihre gefährlichste Gestalt.“ sagt der Theologe Voigt, „weil es der fromme Mensch war, der Christus ans Kreuz geschlagen hat.“

So führt der heilige Geist in die höchste Achtsamkeit zu meinem eigenen Geist, um jede Art von Kreuzigung aus religiösem Eifer zu vermeiden. Der Heilige Geist schärft unser Sehvermögen auf das, was Meins ist und was nicht. Gott ist die Wertskala, nicht ich. Er erinnert mich an meine Gottvergessenheit in allem, was ich bin und plane. Die Welt und ich – wir können nicht erkennen, was Gott will und was nicht, selbst wenn ich täglich 28 Stunden meditiere. Gott erschließt sich mir nie aufgrund meiner frommen Bemühungen. Der Heilige Geist beschenkt mich von sich aus. Er weht, wo er will und ergreift mich, wenn es ihm gefällt, nicht da, wo ich es anordne und auch nicht da, wo ich es ersehne. Zum Tanzschritt heraus aus erstarrter Gewohnheit kommt es nur dort, wo ich mich ergreifen lasse. Das ist nicht trainierbar oder lernbar. ER erreicht mich, nicht ich ihn.

ER schenkt mir

2.          Erleuchtete Augen

Der Mensch kann mit seinen natürlichen Fähigkeiten nicht erfassen, was Gott sagt. Für ihn ist das alles Unsinn, denn Gottes Geheimnisse erschließen sich nur durch Gottes Geist. Im Fernsehen wird behauptet „Mit dem Zweiten sieht man besser“.

Ich behaupte: „Mit dem dritten sieht man besser.“ – Mit dem dritten Auge, also dem Auge, das keiner hat, gelingt es, Gott zu sehen. Nennen wir es das Auge des Herzens. Der Heilige Geist erleuchtet das Auge unserer Herzens. Mit dem allein gelingt es, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Es ist ein weiter Weg da hin, um zu verstehen, dass ich einer bin, der selbst mit offenen Augen manchmal das eigentlich Wichtige übersieht. Es ist ein weiter Weg, zu begreifen, das ich einen brauche, der all die Rollläden aufmacht, die mein Haus verdunkeln. Der Heilige Geist Gottes bringt helles Licht ins umnachtete Zimmer meines Verstandes – eben weil es darin viele Dinge gibt, die man nicht begreifen kann. Es kommt bei Gott sowieso viel weniger auf das Begreifen an, viel mehr aufs Sich-ergreifen-Lassen. Gott erleuchtet das Auge unseres Herzens. Nicht ich kann sehen, sondern Gott zeigt mir die Not des anderen so, dass ich sie sehen lerne. Ich kann sehen, was der andere braucht. Das ist eine der ganz großen Gaben des Heiligen Geistes, dass das Auge meines Herzens wieder offen steht. Ich achte nicht so sehr auf das, was ich brauche, sondern ich kann sehen, was dem anderen fehlt. Das dritte Auge, das Gott öffnet, ist das Auge der Barmherzigkeit. Es ist ein erleuchtetes Auge, das es schafft, durch die Fassaden und Mauern hindurchzusehen, die Menschen um sich aufrichten. Ein erleuchtetes Auge sieht die Not hinter der Mauer der Arroganz. Ein erleuchtetes Auge sieht das Elend in der chromglitzernden Verpackung. Ein erleuchtetes Auge sieht all den Streit in rosa Vorhängen der Gemeinsamkeit. Das erleuchtete Auge sieht, ohne herabzuschauen. Es sieht mit dem Auge Gottes, das voll unbegreiflicher Liebe zu gefallenen Menschen ist. Es sieht die Sehnsucht, die immer ist, wo Menschen sind, die Sehnsucht nach ein bisschen Paradies. Das dritte Auge, das der Heilige Geist uns öffnet, ist das Auge eines verrückten alten Mannes, der so liebt, wie nur einer lieben kann, Gott selbst – ohne jeden Hinterhalt und ohne jeden Vorbehalt.

So ist Pfingsten das Fest eines offenen Auges für die Not in der Welt, dem Weltgeist entgegen.

3.          Es fesselt und befreit zugleich

Der von Gottes Geist erfüllte Mensch kann alles beurteilen. Er selber aber ist keinem Urteil unterworfen. Es sind nicht die gewaltigen äußeren Begleiterscheinungen, es sind eher ganz leise, kleinere Vollzüge, tief in mir, die sich ereignen, wenn Gottes Geist mich ergreift.

Augustinus sagt: „Liebe – und dann tue alles, was du willst.“

Der Heilige Geist bringt Gott in unser Herz. Das heißt: Wir tragen dadurch Gott mit uns herum, an jeden Platz, an jeden Ort. Er befreit uns zu einer Sympathie, die wir selbst nicht aufbringen können und er fesselt zugleich an eine Verantwortung, in der das neue Leben steht, das Leben mit geöffneten Augen. Tief in mir lebt eine neue Sichtweise, die Sichtweise eines großzügigen Schöpfers, nicht die eines ängstlichen Verbrauchers. Wer befreit ist zu sehen, ist gebunden, zu helfen. Wem Gott das Auge aufmacht, der kann es nie mehr schließen, auch nicht, wenn er will. Der Heilige Geist fesselt den Blick. Es gelingt dann nicht mehr, wegzuschauen. Wer wegschaut, sieht nichts richtig. Der Heilige Geist erfüllt und erfasst. Tief in mir wächst ein neuer Maßstab. Ich beginne, nachzumessen, was in den Augen des „ganz anderen“ wirklich Wert hat – in Gottes Augen.

Es muss dann nicht die große Oper sein, die sich an Pfingsten ereignet. Es beginnt ganz klein, was sich in mir ereignet und doch so große Veränderungen hat – dann, wenn ich es wirklich begreifen kann, was mir von Gott geschenkt ist. Es ist die an und für sich schlichte und doch so faszinierende Gewissheit: Ich bin von Gott geliebt. tief in mir.

 

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Sing dich frei

 

-Br. Markus-  Apostelgeschichte 16, 23-34

Nachdem sie so misshandelt worden waren, warf man sie ins Gefängnis und gab dem Aufseher die Anweisung, die Gefangenen besonders scharf zu bewachen. Also sperrte er sie in die sicherste Zelle und schloss zusätzlich ihre Füße in einen Holzblock ein. Gegen Mitternacht beteten Paulus und Silas. Sie lobten Gott laut und die übrigen Gefangenen hörten ihnen zu….

 

Sing dich frei

„Wer nicht singen kann, soll drauf pfeifen.“ empfiehlt Klaus Klage, der Philosoph.

Das ist sicher gut gemeint, hilft aber nicht in jeder Lebenslage. Hinter Kerkertüren nützt es rein gar nichts, wenn man auf sie pfeift, und je nach dem, wie gut einer singen kann, ist selbst der virtuose Gesang zum Öffnen von Türen normalerweise eher ungeeignet, es sei denn, man besitzt ein modernes Handy, das schon mit Sprachsteuerung ausgerüstet ist. Noch zwei, drei Jahre, dann kann jeder die eigene Haustür mit einem kleinen Liedchen öffnen. Helene Fischer eignet sich besonders zum Öffnen von Garagentoren (mein Tipp).

Wie auch immer, Paulus und Silas haben diese Möglichkeit nicht. Ihre Situation ist alles andere als zum Singen.

1.          Die Melodie aus der Dunkelheit

„Gegen Mitternacht beteten Paulus und Silas, sie lobten Gott laut, und die übrigen Gefangenen hörten ihnen zu.“

Ein Lied erklingt in der Nacht, im Knast, in der Dunkelheit. Das ist nicht die Idee von zwei Spinnern, die eben mal auf sich aufmerksam machen wollen, sondern Realität. Paulus und Silas singen im Knast. Zwei Männer, die sich aufgemacht haben, den auferstandenen Christus in die Welt zu tragen , sind eingefahren in den Bau – irgendwie vorbestraft – nicht, weil sie gepredigt haben, vielmehr, weil sie einigen ortsansässigen Geschäftsleuten in die Quere gekommen sind. Sie sitzen völlig zu Unrecht, ohne ordentliches Verfahren, ohne Straftat. Ihre Lage ist kritisch. Sie wurden nackt ausgezogen, brutal ausgepeitscht und in einen Holzblock eingespannt, von dem man weiß, dass er folterähnliche Wirkung hat, weil er durch die unnatürliche Körperhaltung zur Beeinträchtigung des Blutkreislaufs führt, somit starke Schmerzen verursacht. Schon allein am Auspeitschen sind zur damaligen Zeit viele gestorben. Man muss sich nur einmal auf dem Hohen Urach ein Burgverlies anschauen, um ein Gefühl davon zu kriegen, wie sich Knast vor zweitausend Jahren angefühlt hat. Da ist nicht mal drei Sterne-Standard – ohne Klo, ohne Dusche! Mitternacht – da ist nicht nur äußere, sondern auch innere Dunkelheit. Warum lässt Gott das zu? Man hatte sich für Christus mit Christus auf den Weg gemacht – und dann hat da niemand „Danke“ gesagt, keiner Beifall geklatscht. Es sieht übel aus für zwei, die doch mit guter Absicht gestartet sind. Fragen über Fragen – Fragen, die in solchen Nächten quälen, sind nicht leichter Art. War alles ein Irrtum? Ist das Böse am Ende doch stärker, mächtiger als Gott?

Nacht in der Seele, Nacht in den Gedanken, Schmerzen trüben den Sinn. Wo ist er dann, der auferstandene Christus, wenn er seinen Leuten so was zumutet – das große Warum? Eigentlich ein Kündigungsgrund – Gott kündigen, sic abseilen, aus dem Staub machen, sehen, dass man was Besseres findet. Rückzug wäre eigentlich angesagt. Nacht in den Gedanken – nicht mehr wissen, woher und wohin. Die Melodie aus der Dunkelheit, die dabei entsteht, ist leider kein schön einstudierter Chorgesang nach sattem Frühstück, sondern eine eher schüchterne, zarte Melodie, die mit brüchiger Stimme ihren Weg durch die Gitterstäbe des Kerkers ins Freie sucht. Gott breitet sich in der Welt leider nicht wie eine Welle des Wohlbefindens aus. Er wird nicht von der Woge des Beifalls getragen. Paulus und Silas sitzen im Knast. Man hätte mit ihnen gar nicht so verfahren dürfen, da sie römische Bürgerrechte besitzen. Grobe Verfahrensfehler – trotzdem passiert’s. Christus lässt’s zu. Mir ganz persönlich wär in dieser Situation die Lust zum Singen vergangen. Die Unlogik Gottes trifft knallhart auf. Der Mensch ist normalerweise zu schwach, um so was zu ertragen. Welchen Sinn haben solche Schmerzen? Hier lässt sich auch mit frommem Gesang nichts übertönen oder munter machen. Es tut einfach nur weh.

Die Melodie aus der Dunkelheit, die entsteht, ist kein oberflächliches Gute-Laune-Programm wie flottes Gedudel aus dem Radio. Der Moment in der Dunkelheit ist nicht Moment, wo es einen zum Beten treibt, sondern der Moment, in dem man ohne Gebet einfach nur untergeht. Es ist der Rückzug auf einen Ankerpunkt außerhalb meiner selbst, weil ich selber zu schwach wäre, so was zu ertragen. Nur wer um die Macht und die Möglichkeit des auferstandenen Christus weiß, findet in einer solchen Situation überhaupt noch so was ähnliches wie Melodie.

Es geht um tiefes Vertrauen, das aus der Melodie in der Nacht eine

2.          Hymne macht, die befreit

Da erschütterte plötzlich ein gewaltiges Erdbeben das gesamte Gefängnis bis auf die Grundmauern. Alle Türen sprangen auf, und die Ketten der Gefangenen zerbrachen.

Paulus und Silas beten und singen. Es ist aber nicht der Gesang und das Beten, sondern das Erdbeben, das den Weg in die Freiheit öffnet. Die Melodie aus der Dunkelheit befreit nicht von der Wirklichkeit und allen Schwierigkeiten in ihr, sonst ließe sich jede Art von Problem im Leben wegsingen und wegbeten. Es gibt aber Tausende Christen, die trotz Gesang und trotz Gebet eingekerkert bleiben in den Problemen, in denen jeder lebt. Es wär ja gerade dann fatal, wollte man eine fromme Mechanik herstellen von Gesang und Gebet zu Freiheit und Wohlergehen. Jede religiöse Strömung, die das versucht, scheitert am realen Leben. Jeder Christ wär dann verraten und verkauft, wenn trotz dem Lied die Kerkertüre zu bleibt. Es geht in diesem Gesang eben nicht um den Selbstzweck, nicht einmal um Selbsterhaltungstrieb, vielmehr um die tiefste Hoffnung des Glaubens, die in der Dunkelheit nur Gott selbst meint und zu ihm treibt, ohne zunächst zu fragen, was dann geschieht. Der Gesang des Glaubens unterscheidet sich eben darin von jeder Gefühlsstimulanz, dass er der Dunkelheit nicht entflieht, in der Dunkelheit aushält, Kraft findet, ja zu sagen zu dem, was so schwer zu ertragen ist. Das ist eben nicht Weltflucht, sondern Daseinsbewältigung. Der immerwährende Lobgesang geschieht. Er erhält seine Beglaubigung dadurch, dass er in der Nacht trotz der Nacht der Dunkelheit ins Gesicht gesungen wird.

Das ist Musik der ganz anderen Art. Der Hymnus, der geschieht, befreit nicht von den üblen Umständen, aber er befreit von aller Angst und Hoffnungslosigkeit und allem Selbstmitleid. Echte Anbetung aus der Tiefe meines Seins führt mich weg von mir auf Gott zu. Das befreit ungemein. Anbetung macht frei von dem Irrtum, die Welt müsse so sein, wie ich glaube, dass sie zu sein hätte. Anbetung stellt frei für Gottes Alternative. Diese göttliche Alternative ist für die Apostel ein Erdbeben – kommt übrigens häufiger vor in der Gegend. Dass es aber zu ihrer Anbetung synchronisiert ist, ist wie ein Wunder der Natur. Gottes Möglichkeit zu handeln, ist soviel größer als unser Vorstellungsvermögen. Die Kräfte der Natur in der Hand ihres Schöpfers – als aufgeklärter Mensch hat man sicher das Recht, solche Vollzüge zu bezweifeln. Der Zweifler kann sie deswegen nicht erfahren, weil er sie bezweifelt. Ein Erdbeben, das mittelalterlich gebaute Stahltüren aufreißt, scheint mir jedoch noch eine kleine Übung in einem Zeitalter, in dem Atomkraftwerke in Wasserwellen kollabieren. Naturwissenschaftlich außergewöhnlich, aber durchaus möglich ist das, was die Bibel hier schreibt. Das Erdbeben befreit. Die Kräfte der Natur dienen in diesem Augenblick zwei aus Glauben singenden Menschen. Das ist eine bewusstseinserweiternde Lebenserfahrung. Gott ist auf meiner Seite – trotz aller Dunkelheit neben mir, über mir und um mich herum. Gott an meiner Seite – das macht die Nacht zum Tag, darin wird hell, was vorher dunkel war. Das gibt meinem Gesang einen unglaublich tiefen Sinn.

Das ist

3.          Mehr, als ein Hit

Aus dem Schlaf gerissen, sah der Gefängnisaufseher, dass die Zelltüren offen standen. Voller Schrecken zog er sein Schwert und wollte sich töten, denn er dachte, die Gefangenen seien geflohen. „Töte dich nicht“, rief da Paulus laut, „wir sind alle hier.“ Der Gefängnisaufseher ließ sich ein Licht geben und stürzte in die Zelle, wo er sich zitternd vor Paulus und Silas niederwarf. Dann führte er die beiden hinaus und fragte sie: „Ihr Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ „Glaube an den Herrn Jesus, dann wirst du und alle, die in deinem Haus leben, gerettet“ erwiderten Paulus und Silas. Sie verkündigten ihm und alle in seinem Haus die rettende Botschaft Gottes. Der Gefängnisaufseher kümmerte sich noch in der selben Stunde um Paulus und Silas. Er reinigte ihre Wunden und ließ sich mit allen, die zu ihm gehörten, taufen.

Der Gesang des Glaubens verhallt nicht im luftleeren Raum. Er findet ein Echo im Leben des Gefängnisaufsehers. Er gibt seinem Leben eine neue Richtung. Auch wenn es nicht der Gesang, sondern Gott selbst ist, der das Wesen und Denken von Menschen verändert, so ist zumindest die Frage erlaubt, was wohl passiert wäre, wenn Paulus und Silas nach dem Erdbeben die Gunst der Stunde genutzt hätten und sich in die Büsche geschlagen hätten. Immerhin, so außergewöhnlich von Gott befreit, gibt es keinen vernünftigen Grund, noch länger zu verweilen. Der Gesang des Glaubens ist bei ihnen aber nicht nur gesungener, sondern auch gelebter Gesang. Das gibt ihm eine stabile Verankerung im Alltag. Nicht der persönliche, schnelle Vorteil, sondern ihre Lebensverantwortung in ihrer Berufung lassen sie bleiben und den Mann vor Selbstmord bewahren.

Vor einigen Jahren verloren fünf Trappistenmönche in Algerien ihr Leben, als sie versuchen, eine paulusähnliche Entscheidung zu treffen. Bonhoeffer starb kurz vor Ende des Krieges einen genauso ungerechten Tod. Viele Beispiele der Kirchengeschichte sind ohne Happy End. Es liegt nicht in der Hand des Glaubenden, zu bestimmen, wann, wo, wie und auf welche Art sein Glaube erfolgreich ist. Nicht der Gesang, sondern Gott wirkt. Der Gesang des Glaubens kann nur in der Weite des auferstandenen Christus gesungen werden und im tiefen Vertrauen, dass derselbe korrekt entscheidet. Christus allein ist der Dreh- und Angelpunkt. Bei Paulus und Silas sind die Konsequenzen sofort erkennbar. Der Gefängnisaufseher verändert sein Leben. Er lässt sich taufen. So legt Christus mitten in der Nacht die Grundlage des neuen Tages. Er kann es und er tut es. So kann das, was das Ende scheint, in Wirklichkeit der Anfang sein. Die Christusmöglichkeit gibt unserer Anbetung ihren Sinn und den Anstoß, nie aufzuhören mit diesem unendlichen Lied der Christenheit, das soviel mehr ist als einfach nur Gesang.

Kantate ist ein Lebensprogramm. Feiern wir also den Sonntag Kantate mit dem Gesang des Glaubens in die Dunkelheit dieser Welt hinein, um dann in Christus frei zu sein.

 

 

 

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Geboren, um wirklich zu leben

-Br. Markus – Kolosser 2, 12-15

 

Wozu bin ich? Jeder Mensch stellt sich die Frage – früher oder später, am Anfang oder am Schluß, nicht nur einmal, immer wieder, jeden Tag neu, lebenslänglich.

Wozu bin ich geboren? Der griechische Dichter Sophokles kam 500 Jahre vor Christus zu einer erstaunlichen Erkenntnis. Sie lautet: „Nicht geboren zu werden ist weit das beste.“  500 vor Christus, das war vor der griechischen Finanzkrise. Nicht geboren zu werden, sei weit das beste – es wäre ja soweit ganz lustig, gäbe es diese Einstellung heute nicht mehr. Wir könnten sie amüsiert im Museum betrachten. Aber auch heute, zweieinhalbtausend Jahre später, trifft man Menschen, die so empfinden. Heute noch fühlen sich Menschen falsch, zu falschen Zeit, am falschen Platz, im falschen Körper. Hunderttausende Abtreibungen zeugen davon, dass nicht geboren zu werden weit das beste scheint. Wozu bin ich? Bin ich, um nicht geboren zu werden?

An Ostern bekommt diese Frage eine neue Antwort. Sie ist genau das Gegenteil von der griechischen Denkweise.

1.          Wenn der Tod tot ist

Mit ihm seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. 13 Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht …

Mit ihm – durch die Taufe, Seite an Seite mit Christus. Die Taufe macht seine Auferstehung zu meiner Auferstehung. Wir sind auferstehungsfähige. Auferstehung ist unser Schicksal, Auferstehung ist der Plan – nicht abzusterben und zu welken, sondern erst richtig zu blühen, dann, wenn alles zu Ende scheint, der Tod nicht mehr ist, nicht für den Augenblick, nicht nur als Traum. Nicht um zu siegen oder zu verlieren, nicht um zu hungern oder zu feiern, zu weinen oder zu lachen, sondern zum aufzuerstehen bin ich. Ich bin dazu geschaffen, unverwüstlich zu sein, unauflöslich, schlimmer noch als eine Plastiktüte. Ich bin, um ein Unsterblicher zu sein, ein unkaputtbarer Mensch in Gottes Raum. Ich bin, um ein Ewiger zu sein, ein richtig Wichtiger in Gottes Arm, ein atmendes und lebendes Wesen, nicht ein verwesender Stein. „Mit Christus“ heißt lebendig sein, jenseits begrabener Hoffnungen, Wünsche und Träume, jenseits der Urne, jenseits des Grabsteins. Christus ist der Urknall des Lebens, des unendlichen Lebens, das sich in die Zukunft ausbreitet, in den nicht messbaren Raum. Dazu bin ich, um Teil dieses Lebens zu sein, das nie endet – nicht, um in einer Kiste zu verrotten, sondern um lebendig zu sein, jenseits von Zeit und Raum. Ich bin geboren, um Zukunft zu sein, Christus in mir. Ich bin geboren, um niemals aufzuhören, ich selber zu sein in Christus allein. Gott will, dass ich werde, nicht dass ich verwehe.

Es geht um ein Leben aus ganz anderer Sicht. Gott will wirkliches Leben durch mich verwirklichen, in mir und mit mir. Das ist sein Traum, meine wahre Bestimmung, das Ziel, der Sinn. Er will Erfüllung sein im Hohlraum meiner selbst. Er will alles sein in meinem Nichts. Er will das Beste sein, das mir je passiert ist. Deshalb tritt Christus dem Sterben in den Weg. Mit ihm sterben die Schatten meiner Vergangenheit. Mit ihm stirbt meine dunkelste Seite. Mit ihm stirbt mein tiefster Abgrund. Mit ihm stirbt mein Chaos. Mit ihm stirbt mein Unvermögen. Mit ihm stirbt meine innere Leere, meine unstillbare Gier nach Erfüllung, die Kälte, die nach mir greift. Wenn der Tod tot ist, entsteht eine neue Phase, eine ganz neue Zeit, die Phase danach, die Phase mit starker Wirkung.

Wenn der Tod tot ist

2.          Bleibst du nicht mehr, der du bist

14 Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. ´

Fast klingt es wie im Märchen. Schön wär’s wenn es sie nicht gäbe oder nicht mehr gäbe, die Schuld von Menschen. Aber leider ist es eben nicht. Paradies 21 ist nicht. Schuldbriefe werden jeden Tag neu ausgestellt, morgen wieder. Am 9. März 2018, übermorgen spätestens werden wir schuldig, obwohl wir mit ihm unterwegs sind, jeder von uns. Christus verwandelt uns nicht in Götter. Christus verwandelt nicht in Menschen ohne Macken. So einfach ist es eben nicht. Es geht um den Schuldbrief, Schuld als Schuld zu erkennen und zu benennen. Es ist eben nicht die Erfindung der Kirche, dass Schuld entsteht. Schuld entsteht wider besseres Wissen oder mit bestem Wissen. Jeder, der ehrlich zu sich selber ist, muss das zugeben. Es gibt Augenblicke, in denen man das Falsche tut, ob man will oder nicht. Das abzustreiten, wäre Selbstbetrug. Gerade da, wo man geglaubt hat, das Richtige zu tun, fällt es schwer, zu bemerken, dass es falsch war. In der Zeit des Paulus musste im Schuldbrief die eigene Zahlungsunfähigkeit zugegeben werden, handschriftlich.

Christus macht nicht makellos. Er hilft, mit den Macken umzugehen – zuallererst darin, dass ich mich nicht schönrede, nicht vor mir und auch nicht vor anderen, im Gegenteil. Christus macht mich aufmerksam und ehrlicher mit mir. Schuld bleibt Schuld, wo sie geschieht. Es ist nicht das Modell Gottes, redet man von Ausrutschern, kleinen Pannen oder einfach mangelnder Vollkommenheit. Schuld ist immer das, was geschieht, wenn ich meine Grenze zu Lasten eines anderen überschreite. Die Kraft der Erlösung kommt nur da zum Zug, wo ich mich erschüttern lasse. Die Kraft der Erlösung braucht mein Eingeständnis, die Christuserschütterung über mich. Es geht dabei nicht um religiöse Rituale oder große fromme Gebärden. Es geht um den inneren Vollzug, den Schuldbrief zu schreiben, nicht aus Angst oder Krampf, sondern im Vertrauen, das es gerade dadurch besser wird, besser weitergeht. „Ich hab schon wieder Mist gebaut“ klingt da viel besser als „Die anderen sind schuld“ oder „Ich hab doch bloß und wollte doch nicht.“ Christus will, dass wir wirklich leben, in der Wirklichkeit unserer Schuld wie in der Wirklichkeit seiner Vergebung. Wo Schuld nicht wirklich erkannt wird, kann sich Vergebung nicht wirklich verwirklichen. Neues Leben aus neuem Material verwirklicht sich nur in der Kraft der Vergebung von erkannter und zugegebener Schuld. Schuldbriefe, die es nicht gibt, kann keiner ans Kreuz nageln oder tilgen. Mit ihm werde ich mutig genug, meinen Schuldbrief zu schreiben. Das ist die wichtigste Veränderung meines Lebens. Mit ihm lerne ich schreiben, schreiben, dass ich es war, der daneben liegt. Mit ihm finde ich Kraft, auszudrücken, was eh jeder weiß, dass ich es war. Ich bin so frei, keiner zwingt mich. Es bringt nix, vor Gott so zu tun, als sei nie was gewesen. Das funktioniert weder bei ihm noch bei mir. Selbst die Fehler, die wir nicht bemerken, können schwere Folgen haben, die Schatten werfen lebenslänglich. Jeder muss im Schatten seiner Fehler und der Fehler anderer das Leben lernen, egal, wo es geschieht. Fehler unterbleiben nicht, sie verändern nur ihre Wirkung: In der Kraft der Auferstehung ist mein Irrtum nicht mehr tödlich.

Wir sind

3.          Unterwegs zu einem neuen Sein

15 Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus.

In Christus feiert Gott einen entscheidenden Triumph. Sein Triumph ist das wirkliche Leben, das Leben, das nicht mehr überschattet ist von Entgleisung, Zweifel und Schuldscheinen, ein Leben, das ganz frei ist, frei, um einfach nur zu sein. Es reicht hinein in unsere Welt, gibt ihr den entscheidenden Impuls der Hoffnung. Gott startet neu. Inmitten unserer Zeit startet ein neues Leben ohne Ende, ohne Hass und Zerrüttung, Zerstörung und Entfremdung. Man muss nicht noch mal 20 sein, um alles anders oder besser zu machen. Neues Leben bringt Erfüllung in entleerte Räume hinein. In leeren Räumen wird Erfüllung erlebbar, jetzt und heute noch. Mit ihm beginnt sich diese Zukunft zu verwirklichen. Wirkliches Leben ist mehr als nur der zweite Versuch. Es ist der letzte und endgültige Schritt Gottes, reicht in meine Schatten hinein, blendet die Schatten nicht aus, durchstrahlt aber und wärmt. Christus erfüllt unseren Lebensraum. Das hilft, neu sehen lernen, neu denken lernen, neu reden lernen, neu leben, wirklich leben in der Verwirklichung seiner Gegenwart. Christus hilft mir, mich in die Neuheit dieses Lebens zu verwandeln. Darin findet mein Leben statt, wird zum ewigen Ereignis. Ich bin der neue Mensch, der ich sein werde, neu geboren, um erfüllt zu sein, erfüllt von Gottes Lebenstraum. Es darf gerne etwas mehr sein, mehr, als ich mir denken kann, mehr als nur der Augenblick, in dem keine Uhr mehr tickt, keine Zeit vergeht, weil es sie nicht mehr gibt, abgeschafft zugunsten einer völlig neuen Form. Ich bin Teil von diesem Augenblick des Christus in mir. Meine Gegenwart ist so Vergangenheit wie Zukunft gleichermaßen.

Wenn ich ein alter Grieche wäre, würde ich dann sagen: „Neu geboren werden ist das Beste.“ – und zwar geboren, um wirklich zu leben.

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