Mehr erwarten

Br. Markus – Römer 13, 8-12

Es fühlt sich ganz anders an, nicht so, als ob es hell würde, eher umgekehrt, als ob die Tage kürzer und die Nächte länger, die Dunkelheit kälter und undurchdringlicher wären. Das ist ganz normal. Am Jahresende ist eher Jahresendstimmung – das ist nun mal so, immer schon so gewesen. Eine einzelne Kerze auf dem Adventskranz ändert da nichts, auch wenn sie noch so hell brennt. Auf der Titanic soll die Bordkapelle ja bis zum Schluß gespielt haben. Was also erwarten wir noch – jetzt, wo das Jahr schon fast vergangen ist? Viel kommt da nicht mehr.

Gestern haben wir unsere Marktsaison beendet, nächste Woche wird nur noch aufgeräumt – und dann? Dann war’s das.

Christlicher Glaube funktioniert anders rum, ist immer eine Morgenstimmung, nie ein Feierabendgefühl – leider nicht. Christus blendet nicht ab und aus, sondern zündet an. Es geht also nicht, wie in dem alten DDR-Witz: „Erich, mach’s Licht aus, Du bist der Letzte.“ sondern umgedreht. Die erste kleine Kerze, selbst wenn es ein billiges Teelicht aus dem Supermarkt ist, ist der Anfang. Die Betonung liegt auf „Anfang“ vom großen, starken, hellen, grellen Licht. Wir erwarten Sonne – hunderttausend Watt helles, warmes, strahlendes Licht, oder noch mehr, viel mehr sogar. Wir erwarten mehr, als es gibt.

1.          Spannende Erwartung

Zwischen Frühstückskaffee und Feierabendbier liegt immer ein einziger, langer Tag, der manchmal ganz schnell gelebt ist – so, wie das letzte Jahr. Monate oder Tage – Zeit, die verweht, vorübergeht, als sei sie nicht wirklich gewesen, so schnell gelebt. Da steht man dann da und fragt sich, ob es das gewesen ist, was man erwartet, gewollt und geplant hat. Zeit ist deshalb Zeit, weil sie vergeht und man nicht weiß, ob man viel oder wenig davon hat, ob man es wahr haben will oder nicht. Jeder von uns hat nur 24 Stunden am Tag, keine Sekunde mehr und keine weniger. 20, 60 oder 80 Jahre für ein Leben – keiner weiß, wie viel, aber sich ist, daß sie vergeht, nicht die Zeit als solches, sondern meine Zeit, meine ureigene, ganz persönliche. Meine Zeit, die mir gegegeben ist, verstreicht. Der Spielraum, den ich persönlich gestalten kann, ist bemessen. Machen wir uns keine falschen Illusionen, den 250. Geburtstag erlebt keiner von uns so wirklich. Wenn ich in dieser Welt was bewegen will, sollte es deutlich davor fertig sein. Es ist meine Lebensaufgabe, zu erkennen, was es ist und wie ich es am besten gestalten kann. Man kann es ignorieren oder auch nicht. Zeit vergeht, mit oder ohne mich. Abends, 17, 18 oder 20 Uhr geht die Sonne unter – ob ich es akzeptiere oder nicht. Heute abend ist der Tag vorbei, egal, ob ich viel oder wenig getan habe. Fest steht nur eins: Am 31. Dezember ist 2019 vorbei. Spätestens dann kann ich in 2019 nichts mehr bewegen.

Wenn ich also bis zum Ruhestand brauche, um meine Ausbildung abzuschließen, ist es relativ unwahrscheinlich, daß ich meinen Beruf je ausüben kann. Es gibt ein christliches Zeitbewußtsein, das speziell dafür entwickelt wurde, die anvertrauten Pfunde zu entfalten. Meine Zeit vergeht. „Nütze den Tag“ sagt der alte Römer, und es schadet ja nicht, wenn man das mal an sich ranlässt. Heute mittag schlafe ich mich aus. Das schadet ja nicht. Wer sich aber nur ausschläft, ist eher ein Fall für den Kundendienst.

Christliches Bewusstsein ist ganz klar vom Uhrzeiger geprägt, ohne getrieben zu sein. Was ein erfülltes Leben ausmacht, entscheidet sich ganz sicher an dem, wie ich mit meiner Zeit umgegangen bin. Ich kann und darf an Gottes Seite entscheiden, ob ich mich schone oder nicht, ob ich mich herausfordere oder nicht. Es ist meine ureigenste Entscheidung. Lasse ich es sein oder packe ich’s an. Erwarte ich wenig oder eher noch weniger – Fragezeichen

Man kann auch viel mehr erwarten. Das hieße dann glauben. Diese Mehrerwartung ist es, die uns trägt – meint Paulus.

Sie ist es, die

2.          Unser Leben spannend macht

Christus verändert mein Zeitgefühl von Grund auf. Wir sind nicht am Ende, auch dann nicht, wenn es sich so anfühlt, nicht einmal am Abend, am Jahres- oder Lebensende, auch wenn es sich so anfühlt. Auch wenn ich am Ende bin mit allem, was ich bin und kann, getan oder gelassen habe, steh ich erst am Anfang, am Anfang der Zeit, die nicht vergeht, und die so stark vom Licht geprägt ist, daß ich es gar nicht glauben kann. Mein ureigenstens Zeitgefühl braucht eine Christusreform, daß ich es glauben kann, daß vor mir eine Zukunft ist, die so ganz anders ist als die Nacht, die mich umgibt. Eine Zeit, die nicht vergeht, die darin anders ist als meine Zeit, die ich gestalten kann. Gerade wenn ein Jahr vorbei, ein Leben zu Ende geht, fängt diese Zeit erst an. Zeit ohne Zeitmaß, Blick ins Weite, in die Zukunft Gottes hinein, ist der prägende Blick für meine Zeit, die vergeht – nicht, weil wir Angst haben, zu kurz zu kommen, das Eigentliche zu verpassen oder benachteiligt zu werden, sondern weil wir mehr erwarten. Was kommt, ist nicht die Nacht, sondern der Tag.

Der Theologe Stählin sagt – ich zitiere sinngemäß: Die an Christus Glaubenden leben nicht mit den Gefühlen einer Abenddämmerung, sondern sind in die Situation des aufleuchtenden Morgens gestellt.

80 Jahre sind nur der Augenblick, in dem ich auf den Zug warte in eine neue Zeit. Leben heißt dann, diese Wartezeit sinnvoll nützen. Es macht einen großen Unterschied, wie ich meine Zeit begreife. Es geht deshalb bei meiner Lebensgestaltung nicht um eine ganz allgemeine, mehr oder weniger moralische Fehlerlosigkeit, sondern um ein Dasein aus einer anderen Erwartung. Liebt also eure Mitmenschen, denn ihr wisst doch, dass es Zeit ist, aus aller Gleichgültigkeit aufzuwachen. heißt es im Text

oder

So wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt. „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.“[B] oder Es geht darum, wach zu werden für die anderen. Gott ist wach für uns. Er achtet auf uns. Diese Aufmerksamkeit soll durch uns vervielfältigt werden. Überall, wo die Bibel von Liebe spricht, ist weniger gemeint, den anderen totzulächeln, als vielmehr wach zu werden für ihn. Gott ist immer wach für uns. Wer mehr erwartet, ist wach für andere. Das bedeutet nicht, daß man auf der eigenen Schleimspur ausrutscht, sondern viel mehr, daß man auch die Auseinandersetzung mit dem eingeht, der anders denkt. Es ist unsere spannende Lebensaufgabe, so lieben zu lernen. Das ist die größte Herausforderung, die es gibt, eben weil es so viel mehr ist, als ich selber bin und kann. Nichts ist so häufig missverstanden worden, wie das berühmte: „dem Nächsten das anzutun, was zu seinem Besten dient.“

Streicheln oder schlagen, Gefängnis oder nicht, mit oder ohne Besserungsanstalten – Fragezeichen

Beispiel: Meiner Meinung nach ist es zu meinem Besten, jeden Abend ein, zwei Fläschchen Bier zu trinken. Es gibt aber Leute, die sehen das anders. Was also ist zu meinem Besten? Ein, zwei Fläschchen Bier oder ein Liter Müsli, schlimmer noch, Braunhirse? So kompliziert können die existenziellen Fragen der Lebensgestaltung sein. Ist es Christenpflicht, den Kindern Fernsehen zu verbieten oder nicht? – War 1970 eine wichtige Frage. Ist es eine Sünde, Eisenbahn zu fahren – war rund 1850 eine wichtige Frage (kein Witz!) Ist eine künstliche Befruchtung richtig – ist 2019 eine wichtige Frage. Wie erkenne ich, was das Beste für den oder die anderen ist? Das ist die wichtigste Frage durch alle Zeiten, und wer ehrlich ist, muß zugeben, daß es eine hohe Kunst ist, den anderen zu lieben, genau genommen eine Überforderung.

Gott fordert uns damit heraus. Gott liebt mich und fordert mich heraus, genau so zu lieben, wie er es tut. Er fordert mich heraus, die Dunkelheit der Enttäuschungen zu durchbrechen und eine kleine Kerze der Sympathie zu entzünden für den schwierigen Nächsten. Gott zündet in mir ein Licht an, weil er will, daß ich noch viele tausend Lichter anzünde in dieser Stadt, in dieser grauen Novemberwelt, die so dunkel und so kalt geworden ist, daß sie fast ungemütlich scheint. Gott hat mich wach gemacht, ein Lichtanzünder zu werden und zu sein, heute und jetzt, und in diesem Haus und in dieser Stadt.

Gerade die dicken Kotzbrocken, die fiesen Tyrannen, anstrengenden Gesellen und Gesellinnen sind angesagt – nicht die Katze in der Gärtnerei, die kann jeder streicheln. Die halsstarrigen Wiederholungstäter, angstmachen beratungsresistenten Ausgegrenzten sind angesagt. Man muß es sich nicht künstlich schwer machen, aber es ist ganz klar eine große Herausforderung. Es geht nicht um die lästige Pflicht, möglichst zu allen nett zu sein, sondern um ernsthafte Auseinandersetzung mit dem anderen. Vor uns liegt der anbrechende Tag. Es lohnt sich nicht, die Zeit mit kleinkarierten Streitigkeiten und Rechthabereiene zu vergeuden, wohl aber, ernsthaft mit dem anderen zu streiten. Vor uns liegt Ewigkeit. Es lohnt sich, meine befristete Zeit dafür zu nutzen, die Kunst zu lieben zu lernen und bereit dafür zu sein, ein ewiger Student zu bleiben.

Der Theologe Voigt sagt: „Hier ist alles, was man lernen kann, immer noch zu wenig. Rechtspflichten können abgegolten werden, aber die Liebespflicht ist unendlich, also niemals abzutragen. Hier hört alles Rechnen auf, aber auch alle Beruhigung, jetzt sei es geschafft. Wer liebt, ist in ständiger Bewegung im Dasein für andere.“

Heute ist der 1. Advent. Wir zünden ein Licht an. Das ist zugegebenermaßen noch relativ wenig Licht. Wir zünden es an, weil wir erwarten, daß es mehr wird. „Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier“ – Wenn es der merkwürdige Nachbar auch macht, sind es schon doppelt so viele Kerzen, und wenn es alle machen, wird es ein Lichtermeer. Gott erwartet noch mehr. Eigentlich ist ja auch immer Advent.

Zünden wir also ruhig noch mehr Lichter an – auch nach Weihnachten, dann, wenn es keiner mehr von uns erwartet, einfach deshalb, weil wir mehr erwarten. Amen.

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Sie läutet wieder

Sie läutet wieder

Festakt am Ewigkeitssonntag

geladene Gäste beim Festakt zum „Wieder-Läuten“

Jetzt ist ein gewaltiger Kraftakt abgeschlossen. Ein großer Dank ging an die Kämpfer im Glockenturm. Ein Spezialist der Glockenfirma zusammen mit den beiden Haustechnikern der EBK, hatten wochenlang mit schwerem Gerät, in der Enge des Turmes, akrobatische Leistungen vollbracht. Ein mehrfaches Danke erging an die Spender und Unterstützer, die sich haben von einer stummen Glocke rufen lassen. Von 35.000 Euro sind glücklicherweise 2/3 der benötigten Summe zusammengekommen. Sie haben dazu beigetragen, dass sich nachmittags um drei, zur Sterbestunde Jesu, wieder die unglaubliche Botschaft über das Ermstal ausbreitet: „Du Mensch sei frei, von all dem, was dich belastet, ich habe dich davon losgelöst!“ Danke für Ihr Engagement, danke für Ihr Mitmachen, Danke, dass Sie sich haben von einer stummen Glocke rufen und bewegen lassen. Seien Sie dabei, wenn es noch um die restlichen ca. 11.000 Euro geht.

Schwingung hautnah erleben

Am Ewigkeitssonntag war die ideale Gelegenheit, das „Wieder-Läuten“ der Gott-Vater-Glocke zu feiern.Nach zweijährigem Ausfall klingt wieder der schwere, warme Klang über das Ermstal. Mit geladenen Gästen gab es einen Festakt in der Christ-König-Kirche der Blumenmönche. Br. Theophilos stellte die „menschlichen“ Züge der Glocke heraus. Die vielen Anfragen: „Wann läutet denn eure Glocke wieder“, machten deutlich, dass vielen stillen Verehrern etwas fehlte. „Sie war eine von uns. Sie hat den gleichen Lebenszweck wie wir – hörbar und sichtbar gemachte Liebe und Gegenwart Gottes. Daher war es solch eine Tragik, dass ein Teil von uns schwieg.“

Im zweiten Teil machte Br. Paidoios noch mit dem inneren Geheimnis der Glocke vertraut. Wenn die Gott-Vater-Glocke läutet, schwingt über die Höhen und Tiefen der Menschen die ganze Güte Gottes. Raum und Zeit ist in Wohlklang und heilende Kraft eingehüllt. Weiter gibt es naturwissenschaftliche Experimente, bei denen die Schwingungen der „Unwetterglocken“ heranziehende Gewitter abgewendet haben. Ein heilsamer Nebeneffekt beim Läuten wäre eine angenehme Rückenmassage, wenn man sich beim Schwingen der Glocke, an den Turm anlehnen würde.

Pilgerwanderung zum Glockenturm

Zum 3 Uhr-Läuten zog die feierliche Schar hinaus an den Glockenturm, um die Glocke in ihrem neuen Schwung zu erleben. Das Klostercafé bot dann noch viel Raum, um die gegenseitige Dankbarkeit auszudrücken.

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Amore statt Vendetta

-Br. Markus-

Lukas 6,27-35

Auge um Auge, Zahn um Zahn  – überall auf der Welt gilt das gleiche Prinzip. „Was Du nicht willst, daß man Dir tu, das füg auch keinem Andern zu.“ Solche oder ähnliche Ratschläge prägen die Menschheit seit ihrem Bestehen. Geboren aus dem Kampf um`s Dasein scheint es kaum eine andere Möglichkeit zu geben, als Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Fressen oder selbst gefressen werden – ganz gleich, in welcher Religion oder welchem Kulturkreis der Einzelne steht. Es ist eine Art Naturgesetz – oder scheint es zu sein.

Dementsprechend weltfremd wirkt es, wenn Christus eine ganz andere Möglichkeit darstellt – unmöglich, undurchführbar, total schräg. Die Bergpredigt wirkt insgesamt eher wie ein Konzept vom andern Stern. Immer wenn man versucht, auch nur ein bisschen davon ins Leben zu übertragen, geht man damit baden.

1.          Liebe ohne Limit

Im Sport ist es das maximal Erreichbare einer Disziplin. Christus will das maximal Erreichbare in Sachen Liebe – grenzenlos. Das ist schon deshalb verrückt, weil er weiß, wie eng die Grenzen von uns in dieser Disziplin sind. Es ist einfach und schön, die Person zu lieben, die uns die Kiste mit Berlinern bringt. Bei der Kiste Bier gehen die Meinungen schon auseinander. In der Theorie klingt es gut, seine Feinde zu lieben. Wer das schafft, hat aber noch nie richtige Feinde gehabt. Der Feind ist ja deshalb mein Feind, weil er mich haßt, weil irgendwas Trennendes zwischen uns steht, etwas, was nicht überbrückt werden kann, auch wenn man sich noch so viel Mühe macht. Es können die ganz kleinen Dinge sein, die ihn entfesseln, den ganz großen Krieg zwischen mir und Dir. Da muß man nicht weit gehen.

In Nürtingen gibt es einen Anwohner, der stellt nur deshalb abends seine Autos auf die Straße, damit wir dort unseren Anhänger nicht abstellen können auf der Durchfahrt nach Kirchheim. Obwohl die Familie mehrere gut ausgebaute Parkplätze auf ihrem Grundstück hat, fährt er extra abends die Autos der Familie auf die Straße. Er will nicht, daß wir auf seinem Teil der Straße parken. So einem Giftzwerg würde ich doch viel lieber die Gartentür eintreten oder die Balkonkästen mit Unkrautvertilger gießen, als nett zu ihm zu sein. Der tickt einfach ganz anders als ich, und ich sehe eigentlich gar nicht ein, was es bringt, sich mit so einem Vollpfosten überhaupt auseinanderzusetzen. Ich weiß nicht, was genau der liebe Gott bei diesem Schrebergartentyp falsch gemacht hat, aber irgendwie ist er total falsch programmiert, mindestens aber ganz anders als ich.

Das Schlimme daran ist, daß ich jeden Tag eine ganze Menge Leute treffe, bei denen es eher schwer fällt, sie zu lieben. Manchmal reicht schon ein ganz normaler Kunde aus. Zum Glück liegt`s ja nicht an mir, sonst müsste ich mir noch Gedanken machen (rein rhetorisch, versteht sich.) Aber es ist schon eher eine brasilianische Idee Gottes, seine Feinde zu lieben – oder nicht?

Dabei kann ich verstehen, daß es Leute gibt, die meine orangefarbenen Orchideen nicht gut finden, das Glockengeläut für zu laut halten, meine Nase für zu krumm und meine Haare zu braun.

Ich versuche, Leute zu verstehen, die Donald Trump wählen oder Putin, vielleicht auch noch Erduan, aber irgendwann ist dann auch mal gut. Man soll sich ja nicht in die Tasche lügen und Verständnis heucheln, wo es nichts zu verstehen gibt. Es gibt immer und für alles eine Erklärung, aber nicht immer eine, die ich verstehen kann.

Gott liebt auch da, wo nichts ist, was der Liebe wert wäre sagt Voigt und führt aus, daß alles, was Gott an seinen Menschenkindern auf allen Kontinenten täglich tut, nichts anderes ist als konsequente, in endloser Geduld durchgehaltene Feindesliebe. Gott liebt uns ohne Limit, ohne irgendeine Grenze, an die wir stoßen könnten, weil wir eh schon drüber sind. In Christus haben wir mehr, als die maximal mögliche Menge an Sympathie. Das macht uns gleich, gleichermaßen geliebt, weder bevorzugt noch benachteiligt. Gottes Zuneigung ist größer, seine Grenze weiter als meine je sein könnte.

Es ist diese Liebe allein, die uns

2.          Gegenschlagsaktiv

macht.

„Wie du mir, so ich dir.“

Stehen wir in Christus, heißt es anders. „Wie du mir, so ich euch.“ – Amore statt Vendetta. Es geht nicht darum, Liebe zu äußern, sondern zu tun. Unsere Reaktion soll ein Ausbruch sein aus der Abwärtsspirale der gegenseitigen Enttäuschung. Wo Auge um Auge ausgeschlagen wird, bleiben am Schluß nur blinde, zahnlose, tote Wesen übrig. Es gibt viele logische Gründe, die Spirale der Gewalt zu verlassen, es gibt aber auch viele logische Gründe, die Spirale der Gewalt zu behalten. Ohne Recht und Gerechtigkeit geht es nun einmal nicht.

„Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen.“ – die andere Backe hinhalten

Geld verleihen, das nicht zurückkommt, die Kleidung weggeben. Es ist ein konkreter Maßnahmenkatalog, den Christus vorstellt. Aber spätestens dann, wenn man sein ganzes Geld verliehen hat, stellt sich die Frage, wie es weitergeht, wenn nichts zurückkommt. Unser Gegenschlag, unsere aktive Liebe steht ja immer im rauen Wind der Wirklichkeit. Deshalb ist eine logische Einsicht auch viel zu wenig, um irgend etwas in die richtige Richtung zu bewegen. Es gibt eine unbegrenzte Menge psychologischer Deeskalationsprogramme, die alle auch schon ganz gut sind, aber nichts zu tun haben mit dem, was Christus will. Es geht ihm darum, den anderen so zu lieben, wie Gott ihn liebt. Es geht nicht darum, zu erkennen, daß der andere einen Mantel braucht, es geht darum, mit ihm zu frieren. Es geht nicht darum, zu verstehen, warum der andere anders urteilt, sondern darum, sich auf seine Andersartigkeit einzulassen. Es bringt nichts, sich verkloppen zu lassen, aber es bringt schon etwas, wenn man bereit wird, die eine oder andere Narbe in Kauf zu nehmen.

Die Bergpredigt fordert mit allen ihren Impulsen mehr Mut, als der Einzelne haben kann. Christus will damit ja auch kein starres neues Gesetz kreieren nach dem Motto „Je sozialer, umso heiliger“. Er will die schöpferische Liebe Gottes lebendig machen. Dazu ist das Verständnis nur die eine Seite. Die Bereitschaft, sich aktivieren zu lassen, ist die andere. In Christus entsteht ein neues Sein,  das Leben, das nicht aus der Abwärtsspirale der Enttäuschung, sondern aus der geschenkten Barmherzigkeit entsteht.

Das ist ein Lebensprogramm für alle, die mutig genug sind, sich als Sünder unter Sündern zu begreifen. Den Feind zu lieben gelingt mir erst, wenn ich begreife, daß ich selbst auch Feind bin. In Christus begibt sich Gott weit aus seiner Komfortzone heraus. Er stirbt aus Liebe zum Feind. Diese Hingabe lässt sich nie verstehen. Sie lässt sich nur erleben und weitergeben. Für uns leidet Gott in Christus. An seiner Seite werden wir verletzbar – eben dadurch, daß wir den Mut haben, es geschehen zu lassen. Es soll nicht mit geballter Faust in der Tasche geschehen, sondern aus der Liebe Gottes heraus, die stärker ist als der Haß, der uns umgibt. Es geschieht in uns und soll durch uns geschehen, am anderen, in dem Maß, in dem wir bereit sind, die damit verbundenen Verletzungen hinzunehmen. Es ist keine sinnfreie Selbstkasteiung, sondern bewusste Gestaltung mit Blick auf eine bessere Welt.

Das macht christliche Gegenschlagsaktivität aus, daß sie bereit wird, auf Schläge zu verzichten und dabei

3.          Heute schon romantische Zukunft

ist.

Nicht Auge um Auge, sondern Herz um Herz ist Gottes Plan. Die Zukunft soll eine bessere sein – mit uns und durch uns, aber auch mit dem anderen, dem lästigen Typen, der dazu genauso ungeeignet ist, wie ich selbst. Das geht nicht ohne weiteres, sondern tut weh, so wie ich dem anderen weh tue und er mir. Gottes Liebe erschafft uns, diese Welt zu lieben, inklusiv der Schmerzen und Probleme, die das macht.

Es ist dabei nicht der Plan, daß die Christenheit zum Müllschlucker aller Entgleisungen dieser Welt wird. Gott verschließt uns nicht die Augen und die Ohren. Seine Liebe ist genauso der Impuls, der wch macht, das Unrecht der Welt zu benennen und zu bekämpfen. Es wäre wohl ein Missverständnis, wollte man glauben, daß die Welt durch unsere Hingabe zu einer besseren werden würde. Blauäugigkeit ist da nicht angebracht. Die Bergpredigt ist kein 10-Punkte-Plan, wodurch die Welt durch unser Leiden immer besser würde. Unabhängig von unserem Bemühen wird die Mafia Mafia bleiben und all die anderen Schurken auch. Zurecht lieben oder –leiden wird sich die Welt nicht lassen. Zu viele andere Interessen bleiben im Weg stehen.

Wir sind dazu gerufen, gegenschlagsaktiv zu werden, durch unser Leben und Handeln Zeichen zu setzen, das Gesetz der Vergeltung zu durchbrechen und einen Hinweis zu leben auf Gottes bessere, freiere Welt. Weniger gegen das Alte protestierend, als für das Neue demonstrierend“ wie es der Theologe Karl Barth formuliert. Zukunftsgewisse Liebe bezeugt tathaft, das Gottes Reich kommt. In ihr herrscht Amore statt Vendetta. Ein Aufruf an uns, das täglich zu gestalten.

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Leuchtende Kinderaugen machen uns etwas vor

Sommerferienprogramm heißt es bei der Gemeinde Dettingen – erms.de, doch bei den Blumenmönchen steht ein ganzes Feuerwerk dahinter. Einstand war in einem kleinen blühenden Barock, mit Palmengarten und Bananenblüten. Zumindest kam man sich im Gewächshaus der Blumen-Brüder so vor. Danach wurde mit kinderfreundlichen Cocktails im Blumenhaus für Stimmung gesorgt. Noch ein Strohhalm und einen Palmsticker rein und fertig war der kreative Eyecatcher. Handwerkliches Geschick war bei einem außergewöhnlichen Sommerstrauß gefragt. Mit einem Gestell aus Riesenknöterich sah das mehr nach Autowerkstatt aus, als nach einem floristischen Zentrum für Jung-Designer. Doch mit Sonnenblumen, Rosen, Lampionblüten und Ligusterbeeren, entstand dann mehr und mehr ein elegeganter Formstrauß.

Die Kids haben uns Großen manchmal etwas voraus. In unbefangener Experimentierfreude riskieren sie hemmungslos Neues, und erschaffen sich dabei eine wertvolle Erfahrung. Wo die Angst vor dem Unbekannten wegfällt, geben sie ihrem schöpferischen Treiben freien Lauf und erahnen etwas, von den gewaltigen Fähigkeiten, die in ihnen schlummern. Sie sind frei, sich selbst zuzulassen. Welch ein erfrischender Lebenssound für alle.

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Seite an Seite mit dem Hohlblockstein

1. Petrus 2, 4-10

Er ist eher ein schlichter Stein, der Hohlblockstein, unscheinbar grau, bröselt so ein bißchen. Er ist nicht die Sorte Stein, von der der Maurer träumt – HBL – so nennen ihn viele respektlos, den Stein, der viele Häuser trägt, der immer dann vermauert wird, wenn sonst grad nichts anderes da ist. Mal ganz ehrlich, könnten Sie sich vorstellen, so als edler Backstein, neben einem so billigen Hohlblockstein vermauert zu sein? Wäre doch unter Ihrem Niveau, oder nicht? Die Kirche ist eine Mauer, in der ganz unterschiedliche Steine vermauert sind, die trotzdem hält, auch wenn es unterschiedliche Steine sind und wenn da und dort eine Lücke klafft.

Gott erweitert unsere Vorstellungskraft: Christen leben in dem Bewusstsein, in Christus vermauert zu sein zu einem weltumspannenden Bauwerk.

1. Unter uns

Ich lege in Zion einen Eckstein, den ich in Ehren halte.

Wir sind von Gott dazu berufen, etwas Ganzes zu sein, eine Verbindung, eine Mauer, dieser Welt als Gegenüber und in ihr lebend. Gott hat den Menschen nicht als „Solo-Stein“ erschaffen und einsam und dekorativ in die Wüste gelegt. Gott will, daß Christen zusammen sind, daß Glaube sich gemeinsam ereignet. Nur so kann echte Kirche sein. Unter uns  steht der schwerste, der wichtigste, der „Christus-Stein“. ER trägt die Kirche. Er hält sie nicht nur, sondern er gibt ihr Form, Richtung, Höhe, Aussehen und Ordnung. Ohne Christus unter uns, wäre die Kirche ein „Multi-Kulti-Schotterwerk“, ein Haufen bunt übereinander geworfener Kieselsteine – querbeet. Ohne Christus unter uns, wären wir bestenfalls eine Ruine, die schräg, wie der schiefe Turm von Pisa, steht. Unter uns Christus – formgebend, platzanweisend. ER trägt alles, die ganze Mauer lastet auf IHM.

Eckstein  unter uns. Christus gleicht aus, lastet ab – das zuviel der Sünde, der Welt und uns inclusive. Wir sollen uns nicht die besten Plätze in der Mauer aussuchen. Christus kennt uns und weist uns Plätze zu im Sinne göttlicher Statik. Christus prägt das Gesicht der Mauer dadurch, daß ER sie selber gestaltet. Unerforschliche, künstlerische Gesichtspunkte leiten ihn, seine Architektur. Unter uns ist ER! Die Diskussion über die Art und Weise, was er wie – wo – zusammenfügt bleibt außen vor. Es gibt nichts, mit ihm zu diskutieren unter denen, die vertrauen, auch dann nicht, wenn direkt neben uns ein Hohlblockstein lebt.

2. Neben uns

Laßt euch aufbauen zu einer Mauer.

Gottes Ziel ist ganz klar Gemeinschaft. Neben uns – mit dicken, großen, kleinen, harten, weichen, eckigen, runden oder scharfkantigen Steinen. Neben unbehauenen, wildromantischen oder kahlen Steinen. Neben fetten Brocken und total gespaltenen Steinen. Neben nachdenklichen, stürmischen oder kurzentschlossenen Steinen. Neben jungen und alten, männlichen oder –weiblichen, neben modernen oder konservativen oder „ich-weiß-nicht“-welchen Steinen. Neben evangelischen, katholischen, „Kleinschotter“ und sonstigen Kieselsteinen.

Hätte Gott etwas Uniformiertes gewollt, er hätte die Kirche betoniert – Einheits-Zementgrau. Aber er wollte lebendige, verschiedene Steine. Der Einzelne soll nicht im Großen untergehen. Er soll Teil des großen, ganzen sein – Phasette, Farbtupfen, Bereicherung. Es gibt sehr viel Platz für unterschiedliche Gaben, Fähigkeiten und Interessen. Christus stoppt nicht ab, er entfaltet. Gott mutet uns zu, neben einem Hohlblockstein zu sein, aber nicht so dicht drauf, daß unser persönliches Gepräge dabei untergeht. Dazwischen ist – das weiß jeder Maurer – immer eine Dehnungsfuge für das Lebendige unter den Steinen. Die Suche nach Gott führt immer in die Gemeinschaft und zu der Frage, wieviel und in welcher Form wir bereit sind, unser privates Profil in Gottes Profil hinein zu opfern. Der Hohlblockstein muß es akzeptieren, wenn man Teile von ihm mit der Axt weghaut, damit er in die Mauer paßt.

Lebendige Steine, lebendige Christen, haben lebendige Lebenserwartung. Die Eingliederung in die ewige Kirche läßt wenig Spielraum für private „Traumtänzereien“. Da bin ich – und neben mir ist jene andere Sorte Stein, mit der ich so schwer leben kann. „Wie will ich mit dem ewig leben, gemeinsam eine Mauer sein“? Neid, Geiz, Mißgunst und Haß haben sowieso keinen Platz in der Mauer Gottes. Unterschiedliche Steine müssen gemeinsam eine Mauer sein. Wir sollen und wir können nur gemeinsam stehen. Wenn Christus mich trägt, ist doch gar nicht die Frage, wer neben mir steht und wie und wo ich stehe. Es ist nur die Frage, wie Steine in der Mauer zueinander sind – steinhart oder eher anders?.

„Friede unter Steinen“ ist kein Zufallsprodukt, er muß in Christus erarbeitet sein, eine Lebensaufgabe. Keiner kann aus der Mauer herausfliehen. Wer sich entzieht, entwickelt die Kirche zur Ruine. Rückzug gilt nicht. Aufbau ist angesagt. Aufbau weit über die persönliche Grenze hinaus, weit über das, was man sich selber zutraut, hinein in die Möglichkeiten Gottes. Nur so gelingt es uns, gemeinsam die Grenze zu finden zwischen mir und dir, zwischen Back- oder Hohlblockstein. Nur so ist Platz für neue Steine, Platz für Entdeckung und Platz zum Aufbau. Laßt euch als lebendige Steine aufbauen zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus heilige Opfer darzubringen.

Wir sind als eine Zufluchtsstätte geplant, als Mauer für die Welt, die Schlußpunkt

3. Vor uns liegt

Wir stehen als Mauer, als Schutzwall und als Grenze – Stein auf Stein. Das ist kein Spaßprogramm, sondern heilige Priesterschaft – Opfer.

Wir sind Bauwerk Gottes – ob als Kathedrale oder Hundehütte, Brückenpfeiler oder Pyramide. Wer die Richtigkeit seines Christentums vom persönlichen „Wellnes-Faktor“ abhängig macht, zerbröselt beim ersten Regen, der über die Mauer geht. Vor uns liegt eine ganze Welt. Christus will man da und dort ganz bewußt nicht und das kann ungemütlich werden, Christusmaßstäbe in dieser Welt zu vertreten. Dabei muß man ja nicht einmal unbedingt Reizthemen wie – Abtreibung, Genmanipulation o.ä. – ansprechen. Wer sich als christliche Mauer versteht, muß „warm angezogen“ sein, warm genug, um wochenlang im Regen zu stehen. Mauer sein, heißt Mut zum Konflikt entwickeln. Es kostet Kraft, sich auslachen oder ignorieren, mundtot machen zu lassen, dort wo die Modemeinung wo anders hin geht. Es kostet Kraft, auch Schutzmauer zu sein, Zuflucht zu geben, denen, die nicht mehr weiter wissen. Es kostet Kraft, mit zu weinen mit einem Menschen, dessen Leben gescheitert ist. Es kostet Kraft, den zu trösten, der nicht mehr will und dessen Hoffnungen verdorren. Stein in der Mauer sein, das heißt für andere den Wind ins Gesicht kriegen, für andere schwitzen, naß werden oder frieren. Stein in der Mauer sein, das heißt aber auch von den anderen Steinen gehalten zu sein, geschenkt kriegen, angehört zu werden.

Man muß zwar nicht unbedingt fromm sein, um einen Freund zu haben, der einem zuhört. Aber es ist eine tolle Erfahrung, in der Kirche Christi gehalten zu sein, in ihr „vermauert“ und unterfangen zu leben, spätestens dann, wenn alle anderen Steine bröseln, ist wenigstens ein Stein, der mich trägt. Seite an Seite mit einem Hohlblockstein sein, heißt Seite an Seite mit einem Edelstein sein. Und wer trägt nicht gerne in Gesellschaft einen teuren Diamanten auf?

Christus als Edelstein. Wegen ihm allein lohnt es sich, Hohlblock unter Backsteinen zu sein, eingemauert. Deshalb: Seite an Seite mit einem Hohlblockstein. Vielleicht gelingt dann auch die Entdeckung, daß ich selbst ja auch nichts anderes bin. Amen.

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Hoffnungsschimmer am Horizont

Mönch am Startblock

Ein gewöhnlicher Sommerabend im Juni, hatte für die Blumenmönche eine besondere Bedeutung.

Auf dem Altar liegt das neue Gottesdienstgewand

Eingebunden in das liturgische Abendgebet an Fronleichnam, nahmen die Brüder und Schwestern, Willi ins Noviziat auf. Nach über 2 Jahren aktiver Kennenlernzeit, wollten sie gemeinsam Nägel mit Köpfen machen. Seine willige Bereitschaft, sich allen Aufgaben zu stellen, seine Art Krisen wegzustecken und auch die Kunst, seine eigene Zeit sinnvoll zu gestalten, öffnete die Türe, für den nächsten Schritt in die Verbindlichkeit.

Br. Paidoios erläuterte die „Geistlichen Grundlagen“ des gemeinsamen Lebens

Einführende Worte von Br. Paidoios, zusammen mit der Lesung der „Geistlichen Grundlagen“ der Bruderschaft markierten das Fundament, auf der die gemeinsame Berufung aufbaut.
9 Punkte bilden die Motivation und das Handwerkszeug, wie Leben in Gemeinschaft gelingen kann. Angefangen vom Ziel, Menschen an der Seite Gottes zu beheimaten, bis zur persönlichen Kampfansage gegen die eigene, kranke Ichhaftigkeit, soll solch eine Regel die lebenslange Einübung in der Nachfolge fruchtbar machen. Es bedarf starker Richtlinien, die helfen, seinen Ruf gegen andere Meinungen und Beeinflussungen durchzutragen. Sie regelt den Umgang mit eigener und fremder Schuld und ihre Wiedergutmachung. Sie regelt das Aufeinander zugehen, um Bitterkeit und Frust zu vermeiden und Unstimmigkeiten zu ordnen. Streben nach Selbstbeherrschung hat den Sinn, größtmögliche Verfügbarkeit zu erreichen, die Last der anderen mitzutragen, die kleinen Kränkungen des Alltags hinzunehmen, um konkret an den Leiden Christi teilzuhaben.

Ordensgewänder als Zeichen der Berufung

Unter diesem „Vermächtnis“ wurde Willi am Altar in sein weißes Gottesdienstgewand eingekleidet. Das erste, sichtbare Zeichen; er gehört jetzt zu den Blumenmönchen.
Br. Paidoios legte ihm sein Noviziatskreuz an, als Zeichen für Christus, – ohne Kreuz, keine Berufung. Unter dem Segen Gottes wurde er für die nächsten drei bis fünf Jahre auf seinem Klosterweg verpflichtet. Er erhielt sein kurzes Arbeits- und Ausgehhabit, sowie die Regel der Bruderschaft und aufbauende Literatur, die seinen Weg begleiten.

Willi mit Gewand und Bruderschaftsregel

Nach jahrelanger Dürre, ein Hoffnungsschimmer für die Blumenmönche. Hier ist ein Mensch, der seine Berufung wagt und sich verbindlich, gemeinsamem Leben öffnet.

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Tatü, tata

-Br. Markus- 1. Tim. 1, 15-17

Tatü, tata

Es gibt Rettungskräfte, die hört man nicht kommen. Sie bevorzugen leise Fahrt, huschen vorbei mit hundertfünfzig Sachen wie tanzende blaue Schatten, kaum daß man sie gesehen hat. Andere sind laut, unüberhörbar, mit gellender Sirene auf Einsatzfahrt, um sich durchzukämpfen, um irgendwo irgendwen zu retten, abzuholen oder beizustehen. Obwohl sie laut sind, haben sie das Problem, durchzukommen im modernen Verkehrsgewühl. Sie werden nicht bemerkt. Das Alltagsgedröhn scheint lauter als eine unüberhörbare Sirene auf Einsatzfahrt.

Um Rettung geht es auch im heutigen Predigttext, um eine Rettungsgasse auf außerirdische Art. Es geht um „unsere Rettung“ wie Paulus es nennt.

„…um uns gottlose Menschen zu retten.“ – mit oder ohne Blaulicht, auf Gottes Art.

1. Christus übt Erbarmen

Gott hat sich über mich erbarmt und mir alles vergeben, denn in meinem Unglauben wusste ich nicht, was ich tat. schreibt Paulus im Vorfeld des Textes. 2000 Jahre ist das her.

Brauchen wir das heute noch in unserer modernen Welt – einen Retter, einen, der uns mit Blaulicht und Sirene von unseren Sünden befreit – oder ist das nicht eher wie ein Kühlschrank in Alaska, Gottes Erbarmen? Keiner von uns war schließlich jemals ein Christenverfolger. Im Großen und Ganzen haben wir doch immer alles richtig gemacht, wenigstens unser Bestes gegeben – oder nicht? Erbarmen Gottes braucht man da doch eher nicht.

„Mir kann sowieso keiner helfen“ hat mir neulich ein Kunde gesagt – und man trifft sie immer wieder, jene ach so großen Sünder, die ihre Sünde für zu groß halten, als daß ein Gott sie je vergeben könnte.

Nichts überfordert menschliche Vorstellungskraft so sehr, wie das Erbarmen Gottes. Gott haßt die Sünde – aber nicht den Menschen, der sündigt. Gott haßt die Sünde, obwohl er den Sünder liebt. Jesus Christus ist die politessenfreie Zone Gottes in dieser Welt. Er sieht durchaus, was geschieht, aber er geiert nicht drauf und stellt uns nicht das Bein. Christus liegt nicht auf der Lauer. Er will kein Radarfallenjesus sein – so nach dem Motto: „Paß auf, kleiner Bruder, wenn du falsch parkst.“ – Nein, Christus geht viel tiefer rein. Christus übt Erbarmen. Erbarmen – die heilige Rührung Gottes erreicht den Menschen, und er versteht, daß es kleine Ausrutscher, Kavaliersdelikte oder Peanuts nicht gibt. Es ist keine Schande – nur logische Konsequenz im Menschsein. Die Sündenfallsgeschichte läßt nicht zu, daß wir als Gerechte den Planet betreten und fähig zur Gerechtigkeit wären. Sündersein ist der Anfang und nicht das Ende allen Seins. Gottes Erbarmen erreicht uns zuerst, ohne daß wir es gesucht hätten.

Auch Paulus muß vor Damaskus erkennen, daß er zu dumm war, den lebendigen Gott von selbst zu erkennen. Er erschrickt über sein Beschränktsein. Gottes Erbarmen errettet aus der Verwirrung der Gedanken. Gottes Erbarmen errettet aus der Trägheit der Masse – hinein ins Gottesbewußtsein. Jesus Christus – stark genug für das total vergeigte Leben des Saulus von Tarsus formt ihn zum Paulus von Damaskus.

„Die Tiefen der Sünde können im menschlich Großen und Bewundernswerten verborgen sein.“ sagt der Theologe Voigt.

Gerade an Paulus wird klar, daß auch ein engagierter frommer Mann sich total irren kann, auch wenn er glaubt, das Gute zu tun. Heiliges Mühen, heiliger Eifer, pausenloser Einsatz werden dem Saulus als Sünde enttarnt. Blind um Gottes willen, Haß aus edelsten Motiven – im Glauben, das Richtige zu tun, wurde Christus ans Kreuz geschlagen. Das braucht einen Christus, der sich erbarmt. Dieses Erbarmen heißt nicht, daß es künftig keine Irrtümer, Zweifel und Fehler mehr geben wird, aber daß wir in Christus fähig werden, sie als solche zu erkennen und zu akzeptieren. Gottes Erbarmen hilft dem Menschen, die  Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind. Gottes Erbarmen hilft, den Blick in den Spiegel auszuhalten – so, wie wir sind, ungeschminkt. Christus übt Erbarmen. Er hilft, Sünder zu sein. Er straft Sünder nicht ab – sonst müßte er die ganze Menschheit unschädlich machen oder zertreten, wie man eine Fliege zertritt. Er läßt aber nicht Sünder bleiben, sondern vermittelt Licht – in die Dunkelheit der Welt hinein. Christus ist die neue Perspektive für Lästerer, Verneiner, Lüstlinge und Gewaltmenschen. Sein Erbarmen reicht für alle, die frech oder übermütig handeln und mißhandeln, glauben, alleine auf der Welt zu sein.

Der Theologe Voigt sagt: „Die Sünde nimmt die Gestalt an, die sich aus dem Material ergibt, das die äußeren Lebensumstände eines Menschen, seine Chancen und Grenzen, seine Überzeugungen und Schicksale, sein Temperament und seine Probleme bilden.

Wer Jesus Christus zugibt, wird wahrnehmungsfähiger für die Sünde in sich. Er wird formbarer für das Erbarmen Gottes, begnadet oder charismatischer. Christus übt Erbarmen – nennen wir es charismatische Persönlichkeitsentwicklung, getragen vom Vertrauen.

Deshalb

2. Christus übt Vertrauen

Es ist eine kleine Gemeinheit Gottes, vielleicht auch eine bewußte Provokation. Unternehmensberater hat Gott nicht gefragt. Vielleicht ist es auch eine Grille des Schöpfers. Er besteht darauf, seine Kirche mit absolut unqualifizierten Leuten zu veranstalten. Was in der freien Wirtschaft ein Horror ist, leistet sich der alte Herr. Gott macht Kirche mit unkirchlich veranlagten Menschen, mit Menschen wie Du und ich.Seine Firma auf Erden soll eine Firma der ausgerutschten, fehlgetretenen Geisterfahrer sein – die Stolpervogel GmbH & Co. KG. Mitarbeiter darf nur sein, wer bei der Aufnahmeprüfung durchgefallen ist. Qualifikation durch Disqualifizierung – was schwächelt in den Augen dieser Welt, das hat Gott erwählt. Wer sich wundert, daß Gott ihn noch gebrauchen kann, hat die ideale Voraussetzung für einen Job im Gottesreich.

Es geht nicht um eine religiös verbrämte Warmduschermentalität oder das neue deutsche sich selber Sackenlassen. Paulus war kein Schattenparker, und Jesus Christus auch nicht. Es geht um Über-sich-selbst-betroffen-sein.

Nochmal der Theologe Voigt: „Paulus hat das maßlose Überströmen der Gnade sofort als Beauftragung erfahren, als Einsetzung in den Dienst. Gnade und Apostelamt kann er nur in einen Atemzug nennen.“

Christsein und Nichtstun, Christsein und nur tun, was Spaß macht, Christsein und bremsen sind für Paulus unvorstellbar. Wer sich selber zwei Gänge runterschaltet im Dienst für Gottes Reich, dokumentiert damit eher ein reduziertes Gnadenverständnis. Gott leistet sich ungeeignete Leute nicht deshalb, weil er Dummies um sich rumhaben will, sondern weil er erfüllen will

Füllen mit Gedanken

Füllen mit Fähigkeiten

Füllen mit Gaben.

Fülle ist sein Ziel für leere Leute. Das ist das Managementprinzip für die christliche Kirche. „Meine Gnade soll nicht von euch weichen“ – alles spricht gegen uns, Christus importiert Vertrauenswürdigkeit in uns hinein. Christus überschreibt den Arbeitsspeicher menschlicher Fehlleistungen mit einer gewaltig neuen Information. „Du bist gerecht. Das alte ist gelöscht.“ Gottes Vertrauen wirkt nicht nur rückwärts. Gottes Vertrauen reißt nach vorne neue Möglichkeiten auf. Vertrauen gibt Gott nicht nur halb, er gibt es ganz. Der Führerschein ist nicht auf Probe, sondern jetzt und für alle Zeit. Es darf nicht nur, es muß damit gefahren sein. Gott verschenkt sich nicht in die Mottenkiste hinein. Dafür ist er sich zu schade. Seine Gnade, sein Vertrauen will unter uns aktiv sein – heute, morgen, draußen auf der Straße und überhaupt – nicht halb, dreiviertel – sondern ganz. Richtig im wirklichen Leben.

*Bei uns auf dem Wochenmarkt ist es immer ein Risiko, wenn Kunden ihre Ware zurückstellen lassen, ohne zu bezahlen. Ich riskiere gerne das Vertrauen und freue mich, wenn der Betroffene tatsächlich zwei Stunden später kommt, bezahlt und die Blumen mitnimmt.

Gott freut sich, wenn sich das Vertrauen lohnt, das er unvorsichtigerweise auf rein emotionaler Basis in uns investiert hat. Gott nimmt uns so ernst, daß er es mit uns riskiert. Das muß man sich vor Augen halten, wenn man über die eigene Risikobereitschaft nachdenkt. „Gott aber, den ewigen König, der unvergänglich ist und den keine menschliche Vorstellungskraft jemals erfassen kann, diesen einzig wahren Gott wollen wir bis in alle Ewigkeit loben und ehren.“

Paulus schreibt aus seinem Leben, aus einem Leben voller Risiko, aber auch voller Erfahrung.

3. Christus wirkt Anbetung

Anbetung wird nicht gemacht, sie geschieht. Sie geschieht von Sündern, von erfahrenen Sündern – erfahren in ihren Irrtümern, viel mehr aber im Reichtum und Vertrauen des auferstandenen Christus. Anbetung geschieht im Kreis der christusbetroffenen Menschen, die  die Gnade wirksam werden lassen, riskieren und erleben, was geschieht. Es ist wie ein Lied, das immer schon gesungen, nur darauf wartet, mit angestimmt und weitergetragen zu werden. Lobpreis Gottes ist und geschieht, bevor Mensch denken kann. Jedes Glaubensleben ist ein Vers mehr, eine Erfahrung reicher, etwas Vertrauen größer. Was außer Gott ist, gerät in Vergessenheit in diesem Spiel, das bestimmt ist von ihm und der Größe seines Vertrauens.

Anbetung geschieht in Christus – nicht nur sonntags im Gottesdienst. Sie findet in den gelebten, praktizierten Gnadengaben ihre ganz eigene Montags- bis Samstagsliturgie. Anbetung geschieht im Überwältigtsein über das, was geschieht, was ich mir selber nie zutraut hätte und was trotzdem geht. Anbetung geschieht in dem Moment, in dem Christus in mir geschieht. Gott ist gemeint. Gott ist alles. Gott füllt alles aus. Die Gnadengabe findet in Dankbarkeit zurück zu Gott, zu dem, der sie gibt. Wir sind gerettet, gerettet vor uns selbst, vor allem Abgrund, der in uns lebt. Unser Glaube wird dann lediglich zur Rettungsgasse, in der Gottes Gnade fahren kann.

Es gibt Rettungskräfte, die hört man nicht kommen. Sie bevorzugen die leise Fahrt und sind trotzdem unglaublich effektiv und stark. Amen.

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