Tief in mir

 – Pfingsten – Br. Markus – 1.Kor. 2, 12-16

 

Ich kann ihn nicht sehen. Ich kann ihn nicht hören. Ich kann ihn nicht greifen – und doch ist er da, unsichtbar zwar, aber er erfüllt mich, ist immer da, Teil meiner selbst. Das, was mich zum Tun treibt – jeder Mensch hat ihn – oder etwas, was ihn antreibt, etwas, das mich genauso unruhig wie fröhlich macht, ängstlich oder hell wach, ja sogar übermütig. Der Geist eines Menschen ist unsichtbar – was aber keinesfalls heißt, dass er nicht da wäre. Die tolle Idee, der riesige Schreck, die bange Erwartung – all das sind Dinge, die tief in mir rumoren, meinen Geist herausfordern oder einschläfern, meine Seele betrüben oder erfreuen. Mein Geist ist unsichtbar, ist trotzdem da, trotzdem wichtiger Teil meiner selbst und jeder Entscheidung, die ich treffe. Rätselhaft oder glasklar kann er sein, so wie ich, der ich heute nicht weiß, was heute auf mich wartet und wie ich mich entscheiden werde. Tief in mir ist mein Geist, der mein Tun und Lassen prägt.

Tief in Gott ist sein Geist, der in ihm atmet und lebt und unseren Geist mitnehmen will zum Abenteuer des Glaubens. Tief in mir will Gottes Geist ein Zuhause finden, in meinem Bewusstsein zur formenden Struktur werden im weiten Spielfeld des Lebens.

1.          Scharfes Sehvermögen

Wir haben nicht den Geist dieser Welt bekommen, sondern den Geist Gottes. Was wir euch verkünden, kommt nicht aus menschlicher Klugheit, sondern wird uns vom Geist Gottes eingegeben.

Paulus legt Wert auf klare Kontur. Zuerst betont der den Unterschied, das Trennende, nicht das Verbindende zu meinem Geist. Somit ist zuallererst eines klar: Gottes Geist ist anders. Gottes Geist unterscheidet sich. Es gibt etwas Trennendes zwischen meinem und dem Geist Gottes. Diese Erkenntnis ist deshalb so wichtig, weil bei Verwechslung der Geister der religiöse Wahnsinn sehr schnell im Boot ist. Mein Geist ist nicht Gottes Geist – obwohl beides in mir wohnen kann. Gott ist anders als ich. Er kann mit mir derselben Meinung sein, muss es aber nicht. Da ist kein Spielraum für Wunschvorstellung, sondern klare Kontur.

Mein Geist, der Geist dieser Welt, der Geist Gottes sowie sonstige Geister unterscheiden sich voneinander – manchmal ein wenig, oft aber deutlich. Es hat einen Grund, dass Paulus so viel Wert auf klare Trennung legt. Der Heilige Geist Gottes hat vor allem eine trennende Wirkung. Er mutet uns zu, dass wir unterscheiden. Es führen zwar viele Wege nach Rom – wie das alte Sprichwort sagt – aber eben nicht alle. Es führen noch mehr Wege an Rom vorbei – sozusagen in die Prärie, oder schlimmer noch, in die Wüste. Deshalb schafft der Geist Gottes klare Kontur. Er will tief in mir klare Struktur, was sein oder mein Geist ist. Was ja nicht heißt, dass man nicht zusammen etwas reißen könnte. Er will aber keine Verwechslung. Zuviel ist schon dabei schief gegangen in der Geschichte der Kirche, dort, wo mein Geist und sein Geist verwechselt wurde. Zu schnell ist man dabei, das eigene Erkennen und Beurteilen zum Maß der Dinge zu machen. Das, was mir gefällt, das, was mir gut tut, das, was mir angenehm ist, kann der Geist Gottes sein, aber eben auch nicht.

Geist Gottes kann auch in dem sein, was mir weh tut, mich überfordert oder fertig macht. Mein Geist und Gottes Geist können so verschieden sein, wie zwei linke Sofafüße. Natürlich wohnt in jedem Menschen der Atem Gottes, aber nicht jedes Kribbeln im Bauch ist heiliger Geist, sondern viel eher meine ganz persönliche Gefühlsregung, die ja durchaus ganz angenehm sein kann, aber eben nicht heiliger Geist ist. Geist Gottes schafft kritischen Abstand zu meinem Geist und allen Geistern um mich herum. Geist Gottes schenkt prüfenden Blick, selbstkritische Wahrnehmung zu allererst. Ich denke, was ich eben denken kann aufgrund meiner Intelligenz, Erziehung, Ausbildung oder Fantasie. Gottes Geist hat weitaus mehr im Angebot. Er ist ein klarer Wegweiser zwischen tausend guten Ideen, die um mich werben. Was ich wünsche und träume, muss nicht zwangsläufig dasselbe sein, was Gott sich von mir wünscht.

„Gerade im Fromm sein gewinnt die Sünde ihre gefährlichste Gestalt.“ sagt der Theologe Voigt, „weil es der fromme Mensch war, der Christus ans Kreuz geschlagen hat.“

So führt der heilige Geist in die höchste Achtsamkeit zu meinem eigenen Geist, um jede Art von Kreuzigung aus religiösem Eifer zu vermeiden. Der Heilige Geist schärft unser Sehvermögen auf das, was Meins ist und was nicht. Gott ist die Wertskala, nicht ich. Er erinnert mich an meine Gottvergessenheit in allem, was ich bin und plane. Die Welt und ich – wir können nicht erkennen, was Gott will und was nicht, selbst wenn ich täglich 28 Stunden meditiere. Gott erschließt sich mir nie aufgrund meiner frommen Bemühungen. Der Heilige Geist beschenkt mich von sich aus. Er weht, wo er will und ergreift mich, wenn es ihm gefällt, nicht da, wo ich es anordne und auch nicht da, wo ich es ersehne. Zum Tanzschritt heraus aus erstarrter Gewohnheit kommt es nur dort, wo ich mich ergreifen lasse. Das ist nicht trainierbar oder lernbar. ER erreicht mich, nicht ich ihn.

ER schenkt mir

2.          Erleuchtete Augen

Der Mensch kann mit seinen natürlichen Fähigkeiten nicht erfassen, was Gott sagt. Für ihn ist das alles Unsinn, denn Gottes Geheimnisse erschließen sich nur durch Gottes Geist. Im Fernsehen wird behauptet „Mit dem Zweiten sieht man besser“.

Ich behaupte: „Mit dem dritten sieht man besser.“ – Mit dem dritten Auge, also dem Auge, das keiner hat, gelingt es, Gott zu sehen. Nennen wir es das Auge des Herzens. Der Heilige Geist erleuchtet das Auge unserer Herzens. Mit dem allein gelingt es, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Es ist ein weiter Weg da hin, um zu verstehen, dass ich einer bin, der selbst mit offenen Augen manchmal das eigentlich Wichtige übersieht. Es ist ein weiter Weg, zu begreifen, das ich einen brauche, der all die Rollläden aufmacht, die mein Haus verdunkeln. Der Heilige Geist Gottes bringt helles Licht ins umnachtete Zimmer meines Verstandes – eben weil es darin viele Dinge gibt, die man nicht begreifen kann. Es kommt bei Gott sowieso viel weniger auf das Begreifen an, viel mehr aufs Sich-ergreifen-Lassen. Gott erleuchtet das Auge unseres Herzens. Nicht ich kann sehen, sondern Gott zeigt mir die Not des anderen so, dass ich sie sehen lerne. Ich kann sehen, was der andere braucht. Das ist eine der ganz großen Gaben des Heiligen Geistes, dass das Auge meines Herzens wieder offen steht. Ich achte nicht so sehr auf das, was ich brauche, sondern ich kann sehen, was dem anderen fehlt. Das dritte Auge, das Gott öffnet, ist das Auge der Barmherzigkeit. Es ist ein erleuchtetes Auge, das es schafft, durch die Fassaden und Mauern hindurchzusehen, die Menschen um sich aufrichten. Ein erleuchtetes Auge sieht die Not hinter der Mauer der Arroganz. Ein erleuchtetes Auge sieht das Elend in der chromglitzernden Verpackung. Ein erleuchtetes Auge sieht all den Streit in rosa Vorhängen der Gemeinsamkeit. Das erleuchtete Auge sieht, ohne herabzuschauen. Es sieht mit dem Auge Gottes, das voll unbegreiflicher Liebe zu gefallenen Menschen ist. Es sieht die Sehnsucht, die immer ist, wo Menschen sind, die Sehnsucht nach ein bisschen Paradies. Das dritte Auge, das der Heilige Geist uns öffnet, ist das Auge eines verrückten alten Mannes, der so liebt, wie nur einer lieben kann, Gott selbst – ohne jeden Hinterhalt und ohne jeden Vorbehalt.

So ist Pfingsten das Fest eines offenen Auges für die Not in der Welt, dem Weltgeist entgegen.

3.          Es fesselt und befreit zugleich

Der von Gottes Geist erfüllte Mensch kann alles beurteilen. Er selber aber ist keinem Urteil unterworfen. Es sind nicht die gewaltigen äußeren Begleiterscheinungen, es sind eher ganz leise, kleinere Vollzüge, tief in mir, die sich ereignen, wenn Gottes Geist mich ergreift.

Augustinus sagt: „Liebe – und dann tue alles, was du willst.“

Der Heilige Geist bringt Gott in unser Herz. Das heißt: Wir tragen dadurch Gott mit uns herum, an jeden Platz, an jeden Ort. Er befreit uns zu einer Sympathie, die wir selbst nicht aufbringen können und er fesselt zugleich an eine Verantwortung, in der das neue Leben steht, das Leben mit geöffneten Augen. Tief in mir lebt eine neue Sichtweise, die Sichtweise eines großzügigen Schöpfers, nicht die eines ängstlichen Verbrauchers. Wer befreit ist zu sehen, ist gebunden, zu helfen. Wem Gott das Auge aufmacht, der kann es nie mehr schließen, auch nicht, wenn er will. Der Heilige Geist fesselt den Blick. Es gelingt dann nicht mehr, wegzuschauen. Wer wegschaut, sieht nichts richtig. Der Heilige Geist erfüllt und erfasst. Tief in mir wächst ein neuer Maßstab. Ich beginne, nachzumessen, was in den Augen des „ganz anderen“ wirklich Wert hat – in Gottes Augen.

Es muss dann nicht die große Oper sein, die sich an Pfingsten ereignet. Es beginnt ganz klein, was sich in mir ereignet und doch so große Veränderungen hat – dann, wenn ich es wirklich begreifen kann, was mir von Gott geschenkt ist. Es ist die an und für sich schlichte und doch so faszinierende Gewissheit: Ich bin von Gott geliebt. tief in mir.

 

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Sing dich frei

 

-Br. Markus-  Apostelgeschichte 16, 23-34

Nachdem sie so misshandelt worden waren, warf man sie ins Gefängnis und gab dem Aufseher die Anweisung, die Gefangenen besonders scharf zu bewachen. Also sperrte er sie in die sicherste Zelle und schloss zusätzlich ihre Füße in einen Holzblock ein. Gegen Mitternacht beteten Paulus und Silas. Sie lobten Gott laut und die übrigen Gefangenen hörten ihnen zu….

 

Sing dich frei

„Wer nicht singen kann, soll drauf pfeifen.“ empfiehlt Klaus Klage, der Philosoph.

Das ist sicher gut gemeint, hilft aber nicht in jeder Lebenslage. Hinter Kerkertüren nützt es rein gar nichts, wenn man auf sie pfeift, und je nach dem, wie gut einer singen kann, ist selbst der virtuose Gesang zum Öffnen von Türen normalerweise eher ungeeignet, es sei denn, man besitzt ein modernes Handy, das schon mit Sprachsteuerung ausgerüstet ist. Noch zwei, drei Jahre, dann kann jeder die eigene Haustür mit einem kleinen Liedchen öffnen. Helene Fischer eignet sich besonders zum Öffnen von Garagentoren (mein Tipp).

Wie auch immer, Paulus und Silas haben diese Möglichkeit nicht. Ihre Situation ist alles andere als zum Singen.

1.          Die Melodie aus der Dunkelheit

„Gegen Mitternacht beteten Paulus und Silas, sie lobten Gott laut, und die übrigen Gefangenen hörten ihnen zu.“

Ein Lied erklingt in der Nacht, im Knast, in der Dunkelheit. Das ist nicht die Idee von zwei Spinnern, die eben mal auf sich aufmerksam machen wollen, sondern Realität. Paulus und Silas singen im Knast. Zwei Männer, die sich aufgemacht haben, den auferstandenen Christus in die Welt zu tragen , sind eingefahren in den Bau – irgendwie vorbestraft – nicht, weil sie gepredigt haben, vielmehr, weil sie einigen ortsansässigen Geschäftsleuten in die Quere gekommen sind. Sie sitzen völlig zu Unrecht, ohne ordentliches Verfahren, ohne Straftat. Ihre Lage ist kritisch. Sie wurden nackt ausgezogen, brutal ausgepeitscht und in einen Holzblock eingespannt, von dem man weiß, dass er folterähnliche Wirkung hat, weil er durch die unnatürliche Körperhaltung zur Beeinträchtigung des Blutkreislaufs führt, somit starke Schmerzen verursacht. Schon allein am Auspeitschen sind zur damaligen Zeit viele gestorben. Man muss sich nur einmal auf dem Hohen Urach ein Burgverlies anschauen, um ein Gefühl davon zu kriegen, wie sich Knast vor zweitausend Jahren angefühlt hat. Da ist nicht mal drei Sterne-Standard – ohne Klo, ohne Dusche! Mitternacht – da ist nicht nur äußere, sondern auch innere Dunkelheit. Warum lässt Gott das zu? Man hatte sich für Christus mit Christus auf den Weg gemacht – und dann hat da niemand „Danke“ gesagt, keiner Beifall geklatscht. Es sieht übel aus für zwei, die doch mit guter Absicht gestartet sind. Fragen über Fragen – Fragen, die in solchen Nächten quälen, sind nicht leichter Art. War alles ein Irrtum? Ist das Böse am Ende doch stärker, mächtiger als Gott?

Nacht in der Seele, Nacht in den Gedanken, Schmerzen trüben den Sinn. Wo ist er dann, der auferstandene Christus, wenn er seinen Leuten so was zumutet – das große Warum? Eigentlich ein Kündigungsgrund – Gott kündigen, sic abseilen, aus dem Staub machen, sehen, dass man was Besseres findet. Rückzug wäre eigentlich angesagt. Nacht in den Gedanken – nicht mehr wissen, woher und wohin. Die Melodie aus der Dunkelheit, die dabei entsteht, ist leider kein schön einstudierter Chorgesang nach sattem Frühstück, sondern eine eher schüchterne, zarte Melodie, die mit brüchiger Stimme ihren Weg durch die Gitterstäbe des Kerkers ins Freie sucht. Gott breitet sich in der Welt leider nicht wie eine Welle des Wohlbefindens aus. Er wird nicht von der Woge des Beifalls getragen. Paulus und Silas sitzen im Knast. Man hätte mit ihnen gar nicht so verfahren dürfen, da sie römische Bürgerrechte besitzen. Grobe Verfahrensfehler – trotzdem passiert’s. Christus lässt’s zu. Mir ganz persönlich wär in dieser Situation die Lust zum Singen vergangen. Die Unlogik Gottes trifft knallhart auf. Der Mensch ist normalerweise zu schwach, um so was zu ertragen. Welchen Sinn haben solche Schmerzen? Hier lässt sich auch mit frommem Gesang nichts übertönen oder munter machen. Es tut einfach nur weh.

Die Melodie aus der Dunkelheit, die entsteht, ist kein oberflächliches Gute-Laune-Programm wie flottes Gedudel aus dem Radio. Der Moment in der Dunkelheit ist nicht Moment, wo es einen zum Beten treibt, sondern der Moment, in dem man ohne Gebet einfach nur untergeht. Es ist der Rückzug auf einen Ankerpunkt außerhalb meiner selbst, weil ich selber zu schwach wäre, so was zu ertragen. Nur wer um die Macht und die Möglichkeit des auferstandenen Christus weiß, findet in einer solchen Situation überhaupt noch so was ähnliches wie Melodie.

Es geht um tiefes Vertrauen, das aus der Melodie in der Nacht eine

2.          Hymne macht, die befreit

Da erschütterte plötzlich ein gewaltiges Erdbeben das gesamte Gefängnis bis auf die Grundmauern. Alle Türen sprangen auf, und die Ketten der Gefangenen zerbrachen.

Paulus und Silas beten und singen. Es ist aber nicht der Gesang und das Beten, sondern das Erdbeben, das den Weg in die Freiheit öffnet. Die Melodie aus der Dunkelheit befreit nicht von der Wirklichkeit und allen Schwierigkeiten in ihr, sonst ließe sich jede Art von Problem im Leben wegsingen und wegbeten. Es gibt aber Tausende Christen, die trotz Gesang und trotz Gebet eingekerkert bleiben in den Problemen, in denen jeder lebt. Es wär ja gerade dann fatal, wollte man eine fromme Mechanik herstellen von Gesang und Gebet zu Freiheit und Wohlergehen. Jede religiöse Strömung, die das versucht, scheitert am realen Leben. Jeder Christ wär dann verraten und verkauft, wenn trotz dem Lied die Kerkertüre zu bleibt. Es geht in diesem Gesang eben nicht um den Selbstzweck, nicht einmal um Selbsterhaltungstrieb, vielmehr um die tiefste Hoffnung des Glaubens, die in der Dunkelheit nur Gott selbst meint und zu ihm treibt, ohne zunächst zu fragen, was dann geschieht. Der Gesang des Glaubens unterscheidet sich eben darin von jeder Gefühlsstimulanz, dass er der Dunkelheit nicht entflieht, in der Dunkelheit aushält, Kraft findet, ja zu sagen zu dem, was so schwer zu ertragen ist. Das ist eben nicht Weltflucht, sondern Daseinsbewältigung. Der immerwährende Lobgesang geschieht. Er erhält seine Beglaubigung dadurch, dass er in der Nacht trotz der Nacht der Dunkelheit ins Gesicht gesungen wird.

Das ist Musik der ganz anderen Art. Der Hymnus, der geschieht, befreit nicht von den üblen Umständen, aber er befreit von aller Angst und Hoffnungslosigkeit und allem Selbstmitleid. Echte Anbetung aus der Tiefe meines Seins führt mich weg von mir auf Gott zu. Das befreit ungemein. Anbetung macht frei von dem Irrtum, die Welt müsse so sein, wie ich glaube, dass sie zu sein hätte. Anbetung stellt frei für Gottes Alternative. Diese göttliche Alternative ist für die Apostel ein Erdbeben – kommt übrigens häufiger vor in der Gegend. Dass es aber zu ihrer Anbetung synchronisiert ist, ist wie ein Wunder der Natur. Gottes Möglichkeit zu handeln, ist soviel größer als unser Vorstellungsvermögen. Die Kräfte der Natur in der Hand ihres Schöpfers – als aufgeklärter Mensch hat man sicher das Recht, solche Vollzüge zu bezweifeln. Der Zweifler kann sie deswegen nicht erfahren, weil er sie bezweifelt. Ein Erdbeben, das mittelalterlich gebaute Stahltüren aufreißt, scheint mir jedoch noch eine kleine Übung in einem Zeitalter, in dem Atomkraftwerke in Wasserwellen kollabieren. Naturwissenschaftlich außergewöhnlich, aber durchaus möglich ist das, was die Bibel hier schreibt. Das Erdbeben befreit. Die Kräfte der Natur dienen in diesem Augenblick zwei aus Glauben singenden Menschen. Das ist eine bewusstseinserweiternde Lebenserfahrung. Gott ist auf meiner Seite – trotz aller Dunkelheit neben mir, über mir und um mich herum. Gott an meiner Seite – das macht die Nacht zum Tag, darin wird hell, was vorher dunkel war. Das gibt meinem Gesang einen unglaublich tiefen Sinn.

Das ist

3.          Mehr, als ein Hit

Aus dem Schlaf gerissen, sah der Gefängnisaufseher, dass die Zelltüren offen standen. Voller Schrecken zog er sein Schwert und wollte sich töten, denn er dachte, die Gefangenen seien geflohen. „Töte dich nicht“, rief da Paulus laut, „wir sind alle hier.“ Der Gefängnisaufseher ließ sich ein Licht geben und stürzte in die Zelle, wo er sich zitternd vor Paulus und Silas niederwarf. Dann führte er die beiden hinaus und fragte sie: „Ihr Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden?“ „Glaube an den Herrn Jesus, dann wirst du und alle, die in deinem Haus leben, gerettet“ erwiderten Paulus und Silas. Sie verkündigten ihm und alle in seinem Haus die rettende Botschaft Gottes. Der Gefängnisaufseher kümmerte sich noch in der selben Stunde um Paulus und Silas. Er reinigte ihre Wunden und ließ sich mit allen, die zu ihm gehörten, taufen.

Der Gesang des Glaubens verhallt nicht im luftleeren Raum. Er findet ein Echo im Leben des Gefängnisaufsehers. Er gibt seinem Leben eine neue Richtung. Auch wenn es nicht der Gesang, sondern Gott selbst ist, der das Wesen und Denken von Menschen verändert, so ist zumindest die Frage erlaubt, was wohl passiert wäre, wenn Paulus und Silas nach dem Erdbeben die Gunst der Stunde genutzt hätten und sich in die Büsche geschlagen hätten. Immerhin, so außergewöhnlich von Gott befreit, gibt es keinen vernünftigen Grund, noch länger zu verweilen. Der Gesang des Glaubens ist bei ihnen aber nicht nur gesungener, sondern auch gelebter Gesang. Das gibt ihm eine stabile Verankerung im Alltag. Nicht der persönliche, schnelle Vorteil, sondern ihre Lebensverantwortung in ihrer Berufung lassen sie bleiben und den Mann vor Selbstmord bewahren.

Vor einigen Jahren verloren fünf Trappistenmönche in Algerien ihr Leben, als sie versuchen, eine paulusähnliche Entscheidung zu treffen. Bonhoeffer starb kurz vor Ende des Krieges einen genauso ungerechten Tod. Viele Beispiele der Kirchengeschichte sind ohne Happy End. Es liegt nicht in der Hand des Glaubenden, zu bestimmen, wann, wo, wie und auf welche Art sein Glaube erfolgreich ist. Nicht der Gesang, sondern Gott wirkt. Der Gesang des Glaubens kann nur in der Weite des auferstandenen Christus gesungen werden und im tiefen Vertrauen, dass derselbe korrekt entscheidet. Christus allein ist der Dreh- und Angelpunkt. Bei Paulus und Silas sind die Konsequenzen sofort erkennbar. Der Gefängnisaufseher verändert sein Leben. Er lässt sich taufen. So legt Christus mitten in der Nacht die Grundlage des neuen Tages. Er kann es und er tut es. So kann das, was das Ende scheint, in Wirklichkeit der Anfang sein. Die Christusmöglichkeit gibt unserer Anbetung ihren Sinn und den Anstoß, nie aufzuhören mit diesem unendlichen Lied der Christenheit, das soviel mehr ist als einfach nur Gesang.

Kantate ist ein Lebensprogramm. Feiern wir also den Sonntag Kantate mit dem Gesang des Glaubens in die Dunkelheit dieser Welt hinein, um dann in Christus frei zu sein.

 

 

 

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Geboren, um wirklich zu leben

-Br. Markus – Kolosser 2, 12-15

 

Wozu bin ich? Jeder Mensch stellt sich die Frage – früher oder später, am Anfang oder am Schluß, nicht nur einmal, immer wieder, jeden Tag neu, lebenslänglich.

Wozu bin ich geboren? Der griechische Dichter Sophokles kam 500 Jahre vor Christus zu einer erstaunlichen Erkenntnis. Sie lautet: „Nicht geboren zu werden ist weit das beste.“  500 vor Christus, das war vor der griechischen Finanzkrise. Nicht geboren zu werden, sei weit das beste – es wäre ja soweit ganz lustig, gäbe es diese Einstellung heute nicht mehr. Wir könnten sie amüsiert im Museum betrachten. Aber auch heute, zweieinhalbtausend Jahre später, trifft man Menschen, die so empfinden. Heute noch fühlen sich Menschen falsch, zu falschen Zeit, am falschen Platz, im falschen Körper. Hunderttausende Abtreibungen zeugen davon, dass nicht geboren zu werden weit das beste scheint. Wozu bin ich? Bin ich, um nicht geboren zu werden?

An Ostern bekommt diese Frage eine neue Antwort. Sie ist genau das Gegenteil von der griechischen Denkweise.

1.          Wenn der Tod tot ist

Mit ihm seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. 13 Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht …

Mit ihm – durch die Taufe, Seite an Seite mit Christus. Die Taufe macht seine Auferstehung zu meiner Auferstehung. Wir sind auferstehungsfähige. Auferstehung ist unser Schicksal, Auferstehung ist der Plan – nicht abzusterben und zu welken, sondern erst richtig zu blühen, dann, wenn alles zu Ende scheint, der Tod nicht mehr ist, nicht für den Augenblick, nicht nur als Traum. Nicht um zu siegen oder zu verlieren, nicht um zu hungern oder zu feiern, zu weinen oder zu lachen, sondern zum aufzuerstehen bin ich. Ich bin dazu geschaffen, unverwüstlich zu sein, unauflöslich, schlimmer noch als eine Plastiktüte. Ich bin, um ein Unsterblicher zu sein, ein unkaputtbarer Mensch in Gottes Raum. Ich bin, um ein Ewiger zu sein, ein richtig Wichtiger in Gottes Arm, ein atmendes und lebendes Wesen, nicht ein verwesender Stein. „Mit Christus“ heißt lebendig sein, jenseits begrabener Hoffnungen, Wünsche und Träume, jenseits der Urne, jenseits des Grabsteins. Christus ist der Urknall des Lebens, des unendlichen Lebens, das sich in die Zukunft ausbreitet, in den nicht messbaren Raum. Dazu bin ich, um Teil dieses Lebens zu sein, das nie endet – nicht, um in einer Kiste zu verrotten, sondern um lebendig zu sein, jenseits von Zeit und Raum. Ich bin geboren, um Zukunft zu sein, Christus in mir. Ich bin geboren, um niemals aufzuhören, ich selber zu sein in Christus allein. Gott will, dass ich werde, nicht dass ich verwehe.

Es geht um ein Leben aus ganz anderer Sicht. Gott will wirkliches Leben durch mich verwirklichen, in mir und mit mir. Das ist sein Traum, meine wahre Bestimmung, das Ziel, der Sinn. Er will Erfüllung sein im Hohlraum meiner selbst. Er will alles sein in meinem Nichts. Er will das Beste sein, das mir je passiert ist. Deshalb tritt Christus dem Sterben in den Weg. Mit ihm sterben die Schatten meiner Vergangenheit. Mit ihm stirbt meine dunkelste Seite. Mit ihm stirbt mein tiefster Abgrund. Mit ihm stirbt mein Chaos. Mit ihm stirbt mein Unvermögen. Mit ihm stirbt meine innere Leere, meine unstillbare Gier nach Erfüllung, die Kälte, die nach mir greift. Wenn der Tod tot ist, entsteht eine neue Phase, eine ganz neue Zeit, die Phase danach, die Phase mit starker Wirkung.

Wenn der Tod tot ist

2.          Bleibst du nicht mehr, der du bist

14 Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. ´

Fast klingt es wie im Märchen. Schön wär’s wenn es sie nicht gäbe oder nicht mehr gäbe, die Schuld von Menschen. Aber leider ist es eben nicht. Paradies 21 ist nicht. Schuldbriefe werden jeden Tag neu ausgestellt, morgen wieder. Am 9. März 2018, übermorgen spätestens werden wir schuldig, obwohl wir mit ihm unterwegs sind, jeder von uns. Christus verwandelt uns nicht in Götter. Christus verwandelt nicht in Menschen ohne Macken. So einfach ist es eben nicht. Es geht um den Schuldbrief, Schuld als Schuld zu erkennen und zu benennen. Es ist eben nicht die Erfindung der Kirche, dass Schuld entsteht. Schuld entsteht wider besseres Wissen oder mit bestem Wissen. Jeder, der ehrlich zu sich selber ist, muss das zugeben. Es gibt Augenblicke, in denen man das Falsche tut, ob man will oder nicht. Das abzustreiten, wäre Selbstbetrug. Gerade da, wo man geglaubt hat, das Richtige zu tun, fällt es schwer, zu bemerken, dass es falsch war. In der Zeit des Paulus musste im Schuldbrief die eigene Zahlungsunfähigkeit zugegeben werden, handschriftlich.

Christus macht nicht makellos. Er hilft, mit den Macken umzugehen – zuallererst darin, dass ich mich nicht schönrede, nicht vor mir und auch nicht vor anderen, im Gegenteil. Christus macht mich aufmerksam und ehrlicher mit mir. Schuld bleibt Schuld, wo sie geschieht. Es ist nicht das Modell Gottes, redet man von Ausrutschern, kleinen Pannen oder einfach mangelnder Vollkommenheit. Schuld ist immer das, was geschieht, wenn ich meine Grenze zu Lasten eines anderen überschreite. Die Kraft der Erlösung kommt nur da zum Zug, wo ich mich erschüttern lasse. Die Kraft der Erlösung braucht mein Eingeständnis, die Christuserschütterung über mich. Es geht dabei nicht um religiöse Rituale oder große fromme Gebärden. Es geht um den inneren Vollzug, den Schuldbrief zu schreiben, nicht aus Angst oder Krampf, sondern im Vertrauen, das es gerade dadurch besser wird, besser weitergeht. „Ich hab schon wieder Mist gebaut“ klingt da viel besser als „Die anderen sind schuld“ oder „Ich hab doch bloß und wollte doch nicht.“ Christus will, dass wir wirklich leben, in der Wirklichkeit unserer Schuld wie in der Wirklichkeit seiner Vergebung. Wo Schuld nicht wirklich erkannt wird, kann sich Vergebung nicht wirklich verwirklichen. Neues Leben aus neuem Material verwirklicht sich nur in der Kraft der Vergebung von erkannter und zugegebener Schuld. Schuldbriefe, die es nicht gibt, kann keiner ans Kreuz nageln oder tilgen. Mit ihm werde ich mutig genug, meinen Schuldbrief zu schreiben. Das ist die wichtigste Veränderung meines Lebens. Mit ihm lerne ich schreiben, schreiben, dass ich es war, der daneben liegt. Mit ihm finde ich Kraft, auszudrücken, was eh jeder weiß, dass ich es war. Ich bin so frei, keiner zwingt mich. Es bringt nix, vor Gott so zu tun, als sei nie was gewesen. Das funktioniert weder bei ihm noch bei mir. Selbst die Fehler, die wir nicht bemerken, können schwere Folgen haben, die Schatten werfen lebenslänglich. Jeder muss im Schatten seiner Fehler und der Fehler anderer das Leben lernen, egal, wo es geschieht. Fehler unterbleiben nicht, sie verändern nur ihre Wirkung: In der Kraft der Auferstehung ist mein Irrtum nicht mehr tödlich.

Wir sind

3.          Unterwegs zu einem neuen Sein

15 Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus.

In Christus feiert Gott einen entscheidenden Triumph. Sein Triumph ist das wirkliche Leben, das Leben, das nicht mehr überschattet ist von Entgleisung, Zweifel und Schuldscheinen, ein Leben, das ganz frei ist, frei, um einfach nur zu sein. Es reicht hinein in unsere Welt, gibt ihr den entscheidenden Impuls der Hoffnung. Gott startet neu. Inmitten unserer Zeit startet ein neues Leben ohne Ende, ohne Hass und Zerrüttung, Zerstörung und Entfremdung. Man muss nicht noch mal 20 sein, um alles anders oder besser zu machen. Neues Leben bringt Erfüllung in entleerte Räume hinein. In leeren Räumen wird Erfüllung erlebbar, jetzt und heute noch. Mit ihm beginnt sich diese Zukunft zu verwirklichen. Wirkliches Leben ist mehr als nur der zweite Versuch. Es ist der letzte und endgültige Schritt Gottes, reicht in meine Schatten hinein, blendet die Schatten nicht aus, durchstrahlt aber und wärmt. Christus erfüllt unseren Lebensraum. Das hilft, neu sehen lernen, neu denken lernen, neu reden lernen, neu leben, wirklich leben in der Verwirklichung seiner Gegenwart. Christus hilft mir, mich in die Neuheit dieses Lebens zu verwandeln. Darin findet mein Leben statt, wird zum ewigen Ereignis. Ich bin der neue Mensch, der ich sein werde, neu geboren, um erfüllt zu sein, erfüllt von Gottes Lebenstraum. Es darf gerne etwas mehr sein, mehr, als ich mir denken kann, mehr als nur der Augenblick, in dem keine Uhr mehr tickt, keine Zeit vergeht, weil es sie nicht mehr gibt, abgeschafft zugunsten einer völlig neuen Form. Ich bin Teil von diesem Augenblick des Christus in mir. Meine Gegenwart ist so Vergangenheit wie Zukunft gleichermaßen.

Wenn ich ein alter Grieche wäre, würde ich dann sagen: „Neu geboren werden ist das Beste.“ – und zwar geboren, um wirklich zu leben.

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Hart wie Watte, weich wie Kruppstahl

Jesaja 50, 4-9 (Luther 2017) Br. Markus

 

„Wer Aluminium kennt, nimmt Stahl“ – diese Erkenntnis ist nicht von mir, sie stammt von einem renommierten Leiternfabrikant aus Metzingen. Hart oder weich – wir wissen, daß es Unterschiede gibt, bei Mensch und Material. Nun ist Kruppstahl ja nicht unbedingt weich und Watte nicht zwingend hart. Eigentlich müsste es „weich wie Watte“ und „hart wie Kruppstahl“ heißen. Theoretisch schon. Es geht aber nicht um Material im heutigen Predigttext. Watte ist entweder hart oder weich, Kruppstahl ist entweder hart oder weich. Jesaja ist hart und weich zugleich. Es geht um seine Lebenserfahrung an der Seite Gottes. Gott vereinseitigt den Menschen nicht. Darin unterscheidet sich Mensch-Sein vom Material-Sein. Es ist hart und weich zugleich.

„Hart wie Watte“ heißt, weich sein. „Weich wie Kruppstahl“ heißt hart sein. Beides zugleich bringt ein Leben an Gottes Seite. Es geht um die Wirkung Gottes, die mich festigt, wo ich wanke und aufweicht, wo ich verhärte – beides zugleich in einem Paket.

1.          Weil ich es besser weiß

Gott der Herr steht im Vordergrund. Gott gibt, hilft, öffnet. Die Trumpfkarte Jesajas ist Gott der Herr, das Wissen um eine Kraft, die größer ist, als die eigene. Wissen um Gott macht nicht zum Besserwisser, aber schon zu einem Menschen mit besserem Wissen. Wissen um Gott ist immer besseres Wissen, mindestens ein Prozent besser als alles, was ich weiß, gerade dann, wenn ich bemerke, dass ich eigentlich gar nichts weiß. Ich weiß nicht, woher der Wind weht. Ich weiß nicht, ob ich heute Abend gut einschlafen werde, was Schönes oder was Schlimmes träume, ob ich überhaupt schlafen kann oder morgen wieder aufwache. All das weiß ich nicht, nicht wirklich. Die Zukunft umgibt mich wie ein unbekanntes Land, das auf mich wartet, für mich bereit steht, das ich erleben und mitgestalten kann, je nach dem, ob ich Angst habe oder nicht. Ich weiß nicht, was Sie jetzt denken in diesem Augenblick oder ich nachher, wenn der Gottesdienst vorbei ist. All das weiß ich nicht. Was aber nicht heißt, dass es das nicht gibt. So vieles ist mir verborgen, meinem wachen Auge oder kritisch prüfenden Blick – was aber nicht heißt, dass es das nicht gibt. Jetzt, in diesem Augenblick, ereignen sich hunderttausende schöne und schlimme Dinge, ohne dass ich davon überhaupt etwas weiß. Es kann sein, dass morgen früh die reiche Erbtante aus Amerika auf mich wartet – oder der Insolvenzverwalter. Alles ist möglich. Gott will nur, dass ich weiß, dass er es besser weiß und dass es Möglichkeiten gibt, die ich nicht einmal träumen kann.

Es ist doch nichts ehrenrühriges, wenn wir zugeben, dass wir nicht alles wissen. Gott beschenkt den Menschen mit Wissen, mit Ahnung, mit Idee. Das Wissen um ihn ist immer zugleich Wissen um’s eigene Unwissen – zugleich aber besseres Wissen, weil es über den eigenen Horizont hinausgeht, in neue, ungeahnte Welten vordringt und vor allem sichtbare Veränderung schafft. Wissen um Gott ist immer aktives Wissen, das zuerst mich und dann die Welt verändert. Es schafft Bewegung in mir und um mich herum, weil es Wissen ist, das lebendig macht.

Wissen um Gott macht mich

2.                Weicher als ich

„Der Herr hat mir das Ohr geöffnet. Er weckt mir das Ohr, daß ich höre, wie Jünger hören. Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben …“

Gott macht mich hörfähig. Gott macht mich sprachfähig. Es geht also auch ohne What’s App. Wie ein Jünger hören und reden – eigentlich ist es ja nichts besonderes, könnte man meinen. Das ganze Menschsein besteht aus hören und reden, aus Mitteilung – beim einen mehr, beim anderen weniger. Wie ein Jünger hören ist aber eine andere Form des Lauschens. Wie ein Jünger reden eine andere Welt der Kommunikation. Es ist weicher als ich. Gott schenkt eine erweiterte Form des Hörens. Das merkt man dann, wenn man nicht mehr hören will, was der andere zu sagen hat, wenn die eigene Gewissheit so felsenfest geworden ist, dass sie mich betoniert, in Stein gehauen, gemeißelt für die Ewigkeit. In Stuttgart, München oder Dresden stehen immer so erhabene Reiterstatuen. König XY von hoch zu Ross – so erhaben, wie sie scheinen, so sprachlos sind sie, taub – müssen sie ja auch sein, sonst würde ihnen ja der Straßenverkehr auf’s Gemüt hauen. Es ist ja nicht lustig, 500 Jahre lang als Statue im Straßenverkehr zu stehen. Gott öffnet Ohren – allen, die wie Statuen im Straßenverkehr stehen, denen, die nix mehr mitkriegen von allem um sie herum. Gott will nicht den Lauschangriff, aber schon das Lauschen in den anderen hinein, das Lauschen auf das, was der andere sich nicht zu sagen traut, was in ihm rumort und keine Worte findet, sich nicht ohne fremde Hilfe äußern kann. Die Ohren von Jüngern sind Ohren für die stummen Schreie der Verzweiflung. Es sind Ohren für das ungesagte Leid. Es sind Ohren für sprachloses Entsetzen. Es sind Ohren für Worte, die an Sprachbarrieren scheitern. Die Ohren von Jüngern sind freigelegte Ohren ohne Ohrenschutz mit der Bereitschaft, auch unbequeme Wahrheit zu hören.

Wir freuen uns doch auch, wenn uns jemand zuhört, uns nur die Gelegenheit gibt, zu sagen, wo der Schuh drückt, den eigenen Standpunkt zu erklären. Gott hört. Er lauscht in Christus an unseren Herzen. Gott will in Christus unsere Herztöne hören – nicht das, was wir vorgeben zu sein. Mit Gott hören heißt, auf die Herztöne der Welt hören, das hören, was in dem anderen tickt, das hören, was Gott bewegt. Es ist weicher als ich, barmherziger, als ich sein kann, wenn Gottes Aufmerksamkeit mich weckt. Mit meiner Hörfähigkeit hängt mein Reden zusammen, das, was ich zu sagen habe, mit oder ohne Zutun anderer. Hörbereitschaft und Hörfähigkeit für Gott bringen mich nicht zwangsläufig in den Einklang mit mir und der Natur oder der Welt. Hörfähigkeit für Gott kann in extreme Schwierigkeiten bringen.

Noch schlimmer Rede für Gott. Christsein oder Glauben heißt hörfähig wie sprachfähig wie leidensfähig zu sein. Es ist nicht damit getan, nur Trostpflaster für die Welt zu sein. Jesajas Lebensaufgabe war es auch, Stimme des Widerstands, der Enttarnung sowie der Provokation zu sein. Die leise Stimme Gottes wurde in ihm zum lauten Schrei. Gottes Sprachrohr zu sein kann lebensgefährlich sein.

Deshalb bin ich zugleich

3.          Härter als ich

„Darum habe ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein …. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel … Laßt uns zusammen vortreten … Siehe, sie alle werden wie ein Kleid zerfallen, Motten werden sie fressen.“

Leider ist es eben nicht so, dass unser Gottesdienst eine heile Welt erzeugt, in der jeder nach Belieben kuscheln kann. Man muss nicht als Streithammel geboren sein. Leben mit Gott bringt den Konflikt. Harmonie mit Gott verursacht Streit – zwangsläufig. Hören auf Gott bringt Wunden. Hören auf Gott hinterlässt Narben. Es ist kein normaler Streit, sondern ein viel tieferer Konflikt, der besteht, so lange die Erde dreht. An Gottes Seite ist immer Streit, der Streit, der zwischen Licht und Dunkel ist und nie zu Ende geht. Deshalb ist die Gemeinschaft der Glaubenden immer eine Streitgemeinschaft, also kein Kuschelclub. Wer mit Christus geht, geht im unerklärlichen Hass der Dunkelheit. Dieser steinige Weg fühlt sich wie Karfreitag an – lebenslang. Etwas anderes zu erwarten oder zu versprechen wäre kein christusgeprägtes Programm.

Weil Gott ein Gott des Friedens ist, muss er nicht schwach sein. Er stellt sich der Dunkelheit radikal in den Weg. Das ist ein schmerzhaftes Programm. Es geht dabei nicht darum, sich selber fertig zu machen. Der Konflikt entsteht von ganz allein. An Gottes Seite muss man hart sein, härter als ich. Es braucht mehr als ein dickes Fell. Es gibt keinen Schutzanzug, der alles abhält und den man dann abstreifen kann. Christus tritt in den Riss. Das hinterlässt auch Risse an denen, die hinter ihm stehen, ihm nachfolgen und mitgehen. ER ist eben kein Gutelauneprogramm aus dem Fantasialand. Wer Gott ernst nimmt, wird zum ernsthaften Hindernis für die Dunkelheit. Das bedeutet Streit, fanatischen Hass – auch heute noch.

Wie sich das anfühlt, wird zum Beispiel in einem Brief deutlich, den wir vor zwei bis drei Jahren erhalten haben. Da heißt es „Wenn Ihr Christen sein wollt, bin ich der nächste Papst. Der Himmel will Euch nicht und die Hölle hat Angst, Ihr könntet das Kommando übernehmen. Eins ist sicher: Ich heize den Ofen der Hölle erst richtig an, dann braucht Ihr Euch nicht mehr warm anzuziehen. Die Vorbereitungen laufen schon.“ Der Verfasser des Briefs ist kürzlich überraschend verstorben.

Siehe, sie alle werden wie ein Kleid zerfallen, Motten werden sie fressen.“ heißt es bei Jesaja. Der Hass ist härter als ich. Da tut es gut zu wissen, dass es jemand gibt, der eben diesen Hass zu den Motten geschafft hat, gut zu wissen, dass es Christus gibt, der hart wie Watte und zugleich weich wie Kruppstahl macht. Amen.

 

 

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Stinkzeug statt Spätlese

-Br. Markus – Jesaja 5, 1-7

Das Lied vom unfruchtbaren Weinberg

 

Es hätte sollen ein richtig großer Wein werden – unverkennbar, mit schwarzer, ins Violett gehender Farbe, starkem Kirscharoma und weichen, schlanken Tanninen, voller Veilchen Nuancen, dazu Minze, Edelholz und orientalische Gewürze, dicht und rauchig am Gaumen, reif und feinwürzig am Abgang. Einfach nur lecker hätte er werden sollen, um zu Tische ein eleganter Begleiter zu sein.

Nichts von alldem ist er geworden, nicht einmal mittelmäßig, nicht einfach nur langweilig, sondern missglückt, buchstabiert wie missraten. Es ist ein trauriges Lied, frustriert sogar, voller Enttäuschung über das, was hätte so schön sein können, aber nicht geworden ist. Die Ballade vom Weinberg ist ein melancholischer Blues, von Gott selber zu Gehör gebracht, um Antwort zu finden auf die Frage, was zu tun ist mit einem Weinberg, der alles ist, nur das nicht, was er sein soll: fruchtbar.

1.          Winzer mit Vision

Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe, und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben …

Gott tritt als Winzer auf, nicht, um die Welt zu bespaßen oder zu unterhalten, sondern um in diesem Bild klar zu machen, wie er tickt. Es geht um seine Selbstdarstellung, die Erklärung seines Wesens. Wie ein Tag der offenen Tür, bei dem zu sehen ist, wie eine Firma ist und funktioniert. Gott will uns zeigen, wie er tickt. Die Welt ist nicht zufällig, belanglos oder dubios. Gott verwirklicht sich in ihr. Er ist der Winzer mit Vision, die Erde mit allem, was sich dreht, der Weinberg – also nicht der Sandkasten, in dem jeder nach Belieben baut oder zerstört. Die Welt – ein Weinberg, der als Weinberg gedacht und gewollt ist, mit nur einem klaren Ziel: ein Ort der Frucht zu sein, ein Ort des Reifens, ein Ort des Wachstums, ein Ort zu blühen, ein Ort des Gedeihens. Dabei ist nicht nur an Salat, Radieschen oder Zierkohl gedacht. Gott formuliert seine Vision klar aus, so klar wie den Leitgedanken eines Konzerns. Wenn er an Frucht denkt, denkt er nicht nur an Himbeeren, sondern weit darüber hinaus.

Es geht also weniger um den Vino Nobile di Monte Pulciano als um Recht und Gerechtigkeit. Gott schuf die Erde nicht als Planet der Affen, sondern als Stern der Gerechten. Wir sind dazu bestimmt, unseren Stern zum Glücksstern zu erheben, als Weinberg, in dem wir wachsen und fruchten sollen, zu Früchten der Gerechtigkeit reifen. Das Leben der Menschen soll voller Trauben sein, voll Trauben der Gerechtigkeit Gottes, gekeltert zum großen Wein. Gott spricht sein Ziel klar aus. Alles, was er tut, folgt diesem Ziel. So will er auch, dass Gottesdienst und Glaube sich in diese Frucht verwandelt: Recht und gerecht zu sein. Gott vertraut seine Idee Israel an, damit sie sich in der Welt verwirklicht, später uns, der christlichen Gemeinde. Was Kirche ist und tut, steht unter diesem Leitimpuls, genießbare Frucht zu sein, großer Wein.

Es ist nicht die Frage des persönlichen Ermessens, was gerecht ist und was nicht, sondern es gibt dafür klar festgelegte Maßstäbe, in denen der einzelne durchaus weite Gestaltungsmöglichkeiten hat, getragen und gebündelt in einem gemeinsamen Ziel, unseren Planeten zum Stern der Gerechten zu formen, ihn zum Blühen zu bringen und nicht zum Welken.

Gott will genau das Gegenteil von

2.          Missratenen Trauben

Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe da war Geschrei über Schlechtigkeit. (….) Was hätte ich dir mehr tun sollen und tat es nicht (…) Du aber brachtest mir bittere Trauben. heißt es an anderer Stelle.

Gott schaut in die Welt mit großen Augen. Er will was sehen von dem, was gewachsen ist durch unser Singen und Beten. Die Traube unseres Betens müsste Gerechtigkeit sein, schön anzusehen und gut zu genießen. Die Frucht allen Singens gerechtes Leben. Wo das anders oder nicht ist, spricht Gott von bitteren Trauben oder, anders übersetzt Stinkzeug. Gott selbst prangert einen Stinkzeugglauben an, nicht dezent und leise, verständnisvoll und zart, sondern laut und scharf. Gott singt den Song von der missratenen Frucht, lautstark, eben weil es ihm das Herz bricht.

Jeder, der schon mal im Sommer einen Garten umgegraben hat, weiß, wie das ist, wenn statt Radieschen oder Salat nur Unkraut sprießt. Gottes Frustblues ist ein hammerharter Aufschrei über missratene fromme Lebensgestaltung, aber nicht allein – auch über ein missratenes Wertesystem in der Welt. Der Störenfried-Song, zu Gehör gebracht durch einen Störenfried, Jesaja, gesungen in einer Welt, die ihn nicht hören will, aber trotzdem braucht. Gott ist ein Gott des Aufschreis über missratene Gerechtigkeit. Er trägt sie nicht still, er schreit auf in vielen Formen. Er schreit an gegen den erdrückenden Sturm der Umnachtungen, gegen die düsteren Wolken des Lügens und Betrügens, die über Land ziehen. Er schreit an gegen alles, was über uns niederprasselt an Hass, Krieg und Gewalt. Gott schreit an gegen eine ach so übermächtig wirkende Dunkelheit. Recht und Gerechtigkeit sind dabei nicht das, was der cleverste Jurist daraus macht.

Ich habe im Winter die Gedenkstätte Grafeneck besucht. Da wurde juristisch korrekt gemordet. Zehntausend behinderten Menschen wurde juristisch korrekt der Gnadentod gewährt. Es lohnt sich, die Dokumentation genau durchzulesen. Fast ganz Dettingen wurde ausgerottet im Namen der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.

Man muss nicht bis ins Extrem gehen, um bittere Trauben zu finden. Alles, was der Mensch ohne Maßstab anstrengt, läuft Gefahr, zur missratenen Frucht zu werden, zum Stinkzeug. Es hört sich ja immer gut an, wenn man sagt, dass es ausreicht, vor sich selber gerade zu stehen. Aber genau das reicht nicht aus. Die größten Verbrechen der Menschheit wurden verbrochen im Glauben, das Richtige zu tun. Töten im Namen Gottes, Stehlen für die gute Sache, Hexen verbrennen  – wenige Menschen gehen mit dem Vorsatz los, etwas Falsches zu tun. Gerade die frommen Verbrechen passieren in dem Glauben, das Richtige zu tun. Unser Rechtsverständnis ist oft zu befangen und zu klein, um zu sehen, was wirklich Recht ist.

Spätestens wenn mein persönliches Wohlergehen irgendjemand anders einen Nachteil bringt, ist mein Lebensstil Stinkzeug, bittere Traube. Wenn ich schon vor mir selber gerade stehe, muss ich diesen Meterstab verwenden, nicht um mit mir selber großzügig und mit anderen kleinlich zu sein. Schadet mein Lebensstil, mein Geschäftsgebaren, meine Freizeitgestaltung oder mein Frömmigkeitsstil anderen? Bin ich Belastung oder Entlastung für andere? Diesen Fragekatalog will Gott aufschlagen. Gott schreit über alles auf, was die Waage ins Ungleichgewicht bringt. Das Lied vom Weinberg ist ein sehr dramatischer Song, weil er die dramatische Entwicklung kenntlich macht.

Gott singt dieses Lied aber nicht mit dem Ziel, zu verurteilen, sondern er will erschrecken wie wachrütteln, so, wie der große Trommelwirbel zwischen dem ersten und dem zweiten Vers.

In seinem Lied fordert er ein

3.          Urteil der Angeklagten

Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg. (…) Warum hat er schlechte Trauben gebracht?

Der Winzer mit Vision betritt juristisches Neuland. Er fordert die Angeklagten zu einer Doppelrolle – als Angeklagter sich selbst ein Urteil zu sprechen. Ich wünsch mir so was ja immer bei Verkehrsdelikten. Also wegen zu schnellen Fahrens würde ich mich immer frei sprechen. Die Verkehrsschilder sind heutzutage sowieso so schlecht anplaziert, da weiß man ja nie so genau, welche Spur eigentlich gemeint ist mit dem drögen Tempolimit.

Wer sieht den eigenen Lebensweg schon gerne als Stinkzeug oder faulige Traube. Es tut doch weh, zu bemerken, dass ich nicht so toll bin, wie ich von mir dachte. Der Theologe Voigt sagt: „Die Gnade entlässt uns nicht ins Unverbindliche, ins Beliebige, in die Nacht, in der alle Kühe schwarz sind.“

Was also soll ein Winzer tun, der nicht zu seinen Früchten kommt, einer, der sich abgeplagt und geschunden hat und vor dem Totalversagen seines Weinbergs steht? Nun, ihr Bürger der Buchhalde oder Metzingens, urteilt über mich und meinen Weinberg. Natürlich, wir können es dieses Jahr noch einmal mit einem neuen Spritzmittel probieren, einem stärkeren Dünger oder kräftigerem Rückschnitt. Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will. Zaun wegreißen, kahl fressen, Mauer einreißen, zertreten, wüst liegen lassen, den Wolken das Regnen verbieten.

Juristisch gesehen unmöglich, was Gott da macht, voller Beeinflussung. Es ist keine leere Drohung. Das Lied vom Weinberg ist ein Lied voller Grimm Gottes über missratenes Leben. Dieser Grimm Gottes endet auch an Karfreitag nicht. Gottes Wut über das Stinkzeug ist ewig. Er lädt sich die fällige Zerstörung nur selber auf.

Gott zerstört sich in Christus selbst, um dadurch den neuen Anfang zu schaffen. Christus trägt den Grimm Gottes für uns aus. Davon lebt die Kirche und alle, die es schaffen, sich im Gleichnis vom Weinberg wiederzuerkennen.

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Was hinter der Tür steht

1. Advent -Br. Markus- Offenbarung 5, 1-5

 

Man weiß nie – aber man kann es ahnen, bei einem Adventskalender zumindest – was hinter der Türe oder dem „Türchen“ ist. Je nach Hersteller ist es aus Schokolade oder aus dem Reformhaus, und je nach dem, wo einer steht, ergibt sich daraus eine freudige oder nicht so freudige Überraschung. Bei mir war es der berühmte schwarze Kater, der hinter der Tür nicht stand, sondern saß und voll eine abgekriegt hat, als ich die Tür aufgemacht hab. Riesenschreck für mich und Riesenschreck für Michel, unsere Gewächshauskatze. So kann es eben auch gehen, wenn hinter der Tür keine freudige Überraschung, sondern ein harter Schicksalsschlag wartet. Man sieht nicht hindurch durch die Tür, weiß manchmal nicht, woher der Wind weht, wohin die Reise geht. Wir wissen so viel und doch so wenig von dem, was auf uns wartet oder vor uns liegt. Türen, hinter denen das Schicksal lauert, begleiten uns lebenslang.

„Offenbarung“ heißt das Buch der Bibel, das sich mit der letzten Wahrheit beschäftigt, mit dem, was hinter allen Wirklichkeiten steht.

1. Was kein Auge sieht

Geben wir’s ruhig zu, wir wüßten’s doch alle gern, was auf uns wartet – heute Nachmittag oder morgen früh. Es muss ja nicht unbedingt die große Apokalypse sein. So ist der Mensch, dass er sich Gedanken macht, was auf ihn wartet und ob er bestehen kann im Kampf um’s Dasein. Wir wüßten’s brennend gern, was hinter jener magischen Tür verborgen ist, hinter der das Schicksal lauert, um uns zu erschrecken oder zu erfreuen. Manch einer erträgt sie nicht, diese große Lebensungewißheit. Millionen Horoskope werden gedruckt, und es wird tief in die Sterne geguckt, nur um den Schatten einer Ahnung zu bekommen, was auf uns warten könnte. Aber egal wie man’s anstellt, es funktioniert eben nicht – weder so, noch anders. Ob mit oder ohne Fahrplan oder Wetterbericht, keiner von uns weiß, wohin die Reise geht, keiner und keine, weil es kein Auge sieht. Wir wissen nicht, wenn wir eine Treppe runtergehen, ob wir unten ausrutschen, weil der Hausmeister vergessen zu streuen hat, oder ob unten der Postbote auf uns wartet mit einem Telegramm von der reichen Erbtante aus Amerika. Keiner weiß von uns, wenn er losgeht, ob er auch ankommt, ob unterwegs ein ganz anderer Plan, ein anderes Schicksal auf ihn wartet.

Jeder, der seine Zukunft mal geplant hat, muss zugeben, dass er sich verplant hat, dass alles ganz anders kam, als der eigene Lebens- oder Masterplan. Je nach dem, wie ehrlich man zu sich selber ist oder sein kann, muss man zugeben, dass jedes Schicksal ein Buch mit sieben Siegeln ist, das keiner erbrechen kann. Uns fehlt das Passwort zur eigenen Zukunft. Wer mit Gewalt an die Sache herangeht, vergewaltigt sich selbst mit dem eigenen Lebensplan, mit der Idee, wie es sein müsste, ich mich wünsche, hätte oder täte. Auf dem Weg zu mir selbst begegne ich einer ganz anderen Kraft, die wie eine schwarze oder weiße Katze hinter einer Tür lauert, die der Außenwelt. Schicksal trügt – meine Zukunft ist etwas, das ich nicht sehen oder steuern kann. Sie steht in den Sternen oder in jenem Buch, das ich nicht lesen kann, weil mir dazu die Zugangsdaten fehlen. Keine Zugriffsberechtigung für den Menschen auf Gottes Masterplan. Ich werde nie wissen, wie er aussieht, ich weiß nur eins: dass er stattfindet. Gott gehorcht keinem Rechenmodell. Es gibt keinen Schicksals-Allogarytmus, aufgrund dessen man begreifen kann, warum und wozu. Unsere Denk- und Sichtweisen, unser Fassungsvermögen und unser Verstand sind zu begrenzt.

2. Was kein Ohr hören kann

Hinter der Tür steht das Schicksal und wirkt auf uns ein. Man kann es verschweigen, aber nicht begreifen. Man spürt schon die Wirkung, die schön oder hart sein kann, nicht aber den Plan, dem es folgt. Es sei alles Zufall sagen sie – vielleicht aber auch nicht. Immer dann, wenn ein Leben gelebt ist, bricht sie spätestens auf, die Frage, ob da noch etwas ist oder nicht. Ein Buch mit sieben Siegeln – oder eben nicht. Je nach dem breche ich dann in eine große Zukunft oder die eigene Fantasielosigkeit auf. Was hinter jener letzten Tür des Todes steht, sieht man nicht, hört man nicht. Es ist so viel oder so wenig, wie einer glauben kann – oder viel mehr. Wir wissen nicht, was hinter dieser Türe steht. Es ist aber nicht Gottes Idee, den Menschen als einen unwissenden Trottel durch’s Leben zu jagen, auch dann nicht, wenn Unwissenheit Teil unseres Lebens ist.

Wissen ist Macht – aber nicht Allmacht. Wissen ist gut, aber nicht alles. Gott will, dass wir was wissen. Deshalb offenbart er sich. ER will aber noch viel mehr. Er will über alles Wissen und Verstehen eine Königsdisziplin: Vertrauen. Gott will, dass wir unser Wissen und Verstehen verwenden, um Vertrauen zu wagen. Gott will, dass wir als Wissende Vertrauen in ein Buch mit sieben Siegeln wagen. Gott enträtselt das Schicksal nicht, er schließt es durch einen Bevollmächtigten auf – was nicht heißt, dass sich dabei alles von selbst erklärt. Gott will den Menschen nicht als unwissend, er will ihn reif für das Geheimnis. Mit dem Geheimnis leben ist Gottes Plan – nicht weil es was zu verstecken gäbe, sondern weil da viel mehr ist, als man begreifen kann.

Der langweiligste Moment bei einem Adventskalender ist Weihnachten – dann, wenn alle Türchen schon geöffnet sind, alle Schokolade raus ist. Ein leerer Adventskalender turnt nicht mehr an, ein leeres Leben auch nicht. Gott sieht das Leben als Spannungsfeld, in dem unser Wissen durch sein Wort zum Vertrauen wachsen kann, Vertrauen in Wissen um die eigene Unwissenheit, Vertrauen wider besseres Wissen und Vertrauen durch unser Wissen – immer im Spannungsfeld, dass es noch etwas gibt, was ich nicht weiß und nie wissen werde. Fähig zu Gottes Geheimnis zu werden ist der Plan, fähig, zu lieben, so, wie der komplizierte Andere, der wie ein Buch mit sieben Siegeln ist. Gott will, dass Leben lebendig bleibt, elektrisch, nicht ohne zu wissen oder alles zu wissen, sondern im Ringen um Erkenntnis, um’s richtige Gewicht zwischen Wissen und Vertrauen. Gott will eine zweigleisige Beziehung, gut ausbalanciert, zwischen Wissen und Vertrauen. Er will kein Vertrauen ohne Wissen und kein Wissen ohne Vertrauen, er will den Doppelpack. Er will den um’s Vertrauen kämpfenden Menschen. Er lässt den Zweifel zu. Nur im Zweifel kann das Vertrauen echt werden.

Eben weil Gott keine Rindviechcher will, die applaudieren oder hinterher trotten, lässt er Zweifel geschehen. Gott will Menschen, die in ihren Zweifeln das Vertrauen wagen. Es geht darum, neu sehen zu lernen. Es geht darum, Wege zu sehen, wo keine sind, Straßen zu bauen, wo der Untergrund zu fehlen scheint, Licht anzuzünden, ohne eine Kerze zu haben. Das Vertrauen auf Gott kann nicht ohne Wissen um’s eigene Misstrauen wachsen. Es braucht eben das Wissen um den eigenen Abgrund, um zum echten Vertrauen zu werden, eben, weil Glaube gewagtes Vertrauen am eigenen Abgrund ist.

Was kein Auge sieht und kein Ohr hört ist

3. Atemberaubende Aussicht

Es gibt einen, der das Passwort kennt. „Einer hat gesiegt; er kann das Buch öffnen und seine sieben Siegel brechen.“

Christus öffnet die Tür. Christus öffnet Horizonte. Christus schafft Verbindung. In Christus durchdringt sich unsere Wirklichkeit mit der Wirklichkeit, die wir erwarten. In  Christus wird das Licht einer einzigen Kerze zum alles überstrahlenden Schein. Inmitten der Irrlichter der Welt erscheint ein nie verlöschendes Licht, das verbindende Element zwischen heute, hier und jetzt und dem immer leuchtenden Sein. Unser Glaube ist eben nicht begrenzt durch Türen, Vorhänge oder Scheuklappen, sondern findet den Blick hinaus in Gottes unendlichen Raum. Hinter der Tür ist kein Abstellraum. Hinter der Tür ist nicht das Hinterzimmer. Hinter der Tür ist nicht die Folterkammer. Hinter der Tür ist ein gigantischer Festsaal, der so hell ist, dass er all unsere Dunkelheiten überstrahlt.

Nicht unser Licht strahlt in die Zukunft, die Zukunft strahlt in uns hinein. In Christus wird es in jeder Kirche hell, in jedem Dasein, auch wenn es die dunkelste Grotte wäre. In Christus feiert die ewige Welt mit uns. Sie kommt zu uns, in unsere Schatten und Dunkelheiten, und füllt uns aus. Am 1. Advent leuchtet der Widerschein einer ganz großen Party durch die Tür, hinein in eine Welt, die nicht glauben kann, dass es eine so große Party überhaupt gibt. Christus schließt unseren Gottesdienst und alle irdischen Gottesdienste auf zu einem atemberaubenden Gottesdienst der unendlichen Art, zur Anbetung ohne Ende. Hinter der Tür steht nicht die schwarze Katze, sondern eine atemberaubende Aussicht – und es gibt jemand, der die Tür aufschließt. Da ist mehr Licht, als man glauben kann. Da ist viel mehr Licht, als irgendein Raum überhaupt schlucken kann. Hinter allen Wirklichkeiten steht unendliches Licht.

„Macht hoch die Tür“ heißt dann einfach nur: Licht reinlassen – weil hinter der Tür einfach nur Licht ist. .

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Benefizkonzert – Von Barock bis Pop

Sonntag, 19. November,  17 Uhr

„Auf eigenen Beinen“ – unter diesem Motto steht das Benefizkonzert für unsere langjährige Mitarbeiterin Natalie Henkel, zu dem wir Sie ganz herzlich einladen.

Bereits als Schülerin und später als Studentin arbeitete sie mit und für uns auf den Wochenmärkten und im Blumenhaus. Im Juni 2015 brachte sie ein schwerer Motorradunfall in den Rollstuhl. Die Schreckensdiagnose: Querschnitt ab dem 6 Brustwirbel. Neue medizinische Erkenntnisse geben ihr jetzt die Hoffnung, trotz Querschnittslähmung wieder auf die Beine zu kommen. Eine Ärztin aus einem Internetchat für Betroffene stellte Natalie in einem privaten Rehabilitationszentrum in Pforzheim vor. Bereits beim Probetraining stellten die Therapeuten Natalie auf die Beine. Mit ihrer Unterstützung und einem Rollator konnte Natalie sogar einige zaghafte Schritte machen. Obwohl diese Klinik das Laufen am Rollator als realistisches Therapieziel einstuft, verweigern die Kostenträger eine Kostenübernahme, da sie nach medizinischer Diagnose als austherapiert gilt. Offensichtlich ist eine Verbesserung ihres Zustandes möglich, doch hat Natalie nur die Wahl, entweder sich lebenslänglich als Rollifahrer abzufinden, oder 50.000,-€ aus eigener Tasche für die Therapie aufzubringen.

Eine Summe, die für einen jungen Menschen nicht so einfach zu stemmen ist. Auch wenn es für sie eine riesige Überwindung kostet, ihre Geschichte öffentlich zu machen und andere um Unterstützung zu bitten, setzt sie jetzt auf jeden einzelnen von uns. Somit spielen wir alle eine tragende Rolle in der Dramaturgie dieser Geschichte.

Am Sonntag, den 19.11.17 um 17 h gestaltet Kantorin Carola Rebentisch aus Bärenstein/Erzgebirge, durch ihre Konzerte mit KMD Matthias Süß bei uns bekannt, zusammen mit ihrer Tochter Diana und Lea Klarfeld ein Benefizkonzert für Natalie in unserer Christ-König-Kirche. Auf dem Programm steht ein musikalischer Gang durch die Jahrhunderte mit verschiedenen Besetzungen – von Orgel solo,  über Violine und Klavier, bis zum Blockflötentrio.
Dettingen an der Erms, Schubertstraße 18-20

Wir freuen uns, wenn Sie dabei sein können und darüber hinaus für jede Unterstützung für Natalie und die Aktion „Auf eigenen Beinen“ – auch im Weitersagen an Freunde und Bekannte.

Weitere Info: http://www.auf-eigenen-Beinen.com

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