Was hinter der Tür steht

1. Advent -Br. Markus- Offenbarung 5, 1-5

 

Man weiß nie – aber man kann es ahnen, bei einem Adventskalender zumindest – was hinter der Türe oder dem „Türchen“ ist. Je nach Hersteller ist es aus Schokolade oder aus dem Reformhaus, und je nach dem, wo einer steht, ergibt sich daraus eine freudige oder nicht so freudige Überraschung. Bei mir war es der berühmte schwarze Kater, der hinter der Tür nicht stand, sondern saß und voll eine abgekriegt hat, als ich die Tür aufgemacht hab. Riesenschreck für mich und Riesenschreck für Michel, unsere Gewächshauskatze. So kann es eben auch gehen, wenn hinter der Tür keine freudige Überraschung, sondern ein harter Schicksalsschlag wartet. Man sieht nicht hindurch durch die Tür, weiß manchmal nicht, woher der Wind weht, wohin die Reise geht. Wir wissen so viel und doch so wenig von dem, was auf uns wartet oder vor uns liegt. Türen, hinter denen das Schicksal lauert, begleiten uns lebenslang.

„Offenbarung“ heißt das Buch der Bibel, das sich mit der letzten Wahrheit beschäftigt, mit dem, was hinter allen Wirklichkeiten steht.

1. Was kein Auge sieht

Geben wir’s ruhig zu, wir wüßten’s doch alle gern, was auf uns wartet – heute Nachmittag oder morgen früh. Es muss ja nicht unbedingt die große Apokalypse sein. So ist der Mensch, dass er sich Gedanken macht, was auf ihn wartet und ob er bestehen kann im Kampf um’s Dasein. Wir wüßten’s brennend gern, was hinter jener magischen Tür verborgen ist, hinter der das Schicksal lauert, um uns zu erschrecken oder zu erfreuen. Manch einer erträgt sie nicht, diese große Lebensungewißheit. Millionen Horoskope werden gedruckt, und es wird tief in die Sterne geguckt, nur um den Schatten einer Ahnung zu bekommen, was auf uns warten könnte. Aber egal wie man’s anstellt, es funktioniert eben nicht – weder so, noch anders. Ob mit oder ohne Fahrplan oder Wetterbericht, keiner von uns weiß, wohin die Reise geht, keiner und keine, weil es kein Auge sieht. Wir wissen nicht, wenn wir eine Treppe runtergehen, ob wir unten ausrutschen, weil der Hausmeister vergessen zu streuen hat, oder ob unten der Postbote auf uns wartet mit einem Telegramm von der reichen Erbtante aus Amerika. Keiner weiß von uns, wenn er losgeht, ob er auch ankommt, ob unterwegs ein ganz anderer Plan, ein anderes Schicksal auf ihn wartet.

Jeder, der seine Zukunft mal geplant hat, muss zugeben, dass er sich verplant hat, dass alles ganz anders kam, als der eigene Lebens- oder Masterplan. Je nach dem, wie ehrlich man zu sich selber ist oder sein kann, muss man zugeben, dass jedes Schicksal ein Buch mit sieben Siegeln ist, das keiner erbrechen kann. Uns fehlt das Passwort zur eigenen Zukunft. Wer mit Gewalt an die Sache herangeht, vergewaltigt sich selbst mit dem eigenen Lebensplan, mit der Idee, wie es sein müsste, ich mich wünsche, hätte oder täte. Auf dem Weg zu mir selbst begegne ich einer ganz anderen Kraft, die wie eine schwarze oder weiße Katze hinter einer Tür lauert, die der Außenwelt. Schicksal trügt – meine Zukunft ist etwas, das ich nicht sehen oder steuern kann. Sie steht in den Sternen oder in jenem Buch, das ich nicht lesen kann, weil mir dazu die Zugangsdaten fehlen. Keine Zugriffsberechtigung für den Menschen auf Gottes Masterplan. Ich werde nie wissen, wie er aussieht, ich weiß nur eins: dass er stattfindet. Gott gehorcht keinem Rechenmodell. Es gibt keinen Schicksals-Allogarytmus, aufgrund dessen man begreifen kann, warum und wozu. Unsere Denk- und Sichtweisen, unser Fassungsvermögen und unser Verstand sind zu begrenzt.

2. Was kein Ohr hören kann

Hinter der Tür steht das Schicksal und wirkt auf uns ein. Man kann es verschweigen, aber nicht begreifen. Man spürt schon die Wirkung, die schön oder hart sein kann, nicht aber den Plan, dem es folgt. Es sei alles Zufall sagen sie – vielleicht aber auch nicht. Immer dann, wenn ein Leben gelebt ist, bricht sie spätestens auf, die Frage, ob da noch etwas ist oder nicht. Ein Buch mit sieben Siegeln – oder eben nicht. Je nach dem breche ich dann in eine große Zukunft oder die eigene Fantasielosigkeit auf. Was hinter jener letzten Tür des Todes steht, sieht man nicht, hört man nicht. Es ist so viel oder so wenig, wie einer glauben kann – oder viel mehr. Wir wissen nicht, was hinter dieser Türe steht. Es ist aber nicht Gottes Idee, den Menschen als einen unwissenden Trottel durch’s Leben zu jagen, auch dann nicht, wenn Unwissenheit Teil unseres Lebens ist.

Wissen ist Macht – aber nicht Allmacht. Wissen ist gut, aber nicht alles. Gott will, dass wir was wissen. Deshalb offenbart er sich. ER will aber noch viel mehr. Er will über alles Wissen und Verstehen eine Königsdisziplin: Vertrauen. Gott will, dass wir unser Wissen und Verstehen verwenden, um Vertrauen zu wagen. Gott will, dass wir als Wissende Vertrauen in ein Buch mit sieben Siegeln wagen. Gott enträtselt das Schicksal nicht, er schließt es durch einen Bevollmächtigten auf – was nicht heißt, dass sich dabei alles von selbst erklärt. Gott will den Menschen nicht als unwissend, er will ihn reif für das Geheimnis. Mit dem Geheimnis leben ist Gottes Plan – nicht weil es was zu verstecken gäbe, sondern weil da viel mehr ist, als man begreifen kann.

Der langweiligste Moment bei einem Adventskalender ist Weihnachten – dann, wenn alle Türchen schon geöffnet sind, alle Schokolade raus ist. Ein leerer Adventskalender turnt nicht mehr an, ein leeres Leben auch nicht. Gott sieht das Leben als Spannungsfeld, in dem unser Wissen durch sein Wort zum Vertrauen wachsen kann, Vertrauen in Wissen um die eigene Unwissenheit, Vertrauen wider besseres Wissen und Vertrauen durch unser Wissen – immer im Spannungsfeld, dass es noch etwas gibt, was ich nicht weiß und nie wissen werde. Fähig zu Gottes Geheimnis zu werden ist der Plan, fähig, zu lieben, so, wie der komplizierte Andere, der wie ein Buch mit sieben Siegeln ist. Gott will, dass Leben lebendig bleibt, elektrisch, nicht ohne zu wissen oder alles zu wissen, sondern im Ringen um Erkenntnis, um’s richtige Gewicht zwischen Wissen und Vertrauen. Gott will eine zweigleisige Beziehung, gut ausbalanciert, zwischen Wissen und Vertrauen. Er will kein Vertrauen ohne Wissen und kein Wissen ohne Vertrauen, er will den Doppelpack. Er will den um’s Vertrauen kämpfenden Menschen. Er lässt den Zweifel zu. Nur im Zweifel kann das Vertrauen echt werden.

Eben weil Gott keine Rindviechcher will, die applaudieren oder hinterher trotten, lässt er Zweifel geschehen. Gott will Menschen, die in ihren Zweifeln das Vertrauen wagen. Es geht darum, neu sehen zu lernen. Es geht darum, Wege zu sehen, wo keine sind, Straßen zu bauen, wo der Untergrund zu fehlen scheint, Licht anzuzünden, ohne eine Kerze zu haben. Das Vertrauen auf Gott kann nicht ohne Wissen um’s eigene Misstrauen wachsen. Es braucht eben das Wissen um den eigenen Abgrund, um zum echten Vertrauen zu werden, eben, weil Glaube gewagtes Vertrauen am eigenen Abgrund ist.

Was kein Auge sieht und kein Ohr hört ist

3. Atemberaubende Aussicht

Es gibt einen, der das Passwort kennt. „Einer hat gesiegt; er kann das Buch öffnen und seine sieben Siegel brechen.“

Christus öffnet die Tür. Christus öffnet Horizonte. Christus schafft Verbindung. In Christus durchdringt sich unsere Wirklichkeit mit der Wirklichkeit, die wir erwarten. In  Christus wird das Licht einer einzigen Kerze zum alles überstrahlenden Schein. Inmitten der Irrlichter der Welt erscheint ein nie verlöschendes Licht, das verbindende Element zwischen heute, hier und jetzt und dem immer leuchtenden Sein. Unser Glaube ist eben nicht begrenzt durch Türen, Vorhänge oder Scheuklappen, sondern findet den Blick hinaus in Gottes unendlichen Raum. Hinter der Tür ist kein Abstellraum. Hinter der Tür ist nicht das Hinterzimmer. Hinter der Tür ist nicht die Folterkammer. Hinter der Tür ist ein gigantischer Festsaal, der so hell ist, dass er all unsere Dunkelheiten überstrahlt.

Nicht unser Licht strahlt in die Zukunft, die Zukunft strahlt in uns hinein. In Christus wird es in jeder Kirche hell, in jedem Dasein, auch wenn es die dunkelste Grotte wäre. In Christus feiert die ewige Welt mit uns. Sie kommt zu uns, in unsere Schatten und Dunkelheiten, und füllt uns aus. Am 1. Advent leuchtet der Widerschein einer ganz großen Party durch die Tür, hinein in eine Welt, die nicht glauben kann, dass es eine so große Party überhaupt gibt. Christus schließt unseren Gottesdienst und alle irdischen Gottesdienste auf zu einem atemberaubenden Gottesdienst der unendlichen Art, zur Anbetung ohne Ende. Hinter der Tür steht nicht die schwarze Katze, sondern eine atemberaubende Aussicht – und es gibt jemand, der die Tür aufschließt. Da ist mehr Licht, als man glauben kann. Da ist viel mehr Licht, als irgendein Raum überhaupt schlucken kann. Hinter allen Wirklichkeiten steht unendliches Licht.

„Macht hoch die Tür“ heißt dann einfach nur: Licht reinlassen – weil hinter der Tür einfach nur Licht ist. .

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Benefizkonzert – Von Barock bis Pop

Sonntag, 19. November,  17 Uhr

„Auf eigenen Beinen“ – unter diesem Motto steht das Benefizkonzert für unsere langjährige Mitarbeiterin Natalie Henkel, zu dem wir Sie ganz herzlich einladen.

Bereits als Schülerin und später als Studentin arbeitete sie mit und für uns auf den Wochenmärkten und im Blumenhaus. Im Juni 2015 brachte sie ein schwerer Motorradunfall in den Rollstuhl. Die Schreckensdiagnose: Querschnitt ab dem 6 Brustwirbel. Neue medizinische Erkenntnisse geben ihr jetzt die Hoffnung, trotz Querschnittslähmung wieder auf die Beine zu kommen. Eine Ärztin aus einem Internetchat für Betroffene stellte Natalie in einem privaten Rehabilitationszentrum in Pforzheim vor. Bereits beim Probetraining stellten die Therapeuten Natalie auf die Beine. Mit ihrer Unterstützung und einem Rollator konnte Natalie sogar einige zaghafte Schritte machen. Obwohl diese Klinik das Laufen am Rollator als realistisches Therapieziel einstuft, verweigern die Kostenträger eine Kostenübernahme, da sie nach medizinischer Diagnose als austherapiert gilt. Offensichtlich ist eine Verbesserung ihres Zustandes möglich, doch hat Natalie nur die Wahl, entweder sich lebenslänglich als Rollifahrer abzufinden, oder 50.000,-€ aus eigener Tasche für die Therapie aufzubringen.

Eine Summe, die für einen jungen Menschen nicht so einfach zu stemmen ist. Auch wenn es für sie eine riesige Überwindung kostet, ihre Geschichte öffentlich zu machen und andere um Unterstützung zu bitten, setzt sie jetzt auf jeden einzelnen von uns. Somit spielen wir alle eine tragende Rolle in der Dramaturgie dieser Geschichte.

Am Sonntag, den 19.11.17 um 17 h gestaltet Kantorin Carola Rebentisch aus Bärenstein/Erzgebirge, durch ihre Konzerte mit KMD Matthias Süß bei uns bekannt, zusammen mit ihrer Tochter Diana und Lea Klarfeld ein Benefizkonzert für Natalie in unserer Christ-König-Kirche. Auf dem Programm steht ein musikalischer Gang durch die Jahrhunderte mit verschiedenen Besetzungen – von Orgel solo,  über Violine und Klavier, bis zum Blockflötentrio.
Dettingen an der Erms, Schubertstraße 18-20

Wir freuen uns, wenn Sie dabei sein können und darüber hinaus für jede Unterstützung für Natalie und die Aktion „Auf eigenen Beinen“ – auch im Weitersagen an Freunde und Bekannte.

Weitere Info: http://www.auf-eigenen-Beinen.com

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Auf in den Kampf

-Br. Markus – Matthäus 10, 35-39

Auf in den Kampf …

… die Schwiegermutter naht. Sie kennen das, das alte Jungscharlied. … siegesgewiss klappert ihr das Gebiss … und so weiter, und so fort. Der tiefe Sinn dieses Liedes hat sich mir nie ganz erschlossen. Ich fand’s aber trotzdem lustig, obwohl ich Kriegsdienstverweigerer bin.

Auf in den Kampf! Kämpfen ist wichtig, kämpfen ist angesagt. Gegen wen eigentlich und für was? Wir kämpfen gegen die Müdigkeit, gegen den Hunger in der Welt, gegen die Drogen und gegen soziale Ungerechtigkeit, für Unabhängigkeit und ein Mitspracherecht und immerhin und überhaupt einfach nur um’s Überleben. Und da bleibt es nicht aus, dass bei allem Kämpfen sich Sehnsucht ausbreitet, Sehnsucht nach Stille, Frieden und einer harmonischen Welt, Sehnsucht nach einer Welt ohne Streit. Da bietet sich die Religion an, die Frieden verspricht und uns zu uns selber finden lässt. Und so glaubt manch einer, daß der Glaube dazu dienen müsste, unsere Sehnsucht zur Ruhe finden zu lassen. Tut er auch, aber nicht nur. Das ist der erregende, der entscheidende Unterschied, der den Glauben zum Glauben macht.

Christus durchbricht knallhart unser religiöses Harmoniebedürfnis und macht klar, dass der Glaube mehr ist als eine religiöse Traumfabrik. Es geht um den Mehrwert des Lebens in Gott, das viele verschiedene Seiten hat und das auch eine sehr schattige Seite haben kann. Es geht um den Konflikt, der fester Bestandteil des Glaubens ist.

1.          Christus erregt

„Meint nur nicht, dass ich gekommen bin, um Frieden auf die Erde zu bringen. Nein, ich bringe Kampf!

Man muss den Text zweimal lesen, um sicher zu sein, dass man nicht aus Versehen die falsche Bibel erwischt hat. Der Friedensfürst Christus redet vom Kampf, vom Schwert, von Hass und von Streit. An anderer Stelle sagt Christus: „Wer das Schwert nimmt, soll durch’s Schwert umkommen.“ oder in der Bergpredigt: „Wenn ein er auf die eine Wange schlägt, so halte auch die andere hin.“ Zwei so unterschiedliche Aussagen des einen Christus scheinen nicht zusammenzupassen. Millionen von Kreuzrittern haben sich blindwütig verrannt.

Klar, das einfachste wäre, den heutigen Text einfach für unecht zu erklären. Damit wäre die Welt wieder in Ordnung. Es geht in der Tiefe aber um echten Glauben und echtes Leben, das eben in echter Auseinandersetzung steht zwischen echtem Gut und Böse. Christus ist Gottes Abtrennung gegen alles Böse in der Welt. In Christus nimmt Gott den Kampf auf. In Christus trennt sich Gott sehr deutlich von allem Nicht-Göttlichen ab. Leben ist eben das Gegenteil von Sterben. Genau darin ist die Grenze scharf, messerscharf. Der Glaube an Gott steht immer an dieser Grenze zum Bösen. Es geht zu allererst um den Kampf mit mir selber, weniger mit anderen, obwohl es sicher auch andere sein können, die mich negativ beeinflussen. Zuerst und zuletzt fordert Christus den Kampf mit mir selbst, mit allem, was in mir gegen ihn steht. Da ist es eben nicht die Stille und der Frieden, sondern der Kampf, der im Stillen in mir tobt und der gewonnen sein soll. Der Glaube an Gott kann nur da wirklich Glaube sein oder werden, wo der in der Auseinandersetzung mit meinem ganz persönlichen Unglauben geführt wird. Christus bringt mir den Streit mit mir selbst. Ohne diesen Konflikt wäre ich mit mir selbst ganz zufrieden, weil ich ja eigentlich ganz okay bin. Mit Christus oder im Glauben kann ich diese Selbstzufriedenheit erschüttern. Es braucht Christus, mich zu enttarnen. Christus erregt Gottes Widerspruch in mir. Er bringt eine zweite Meinung, die Meinung Gottes, in mir zum Tragen. Und das ist immer ein Konflikt, weil ich nach meinen eigenen Regeln lebe und strebe. Das ist ja auch nichts ehrenrühriges. Der Mensch muss, um zu überleben, um sich selber kämpfen. Die Frage ist nur immer, wie.

In dieser Auseinandersetzung ist Glaube ein Dauerkonflikt mit mir selbst. Es ist die eigentliche Schwierigkeit des Glaubens, diesen Konflikt auszuhalten und auszutragen. Es strengt eben an, sich selber auszuhalten, das eigene Unvermögen und wiederholte Versagen. Da sind die anderen Angebote im Supermarkt religiöser Strömungen schon wesentlich billiger, sprich: schmerzfreier – zu haben, scheinchristlich oder nicht. Gott mutet uns uns selber zu in unserer ungeschminkten Originalausgabe. Er mutet uns zu, alles abzuschneiden, was von ihm trennt. Gott bringt in Christus unser Kartenhaus zum Einsturz. Das ist Kampf um mich, mit mir und auch gegen mich. Da muss ich kein Schwert erheben, um gegen andere aufzustehen, es reicht völlig, mit mir selber fertig zu werden. Das kostet schon genug Kraft. Würde sich der Glaube diesem Kampf entziehen, wäre er tatsächlich ein Traumschloss, Opium für’s Volk.

Christus erregt Gottes Widerspruch in mir.

2.          Christus bewertet mich

Die schlimmsten Feinde werden in der eigenen Familie sein. Wer seinen Vater oder seine Mutter, seinen Sohn oder seine Tochter mehr liebt als mich, der ist es nicht wert, mein Jünger zu sein.

Christus schafft neue Werte, ein neues Wertesystem. Es geht um das, was wirklich wichtig ist, nicht nur um familiäre Bande – so wichtig, dass ich mir Zeit dafür nehme. Zeit hat keiner von uns. Deshalb sieht man eigentlich an dem, wofür man sich Zeit nimmt, was wichtig ist. Die Stärke von Liebe kann man nicht messen – die Gradzahl von Zuneigung, die man zu einem netten Menschen oder einem Hobby hat – schon aber die Zeit, die man damit verbringt oder die Priorität, die man ihr gibt. Und genau da hat Gott schon den unverschämten Ehrgeiz, auf Platz 1 zu landen. Gott hat den sportlichen Ehrgeiz, das Wichtigste in unserem Leben zu sein. Nicht mein frommes Leben, nicht alle guten Taten, nicht mein soziales Engagement bestimmen meinen Wert für Gott, sondern die Wichtigkeit, die ich ihm gebe.

Er will nicht unser einziger Gedanke, er will aber unser erster Gedanke sein. Die Priorität entscheidet. Christus entfremdet ja nicht, nicht in der Verwandtschaft und auch nicht mich selbst, aber er verbindet in neuer Form zu neuem Wert alle, die es schaffen, Abstand von sich selbst zu gewinnen. Das ist das Geheimnis wahren Lebens, mein wahres Ich, dass ich nur entdecken kann, wo ich den Mut aufbringe, Gottes Blickwinkel zu wagen. Wo ich nur das tue, was mir gerade einfällt, Spaß macht oder sonst was, komme ich nicht heraus aus meinem engen Korsett. Weil es aber mehr gibt, weil es auch ganz anders, viel schneller oder wesentlich leichter geht, deshalb will Gott uns in Bewegung bringen, uns verwirklichen auf seine Art. Das ist es, was uns wertvoll macht.

Der, der uns erregt und bewegt, ist auch der, der für uns

3.          Garantiert

Wer sich an sein Leben klammert, der wird es verlieren. Wer es aber für mich einsetzt, der wird es für immer gewinnen.“

Christus spricht eine göttliche Gewährleistung aus für alle, die den Mut haben, loszulassen, sich selbst in Frage zu stellen. Welchem Konzept ich mehr vertraue, ist meine eigene Entscheidung. Es gibt bei Christus kein Spassversprechen. Es gibt kein Harmonieversprechen und auch keine Wohlfühlgarantie. Sein Kreuz auf sich zu nehmen ist ganz klar schwer. Es ist ganz klar Kampf. Christus beschönigt nichts, im Gegenteil. Er schafft Realitätsbezug. Wer von Gott erregt lebt, erregt damit nicht nur sich selbst, sondern auch andere Gemüter. Das trifft mal mehr, mal weniger hart. In jedem Fall wird die Auseinandersetzung überall konkret, wo man versucht, konkret nachzufolgen.

Es ist nicht nur in der Geschichte unserer Bruderschaft, nicht nur in der ganzen Reformationsgeschichte wie in der gesamten Kirchengeschichte zu sehen. Sich selber zu verlieren, fällt keinem leicht, erst recht nicht in einer Zeit, in der die Selbstkontrolle das oberste Maß aller Dinge ist. Es geht in der Tiefe darum, für welchen Wert ich mich entscheide, den Wert, den andere oder ich mir geben oder den Wert, den Christus in mir erkennt. Zuletzt ist da immer die Angst, zu verlieren, zu kurz zu kommen oder nicht dabei zu sein, wenn die Post abgeht. Man kann sich’s ja nicht leisten, was verpasst zu haben auf dem Lebensweg. Die Angst zu verlieren und der Zweifel nagt. Die ist aber nicht nur auf dem Glaubensweg, die Angst ist auch da, wo ich mich ohne Gott entscheide. Mit Sportsgeist gelingt es also nicht, mit einem scharfen Schwert schon eher, die eigene Angst abzuschneiden, die im Weg steht.

„Auf in den Kampf“ ist deshalb kein oberflächlicher Schlachtruf. „Auf in den Kampf“ ist vielmehr das Motto, unter dem man es wagen kann, gegen den eigenen Schweinehund anzutreten. Es gibt nicht mehr als die göttliche Garantie. Die Kunst ist es nur, darauf zu vertrauen. Vertrauen ist bei Christus angesagt.

„Auf in den Kampf“ – damit wir’s finden, unser Leben, das Leben, das wirklich Leben ist, das Leben, das sich lohnt.

 

 

 

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Wie man als Kamel durchs Nadelöhr geht

Markus 10, 17-27

 

 

 

Ehrlich gesagt, weiß ich es auch nicht, weil ich noch nie ein Kamel war. Esel oder Kommerzschwein hat man mich schon öfter genannt, aber im Vergleich zu einem Kamel ist das immer noch klein. Schon als Goldhamster hätte man ein Problem, sollte man durch ein Nadelöhr kriechen – das sieht doch jeder ein. Da muss man gar nicht als Kamel geboren sein, um zu bemerken, dass es eng wird, sehr eng sogar. Selbst dann, wenn man sich schlank macht, irre schlank, passt man  nicht durch. Klar, so ein Nadelöhr ist eben klein, winzig sogar. Wäre doch Tierquälerei, wollte man selbst eine Ameise hindurchzwängen. Wie man’s auch anstellt, es geht nicht. Es klappt weder so noch anders. Mit und ohne Zauberei kann es nicht sein, dass es passt.

So unmöglich ist es, dass ein Reicher in’s Reich Gottes kommt – sagt Christus im heutigen Predigttext. Das ist hart, bretthart.

1.          Weil es unmöglich ist

Es ist eine traurige Geschichte, extrem traurig sogar. Sie erzählt von einem, der gescheitert ist, nicht geschafft hat, was zu schaffen war. Es ist die niederschmetternde Botschaft von einer gescheiterten Berufung. Da ist einer, der nicht konnte, obwohl er wollte, ein Jünger, der keiner geworden ist, weil’s nicht geklappt hat. Gescheitert trotz bester Voraussetzung. Gescheitert trotz tadelloser Biografie. Gescheitert trotz großem Einsatz.

Wie kann so was sein bei einem liebenden Jesus und einem gnädigen Gott? Wie kann es sein, dass hier kein Wunder geschieht, so dass der reiche Jüngling alles aufgibt und mitgeht? Es will einfach nicht klappen mit dem heutigen Sonntagswunder. Jesus, der Kranke gesund macht und Berufungen ausspricht, kriegt diesmal nix gebacken, wie es scheint. „Er ging traurig weg“ heißt es im Text.

Der, der ein zweiter Petrus und Johannes hätte sein können, geht weg, scheitert schon in der Vorstufe, bevor es überhaupt losgeht. Ein bestens qualifizierter, zum Jünger ideal geeigneter Mensch verpasst die Chance seines Lebens – und Christus lässt es geschehen, geht ihm nicht nach, greift nicht ein, setzt seine Anforderungen nicht herunter. „Das musste ja so kommen. Irgendwie ist der ja auch total überfordert. Christus überfordert den Mann – oder nicht?“ „Verkaufe alles, was du hast, und gib das Geld den Armen.“

Hätte Christus die Hälfte oder zehn Prozent gefordert, hätte es ja vielleicht geklappt mit einem neuen Jünger. Mit  einem gut situierten , gut verdienenden, finanziell begüterten Sponsor im Rücken – da hätte man es doch insgesamt viel leichter gehabt. Es sei eben eine ganz besondere Art der Berufung gewesen, meinen manche Theologen, nicht für die breite Masse gedacht. Wenn das jeder macht, so alles aufgeben und nachfolgen, wo komme man denn da hin? Ja, es ist wahr, es gibt in Jesu Jüngerschaft Menschen mit mehr Geld. Joseph von Arimathia ist Jünger und reicher Mann. Maria und Marta besitzen sogar ein Haus. Also wozu sich allzu viele Gedanken über diese Kamelpassage in der Bibel machen! „Geh hin und verkaufe alles“ – ist das an alle Christen gerichtet oder nur an ein paar dicke Problembären, die auf ihrem Zaster sitzen?

Schon klar, wenn einer nix auf dem Konto hat, tut er sich mit dem Sozialismus leichter. Ich kenne einen Menschen, der hat seine Berufung immer dann entdeckt, wenn der Kontostand immer mindestens bei minus 30.000.-  war – da wurde die innere Stimme immer lauter, in’s Kloster zu gehen. Traurig, aber war. Es geht aber um mehr, als nur um’s Geld. Christus ist nicht Cheguerra – auch wenn Gott ein sozialer Gott ist geht es hier nicht um den Sozialismus, der sowieso gescheitert und zum Scheitern verurteilt ist. Es geht nicht nur um’s Geld.

Am  Martinskirchturm in Kirchheim hängt zur Zeit ein großes Transparent mit einem Luther-Zitat: „Woran einer sein Herz hängt, das ist seine Gott.“ Es geht also um meine ganz persönliche Bindung an meine Wünsche und Träume und das, was mich ausmacht. Es geht sicher auch um Geld, aber nicht nur. Das wäre viel zu einfach. Wir könnten so die zwanzig Minuten einer Predigt nutzen, um auf reichen Leuten rumzuhauen, die sowieso nichts taugen, und sind dabei fein raus, getreu dem Motto „Meine Eltern waren arm aber rechtschaffen – und somit ich auch.“

Es geht aber um mehr. Es geht um das, woran mein Herz hängt. Es geht um die grundsätzliche Überforderung, die Christus anspricht, und die mit dem Glauben fest verbunden ist: Loszulassen – loslassen, woran mein Herz hängt. Das ist so unmöglich wie ein Kamel, das durch ein Nadelöhr muss – gerade deshalb, weil ja mein Herz daran hängt. Glaube ist die Unmöglichkeit, die mir Gott zumutet. Glaube ist meine Unmöglichkeit, mich von mir selbst zu verabschieden. Glaube ist loslassen. Glaube beginnt, Glaube zu sein, immer erst dann, wenn ich darauf verzichten kann, es selber zu machen.

Weil es unmöglich ist

2.          Geht Glaube anders

„Für Menschen ist es unmöglich, aber nicht für Gott. Für ihn ist alles möglich!“

Glaube ist mehr, als eine Ahnung. Er ist mehr als nur die Anstrengung, ein guter Mensch zu sein. Hätte der reiche Jüngling tatsächlich verkauft und verschenkt, hätte er geglaubt, ewiges Leben damit verdient zu haben. Aber genau das geht so nicht. Selbst wenn uns unsere Berufung heimatlos, familienlos, besitzlos oder schutzlos macht, heißt das noch lange nicht, dass daraus ein Rechtsanspruch auf ewiges Leben entsteht. Loslassen ist nur der kleine Schritt, der den Glauben wirklich zum Glauben macht, zu einem Vertrauensverhältnis, das auf Schenken beruht, nicht auf Verdienst. Auf diesem Weg zu einem Vertrauensverhältnis stehen die eigenen Sicherheiten streckenweise im Weg. Sie versperren die Sicht auf Gott. Nachfolge ist völlig anders. Nachfolge ist lebendiges Gespräch mit Gott, gemeinsam geplante Sache, gemeinsames Handeln, gemeinsam gestaltetes erstes Gebot. Das erste Gebot führt zur Veränderung unseres Denkens, nicht zur Aufgabe desselben. Gott will meinen Gedanken durch seinen Gedanken bereichern. Er will meine Fantasie durch seine Möglichkeiten erweitern. Er will mich in neue Räume führen, jenseits meiner Vorstellungskraft. Eben weil Gott mehr ist als ein menschliches Gedankengebäude, reicht sein Berufungsverständnis weiter. Das funktioniert nur, wo ich loslassen kann, Abschied feiern von allem, was Gott im Weg steht, auch wenn ich selber nicht erkennen kann, was hindert.

Es geht Gott nicht um’s Wegnehmen – ER will frei machen, vor allem auch vor aller Angst, vor der Angst zu verlieren. In eine volle Teetasse kann man nichts mehr einschenken – das ist eine alte Weisheit. Im Ruf zur Nachfolge ruft Gott zum Vertrauen, sich neu befüllen zu lassen. Es geht um eine durch Gott bereicherte Lebensweise. Wenn ich den Himalaya besteigen will, nehme ich dazu nicht mein altes Sofa und den Kühlschrank mit, auch nicht den Fernseher von Oma. Es würde auf dem Weg zum Gipfel nur hindern. Es geht darum, mit wenig Ballast möglichst schnell möglichst weit zu kommen. Das ist Gottes Idee für seine Kirche: vom unnötigen Ballast zu befreien. Er will keine Truppe fanatischer Asketen, die blind sind für die Schönheit der Schöpfung. Er will aber schon ein bisschen Sportsgeist bei allem, was er so macht. „Unbefangen mit dabei sein“ heißt die Devise. „Mir ist alles erlaubt, aber nicht alles nützt mir“ formuliert Paulus. Es geht dabei einfach nur darum, zu überlegen, was vorwärts bringt und was hindert.

Da gibt es keine Pauschalurteile. Reichtum kann nützen, aber auch hindern, Hobbys können beschleunigen, aber auch bremsen. Persönliche Vorstellungen sind manchmal eine Bereicherung und Belastung zugleich. Das ließe sich endlos fortsetzen. Es geht um den Handlungsspielraum, den Gott in uns hat. Sind wir Gottes Bremsklotz oder sein Turbolader? Gott will den Menschen ganz, nicht nur ein bisschen. Deshalb sollte es auch ganze Nachfolge geben, nicht nur ein bisschen, nicht nur scheibchenweise, zögerlich oder nach und nach.

Wenn man als Kamel durch ein Nadelöhr will, muss man sich schlank machen, irre schlank sogar. Und da stellt sich schon die Frage, welche frommen Steckenpferde oder kleine Sicherheiten noch mit durchpassen durch’s Nadelöhr, ohne kleinkariert zu sein. Gott ist großzügig. Er will keine bis auf’s letzte Gramm abgemagerten Helden des Glaubens. Da ist viel Spielraum. Natürlich ist das zuviel, als dass man’s machen könnte, und sicher ist es unzumutbar. Aber es macht den Glauben zu dem, was er ist, zum Abenteuer des Vertrauens. Wer dazu immer sein ganz persönliches Sofa braucht, kann nicht mit abheben, wenn die Post abgeht. So einfach ist das.

Glaube ist das Geschenk, nicht der Verdienst, der entsteht, wo ich auf mein gesundes Misstrauen verzichten kann. Es geht um eine völlig neue Beweglichkeit, die entsteht, dort, wo man dem berufenden Wort folgt und sich löst. Wo das Wort uns bewegt, muss man nicht traurig weggehen, sondern kann mit allen Gütern neue Schritte in ungeahnte Richtungen wagen. Als Kamel durch ein Nadelöhr passt nur der, der sich dafür schlank machen lässt.

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Multitalent für´s Kloster

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Konzert mit Weltklasse-Organist Felix Hell

Seoul, Bogota, San Francisco – Konzertorte 2017/18 auf der Webseite von Weltklasse-Organist Felix Hell, USA.

„In Frankreich, Spanien, Italien, Russland, Island, Lettland, Norwegen, Jamaica, Australien, Neuseeland, Singapur, Malaysia, Korea, Taiwan, Kanada und in den USA erspielte er sich in Kathedralen und Konzertsälen Kritiken höchsten Lobes. Allein in den USA gab er mehr als 500 Konzerte in 45 Bundesstaaten“ ist in seiner Vita zu lesen.

13-jährig spielte er sein erstes Konzert bei uns – und ist uns seitdem freundschaftlich verbunden.

Sein meisterhaftes, facettenreiches Spiel hören und genießen können ist ein unvergessliches Erlebnis –  wir laden herzlich dazu ein: zum Konzert mit Weltklasse-Organist Felix Hell an unserer nach Gottfried Silbermann disponierten Stehle-Orgel  am Sonntag, den 10. September um 17 h,  der Eintritt ist frei.

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Ja, Ja

Sonntag, den 27.08.17 -Br. Markus- 

Matthäus 21, 28-31

Es gibt tausend verschiedene Arten „Ja“ zu sagen.

Ja – (…………), ja (……………) ja,ja (………….)ja (……..) oder einfach nur ja (…………)

Was man damit meint, kann jeweils sehr verschieden sein. Die Palette reicht von „komme gleich“ bis „schau mer mal“. Beim Ja-sagen ist es, wie bei asiatischen Sprache, eine Betonungsfrage, was man genau damit meint – hoch oder tief, kurz oder lang. Das Ja-Wort des Glaubens soll ein ganz anderes sein als alle Ja-Worte der Welt, es soll ein Tat-Wort sein, völlig befreit vom menschlichen Riss, der zwischen unserem Denken und Tun so ist. Es soll eindeutig sein, schlicht und klar, ganz einfach „ja“. So einfach ist es aber nicht. Zu viele Ja-Worte scheitern nicht an der guten Absicht, sondern am Leben selbst, mit oder ohne Glaube, weil manchmal alles anders ist.

1.                Vom Ja-Wort

Ein Mann hatte zwei Söhne.

Christus stellt im Gleichnis zwei falsche Möglichkeiten vor. Beide sind eher schlecht als recht. Trotzdem besteht ein Unterschied, ein ganz erheblicher sogar, der reinhaut wie die berühmte Faust in den Pudding. „Huren und Betrüger sind  – besser“ sagt Christus. Das ist nicht nur unverschämt, sondern trifft hart, gerade wenn man sich Mühe gegeben hat, korrekt zu glauben. Das Motivationstraining von Jesus Christus ist ein knallharter Tiefschlag, eine gemeine Ernüchterung für alle Glaubenden. Der Christus, der predigt, dass Glaube Berge versetzt, predigt auch, dass der Glaube der Glaubenslosen mehr wert sein soll, als derer, die sich Mühe geben, exakt zu glauben. Lässt man die Tatsache weg, dass Christus sich im Dialog mit den Pharisäern befindet, versteht man viel eher die Wut, die entsteht, wenn da einer kommt, der behauptet, dass Huren die besseren – ich sag mal „Gläubigen“ sind.

Es ist nicht die einzige Stelle, an der Christus so brutal wird. Geschmacklos – oder? Mindestens schwer verdaulich! Da gibt man sich ein Leben lang Mühe und wird dann von denen überholt, die sich einen Schlauen gemacht haben. Die Versager, die vom anderen Ufer, die schrägen Vögel und was immer mehr, sollen mehr wert sein. Das haut rein, das zieht runter, schadet mehr, als es nutzt – oder nicht? Sieht so Gottes Motivation aus, die Gebote zu halten, wenn nachher derjenige mehr wert ist, der sie bricht? Kontraproduktiver geht’s wohl kaum. Im heutigen Gleichnis fehlt völlig das positive, Mut machende, aufbauende Element. Christus erzeugt Wut, schlimmer noch, religiöse Wut, indem er die Huren heilig spricht. Sowas macht man doch nicht.

Ein Mann hatte einen Weinberg …“

Christus wählt häufig den Weinberg als Beispiel oder Sinnbild für den Ort, wo sich der Glaube verwirklicht. Gott spricht alle an, die ihr Ja-Wort gegeben haben zur Arbeit im Weinberg des Herrn – uns! Unser Ja-Wort ist ein Winzer-Ja-Wort. Es war nie die Rede vom Schweben auf Wolke 7. Trotzdem gibt es immer Probleme, wenn Arbeit im Weinberg sich auch anfühlt wie Arbeit im Weinberg. Wenn die Sonne heiß vom Himmel brennt, der Zeitdruck steigt, die Arme wehtun gerät so manch ein Ja-Wort ins Wanken. Ich geb’s ganz ehrlich zu: Auch mir wär ein schattiger Weinberg im Hochsommer lieber. Ich genieße immer den Augenblick, wenn ich in unserem LKW die Klimaanlage auf Full-Speed stellen kann, immer dann, wenn draußen die Sonne gnadenlos brennt. Es stand nicht im Kleingedruckten, dass Glaube so wehtun kann wie Arbeit im Weinberg des Herrn. Noch weher tut es dann, wenn man zusehen muss, wie andere sich abseilen. Nicht diejenigen, die von Anfang an „nein“ gesagt haben, sondern die, die „ja“ sagten und deren Ja zum „Jaaaaaaaaa – aber“ oder „ähhhhhhhhh“, vielleicht auch „jain“ wurde. Die Ja-Sager und Nein-Tuer – in jedem von uns steckt so ein Quäntchen Nein, bei jedem „Ja“ das wir sprechen. Wir können gar nicht so sein, wie wir sein wollen, mit uns selber im Reinen, so völlig synchron in Wort und Tat, stimmig mit mir, mit Gott und dem Rest der Welt. Es überfordert uns, so zu sein, wie wir sein sollen, das Gute, was wir wollen, auch zu tun. Und doch fordert Christus das Unmögliche ein: Stimmig zu sein in Wort und Tat. Darin ist sein Urteil scharf. Wenn Glaube nicht zur Tat wird, ist er wertlos – egal, wie fromm der Einzelne seine stille Verneinung tarnt, sie bleibt hinter dem gesprochenen Ja zurück.

So vieles zerbricht nicht aus mangelnder Absicht, einfach aus zu großer Hitze oder Kälte oder sonst was. Es gibt immer einen plausiblen Grund, warum man nicht so konnte, wie man hätte wollen-sollen oder so. So verweht manch ein Ja-Wort im Winde der Ereignisse des Tages, des Lebens oder der schlimmen Enttäuschung über andere. Glaube aber ist Berufung zur Arbeit im Weinberg des Herrn. Eben weil das nichts mit Weltflucht zu tun hat, sondern konkrete Arbeit, auf konkrete Frucht ausgerichtet, treten konkrete Schwierigkeiten auf. Es nützt nichts, das Ja-Wort zurückzuziehen, einzugrenzen oder abzumildern – gerade dann nicht, wenn die Schwierigkeiten größer, anders oder härter als erwartet sind. Gerade da sollte ja der Glaube wirklich werden – nicht in der Reduzierung unseres Ja-Wortes, sondern in der Erweiterung. Ein Glaube, der das Ja-Wort einschränkt, schränkt die Frucht ein, die entstehen könnte durch unsere Mitarbeit im Weinberg des Herrn. „Wer nicht hackt, düngt und gießt erntet eher weniger“ – alte Gärtnerweisheit, gilt auch für Winzer. Ernte entsteht nicht durch Resignation, Weglaufen oder Sein-Lassen. Ernte entsteht durch Mühe um Frucht, tätige Mühe. Deshalb soll unser Ja immer ein Ja-Ja sein, Ja zu Gott, zugleich Ja zur damit verbundenen Mühe, damit wir nicht in unverbindlichen Absichtserklärungen stecken bleiben, unser Ja-Wort

2.                Zum Tat-Wort wird

Der Theologe Voigt meint, dass gerade unsere protestantische Kirche Gefahr läuft, nur Worte zu machen und dass eine immer nur „Worte-machende Kirche“ zur Kirche der nicht eingehaltenen Versprechungen werden kann.

Praktisch heißt das: Wenn unsere Meditation, unser Singen, unser Beten und unser Gottesdienst nicht zum Gottesdienst der Werke wird, war alles umsonst. Eine Kirche, die mit Nichtstun Gott dient, würde wohl auch keiner vermissen, wenn es sie gar nicht gäbe. Es gibt sie schon jetzt nicht. Wo keiner was tut, ist keine Kirche, bestenfalls religiöser Club. Christlicher Glaube versteht sich immer als Antwort auf Gottes Anruf, und diese Antwort ist ein Tat-Wort: „Hier bin ich, ja-ja!“ – synchron in meiner Absicht, das, was ich erkenne, auch zu tun. Gottes Wort will zum Tat-Wort werden in mir. Das hat nichts mit religiöser Geschäftigkeit oder krampfhaftem Aktionismus zu tun.

Es geht um mehr. Die Pharisäer waren religiös hoch aktiv. Wenn Aktion allein Gottes Absicht gewesen wäre, hätte Christus eher empfohlen: „Tue Gutes und rede darüber.“ Es ist aber anders. Im Gleichnis geht es um zwei Söhne: den Ja-Sager aber Nein-Tuer und den Nein-Sager aber Ja-Tuer. Beide haben den Riss in sich. Beide sind nicht das, was Gott sich vorstellt. Trotzdem wertet Christus den Nein-Sager auf in Gestalt von Huren und Betrügern. Nicht das Nein-Sagen wird zur Tugend erklärt, sondern die Bereitschaft zur Veränderung, das Nachdenken, Neudenken und das Ja-Tun. Gott wertet den Widerspruch zum Guten auf, das Tat-Wort. Gott nimmt sich das Recht heraus, sein Reich auszudehnen über die Grenzen der kirchlich Aktiven hinaus. Kirche wird zu einer Kirche der Täter, derer, die das Wort tun: Ja-ja. Es ist dann nicht mehr die Frage, was der andere tut und was er lässt, sondern vielmehr die Frage der Bereitschaft in mir, festzuhalten an alten Gewohnheiten oder aufzubrechen zur Veränderung, die das Wort in mir schafft. Gottes Ziel ist die Geschlossenheit der Person, die Stimmigkeit mit sich selbst, dass ein Ja auch ein Ja ist und ein Nein ein Nein. Christus allein beendet den Widerspruch in mir selbst, der mich von der einen auf die anderen auf die anderen Seite zieht. Es geht um die verwandelnde Kraft seines Wortes, das auch meine besten Absichten zur Wirklichkeit werden lässt. Ja-Ja.

Darin liegt die wahre Kraft der Kirche, unsere Kraft, über die Grenzen der Kraft des Einzelnen hinaus, die Kraft, Berge zu versetzen, die ohne unsere doppelte Zustimmung sitzen bleiben würden. Ein einfaches Ja reicht nicht. Es braucht das Doppelte, tausendfache Ja jeden Tag neu, die Hacke anzufassen, wenn der Weinberg voller Unkraut ist. In den nächsten Tagen beginnt die Weinlese. Ein großer Wein soll es schon werden im Weinberg des Herrn. Spätestens dann, wenn der gute Tropfen fertig ist, schmeckt man umso mehr, wie gut der Wein ist, wenn man mit an der Arbeit war – immer dann, wenn der Weinberg voll Disteln und Dornen war. Wenn der Wein fertig ist, wird er greifbar. Er ist ein genießbares Stück unseres Lebens, ein Stück aller Arbeit, die sicher nicht einfach war.

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