Wieder Danke sagen

Spendenaktion Gott-Vater-Glocke

Eine Glocke, die nicht mehr läutet ist wie ein Mensch, dessen Herz aufgehört hat zu schlagen.

Seit Dezember 2017 ist die Gott-Vater-Glocke in der Buchhalde stumm. Der warme, tiefe Klang, der sich nachmittags um drei Uhr über das Ermstal und die Albränder ausbreitete, schweigt aus Sicherheitsgründen. 20 Jahre treuer Dienst, machten dem Glockenjoch zu schaffen. Ein Materialfehler schwächte den Trägerbalken, an dem die 7 Tonnen schwere Glocke hängt. Das Joch bog sich durch und bildete Risse, so dass Läuten nicht mehr möglich war. Somit schweigt ein Dettinger Wahrzeichen und die viertschwerste Glocke von Württemberg.

Die Gott-Vater-Glocke ist eine Liebeserklärung an einen großen Gott. Die Blumenmönche läuteten täglich das „ich mag dich ja so“ in die Region, um den zu ehren, dem sie alles verdanken. Diese Glocke will einfach aber kraftvoll Danke sagen. Anbetung ist die stärkste Reaktion des Glaubens, die höchste Form der Verehrung, die dem Schöpfergott vorbehalten ist. Es ist noch mehr als ein traumhafter Rosenstrauß mit hundert langstieligen roten Rosen. Wenn solch eine tiefe, gehaltvolle Glocke schwingt, ist es wie beim großen Halleluja von Georg Friedrich Händel, bei dessen ersten Aufführung der englische König sich erhob und seine Krone ablegte.

Wo eine Glocke schweigt, schweigt die Botschaft, die sie eigentlich hinaustragen möchte. Für niemand erklingt mehr das, was diese Glocke zu sagen hat. Diese Glocke soll nicht den Frieden oder die Freiheit, sondern Gott selbst hinausläuten.

  

Gott ist – Gott war – Gott schafft

Dies bedeutet höchste Bewegung und Aktivität. Gottes Schaffen – bestätigt durch seine Schöpfung, voll Harmonie, in unendlicher Fülle – alles wohl durchdacht. Nichts hat ER dem Zufall überlassen. Gott klingt mit, wenn diese Glocke läutet.

* eine gewaltige Glocke (ca. 2 m hoch und ca. 2 m Durchmesser) weil Gott in seiner Größe überwältigend ist.

* einen tiefen, warmen Ton, weil Gottes Barmherzigkeit umfängt, unterfängt.

* die schwere Rippe (6.940 kg) damit Gottes kraftvolles Wirken weit und stark gehört wird.

Sieben Tonnen Erz in Form einer schwäbischen Gloriosa sind nur ein Versuch, „Danke“ zu sagen. Danke für Leben und Erleben an der Seite eines unsichtbaren Genies: Gott! Mit der Glocke klingt die Gewissheit, dass Gott lebt, liebt, schenkt, segnet, begnadet, heilt und erlöst. Alle Inschriften bezeugen einen aktiven, einen kämpferischen Gott, der sich das Konzept nicht aus der Hand nehmen lässt, auch in heutiger Zeit nicht.

Gott redet:ER mischt sich ein, ER hat nicht resigniert, ER ist nicht im Laufe der Geschichte verstummt, ER lässt den Dingen nicht ihren Lauf.

Gott hört: ER ist dabei, in allem als Gegenüber anwesend – bei unserem Beten, bei unserem Stöhnen, bei unserem Leiden. Gott hört das Geschrei der Gefolterten, das Stöhnen der Hungernden. Gott hört das Klagen der gebeutelten Schöpfung, den stummen Schrei der abgetriebenen Kinder, die Anbetung der Glaubenden oft mitten in der Nacht. Gott hört mit dem Herzen. Nichts geht ihm verloren.

Jede dieser Eigenschaften Gottes wird in die Welt hinausgerufen, wenn die Glocke ihre Stimme erhebt und läutet. Jedes Läuten bringt in Erinnerung, dass der lebendige Gott auch heute noch dynamisch in unserer Mitte ist.

Für die Anbetung Gottes ist das Beste gerade gut genug. Für den größten Gott das Größte – ER hat es verdient, das ist ER wert, zumal ER dem Land Württemberg über Jahrhunderte reichen geistlichen Segen geschenkt hat.

Sie soll wieder läuten

Sachverständige der Herforder Glockenspezialisten aus Österreich sagten: Sie kann wieder läuten! Das Joch muss mit einem massiveren und höheren Joch ausgetauscht werden. Dazu ist nötig, die Kecharismai-Glocke, die über der Gott-Vater-Glocke schwingt, mitsamt ihrem Glockenstuhl anzuheben, um mehr Raum für das größere Joch zu schaffen. Mit entsprechendem Hebewerkzeug, wird die große Glocke im Glockenturm mit dem neuen Trägerbalken umgerüstet. Mehrere Wochen sind für dieses Projekt veranschlagt, wobei die Bruderschaft mit ihren Haustechnikern einen großen Anteil mit bewältigen wird. Ein Teil der anfallenden Kosten kann von den Blumenmönchen bewältigt werden, doch für den Hauptanteil brauchen sie Ihre Unterstützung. Für eine Summe von 35.000 Euro, braucht es Menschen, die Danke sagen wollen. Diese Glocke soll für das Ermstal und darüber hinaus, den Dank von Menschen zusammenfassen und zum Klingen bringen.

Sagen Sie Danke

Werden Sie zu einem Teil der Dankbarkeit, die Menschen in der Anbetung verbindet. Stehen Sie mit dafür gerade, dass wir alle eine Stimme brauchen, die uns aufbaut und tröstet, die uns wachrüttelt und Mut macht. Engagieren Sie sich, dass zu den vielen Klängen, die auf uns einströmen, solche dazu kommen, die uns innehalten lassen und zum Gebet rufen. Helfen sie mit, dass unsere oft so hektischen Tage, wieder Ankerpunkte der Ruhe erhalten.

Jeder kleine Beitrag bringt eine stumme Stimme wieder zum Reden. Auch wenn sie finanziell nichts dazu beisteuern können, können Sie dieses Anliegen „hinausläuten“, damit in absehbarer Zeit unser aller Dank wieder erklingt. Geben Sie dem die Ehre, dem alle Ehre gebührt. Soli deo gloria.

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Herr, da bin ich

-Br. Markus- 2. Mose 3, 1-10

„Hallo … ist hier die 110 …. Ja, bei mir brennt’s … Schon, aber nicht richtig …. Ja, eigentlich nicht. Ne – es brennt irgendwie nicht richtig… Ja, er brennt, aber er verbrennt nicht. … Was meinen Sie? … Ja, ich hab auch schon gegoogelt, was für eine Art Feuer das ist, aber irgendwas stimmt hier am Berg nicht, ich hab keinen richtigen Empfang…. Was? …. Ich hab nix geraucht …. Also, hören Sie mal!“

So oder so ähnlich würde es sich heute anhören, wenn der Dornbusch brennt – nicht nur brennt, sondern auch spricht. Entweder ein Fall für die Feuerwehr – oder den Arzt, wie man das eben so macht, wenn einer Stimmen hört und keiner spricht.

Bei Mose ist es anders, ganz anders sogar. Er nimmt ein ganz außerordentliches Ereignis zum Anlass, seinen Lebens- und Karriereplan total zu verändern aufgrund einer einzigen Begegnung, einer Begegnung der anderen Art. Er gründet damit eine Tradition, die noch heute in der christlichen Kirche lebt: die Tradition, sich zur Verfügung zu stellen, die Tradition der Bereitschaft.

1. Wo Gott mich braucht

Mose ist nicht auf dem Selbstfindungstrip im Ayersrock im Ulurukatapark, um zu überlegen, wie er sich am besten selbst verwirklichen könnte. Schon klar, man findet die Arbeit, die man liebt, nicht über Nacht. Es geht ja auch nicht nur um Arbeit. Überhaupt läuft bei Mose einiges anders, als es heute so laufen würde. Er ist keiner von denen, die sich ein Leben lang alle Türen offen halten, um nichts zu verpassen. Schafe hüten am Horeb ist eher ein Aussteiger- als ein Karriereplan. Der Mörder Mose, der den Aufseher erschlagen hat, davor höchstrangiger Offizier in der Streitmacht des Pharao war – jetzt Schafe hütend – eher unter- als überfordert. Es ist nicht seine Idee, vom Führer der Schafe zum Führer des Volkes aufzusteigen. Es ist nicht seine Idee, geboren in der Hitze der Wüste, auf krause Gedanken gekommen, es ist Gottes Plan.
anders, als Mose sich denken kann,
anders als er will,
anders, als er sich gedacht hat.

Berufung durch Gott ist meistens anders, als ich mir das gedacht hab. Lebenspläne werden von mir selbst entwickelt. Gottes Plan wird von Gott gemacht, kommt von außen auf mich zu. Natürlich ist meine innere Stimme mit im Spiel. Es ist aber nicht meine innere Stimme, die mich beruft. Soviel kritische Auseinandersetzung mit mir selber muss sein. Es ist nicht die innere Stimme des Mose, die ihn zum Führer macht, sonst wäre die Welt bald voller Führer – eher dann Verführer – wie immer man das nennen mag. Gott beruft Mose. Das ist der Unterschied. Es ist nicht die Besinnung auf seine Stärken oder Begabungen. Mose sieht sich für den Job als unbegabt. Es ist Gottes Anruf. Es ist nicht das, was sich richtig anfühlt oder viel verspricht, es ist Gottes Wort allein. Wo Gott mich braucht, sagt ER, nicht ich, alles andere wäre Selbstbetrug.

Zum Professor an der Universität wird man von der Universität berufen, nicht aus dem Bauch heraus. Gott beruft mich, nicht ich. Es ist ein Wort, das er zu mir spricht. Ich bin die Antwort, nicht das Wort. Meine Idee ist richtig und wichtig, aber ER ist der erste Impuls, wichtiger als ich. Er kennt mich besser als ich. Er sieht Dinge in mir, die ich nicht sehen kann. Auch wenn ich zu nichts zu gebrauchen bin, hat Gott einen Plan, weil er das wahre Potential in mir sieht, das größer ist, als ich glauben kann. Es ist immer wieder in der Bibel von gewaltigen Karrieren die Rede. Trotzdem ist nicht jeder ein Mose oder David, der vom Hütejunge zum Kanzler wird.

Es ist kein Schema, das Gott anwendet, kein 7-Stufen-Plan, wie jeder schnell zum Führer von irgendwas wird. Berufung ist mehr, ist nicht der göttliche Weg ins Glück mit mir.  Berufungsgeschichten der Bibel sind auch Berufungen zu 40 Jahren Wüstenwanderung mit einem motzenden, unzufriedenen Nörgelhaufen an der Backe, der irgendwie immer blöde Probleme macht. Berufungen der Bibel haben selten den Charakter von Höhenflügen, eher den von beinharten Enttäuschungen. Gottes Weg mit mir führt mich nicht aufs Traumschiff, sondern aufs Kamel in die Wüste – jedenfalls bei Mose. Der Ruf ereignet sich mitten im Alltag, auf der alltäglichen Suche nach besserem Futter für die Schafe, also nicht bei einer Sitzmeditation im Sonnenaufgang, sondern bei schnöder, absolut stinknormaler Arbeit. Beim Schwitzen unter Schafen ist es ganz plötzlich da, das Gotteswort. Es kommt unerwartet, dass Gott spricht. Mose meditiert den brennenden Dornbusch nicht herbei. Gott spricht aus dem Dornbusch in den Alltag. Das macht den Alltag sehr plötzlich zum heiligen Raum der Begegnung. Ganz plötzlich wird die Ziegenwiese zur Kathedrale, zum Ort, an dem Gott vernehmbar wird – ein gigantischer Augenblick, der Moment der Herausforderung mindestens, eher der Überforderung.

Gott weiß, wo ich gebraucht werde. Dort

2. Ist mein Platz

Darum geh nach Ägypten, Mose! Ich sende dich zum Pharao, denn du sollst mein Volk Israel aus Ägypten herausführen!

Zum eigenen Pflegevater gehen, ihm sagen, dass jetzt Schluss ist mit DDR und Verstoß gegen jede gängige Konvention  – und dann abhauen mit zigtausend Mann – es ist kein Traumjob, der auf Mose wartet, lebensgefährlich  und unbequem. Der Exodus, der Weg durch die Wüste, wartet, nicht die Kreuzfahrt an Bord der „MS-Halleluja“.

Wir hatten ja jetzt die Gelegenheit, mit einer schönen Fähre ein paar Kilometer zu fahren. Das fühlt sich schon gut an, wenn dann der Kellner artig fragt „Bevorzugen Sie das Steak eher medium oder well done, Sir?“ Meine Schwestern haben mich noch nie „Sir“ genannt, das wollen wir jetzt aber demnächst einführen.

40 Jahre Wüste sind Gottes Programm für Mose und sein Volk. 40 Jahre Probleme auf dem Weg in ein gelobtes Land, das so verschwommen am Horizont schimmert, wie für Columbus sein Amerika. Kein Wunder, dass Mose nicht gleich total begeistert ist. Der Job, den Gott zu bieten hat, ist eher schwierig. Er überfordert nicht direkt, sieht aber schon wie eine Überforderung aus. Gott verspricht nicht, Mose glücklich zu machen. Er verspricht eine sinnvolle Lebensaufgabe – das ist ein Unterschied. Berufung ist nicht dazu geeignet, eine Glücksgarantie zu geben. Es macht aber glücklich, Erfüllung zu finden, die in jeder gelebten Berufung ist. Trotz allem ist es auch ein schmerzhafter Weg, weil jede gelebte Berufung auf Unebenheiten stößt, auf Dürre und Hitze der Wüste.

Jede religiöse Strömung, die vergisst, dass Israels Weg durch die Wüste geht, geht in die Irre. Es ist der von Gott gewiesene, somit von Gott unterstützte Weg, der Weg, auf dem er sich erweisen wird und kann. Er ist deshalb kein trostloser Weg und auch keine Überforderung, weil Gott speziell in der Wüste für die Wüste fit macht, so, dass man in der Wüste den wüsten Leuten trotzen kann. Das ist das Geheimnis des Exodus, das Gott auf der Strecke seinem Volk offenbaren will, dass es sich lohnt, sich in die Abhängigkeit Gottes zu begeben, obwohl diese Abhängigkeit manchmal wehtut. Gott will Mose für die Wüste. Er macht ihn fit für die Wüste, so, dass er vorausgehen kann.

Mose fehlt alles, was man für so einen Job braucht. Er hat weder den „Master of Sand und Steine“ noch den „Bachelor für Disteln, Dürre und Trockenheit“ – von psychologischer Betreuung störrischer Israeliten ganz zu schweigen.

Alles, was er brauchen wird, liegt in Gottes Hand, der Hand des Rufenden. Es braucht nur

3. Meine Bereitschaft

Herr, da bin ich.

Mose stellt sich dem Ruf, dem rufenden Wort aus dem Dornbusch. Natürlich ist da auch Angst, Neugier. Natürlich sind da auch viele Bedenken vor so einem riskanten Job. Mose ist eben keiner von denen, die mit Begeisterung in glühende Kohlen springen, um den anderen zu zeigen, was für ein toller Hecht er ist. Im weiteren Verlauf des Textes bringt Mose eine Menge Bedenken ein, die jeder ganz normale Mensch hat bei so einem Riesenprojekt. „Herr, da bin ich“ und „Herr, ich kann nicht“ sind von ein- und demselben Mann gesprochen. Mose weiß, dass der Hut zwei Nummern zu groß ist, den er tragen soll. Er ist kein unerschrockener Held des Glaubens, der ohne zu zucken losreitet, unerschrocken, voll felsenfester Gewissheit. Mose sagt nicht: „Heute gehört uns Ägypten, und morgen des ganze Suezkanal.“ Ne, so läuft das nicht. Die Bereitschaft, aufzustehen und loszugehen, ist immer ein Kampf. Seit Mose ist das so, ist heute noch so.

So manch einer, der begeistert losgerannt ist, ist steckengeblieben, als die Begeisterung nachgelassen hat. Im heißen Sand der Sahara stirbt die Begeisterung schneller, als man glaubt. Allein der Glaube kann helfen, die Wüste zu durchqueren. Es ist keine Schande, einzugestehen, dass man dabei nicht immer voll felsenfester Gewissheit ist. Mose ist das nicht. Der Katalog seiner Einwände füllt nahezu zwei weitere Kapitel der Bibel. Er weiß, dass es schief gehen kann. Jeder, der sich auf den Weg der Berufung macht, weiß, dass es nicht einfach ist.

Auch wenn es heute nicht der brennende Dornbusch ist, der zu uns redet, so ist doch das Wort Gottes dieselbe Kraft, dieselbe Herausforderung. Jeder kann sie hören, der sie hören will. Die Stimme der Berufung ist heute noch zu vernehmen – auf andere Art, aber immer noch da, wo ein Mensch wirklich still genug ist, um zu hören  – still im Sinne von aufmerksam für das, was Gott in Christus wirklich zu sagen hat. Es geht nicht um stille Selbstbespiegelung, es geht um stille Erfahrung des rufenden Gottes.

Wer durch keine Tür geht und keinen Schritt nach vorne tut, dem fallen Jahr für Jahr die Türen eine nach der anderen zu“ erkennt Paul Roth in einem Gedicht.

Es ist ein lebenslanger Prozess, Berufung zu finden, in Erfahrung zu bringen, wo Gott mich braucht, wann, in welchem Augenblick, zu was. Es braucht dann keine Helden mehr, nur einen einzigen, eher schlichten Satz: „Herr, da bin ich.“

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Angekommen

– Br. Markus – Johannes 12, 44-50

„Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Die Dame aus dem Navi lässt keine Zweifel aufkommen – wir haben`s geschafft, wir sind da, da wo wir hinwollten. Wenn der Flieger wieder aufsetzt, der Zug in den Bahnhof rollt oder die Fähre anlegt, ist der Fall klar: Wir sind angekommen. Was beim Verreisen so leicht ist, ist beim Versenden von Worten schon schwerer. So manches Wort, das gesprochen wird, erreicht den anderen nicht – den, der direkt neben mir steht, so, als ob tausende Kilometer zwischen uns wären.

An Weihnachten kommt Gott in Christus zu uns – und kommt nicht an – bei manchen schon, nicht aber bei allen. Es ist fast wie bei einem Geschenk, das, obwohl es ankommt, nicht ankommt oder aber verschmäht wird. Damit es besser oder sicher ankommt, gibt es den heutigen Predigttext. Christus verdeutlicht sein Lebenswerk, den Sinn seines Wirkens, das Ziel seiner Mission.

In Christus stellt Gott sein Profil in die Welt.

1. Hier ist Gott

„Wer an mich glaubt, der glaubt in Wahrheit an den, der mich gesandt hat.

Weihnachten – Gott kommt in die Welt. Er kommt in Christus an, betritt unseren Boden. Der unsichtbare Gott wird zu einem sichtbaren Menschen in unserer sichtbaren Welt. Christus ist mehr als eine Reise Gottes, so wie von a nach b oder seiner Zeit in unsere. Christus ist die Verwandlung Gottes in einen Menschen. Das ist so unfassbar groß, dass es bis heute trennend zwischen den Religionen steht. Christus ist nicht die
Nr. 2 neben dem einen Gott, er ist keine weitere Figur, wie im griechischen Götterhimmel, sondern Gott selbst, der eine, einzige Gott in einer anderen Gestalt. Christus ist Gott selbst, der sich nicht zu schade war, Mensch zu sein, Mensch unter Menschen, menschlich klein, Menschen ausgeliefert. Das ist unser Glaubensinhalt, unverzichtbarer Bestandteil des Glaubens. Christus ist Gott selbst, das Wort, das unter uns zeltet.

Der Theologe Voigt sagt sinngemäß: Gott wird selbst ein Stück Welt. Er wird es so sehr, dass man das Göttliche ganz übersehen kann, ja übersehen muss.

Hier ist Gott. Er kommt in Christus an, wird zum Stück Welt, das Christus heißt. Christus ist sicher auch Prophet oder Bote, wie ihn der Islam versteht, Wunderheiler oder Lehrer, aber weit darüber hinaus der verwandelnde Gott, der zum Verwechseln ähnliche menschliche Gott, der nicht über Cherubim thront, sondern mitten unter uns liegt, krippen-groß, relativ klein. Gott ist in Christus verwechselbar geworden, verwechselbar mit einem Menschen, weil er menschlicher geworden ist, als man glauben kann – was aber nicht heißt, dass er nur Mensch wäre  und aufgehört hätte, Gott zu sein. Er ist nicht nur Bruder unter Brüder, sonst wäre der Glaube an ihn nur das Für-wahr-halten eines außergewöhnlichen Menschen. Der christliche Glaube hat eine größer gefasste Vorstellung von Gott. Wir glauben Gott nicht als starre Figur, sondern als wandlungsfähige Macht. „Am Anfang war das Wort, Gott war das Wort, in ihm war das Leben.“ Ganz gleich, in welcher Gestalt oder Form sich Gott zeigt, es bleibt ein und derselbe Gott, ein nicht zu kategorisierendes Wesen.

Christus verweist nicht umsonst zurück auf den Vater. Der christliche Glaube richtet sich nicht auf Menschen, Personen oder Sachen aus, sondern immer auf Gott allein. Christus glauben ist etwas anderes als eine Übertragung meiner Wünsche und Sehnsüchte in eine bessere Welt. Christus glauben heißt, aufmerksam werden für Gott, der in Menschengestalt angekommen ist, hier ist, jetzt, ansprechbar für alles, was sich keiner zu sagen traut. Hier ist Gott in Christus. Er tritt streckenweise total ungöttlich auf, so zweifelhaft in seiner Erscheinung, dass es viele selbst heute noch nicht glauben können. Zu ungöttlich erst recht sein Scheitern am Kreuz, zu wenig heil, zu wenig glanzvoll, zu wenig entspannt scheint er, als dass man so was heute noch glauben könnte. Genau deshalb verkündet es Jesus laut – nicht leise, wie es modern geworden ist, sondern laut, dass er ein Gott zum Anfassen ist, ein anderer, als Rache- oder Glücksgötter sind, die Menschen erdacht haben. Christus ist Gott, mit dem man reden kann, einer, der sich zum Mensch gewandelt hat und zurück und trotzdem geblieben ist, wer er ist: Gott.

Hier ist Gott, und somit auch

2. Hier ist das Licht

Ich bin als das Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, nicht länger in der Dunkelheit leben muss.

Da sind Millionen Lichter über der Stadt, Millionen von Sternen leuchten bei klarem Wetter in den Nachthimmel hinein. Wenn die Sonne untergegangen ist, hilft der elektrische Strom, ein wenig klarer zu sehen. Romantischer ist nur noch der Kerzenschein. Natürlich braucht der Mensch Licht zum Leben.

Was aber heißt es, Licht der Welt zu sein? Christus ist ja nicht die Cappuccino-Strategie Gottes, bei der man an was Schönes, Warmes, Helles glauben muss, um ein bisschen Glanz für’s arme Dasein zu gewinnen. Christus ist das Gegenteil aller  Finsternis, die uns umgibt. Das hat durchaus was Warmes, Helles wie von einer Kerze, die in der Dunkelheit scheint, viel mehr aber etwas von jenem harten Kontrast, der zwischen Licht und Dunkel ist. Man kann nicht gleichzeitig nass und trocken sein. Das Licht der Welt zu sein, bedeutet, in der Auseinandersetzung mit der Finsternis zu stehen, was alles andere als bequem ist.

„Hier ist das Licht“ bedeutet: Hier ist weniger Platz für Finsternis – und das ist ein Konflikt. Finsternis versteht die Bibel nicht nur als Mord und Totschlag, Lug und Betrug oder das lähmende Entsetzen, das entsteht oder die Ratlosigkeit aus all dem, was daneben geht auf dem Planet. Finsternis ist zu allererst da, wo sich der Mensch abriegelt gegen Gott. Finsternis ist eine Art der Verschlossenheit, des Sich-Versperrens gegen Gott. Finsternis ist Verstandesmissbrauch gegen Gott. Finsternis ist Gefühlsmissbrauch gegen Gott. Finsternis ist Freiheitsmissbrauch gegen Gott.

Die daraus folgenden Taten sind nur die Wirkung einer beschatteten oder unbeleuchteten Denkweise. Darin schlummert unglaublich viel Zoff – eben weil es nicht nur die Nicht-Christen sind, die die Welt verdunkeln, sondern manchmal auch wir Christen selbst, auch die Kirche, das müssen wir uns eingestehen. Man kann sich auch voll fester religiöser Überzeugung gegen Gott abriegeln, also finster sein, solange man sich nur einredet, zu den Erleuchteten zu gehören. Vielleicht ist das sogar die schlimmste Art des Beschattetseins. Golgatha ist ein Beispiel davon.

Es geht um Verschlossenheit bei frommen und nicht-frommen Menschen. Christus strahlt in die Verschlossenheit. Er will klar machen, dass es total anders sein kann, als ich es persönlich wahrnehme.

Der Theologe Voigt sagt: „Es hat nicht viel Sinn, denen, die das Licht nicht kennen, einreden zu wollen, sie tappten im Dunkeln.“ Und er führt aus „zur Erhellung der Welt tragen auch solche bei, die Jesus nicht kennen.“

Von Christus erleuchtet sein bedeutet also nicht, es immer besser zu wissen als die armen, umnachteten anderen. Erleuchtet sein bedeutet, wach zu werden, bei ausreichend Sonnenschein zu prüfen, ob meine Empfindungen wirklich richtig sind, ob ich es wirklich richtig verstanden hab, ob ich es wirklich richtig gemacht habe. Hätte das die Kirche immer getan, hätte man z.B. die Eisenbahn nie zum Werk des Teufels erklären müssen, und ob der Papst der Antichrist ist, selbst wenn der Vatikan Verbindungen zur Mafia hat, wollte ich nicht mit Sicherheit behaupten. Schlimmer dabei ist, dass es Menschen gibt, die eben deshalb nicht an Christus glauben wollen oder können, weil sie zu Recht die Verdunklung befürchten, die religiöse Beschränktheit verursacht. „Hier ist das Licht“ ruft Christus, und ruft dazu auf, sich in den hellen, heißen Scheinwerfer Gottes zu stellen.

Nur in diesem Licht ist auch das Leben.

3. Hier ist das Leben

Ich bin nicht als Richter in die Welt gekommen, sondern als ihr Retter …. Was Gott mir aufgetragen hat zu sagen, führt euch zum Leben.

In Christus ist das Leben eingetroffen – das Leben, das nur einer geben kann, das Leben, das so ganz anders ist, als das, was wir auf dem Friedhof abgeben müssen. Alles, was Gott ist und tut, ist bestimmt von diesem Lebensplan. Von Anbeginn der Schöpfung geht es um nichts anderes – sonst hätte Gott den Urknall nicht knallen lassen, ohne seinen Lebensplan. Gott will Leben, nichts anderes. Somit will Christus und wir, Religion und Kirche nichts anderes. Wir hören nicht am Grabstein damit auf. Wir sind die Weitermacher, die Überleber. Unersättlich folgen wir Gottes Plan. Er ist lebendig bei uns angekommen und will, dass wir bei ihm lebendig ankommen. So einfach ist der Plan. Wir sind nicht die Sachwalter von Hölle, Tod und Teufel, sondern Mitgestalter des göttlichen Lebensplans. Leben ist unsere Zukunft, Leben ist der Masterplan. Er will nicht, dass wir uns mit den kleinen oder größeren Schweinereien selber ausbremsen oder abtöten.

Er will Leben ohne den Schatten, Leben im Licht. Das ist mehr, als nur ein Lichtblick. Es ist unsere Zukunft, die heute schon da ist. Hier ist das Leben. Es steht vor uns wie ein großes Paket, das der Weihnachtsmann abgeliefert hat, ein großes Paket mit gigantischer Aussicht: Leben im Licht. Es kann nur ein Leben in dieser Helligkeitsstufe sein, alles andere überlebt nicht.

Das Licht ist angekommen. Man kann es nicht schöner sagen als Papst Johannes Paul II: „Reißt die Türen weit auf für Christus.“ 

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Die Straße des Trostes

-Br. Markus- Jesaja 40, 1-8

In Frankreich gibt’s so was ähnliches, 311 km von Lyon nach Marseille. Sie heißt Autoroute de Soleil, „Straße der Sonne“. Schöner Name für eine Autobahn, klingt schon ganz anders als „Drackensteiner Hang“ oder „Hunsrück“. „Straße der Sonne“ – gebaut für hunderttausende Urlauber, um in den Süden zu rollen, gute Laune zu tanken in Nizza, Monaco oder Cannes, strahlend wie das wolkenlose Blau des Himmels über der Cote d’Azur. In Wirklichkeit ist diese Straße aber nicht ganz so sonnig, wie der Name verspricht. Am 16. Februar 1980 kam es eben auf dieser Straße zum längsten Stau der Welt. 176 km Blockade, 176 km Abgas, 176 km Frust statt Soleil – meiner Meinung nach hätte dieses Straße sowieso „Autoroude de Fondrière“ heißen müssen (zu deutsch: Schlagloch).Aber mich fragt ja keiner. Für so was nehmen die dann auch noch Maut.

Nicht immer hält die Straße das, was ihr Name verspricht. Deshalb ist es umso schöner, wenn man eine Straße hat, bei der das anders ist, eine Straße, die viel mehr hält, als sie verspricht.

1. Die Wüste

„Bahnt dem Herrn einen Weg durch die Wüste!….

Der Prophet erkennt einen neuen Weg, eine ganz andere Art von Straße, die es braucht, um hinauszugelangen aus der Dunkelheit, der Sackgasse der Zeit. Jesaja sieht eine Straße, wo nur Wüste ist, kein Weg zu sein scheint, Ausweglosigkeit. Vielleicht erinnert sich ja der eine oder andere noch an die B28 neu, wie lange es gedauert hat. Jahrzehntelange Suche, endlose Diskussion, Baubeginn, als keiner mehr dran geglaubt hat – und das bei einer ganz normalen Bundesstraße. Die Straße des Trostes ist ein ganz neuer, ein ganz anderer, völlig verrückter Weg, dementsprechend gestaltet sich die Planungsphase für ihn. Der neue Weg Gottes zum Menschen hat ein ganz außerordentliches Plan-Feststellungs-Verfahren. Es ändert den Flächennutzungsplan von Grund auf. Gott will in Christus in die Wüste gehen, durch die Wüste einen neuen Weg bauen, eine Autobahn der Hoffnung in die Wüste der Menschheit.

Das ist mehr, als nur eine Brücke über den Abgrund, das ist das Projekt des Jahrtausends, wenn nicht der Zeit überhaupt. Eine Straße des Trostes für eine untröstliche Welt, eine Straße des Lichts in eine verdunkelte Zeit, eine Straße der Hoffnung, wo nichts mehr zu hoffen bleibt. Gott ist und war immer ein Straßenbauer. Er ist definitiv kein Maurer, niemals ein Mauer-Bauer. Gott baut Wege in die Wüste, keine Mauern an die Grenze. Er schafft Wege hinaus, keine Endstationen oder Schlagbäume. Es geht um die Wüste, in der der Mensch lebt, wenn er ohne Gott lebt.

die Wüste Angst, die Wüste Nacht, die Wüste Sorge, und die Wüste Panik…

Jeder von uns hat seine eigene Wüste. Die Wüstenabgründe, die in jedem Mensch schlummern und sich auftun, sobald er ohne Gott unterwegs ist. Die Wüste Schuld, die im Laufe jedes Lebens ganz automatisch entsteht, ob man will oder nicht. Es bringt nichts, sich was vorzumachen oder abzuhauen. Wüste ist unser Schicksal, weil ein Leben, ohne schuldig zu werden, unmöglich ist. Es ist nur eine Frage, wie hoch oder tief die Berge der Schuld sind, die der Einzelne produziert, und wie ehrlich man zu sich selber ist. Schuld ist eben keine erlernte Angst, die entsteht aus Mangel an Vernunft, Schuld ist etwas ganz anderes, als nur ein Schuldgefühl. Schuld ist die Wüste, die entsteht, wenn ich die Interessen des anderen verletze. Schuld ist die Wüste, die entsteht, wo ich die Interessen Gottes missachte. Schuld ist die Wüste, die entsteht, wo ich den anderen ausblende. Verdorrt, ausgetrocknet, rissig, versandet, verstaubt und unfruchtbar ist diese Art zu leben, selbst da, wo man sie mit grellbunten Farben überlackiert, aufhübscht oder wegdiskutiert. Wüste bleibt Wüste – ob ich sie erkennen will oder nicht. Noch schlimmer, wenn die Religion missbraucht wird, um in anderen Schuldgefühle zu erzeugen. Das ist nicht Gottes Plan – sich selber einzugestehen aber schon.

Dort kann echter, tiefer Trost entstehen, durch

2. Das Wort

Die Straße des Trostes hat eine einzigartige Statik, haltbarer als Stahlbeton. Das Gras verdorrt, die Blumen verwelken, aber das Wort unseres Gottes bleibt gültig für immer und ewig.“

Gottes Wort garantiert die Tragfähigkeit. Die Straße des Trostes ist kein billiger Ausweg aus selber gemachten Problemen. Die Straße des Trostes ist der einzige Weg der bleibt, wenn alle anderen Gassen zur Sackgasse geworden sind. Gottes Trost wird gerade darin zum starken Trost, dass er wird in Echtzeit, bei wirklichen Schwierigkeiten im wirklichen Leben. Eben darin liegt ein gewaltiger Unterschied zu allen anderen billigen Trostpflastern. Gottes Wort ist kein „Kopf hoch, wird schon wieder“ nach dem Aufmunterungsprinzip. Auch kein: „Immer, wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ So schön das klingt, so wenig ist es dafür tauglich, echter Trost zu sein – gerade dann, wenn von irgendwo eher irgendwie gar nichts kommt oder noch mehr als man ertragen kann. Die Straße des Trostes ist kein Boulevard der schönen Worte oder rosaroten Versprechungen. Es ist manchmal nicht halb so schlimm, sondern doppelt so schlimm, wie es aussieht, und es gibt Situationen, in denen der größte Optimist nicht mehr weiter weiß.

Genau da fängt Gott in Christus erst an: am Ende meines Optimismus. Es steht nirgends geschrieben, dass ein Christ nicht optimistisch sein darf. Optimismus ist bestenfalls die halbe Miete. Was mach ich sonst, wenn mir die Felle davon schwimmen, wenn ich erkenne, dass ich die Ziele meines Lebens nicht erreiche, der gute Eindruck, den ich von mir hatte, langsam nachlässt, der Zahn der Zeit an meinem Felsen „Überzeugungen“ nagt, wenns draußen länger dunkel bleibt und kälter, als erwartet, und überhaupt alles so ganz anders ist, als man mir versprochen hat wenn ich aus Versehen genau falsch rum gefahren bin und gar nicht gemerkt hab, dass ich mich im Kreise dreh – wie im Labyrinth, verstrickt in falsche Erwartungen und zu hohe Träume, irrige Ideen. Die Straße des Trostes braucht man nicht dann, wenn man sich einbildet, falsch gefahren zu sein, sondern wenn man falsch gefahren ist. Wenn die letzte Eigentrostreserve verbraucht ist, fängt Christus an.

Der Tröster, den der Vater senden wird, ist kein Vertröster, sondern ein echter Mann des Zuspruchs – nicht nur für die eigene, ganz persönliche Trostlosigkeit, sondern für die Trostlosigkeit der Welt, die mich umgibt. Es entsteht auch ohne meine Schuld Trostlosigkeit, Dunkelheit und Wüste in der Welt, Entsetzen, das mich sprachlos macht. Advent, Advent, ein Lichtlein brennt, erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier – dann steht der nächste Selbstmordattentäter vor der Tür – und keiner kann etwas dafür. Man muss nicht Trump oder Putin heißen, um Schuld am Elend der Welt zu sein. Es ereignet sich von ganz allein, in Syrien, im Kongo und in Afghanistan. Wollte man eine Liste der Trostlosigkeiten anfertigen, würde wohl der Papiervorrat ausgehen. Starken Trost brauche ich auch dann, wenn ich gar nichts dafür kann, auch dann, gerade dann, wenn das Unheil überraschend über mich hereinbricht, aus dem Nichts auftaucht und mir den Schlaf raubt. Wenn das Böse unerklärbar ist wie blinder Hass und fanatische Wut, auch dann braucht es Worte, die schwerer wiegen als alle Worte dieser Welt.

Es braucht diese neue Straße, den

3. Asphalt für die Ewigkeit

In Christus will Gott einen neuen Weg. Er baut eine völlig neue Straße zum Menschen, breiter, gerader, schneller. An Weihnachten wird die Sache konkret. Da wird nicht länger verhandelt oder geprüft, da ist Baubeginn. Die Straße des Trostes kommt in die Welt, schafft eine neue Verbindung von Gott zu uns und umgedreht, beidseitig befahrbar. Es beginnt schon vor zweitausend Jahren, dauert immer noch an und reicht in die Zukunft hinein. Die Straße des Trostes soll eine alles mit allem verbindende, weltumspannende Straße, eine unendliche Piste sein durch Raum und Zeit. In Christus entsteht Gottes Asphalt für die Ewigkeit. Auf dieser Straße werden wir, wer wir wirklich sind: getröstete Tröster. Auf dieser Straße ereignet sich Gott. Christus blendet die Schuld nicht aus, ganz im Gegenteil. In Christus finden wir Kraft, unsere Schuld anzuschauen. In Christus steht Gott für uns gerade, weil keiner von uns für sich selber gerade stehen kann. Nicht durch Schönreden, Ausblenden oder Überdröhnen, sondern durch Geradestehen für uns entsteht der einzige, wirklich brauchbare, der echte, tiefgreifende Trost, der Trost, der seinen Namen auch wirklich verdient, die Straße auf der man fahren kann. Gott steht für mich gerade. Das allein vermag die Welt zu trösten, dass einer da ist, der sie einfach wegwischen kann, die Schuldenberge von heute, damals und morgen.

In Christus entsteht eine Straße, die die Welt verändert, stärker als es die Europabrücke oder irgend eine andere Straße kann. Die Straße des Trostes ist ein interaktives Bauwerk, das alle verwandelt, die es benutzen. Auf ihr sind alle Menschen gleich, gleichermaßen untröstlich, gleichermaßen getröstet, gleichermaßen zum Tröster geworden. Auf der Straße des Trostes gibt es keinen Unterschied, weil alle Menschen gleichermaßen auf die Barmherzigkeit Gottes angewiesen sind. Die Straße des Trostes ist die einzige Straße der Welt, die unser Denken in dieser Weise verändern kann. Gott bricht sich Bahn zu uns. Es gibt eine neue Schiene, die Straße der Verwandlung.

Vor tausenden Jahren hat Jesaja in einer Vision erkannt, dass so eine Straße kommen wird, einen unendlichen Weg der Barmherzigkeit, der alle, die sie genießen, gleichermaßen zu Bauarbeitern des Trostes macht. Somit spornt der Ruf des Propheten in der Wüste heute noch an: „Bahnt dem Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut eine Straße durch die Steppe für unseren Gott.

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Die Welt von Morgen

-Br. Markus- Jesaja 65,17-19, 23-25

Morgen ist Montag. Soviel wissen wir. Ist nix ungewöhnliches, ist eigentlich jeden Sonntag so, dass danach Montag ist. Was wir nicht wissen ist, ob es Frost gibt oder nicht. Drei Wetterberichte liefern zu diesem Thema schon drei unterschiedliche Prognosen ab. Wir wissen also nicht wirklich, ob wir morgen vor der Haustür ausrutschen oder nicht. Ist nicht so richtig wichtig, wäre aber schön, wenn man’s wüsste, man könnte sich besser auf den Tag einstellen.

Jesaja richtet seinen Blick in die Zukunft, weit über den morgigen Tag hinaus, weit über die nächste Woche oder über 2020. Sein Blick reicht weit über den Horizont hinaus in Gottes Welt. Gott schafft, Neues Leben, in Neuer Gestalt, das schafft Neues Miteinander.

1. Neues Leben

17 So spricht der Herr: „Ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen.

Gott offenbart seinen Zukunftsplan. Es ist ein Bauplan, kein Renovierungskonzept. Die Welt von morgen soll eine völlig neue, ganz andere, wesentlich bessere sein. Die Welt von morgen soll eine Welt sein, wie Gott sie immer wollte, sie aber nicht geworden ist. Gedacht ist an einen Zeitpunkt, der unvorstellbar weit weg oder erschreckend nah ist. Keiner kennt den Zeitpunkt nach unserem Kalender. In jedem Fall aber ist es Zukunft, unsere Zukunft, die auf uns wartet, wenn unser Leben zu Ende geht. Gottes Plan ist dazu gemacht, unserem Leben eine Richtung zu geben, auf die es zustrebt. Leben allein ist der Masterplan.

Eigentlich geht es uns ja gar nicht schlecht. Das Leben, wie es heute ist, hat ja durchaus schöne, angenehme und lebenswerte Momente. Man muss die Welt, so wie sie ist, nicht schlecht reden. Wir haben in der EU soviel Frieden wie lange nicht in der Weltgeschichte, und unsere Sozialsysteme funktionieren. Wozu braucht es neuen Himmel und neue Erde? Ist es da wirklich ein Trick der Kirche, die Welt schlecht zu reden, um eine bessere Welt besser verkaufen zu können? Die Welt von morgen, unsere Zukunft, ist möglicherweise gar nicht so sehr verschieden von unserer. Sie hat nur eines nicht: den Friedhof. Die Welt von morgen ist eine Welt mit ohne, mit ohne den Sensemann, ohne den Schatten des Todes, der hinter uns herzieht und darauf geiert, dass er uns kriegt.

„Alles war sehr gut, was Gott geschaffen hat“ steht im Schöpfungsbericht. Was aber nicht gut ist, ist der schwarze Schatten der Enttäuschung, der hinter allem lauert, dem Leben einen faden Beigeschmack gibt. Gott wollte sie nicht, die tödliche Entfremdung, die geschieht zwischen Mensch und Gott. Gottes Wille ist und war Lebenswille, Leben mit den anderen und nicht auf Kosten des anderen. Gott wollte ihn nicht, den schwarzen Schatten der Cleverness, mit den der eine den anderen zu übervorteilen sucht. Deshalb plant Gott neu, nicht weil alles schlecht wäre, was ist, aber weil es nicht so ist, wie er es sich vorgestellt hat.

Deshalb schafft er

2. Neue Gestalt

Es geht um einen neuen Urknall, einen neuen Planet, durchaus im naturwissenschaftlichen Sinn. Gott will einen neuen Lebensraum, einen neuen Stern, auf dem man wohnen kann.

„Der Löwe wird Heu fressen wie ein Rind“ heißt es im Text.

Man muss gar nicht als Vegetarier geboren sein, um das prophetische Bild zu verstehen. Immer wieder tauchen bei Jesaja starke Bilder einer versöhnten Welt auf. Es ist kein frommer Wunschtraum eines Einzelnen, sondern reale Zukunftsperspektive. Der Traum von einer heilen Welt schafft sie nicht automatisch. Es ist Gottes erste und letzte Idee, der Plan, den er schon immer hatte. Die Welt von morgen soll eine vom Bösen befreite Welt sein – in jeglicher Form. Es braucht nicht mal so viel Fantasie, sich eine solche Welt vorzustellen. Nur so eine Welt kann zukunftsfähig sein. Alles Böse und Dunkle in unserer Welt vernichtet sich selbst und den damit verbundenen Lebensraum. Es ist Wesenszug des Bösen, sich selbst zu zerstören. Das müssen nicht einmal die großen Kriege sein. Oft genügt schon ein klitzekleines einzelnes Wort, um die Welt in Brand zu setzen. Ein einzelnes Wort nur zur falschen Zeit am falschen Ort kann zu einem unfassbar dunklen, schattigen Phänomen werden, zum Krieg. Selbst wenn es nur Kleinkrieg ist, ist es das, was uns zum Sterben führt, auf den Friedhof.

Gottes Welt von morgen will aber eine andere, eine neu geformte Wirklichkeit sein, in der kein Platz mehr für Entgleisungen ist. Gott will einen neuen Planet, der herausgenommen ist aus all den Ungerechtigkeiten unserer Erde. Die Welt von morgen soll eine Welt sein ohne Spielraum für diejenigen, die andere skrupellos über den Tisch ziehen – in welcher Form auch immer. Schon zu der Zeit des Propheten Jesaja schreit das Unrecht zum Himmel. Damals wie heute muss man die Welt nicht schlecht reden, es gibt so schon genügend offensichtliche Missstände in ihr. Die Welt von morgen soll eine Welt ohne Drogenmafia, ohne hinterhältige Giftzwerge, scheinheilige Nachbarn oder bösartige Kollegen sein. Sie soll eine Welt ohne Organhandel, Kindesmissbrauch oder Ausgrenzung sein, eine Welt ohne Fremdenhass, Sozialneid oder fiese Tratschereien. Sie soll ganz ohne die schwarzen Schatten sein, die diese Erde umnebeln, die Schatten des Bösen.

Wie die Gestalt der neuen Welt aussieht, lässt sich nicht vorstellen, schon aber erahnen. „Ich schaffe das“ sagt Gott, „einen neuen Stern“. Ob der dann hinter der Milchstraße links oder rechts liegt, ist dabei nicht so wichtig. Wichtig ist, dass es auf diesem Stern diese Gerechtigkeit gibt, nach der wir uns hier nur sehnen können. Der neue Stern soll der Platz Gottes sein, wo neues Vertrauen gegründet wird und

3. Neues Miteinander

gelebt wird.

Unsere Zukunft hat angefangen. Die Welt von morgen findet heute schon statt. Heute schon wird in Christus die Welt von morgen wirklich. Das unterscheidet die Vision von Jesaja auch konkret vom Wunsch nach schönen oder besseren Zeiten. Die bessere Welt ist kein Traum. Die Welt von morgen ist heute konkret.

In Christus verwirklicht sich Gottes Idee von einer besseren Welt – heute und hier. In Christus wird dieser Planet zum Stern Gottes, zum Glücksstern für mich, dort, wo ich ihn geschehen lasse. Es ist unsere Aufgabe, die Erde zum Ort Gottes zu formen, zu dem Platz, an dem sich seine Idee von der Welt verwirklichen kann. Wir sind dazu berufen, mit einem unsichtbaren Partner sichtbare Veränderungen zu gestalten. Dass es einfach ist, hat ja keiner gesagt. Die Welt von morgen ist heute schon da, und es ist unsere Aufgabe, sie nicht untergehen zu lassen in all den Schatten und Ängsten der Nacht.

„In unseren Fußstapfen, die gefüllt sind mit Tod“ wie eine Dichterin sagt.

Die Welt von morgen findet heute schon statt, in unserer Welt, in der es noch jede Menge Klagemauern und Friedhöfe gibt, in der die Grabsteine aber nicht das Letzte sind, sondern der Beginn, der Beginn der Welt von morgen.

 

 

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Heilige Zerrissenheit

Br. Markus – Römer 7, 14-25 a

Manche Menschen erwarten von ihrer Religion genau das Gleiche, wie von einem Schaumbad: Man legt sich rein und fühlt sich wohl drin. Mmmmm…. – tut richtig gut. Wenn möglich, mit Lavendelduft oder Maiglöckchen. Maiglöckchen geht auch. Es muss nur schön warm sein, gerne auch heiß, jetzt in der kalten Jahreszeit. Dafür hat man den Glauben doch, dass er einem gut tut – oder nicht? Man braucht schließlich was, an dem man sich aufrichten oder festhalten kann. Der Glaube soll hell sein, schön oder bunt, das Zerbrochene heilen, Tränen trocken und Freude bringen – oder nicht? Der Mensch braucht einen Traum, den er träumen kann, gerade wenn das wirkliche Leben so ganz anders ist. Da stört einer wie Paulus eher, wenn er darauf hinweist, dass der christliche Glaube etwas anders ist, dass er zwar Freude, Hoffnung und Licht bringt, aber eben auch heilige Zerrissenheit. Es geht um einen lebenslänglichen Konflikt, den Streit, der unverzichtbarer Bestandteil unseres Glaubens ist.

1. Zerrissen

15 Ich verstehe ja selber nicht, was ich tue. Das Gute, das ich mir vornehme, tue ich nicht; aber was ich verabscheue, das tue ich.

Es ist nie die Idee Gottes gewesen, den Menschen zu einem Zerrissenen zu machen, zu einem, der mit sich selber hadert und sich selber fremd geworden ist. Es ist eher eine Wirkung Gottes, dass der Mensch das Dunkle in sich bemerkt. Paulus ist einer, der mit felsenfester Gewissheit als Saulus andere verfolgt und gejagt hat, im festen Glauben, das Richtige zu tun. Je größer der Glaube an mich, desto kleiner der Glaube an Christus. Da ist es schon Christus selbst, der mein Trugbild über mich zerreißen muss. Je länger und gerechter ich lebe, umso größer die Gefahr, mich selbst falsch einzuschätzen. Das Dunkle in mir trägt oft einen Heiligenschein, und das ist das Tückische daran, das mich blendet und in die Irre führt. Wer ich bin und was gut ist in mir, stelle ich nicht selber fest, sondern das Gesetz des Guten, das von Gott, von außerhalb auf mich einwirkt.

Es gibt Schwerverbrecher, die sich für Gutmenschen halten, zum Beispiel Roland saß fast sein ganzes Leben wegen Raubmord hinter Gittern. Er sieht sich eher als ein Robin Hood, er habe nur deren Tresor ausgeräumt, die ohnehin zuviel hatten, sagt er. Paulus lügt sich selbst nicht in die Tasche, versucht sich nicht schöner zu machen, als er wirklich ist. Er lässt die Wahrheit Gottes über sich zu, die seine eigene Wahrheit über sich zerreißt. Nicht ich und mein Bauchgefühl, sondern das Gesetz Gottes entscheidet, was gut ist und was nicht. Das ist schmerzhaft und tröstlich zugleich, weil es nie einfach ist, eine wirklich objektive Bewertung zu finden. Im Kern ist es immer die Frage, ob ich selber bestimme, was gut und böse ist, oder es von außen bestimmen lasse.

Christus enthüllt mir die Wahrheit über mich. Das ist manchmal erschreckend und manchmal auch sehr tröstlich, in jedem Fall aber nicht meine eigene Einschätzung. Wer ich wirklich bin, entscheidet nicht nur das Gesetz oder nur mein Gewissen, sondern die darin gelebte Auseinandersetzung. Diese Christenpflicht nimmt Paulus wahr und erkennt die damit verbundenen Schwierigkeiten. Es geht nicht nur um den schlichten Konflikt zwischen Kopf und Bauch, die Zerrissenheit ist tiefer. „Das Gute, das ich tun will, tu ich nicht“ ist ja nicht nur ein christliches oder religiöses Problem.

Jeder Mensch kämpft mit sich im Konflikt von Wort und Tat. Mit oder ohne Religion ist es immer schwierig, das Gute, das ich tun will, auch zu tun. Eigentlich will doch jeder das Gute. Die Frage ist nur, was genau das Gute ist. Selbst wenn man das genau weiß, beginnt der Konflikt erst, das Gute in die Tat umzusetzen. Menschen ändern ihre Sichtweisen mit der Zeit oder den Erfahrungen, die sie machen. Gottes Gesetz bleibt, fordert heraus, in der jeweils neuen Situation neue Verwendung zu finden. Das ist unsere entscheidende Lebensaufgabe. Christus will dabei nicht immun machen, sondern dass ich noch erschrecken kann über mich, den Sünder. Es geht nicht darum, künstliche Zerknirschung über nicht vollbrachte Sünden zu üben, sondern die Sünde real einzuschätzen, die mich

2. Gefangen nimmt

„Deshalb werde ich niemals das Gute tun können, so sehr ich mich auch darum bemühe.“

Es klingt wie gescheitert, ist aber nur eine nüchterne Feststellung. Paulus kommt, wie Luther, an den gleichen Punkt wie Luther auf der Suche nach Gerechtigkeit. Es ist einfach nur die Feststellung, dass es selbst mit größtem Einsatz nicht zu schaffen ist. Ich kann und werde nie so sein, wie ich sein sollte. Die Sünde oder das Böse ist von mir nicht kontrollierbar. Das ist keine Ausrede oder Duckmäuserei. Sowohl Paulus als auch Luther haben sich ernsthaft damit auseinandergesetzt. Das Böse hat eine unbezwingbare Macht. Sie nimmt den Menschen gefangen – nicht nur in den ganz offiziellen Sünden wie Mord oder Totschlag. Das Böse schleicht sich auch und gerade in die frömmsten Übungen ein, um dort seine finstere Macht auszuüben. Gerade im Bemühen, ein gesetzestreues Leben zu führen, schlummert die Gefahr. Im Gefühl, ein besonders Heiliger zu sein, steckt viel mehr Finsternis, als man glauben kann.

Jeder Christ ist und bleibt eine Behausung der Sünde, auch wenn er noch so fleißig betet, singt und predigt. Diese evangelische Erkenntnis tut richtig weh, wenn man sie tiefgreifend verinnerlicht. Es gibt nichts, aber auch gar nichts, was mich vor Gott rechtfertigen könnte. Ich kann nicht, so sehr ich auch will. Ob ich will oder auch nicht, ich bin nicht in der Lage, vor Gott gerecht zu sein. „Wir sind allzumal Sünder“ formuliert Luther und mein eben damit diese finstere Macht, die lebenslänglich auf den Menschen einwirkt, immer im Konflikt, es eigentlich besser zu wissen. Die Sünde wohnt in mir, obwohl ich es besser weiß, auch in meinen frommen Aktivitäten. Es gibt keine religiöse Keimfreiheit, sondern immer nur Zwiespalt, Hin- und Hergerissensein.

Auch der frömmste Christ trägt in sich einen Zwang zum Unrecht, eine Regelmäßigkeit des Unrechts und eine Unentrinnbarkeit aus dem Unrecht. Es bleibt an einem kleben, so sehr man sich nach Freiheit sehnt. Es steht nirgends geschrieben, dass die Kirche sündlose Menschen macht. Christus hilft, die Sünde als Sünde zu erkennen und zu überstehen. Darin liegt auch die Grundlage, dass er

3. Befreit

Ich bin bereits befreit. So befinde ich mich in einem inneren Zwiespalt. Mit meinem Denken und Sehen folge ich zwar dem Gesetz Gottes, mit meinen Taten aber dem Gesetz der Sünde. Es gibt kein Christsein ohne diesen Konflikt – Auseinandersetzung zwischen Wort und Tat. Wer mehr verspricht, produziert Opium für’s Volk. Christsein ist immer Christsein in Zerrissenheit. Christus befreit nie von diesem inneren Konflikt, aber er befreit unseren Willen. Christus stellt unser Denken und Wollen in eine neue Abhängigkeit. Nicht meine Kraft und Größe entscheidet, sondern seine. Seine Größe gibt meinem Willen eine ganz andere Kraft. Mein Wille ist dann nicht mehr abhängig von meinem Körper, Charakter, Gedanken oder Gefühlen, nicht nur von meinen Fantasien oder Erinnerungen. Es ist ein neuer Wille, der nicht unterliegt. In Christus wird mein Wille in einen neuen Zusammenhang gestellt, in den Zusammenhang der rechtfertigenden Kraft. Das macht ihn stark, stärker als alles andere, was früher war, willensstark. In Christus lässt Gott meinen Willen zu einem freien Willen werden, der ja sagen kann zu einer helfenden Hand, die aus den Dunkelheiten des Lebens heraus hilft ins Licht der göttlichen Gegenwart.

Meine Zerrissenheit wird darin heilig, dass ich sie annehme, die helfende Hand, weil ich verstanden hab, dass ich Christsein gar nicht alleine kann. Ich muss mir dazu helfen lassen.

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Du darfst

– Br. Markus – Tim. 4, 4-5

„Einer geht noch“ ist so was ähnliches wie mein Lebensmotto. Nicht, was Sie denken, auch nicht die Sahnetorte, ne – es geht um den 7. oder 8. Kaffee. Die allermeisten Medizinmänner und –frauen um mich herum warnen mich eindrücklich. Es sei nicht gut für mich und überhaupt müsse man weniger dies oder das esse oder trinken, wolle man an seinem 182. Geburtstag noch richtig fit sein. Gegrilltes auf keinen Fall! Zum persönlichen Wohlbefinden gehöre die vegane Glückskapsel, die einen richtig fit und zufrieden macht, erhältlich in Ihrer Internetapotheke – sagen sie. „Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut.“ sagt der heutige Predigttext und durchbricht damit viele Einengungen, die Menschen sich machen, nicht nur ernährungstechnischer Art. Es geht dabei nicht um einen Freibrief für ungebremste Völlerei oder um einen Psycho-Power-Plan. Es geht um eine grundlegende Lebenseinstellung, die viel mit Genießen zu tun hat.

Es geht um unseren Schöpfungsauftrag, Gott zu genießen, das Leben zu genießen und alles, was er geschaffen hat.

 

1. Weil ich ein Geschenk bin

Alles, was Gott geschaffen hat

Es ist immer eine Frage von unserem Selbstverständnis. So manch eine Depression wurzelt in der Erkenntnis, dass der Mensch ein dummer Zufall kurz hinter Affe & Co. ist. Wenn ich meinen Planeten und mich als dummen Zufall verstehe, muss ich mich logischerweise selbst als Zufallsprodukt begreifen, beliebig, als gute oder weniger gute Laune der Natur. Das prägt mich, mein Selbst, mein Denken, mein Leben. Entdecke ich mich selbst als Gottes Absicht, als geliebtes und gewolltes Wesen, sieht die Welt ganz anders aus. Nicht umsonst ist die Frage nach den eigenen Wurzeln immer prägend für ein Leben. Sie und ich, wir sin  Gottes Absicht, winziger Teil jenes unendlichen Alls, Teil des Ganzen, Teil von allem, was Gott geschaffen hat. Ich bin Gottes Geschenk – nicht nur so, für sich allein und zum Selber-dran-freuen, das sicher auch, aber nicht nur. Ich bin für mich gemacht, aber auch für die anderen, für diese Welt, für alles, was atmet und lebt um mich herum und zuallererst auch für Gott. Ich bin nicht einfach nur so, egal woher ich komm und wohin ich geh, sondern ich bin konkret, so, wie nur ich bin, rede oder denke, für ein konkretes Ziel, zu sein. Die Erde ist um ein unverwechselbares Exemplar reicher, schöner und wertvoller durch mich. Zugleich ist sie dadurch auch schwieriger, nerviger und anstrengender geworden. Das macht aber nix, denn ich bin in ihr Teil eines mich übertreffenden Plans. Gott will mich, mich allein, so wie ich bin, um Teil von allem zu sein, alles zu machen, zu formen und zu wagen.

Ich bin ich – das kostet nix, weil es Gottes Geschenk an mich und die Welt ist. Ich darf, ohne zu zahlen, sein. Der Glaube an Gott hilft mir, das zu erkennen, Gottes Handschrift in mir zu sehen, mich selbst so zu begreifen und daraus eine der wichtigsten Lebenseinstellungen zu entwickeln: die Dankbarkeit. Ich bin ein Geschenk – das ist wirklich unglaublich, aber wahr. Auch wenn ich mich nicht wie ein Geschenk anfühle, ist es Gottes Wahrheit mit mir. Selbst, wenn ich im Knast ende oder am Galgen, bin ich Geschenk, auch dann, wenn ich es im Sarg noch nicht begriffen habe. So wie ich ist sonst keiner. Das ist so Gottes Absicht. Das ist das total Verrückte daran, und dass ich es entdecken und glauben und genießen kann.

Deshalb

2. Genieße ich

Alles ist gut, nichts ist schlecht.

Nur wer sich selbst genießt, kann Gottes Schöpfungsauftrag wahrnehmen. Wer mit sich selber nicht im Reinen ist, vollbringt möglicherweise beachtliche, moralisch einwandfreie Leistungen, es bleibt aber eine Art Krampf. Gott will für Genießer sein. Er will Lebensfreude und Genuss. Dankbarkeit lässt sich nicht befehlen, und Gott will sie nicht befehlen. Dankbarkeit ist eine Empfindung, die man spürt, aus der man lebt oder eben auch nicht. Es geht um eine wahrhaftige Grundeinstellung, nicht um anerzogene äußerliche Höflichkeit. Es ist zuallererst wichtig, Gott zu genießen, bevor man dafür Danke sagen kann. Wäre es kein wirkliches Empfinden sondern nur anerzogene Höflichkeit, bliebe das Ganze eine wertlose Hülle. Dankbarkeit ist das Ziel, Dankbarkeit das Programm.

Alle Religionen dieser Welt, auch die moderne Psychologie, sind sich da einig, dass der dankbare Mensch glücklicher und besser lebt, als der undankbare. Trotz vieler Gemeinsamkeiten gibt es aber den Unterschied. Es ist richtig, wir können nicht gleichzeitig wütend und fröhlich sein. Wenn wir jetzt die zehn schönsten Momente der letzten Woche aufschreiben, können wir damit tatsächlich die 50 unschönen Momente in den Hintergrund drücken, durch Fixierung auf das Angenehme das weniger schöne verdrängen. Moderne Psycho-Power-Pläne funktionieren so – und genau da ist der Unterschied, in den unangenehmen Dingen, die genauso da sind wie die angenehmen. Ich esse ein tolles Menü in einer Welt, an deren Unterkante Menschen hungers sterben. Ich genieße meine Freiheit in einer Welt, in der andere hinter Kerkermauern umkommen. Der eine erbt das große Vermögen und der andere einen Berg Schulden.

Wenn mich das böse Schicksal trifft, ist ein Psychoprogramm zu wenig, um mich wirklich dankbar zu machen. Ich finde nichts mehr, was gut und angenehm ist, mit dem ich das Unangenehme übertrumpfen könnte. Die raue Wirklichkeit zwingt mich zum Duell mit ihr. Die Dankbarkeit in Gott zeigt eben darin ihre große Kraft, dass sie gerade inmitten einer kaputten und zerstörten Welt überlebt. Schon klar, die glücklichsten Menschen der Erde leben in Dänemark oder Norwegen, wo es schon gewissen Wohlstand gibt. Dort, wo es angenehm zu leben ist, fällt es leichter. Die Dankbarkeit gegen Gott findet ihren eigenen Weg, versucht in schwer zu verstehenden Schwierigkeiten, Gottes Absicht darin zu finden – eben, weil wir wissen, dass es nicht selbstverständlich ist, sondern auch ganz anders sein kann.

„Die Kuh sagt nicht danke zum Gras.“ sagt ein Sprichwort aus Haiti – weil sie davon ausgeht, dass es selbstverständlich ist, dass Gras da ist. In der Dankbarkeit gegen Gott wird man aufmerksamer für die scheinbar selbstverständlichen Dinge. Wenn die Ernte verbrannt oder verdorrt ist, muss einem klar werden, dass reicher Ertrag und pralle Früchte nicht selbstverständlich sind. Ein gelungenes Leben, eine lange Freundschaft, eine intakte Familie sind ja nicht selbstverständlich. Es kann eben auch ganz anders ausgehen, anders, als geplant.

Wer die Zuwendungen Gottes genießt, merkt, dass überhaupt nichts selbstverständlich ist und man überhaupt kein Recht auf irgend etwas hat, erst recht nicht darauf, erfolgreich, schön oder gesund zu sein.

Wer Gott genießt, wird

3. Für alles dankbar

… nichts ist schlecht, für das wir Gott danken.  Durch das Wort Gottes und das Gebet wird alles rein

Christliche Dankbarkeit wird immer konkret, wirkt sich im Leben aus, nicht nur darin, dass wir an Erntedank ein paar dicke Birnen oder Kürbisse auf den Altar legen und alles hübsch dekorieren. Das soll so sein und ist `ne tolle Sache, wenn pralle Beeren und reife Früchte gute Laune machen. Dankbares Genießen bleibt dabei aber nicht stehen. Es findet Ausdruck im Gebet. Unser Gespräch mit Gott soll nicht nur die Adresse sein für unseren Dank, sondern zugleich die Prüfstelle für das, was gut ist und was nicht. Wie viel gut ist und wie viel nicht, entscheidet sich in diesem Wortwechsel. Unsere Dankbarkeit bleibt nicht auf sich selbst gerichtet, sondern blickt hinaus, weitet den Blick für die Welt. Wer Gottes Sympathie genießt, genießt nie wortlos, sondern genießt fragend – zum Beispiel: Wie viel Porsche brauche ich, wenn anderswo auf der Welt noch Kamel geritten wird. Oder wie viel Armani oder Gucci muss sein, um mit den Unbekleideten und Frierenden dieser Welt noch mithalten zu können. Alles darf ich genießen, was sich betend genießen lässt.

Das ist berauschend viel wie auch erschreckend wenig – je nach dem, wo ich stehe. Ich darf und soll Genießer sein, Genießer der göttlichen Großzügigkeit. Mein Genuss soll ein heiliger Genuss sein – von allem und mit allem. Das weitet mich aus und engt mich ein durch mein Dankgebet, das ich spreche und lebe. Ich darf … – die faszinierende Freiheit genießen, soviel zu naschen, wofür ich noch guten Gewissens danke sagen kann. Das ist mehr, als ich glauben kann, und weniger, als ich vermag.

Ich entscheide selbst, wie viel und was. Es kann die doppelte Portion sein oder das halbe Maß, es kann alles oder nichts sein. Solang ich dafür noch danke sagen kann, darf ich das, weil: alles gut ist, was Gott geschaffen hat.

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Es findet im Kopf statt

-Br. Markus – 1. Mose 4, 1-16

Nach dem gewaltsamen Tod eines 10 Jahre alten Mädchens in Mannheim sitzt die Mutter in Untersuchungshaft. Es besteht der dringende Tatverdacht, dass die 38-jährige ihre Tochter in der Nacht zum Freitag in ihrer Wohnung mit mehreren Messerstichen getötet habe.“ teilten Polizei und Staatsanwaltschaft mit.
Mord – es gibt Fälle, da kann man es vielleicht verstehen, in anderen eher nicht. Was läuft schief zwischen zwei Menschen, dass man sich nicht anders zu helfen weiß, als den anderen auszuknipsen, wie man eine lästige Schnecke zertritt?

Kain und Abel – der Brudermord, Mord aus niedrigen Beweggründen (auf einmal bist du nicht mehr da.) Ein Moment, in dem ein Mensch glaubt, unbeobachtet zu sein, tun und lassen zu können, was er selber will, allein.

1. Schuld, die wirklich Schuld ist

Kain schlug seinem Bruder vor: Komm, wir gehen zusammen auf’s Feld. Als sie dort ankamen, fiel er über Abel her und schlug ihn tot.

Hinterhältig, brutal und gemein – ein Mensch ist tot, auf unnatürliche Weise um’s Leben gebracht, kalt gemacht. Gott selbst sei schuld, sagen die Atheisten. Es gäbe keinen vernünftigen Grund, das Opfer von Kain anders zu behandeln, als das von Abel. Wenn es keinen Gott gegeben hätte, gäb es keinen Brudermord. So ganz ohne Gott wär  die Welt dann in Ordnung. Tatsache ist, dass heute noch, mit oder ohne Gott oder irgendwelche religiösen Überzeugungen, gemordet wird. Völkermord – Massenmord- Rufmord – Brudermord – Abtreibung und Krieg – Tötung auf Verlangen.

Man muss also ziemlich naiv sein, wollte man Gott die Schuld für diesen Mord geben, der in einer Zeit passiert, in der das Gebot „Du sollst nicht töten“ noch nicht geschrieben steht. Woher sollte es der Bauer also wissen? War er etwa im rechtsfreien Raum? Ist er da nicht unschuldig, wenn er vom Gebot nichts weiß? Wenn es Gott nicht gibt, gibt es ja auch das Gebot: Du sollst nicht töten!  – nicht. Ist so eine Welt dann besser? Schuld ist Schuld. Schuld bleibt Schuld – dort, wo sich ein Einzelner Rechte herausnimmt, die höher zu sein scheinen, als die Rechte der anderen. Schuld ist keine Erfindung der Kirche. Schuld ereignet sich von selbst – vollautomatisch –   überall dort, wo Menschen sind, miteinander unterwegs. Schuld entsteht nicht nur im Missachten göttlichen Gebots, sondern auch im Missachten des anderen, in der Überbetonung meiner selbst. Es ist das Phänomen von Sünde, das die Bibel „böse“ nennt, das Menschen zu dem macht, was sie eigentlich nicht sind: mordende Bestien. Schuld ist Schuld – wo einer übergriffig wird, aus welchen Motiven auch immer. Spätestens, wenn einer tot ist, lässt sich nichts mehr diskutieren. Der Tod ist endgültig – das ist nicht gut.

Gott allein nimmt sich heraus, Rechte über Leben und Sterben zu besitzen, Herrscher über Leben und Tod zu sein. Jeder Eingriff in dieses Gottesrecht ist Schuld. Ich hab auch noch niemand kennengelernt, der sich gefreut hat, im Krieg auf jemand schießen zu dürfen. Wer das wirklich hat müssen, hört sich ganz anders an, wird von Gott auch anders bewertet. Im wirklichen Leben ist kein Platz für Ballerspiele. Die Schuld, die Gott bei Kain reklamiert, ist aber nicht der Mord, sondern, dass er seine Bestimmung verfehlt hat. Gott hätte von Kain sehen wollen, dass er über seine Mordlust hätte herrschen können. Der erste Schöpfungsauftrag ist Herrschaft über die Sünde. Dieser Knochenjob ist bis in unsere Tage Gottes Idee.

Genau dieser Prozess findet im Kopf statt. „Macht euch die Erde untertan“ heißt nicht, dass man sie ausbeute, sondern zu allererst, sich die niedrigen Beweggründe untertan zu machen. Beide Brüder sind dazu geboren, über das eigene Empfinden zu herrschen. Die Schuld, die wirklich Schuld ist, kreidet Gott dem Kain dick an: dass er sich nicht beherrschen kann, dass er ein Sklave seiner Wallungen, seiner Mordlust ist. Das ist es, was Gott bei Kain anmahnt. Der Gedanke daran hat bei Gott das viel höhere Gewicht, als die Tat selbst.

Damit sind wir bei

2. Dem Killerfaktor Gefühl

Da wurde Kain zornig und starrte mit finsterer Miene vor sich hin.

Es fühlt sich eben schlecht an, wenn man zurückgesetzt wird. Das geht allen so. Was passiert denn, wenn Gott unser Opfer verschmäht? Das fühlt sich an wie Zurückweisung – und wer von uns wäre stark genug, Zurückweisung zu ertragen?

Ich habe schon Kunden erlebt, die wurden von der Frau mit dem Blumenstrauß zurückgeschickt, den sie für sie mit bester Absicht gekauft hatten. Wenn da keine Mordlust aufkommt, muss einer als Kühlschrank geboren sein. Kein Mensch kann Zurückweisung wirklich ertragen. Ich kenne keinen. Da gibt man sich Mühe und kriegt ne kalte Dusche als Dank – na Mahlzeit. Irgendwie doch normal, dass da Mordlust aufkeimt. Gekränkte Gefühle, Konflikt zwischen Kopf und Bauch. Es geht um die Schmetterlinge im Bauch, die den Menschen auf die höchsten Höhen tragen oder in die tiefsten Abgründe stürzen können. Die Schmetterlinge von Kain waren eher mörderische Falter. Gefühl – gerade darin unterscheidet sich christliche Weltanschauung vom radikalen Feminismus: in der Bewertung des Gefühls. Gefühle haben alle, Männer wie Frauen gleichermaßen. Der Feminismus predigt: Tue, was Dein Bauchgefühl sagt. Die Bibel will etwas mehr. Sie will nicht nur Gemeinsamkeit von Verstand und Gefühl, sie will darin eine Hierarchie. Gott will den Mensch auch nicht als trockenen Verstandesmensch, sondern als einen gut Ausbalancierten zwischen Gefühl und Verstand.

Den Schöpfungsauftrag kann nur der wahrnehmen, dem Beherrschung von Sünde gelingt – zuerst in einer klaren Hierarchie von Kopf zu Bauch. Selbst wenn man das Gute wirklich will, muss man’s ja erst noch zur Tat werden lassen – was manchmal noch viel schwieriger ist. Kain gibt seinen Gefühlen nach. Er lässt seinen Frust herrschen, schreitet gefühlsgeladen zur gefühlsgesteuerten Tat. Es ist ein unsichtbarer Vollzug, der aus Menschen Mörder macht.

Dabei muss es nicht immer nur Mord sein. Die Angst, zu kurz zu kommen, am Ende der Dumme zu sein, ist nur eine der vielen Panikattacken, mit der der eine oder andere sein Leben hoffnungslos in den Sand gesetzt hat. Sichtbarer Schaden aufgrund unsichtbarer Gedanken – sie finden im Kopf statt.

Nicht umsonst sagt Christus in der Bergrede, daß schon die Sünde in Gedanken Sünde ist, weil sie die Tat bereits kalkuliert, der Handlung vorauseilt. Ein Reinschliddern in irgend etwas kennt die Bibel nicht, weil Gott um die Bauart des Menschen weiß. Gott weiß, dass der Mensch Hirn hat. Gott weiß, dass der Mensch Schmetterlinge im Bauch hat. Gott weiß, dass man beides bewusst und sinnvoll verbinden kann. Deshalb lässt er oberflächliche Ausreden nicht zu. Die Gedanken sind eben nicht frei. Der Gedanke an Mord führt eben nicht zur Sozialarbeit im Krankenhaus, sondern zum Mord. Nur dem Menschen, dem es gelingt, zuzugeben, dass der Gedanke an eine kleine Schlitzohrigkeit die wichtigste Grundlage zu deren Umsetzung ist, kann ernsthaft etwas dagegen tun. Es gibt einen Zusammenhang vom Plan zur Tat. Es geht der Bibel dabei nicht um blütenweißes Denken oder eine gläserne Fantasie. Gott will ein völlig neues Kopfklima. Gott will eine klare Verantwortung für unsichtbare Schaltungsvorgänge in unserem Kopf. Gott will den Mensch nicht mit einer klinisch sterilen Gedankenwelt, aber er will Hygiene des Denkens. Er will, dass wir bewusster denken und bewusster fühlen. Beherrschtes Denken ist ein Schöpfungsauftrag.

Gemeint damit ist die richtige Flugbahn für die Flügel der Fantasie. Man kann sie schwingen, um dem anderen eine Freude zu bereiten, oder um ihn zu hintergehen. Man kann vertrauen oder beargwöhnen. Man kann bauen und pflanzen oder abmurksen. Der Frühling im Hirn findet dann statt, wenn es gelingt, die mörderische Bahn zu unterbrechen, auf der die Mordlust fährt. Vor Gott ist sie offenbar: Unsere inneren Vollzüge, alles Denken, Planen und Streben, das, was uns zum Tun treibt, was uns wirklich bewegt, was sonst keiner sieht. Der Mord offenbart Kain’s Mordgedanken.

Er findet vor Gott eine harte Strafe, aber auch

3. Gottes Rechtsschutz

Gott tötet den Mörder nicht. Er schaut aber auch nicht tatenlos zu. Er lässt den Dingen nicht einfach ihren Lauf. Er hat eine Antwort. Seine Reaktion ist harte Strafe wie Rechtsschutz zugleich. Er sperrt den Mörder nicht ein, sondern aus – aus menschlicher Gemeinschaft. Zum Ruhelosen, Schweifenden, Umhergetriebenen und Heimatlosen soll er werden. Zum anderen soll er unantastbar sein durch ein sichtbares Zeichen, das Gott an ihm setzt. „Das vergossene Blut deines Bruders schreit von der Erde zu mir.“ sagt Gott.

Vor einem irdischen Gericht wär da gar nichts passiert, denn wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter. Für Gottes Justiz gilt eine andere Betrachtungsweise. Das Unheil, das geschieht, klagt sich selbst an. So gibt es keine Schreie, die ungehört verhallen – auch dann nicht, wenn die Welt das anders wahrnimmt. Der Gott, der unser Denken bewertet, sieht und erlebt alle kleinen und versteckten Tode, die gestorben werden – hinein bis in unsere Zeit. Er sieht, was geschieht, verzichtet nicht auf Strafe, weil Strafe für ihn mehr ist als gesellschaftliche Rache. Sein Strafvollzug ist immer ein Vollzug auf Hoffnung, die trotz allem eine Zuwendung ist. Gott geht über den berechtigten Wunsch nach Genugtuung einen Schritt hinaus. Er lässt den Täter leben – wenn auch nicht ungestraft.

In dem Lebenlassen steckt bereits in den Anfängen der Bibel ein Schatten von der Gnade, die Christus heißt. Gott lässt leben, weil er lebenslängliche Umkehr will. Gott lässt leben, weil er lebenslange Besinnung will. Gott lässt leben, weil er lebenslänglich an uns glaubt. Indem der Mensch sein Unrecht als Unrecht akzeptiert, liegt die einzige Möglichkeit für eine gemeinsame Zukunft. Allein in der Kraft des auferstandenen Christus kann der Schöpfungsauftrag gelingen, die Mordlust zu besiegen, wenn sie in uns aufsteigt. Das findet nicht nur im Kopf statt, sondern auch und gerade in der Eucharistie, in der das, was im Kopf stattfindet, eine völlig neue Richtung findet.

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