Das Wort ganz nah bei dir

-Br. Markus- 5. Mose 30, 11-14

Der freundlich lächelnde Kellner erklärte uns, wie es wirklich ist. Der Koran sei nämlich in Arabisch geschrieben, und da man in der Türkei türkisch spreche, könne man es leider nicht verstehen, was da geschrieben steht in diesem dicken Buch, das dem guten Mohammedaner dazu helfen soll, Richtung zu finden für sein Leben. Natürlich verehre man Allah, dass man aber deswegen kein Bier trinken solle, kann man zumindest an der türkischen Westküste nicht wirklich verstehen. Mekka ist weit weg, und auf die große Entfernung bei der staubigen Straße kann es schon passieren, daß das eine oder andere Prophetenwort verloren geht oder landestypisch interpretiert wird.

Als gut erzogene Deutsche hatten wir dummerweise auf unser Bier verzichtet, um vor Ort nicht unangenehm aufzufallen. So kann`s einem gehen. Es ist ein Verdienst Martin Luthers, dass die Bibel nicht in arabisch, sondern auf Deutsch vorliegt, und jeder nachlesen kann, wie das genau gemeint ist mit unserem Glauben, dem Wort und dem Ganzen. Es geht um den tiefen Sinn und Zweck, den das Wort Gottes unter uns hat, das Ziel, ausgedrückt in zwei ganz einfachen Worten: Hören und Tun.

1.          So weit, weit weg von mir

Nicht zu hoch und nicht zu fern – nicht im Himmel und nicht jenseits des Meeres

Es geht um das, was wir als Gottes Wort zu kennen meinen. Da fühlt sich vieles an wie religiöse Maskenpflicht – unangenehm zu tragen, nicht wirklich hilfreich, so weit, weit weg vom wirklichen Leben, das doch in Farbe ist. Was wir als Gottes Wort zu kennen glauben, liest sich doch streckenweise wie ein Auszug aus der Verkehrssünderkartei, eingestaubt in überflüssige Unterlassungsanleitungen und überflüssige Freiheitsberaubungen.

Du sollst nicht …So scheint die Botschaft der Bibel im Großen und Ganzen zu klingen und somit die größtes Spaßbremse aller Zeiten zu sein. Das ist aber nur ein ganz kleiner Teil der großen Wahrheit. Unser Abstand, die Entfernung zwischen Mensch und Gott beruht nicht auf falsch verstandenen zwangsmoralischen Einschränkungen. Es wäre unaufrichtig, das zu behaupten. Wirkliche Entfremdung von Gott beruht auf unserem Freiheitsdrang, auf dem unbändigen Menschenwille, sich von niemandem was sagen zu lassen.

Sollte Gott gesagt haben…“ jeder spürt in sich den Drang, es auf eigene Faust zu versuchen, es selber anders zu machen, es besser hinzukriegen. Die Angst, bevormundet zu werden, ist die wirkliche Entfremdung von Gott, die Distanz, in die wir uns begeben, die fatalerweise auf einem großen, bösen Denkfehler beruht.

Gott will gar nicht für uns entscheiden. Gott will sie uns nicht wegnehmen, unsere Freiheit, die eng mit wirklicher Entscheidungsfreiheit verbunden ist. Hätte er das gewollt, hätte er den Menschen anders erschaffen, entscheidungsunfähig. Gott ist der Schöpfer unserer Entscheidungsfreiheit. Er will, dass wir unser Leben selber leben, frei genug, um ja zu sagen oder nein. Er will lediglich der Orientierungspunkt sein für unser Ja oder Nein. Gott will erkannt sein, nicht stur befolgt.

Wer sich befreien kann von der Angst, bevormundet zu werden, entdeckt einen klugen Gott, einen Rat gebenden Gott, einen helfenden Gott, einen Partner, der hilft, teure, folgenschwere Fehler zu vermeiden. Das ist der Plan. Darin liegt die ungeheure Kraft, gerade dann, wenn ich selber gar nicht mehr weiter weiß. Gott ist kein Gott für Besserwisser. Das wollte er nie sein. Er steht denen zur Seite, die sich eingestehen können, nicht mehr weiter zu wissen. Ob mir Gott fern ist oder nicht, liegt gezwungenermaßen an mir selber, an der Frage, ob ich es besser weiß oder eben nicht.

Gott ist immer ganz nah, immer da, wo ich ihn an mich heranlasse. Er ist

2.          Unentrinnbar nah

Es ist das Wort ganz nah bei dir.

Gott ist gegenwärtig – in jedem Augenblick unsres Lebens, nicht nur zwischen den Buchdeckeln der guten alten Bibel. Gott ist immer nah bei mir, immer, wenn die Frage aufsteht: Soll ich – oder soll ich nicht?

Keiner von uns weiß, vor welche Fragen ihn das Leben stellt. Was für mich richtig ist, muss nicht für alle richtig sein. Gott ist ein großer Feind von großen Entscheidungen, die für alle gleichermaßen falsch oder richtig sind. Die allgemeingültigen Entscheidungshilfen stehen ja alle in der Bibel. Es geht auch nicht um fromme Diskussion.

Der Theologe Stählin sagt: „Wer Gottes Wort zum Gegenstand interessanter Diskussionen macht, verbaut sich und anderen den Weg zum schlichten Gehorsam.“

Es geht um unsere freie Entscheidung in Gottes Nähe – was ja nicht  heißt, dass es verboten ist, mit anderen über schwierige Probleme zu reden, im Gegenteil. Es geht darum, das Leben zu wählen, das Leben zu ergreifen, das in der Nähe Gottes ist. Es muss eine freie Entscheidung sein. Gott ist keine Arznei, die man einnehmen muss.

Gott will überzeugend sein. Er will uns aus freien Stücken, deshalb will er, dass auch wir ihn nur aus freien Stücken wollen. Er ist immer da und meldet sich, auch in der leisen Stimme unseres Gewissens, das uns anspricht oder eben auch nicht. Es geht nicht um Gefühle, es geht um Rechenschaft, die ich mir selber gebe – oder eben auch nicht.

Die Bibel und die großen Worte sind das eine. Wie sie anzuwenden sind, steht aber manchmal leider nicht im Buche, und da wird es zur Auseinandersetzung mit dem Leben, mit mir selber und mit den anderen, die auch betroffen sind.

Gott ist mir nah. Er ist aber auch nahe bei den anderen. Gott ist auch nah bei dem, der anderer Meinung ist als ich. Überall, wo ich das bei mir oder bei den anderen vergesse, bin ich dann doch eher weit, weit weg, selbst wenn ich mich ganz nah dran fühle. Es ist nie eine eigene Gefühlsfrage, ob ich Gott nahe bin. Es ist eine Tatsache, daß mir Gott immer nahe ist, egal ob ich ihn ranlasse oder nicht. Ich habe nicht die Macht, Gott von mir zu entfernen. Ich kann mich bestenfalls selber entfremden. Es gibt keinen Meßwert für Gottes Nähe – wie beim Akku, wenn man sagen könnte 10, 20 oder 30 Prozent. Es ist eine Frage der Offenheit in dem Augenblick in dem ich mich ansprechen lasse. Es ist der Augenblick der Zustimmung, in dem ich geschehen lasse, der Augenblick in dem das Wort

3.          Tatwort wird

Es ist das Wort ganz nah bei dir, in deinem Mund und deinem Herzen, daß du es tust.

Gottes Wort hat ein klares Ziel. Es geht nicht so sehr darum, eine eigene Meinung zu äußern oder etwas bekannt zu machen, als vielmehr darum, etwas in Bewegung zu bringen.

Hören und Tun – „hören, dass Du es tust“ heißt es mehrfach im Text.

Gottes Wort hat das Ziel, die Welt zu verwandeln, sie zu formen und zu gestalten – in diesem Augenblick, in dem Moment, in dem er es spricht.

Gottes Wort will immer Tatwort sein, Tatwort an unserer Seite, Tatwort, das uns zur Verfügung steht, Tatwort, das uns verändert und die anderen um uns herum, Tatwort, das uns zu denen werden läßt, die wir sein sollen, zu Gerechten vor Gottes Angesicht,

Menschen, in denen der Zwiespalt endet zwischen Wort und Tat. Menschen, die sich in Bewegung bringen lassen, den Augenblick zum Augenblick Gottes werden zu lassen, zum Moment, in dem das Tatwort schafft, was es sagt.

In Christus allein ist Gottes Wort zu Vollendung der Schöpfung geworden, zum Augenblick der Barmherzigkeit, in dem Gott vergessen kann, daß wir seine Nähe eigentlich nicht verdient haben. In Christus ist sein Wort so nah, dass man ihm eigentlich gar nicht mehr ausweichen kann. Darin erfüllt er das Gesetz – und in ihm das wichtigste Gebot, das im heutigen Mosetext grundsätzlich und allgemein gültig aufgeschrieben ist. Das wichtigeste Gebot der gesamten Christenheit hat hier sein Fundament: Gott und den Nächsten zu lieben ist unsere Lebensaufgabe, das Schöpfungsprogramm. Darin liegt unsere Bestimmung und unser Gewinn. Christus ist Gottes Wort – ganz nah bei Dir und mir, bei allen, die gerne zuhören, was er zu sagen hat. In Christus spricht uns Gott in der Sprache an, die jeder verstehen kann, die kein Kauderwelsch ist oder Jägerlatein. Es ist die Sprache, die Gott spricht, wenn es gilt, die Welt zu verändern, so daß sie wieder gefallen kann in den Augen dessen, der sie geschaffen hat.

In Christus ist Gottes Ja-Wort und auch die Antwort auf all die ganz leisen Fragen, die unser Gewissen uns stellt, die außer uns nie jemand gehört hat. In Christus spricht Gott das Tatwort, das uns aufrüttelt und wach macht, bewegt und beruhigt. Es ist eine völlig neue Sprache, in der Gott uns zum Leben ruft und zur Entscheidung, das Leben zu wählen, das es allein in seiner Nähe geben kann – im Wort, ganz nah bei dir. Amen.

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Viel hilft viel

-Br. Markus – 1.Mose  2, 4b-9,15

Gottes Idee für die Welt ist ganz klar: Aus der Fülle in die Fülle leben, geprägt von schöpferischem Reichtum. Dem entgegen steht das Glaubensbekenntnis unserer Politiker, das lautet: „Wir müssen den Gürtel enger schnallen.“ Es ist ja eine alte Erfahrung, daß nicht jeder, der als Asket geboren ist, seine Askese ausgerechnet bei der Sahnetorte praktizieren muß. So ist es ein Stück Lebenskunst, das richtige Maß zu finden. Es geht heute Morgen nicht nur um die richtige Dosis, sondern um Gottes Idee für die Welt, um uns, die wir in Gott und in dieser Welt zuhause sind.

1.          Ich bin Erde

Da nahm Gott Erde, formte daraus den Menschen und blies ihm den Lebensatem in die Nase. So wurde der Mensch lebendig.

Auch wenn es ein bißchen nach VHS-Töfperkurs klingt mit einem Schuß Harry Potter vielleicht, geht es dabei um wesentlich mehr. Der Mensch, aus Staub gemacht – Asche zu Asche, Staub zu Staub. Es geht nicht darum, sich als Dreckklumpen zu verstehen, sondern als geschaffenes Wesen im Bild von Ton in der Hand eines Töpfers. Ich bin nicht von einem blinden Zufall auf einen kalten Stern geworfen, um bis ans Ende meiner Tage zu rödeln wie ein Blöder. Ich bin von Gott gewollt. Ich bin Erde, aus Erde, Teil von ihr. Will heißen: Schöpfung aus einer schaffenden Hand, der Hand Gottes, die mich geschaffen hat. Ich bin nicht die zufällige Degeneration eines Affen in dritter Instanz, geformt von den planlosen Winden des Schicksals, sondern so, wie ich bin, richtig, wichtig, gewollt und gemacht. Ich bin Erde. Diese schlichte Erkenntnis würde so manchen Diktator vor seiner Selbstüberschätzung bewahren. Aber nicht nur das, sie bewahrt uns vor den steilen Abstürzen, wenn alles im Leben schief gelaufen zu sein scheint. Ich bin Erde in einer Hand, die mich formen kann, geformt hat und jeden Tag formen will. Ich bin Staub, beseelt mit Leben, aus Ton gemacht, aber nicht der letzte Dreck. In mir ist eine Seele wach, die groß genug ist, Spiegelbild zu sein von einem Macher, der größer ist als ich. Ich bin Erde, beschenkt mit Lebensatem Gottes, der mich den Wind auf der Haut spüren läßt, die Sonne sehen und die Blumen riechen, beschenkt mit Leben.

Wir sind

2.          In große Fülle gestellt

Dann legte Gott, der Herr, einen Garten im Osten an, in der Landschaft Eden, und brachte den Menschen, den er geformt hatte, dort hin.

Hier ist das Paradies. Auch wenn man den Bericht der Bibel kritisch sieht, muß man eine Tatsache zugeben: Jeder Mensch, der geboren wird, betritt eine bestehende Welt, einen Ort, der bereits da ist, der vor ihm war und auch nach ihm sein wird. Wir betreten die Erde, die ganz ohne unser Zutun da ist. Der große Baum hinterm Haus steht lange schon vor mir da. Ich hab zwar noch eine ganze Stange Bäume mit dazugepflanzt, aber klar ist, daß die Welt, in der ich lebe, nicht mein Verdienst ist, sondern eher Gabe und Aufgabe. Meine Welt, der Garten Eden, das Paradies, ist Gottes Geschenk an mich. Es ist vorhanden, es gibt genug für alle.

Gott ist nicht mit weniger zufrieden. Es muß ein Garten Eden sein, der Planet, den er geschaffen hat, ist von und in allem reich, reich an Farben, reich an Formen, reich an Reizen, die Mensch genießen kann. Gott ist keiner von denen, der wenig hat oder spart. Gott gibt – Erdbeeren, Himbeeren, Brombeeren  und zu allem Überfluß auch noch Stachelbeeren. Er läßt es nicht mit einer Sorte gut sein. Allein vom Eukalyptus sind 800 Arten bekannt. Da ist nicht mal ein anständiger Hauch von Sparsamkeit, sondern atemberaubende Vielfalt, unfaßbar viel Fülle. Wir erwachen auf einem Planet mit millionen- und milliardenfachem Artenreichtum.

Gott stellt uns nicht in einen Keller mit drei abgeschabten Fliesen an der Wand. Gott stellt uns auch nicht in den Garten, so nach dem Motto: „Sieh mal zu, wie du klar kommst.“ Früchte wachsen um uns herum – auch ohne unser Zutun. Wir sind umgeben von vielem, was Freude macht. Gott will, daß man was zu naschen hat, immer was Neueres, was Anderes, was Schöneres – nicht nur Kartoffelbrei für jeden Tag. Der Garten soll ein Eden sein, in dem man Auswahl hat, Melonen, Pfirsich oder Aprikosen.

Der Hunger in der Welt steht dabei nicht auf Gottes Plan. Er will, daß man Freude an der Auswahl hat über alles das, was man genießen kann. Es geht bei weitem nicht nur ums Essen. Aus der Fülle leben ist ein alles umfassender Lebensplan. Das Edenkonzept ist für alle gemacht, nicht nur für eine kleine Elite, die es sich leisten kann.

Es ist unser Lebensauftrag, diese Fülle zu genießen und durch unser Leben

3.          Mehr daraus zu machen

Gott, der Herr, setzte den Menschen in den Garten Eden. Er gab ihm den Auftrag, den Garten zu bearbeiten und zu schützen.

Die Erde ist als Paradies gemacht. Eden ist ein Programm für alle und jeden. Jeder an seinem Platz kann Paradiese erhalten oder zerstören. Es liegt in unserer Macht, Gärtner oder Zerstörer zu sein. Wir sollen mitgestalten. Gott will ihn nicht alleine machen, diesen viel zu großen Garten. Er will uns mit im Boot haben, mit all unseren Ideen, mit aller unsrer Kraft. Wir sollen diese Paradiesvögel sein, die den Garten schöner, bunter, praller machen. Jeder ist gefragt, auch alle, die die Gabe des Schwitzens gar nicht haben.

Der Theologe Voigt sagt: „Wir solle nicht faule Nutznießer der Gaben Gottes sein.“ Und er führt aus:  „Daß die Arbeit in der Bibel auf dem Gottesfluch über dem sündigen Menschen beruht, ist ein verbreiteter Irrtum. Verflucht wird dort nicht der Mensch, sondern der Acker. Des Fluches Wirkung ist nicht die Arbeit als solches, sondern die damit verbundene Mühsal und Vergeblichkeit. Die Arbeit gehört zum Menschsein.“

Es steht also bei Mose nicht, daß man dafür beten soll, daß andere die Arbeit tun, sondern daß die Arbeit unsere Lebensaufgabe ist, um mehr daraus zu machen, dem Paradies. Noch einmal Voigt: „Arbeit ist nichts anderes, als das Sich-Einschalten in das schöpferische Tun Gottes und das Aufnehmen dessen, was der Schöpfer gibt. Hat Gott kein Erz oder keine Kohle in den Berg gelegt, dann haut und bohrt der Begmann vergeblich.“

Christliches Dasein gehört zusammen. Es gibt keine Trennung von Gebet und Arbeit. Es gibt keinen Schöpfungsauftrag für Gebet allein. Es gibt keinen Schöpfungsauftrag für Arbeit allein. Es gibt keinen Schöpfungsauftrag für Genießen allein. Es gehört alles zusammen, Arbeit und Ertrag, Lust und Last. Im biblischen Verständnis ist alles miteinander verbunden.

Daraus entsteht die Frage, was für eine religiöse Praxis das ist, wenn sie diese Bezüge auseinanderreißt und aus Gottes Schöpfungsauftrag vorbeischrammt. Es ist unser Auftrag, Fülle zu leben, zu schaffen und zu machen. Um uns herum ist so viel Mangel, der das Paradies entstellt, Mangel, der entsteht, wenn die einen auf Kosten der anderen leben, Mangel, der nicht gottgewollt ist, Mangel, den es zu beseitigen gilt. Es ist an uns, unsere Hände mit dafür zu regen, daß das Paradies, in dem wir leben, den Namen dafür auch verdient. Nicht die großen Worte und die frommen Phrasen verändern die Welt, sondern die Arbeit in Gottes Weinberg.

Viel hilft viel – wir sind dazu beauftragt, mehr aus unserer Welt zu machen. Wir können das. Wir können mehr, als verbrannten Boden zu hinterlassen, leergepumpte Ölfelder oder kahlgeschlagenen Regenwald. Wir sind aus Erde gemacht. Wir schaden uns selbst, verlieren wir das aus den Augen. „Bauen und Pflanzen“ – so heißt das Garten-Eden-Prinzip. Das kann man auf die unterschiedlichste Art. Schablonenlösungen gibt es dafür nicht. Es ist nicht damit getan, den immer schnelleren Fortschritt zu verteufeln oder das, was längst Vergangenheit ist. Schöpferische Fülle ist angesagt, die Fülle an Möglichkeiten, nicht die Fülle an Verboten.

Wer selber einen Garten hat, weiß, wie schwierig schon die Frage ist, ob man Schneckenkorn verwendet oder nicht. Es ist unsere Verantwortung, aus der Fülle der Möglichkeiten die richtige auszuwählen, die im Sinne des Schöpfers steht. Es geht darum, mit einem wachen Auge zu leben und sorgfältig anzuschauen, was man tut und was nicht. Es ist ja nicht unsere Idee. Es ist Gottes Auftrag, die Erde zum Blühen zu bringen.

In diesem Sinne sind wir angefragt. Viel hilft viel – selbst dann, wenn wir dabei auf dies und jenes verzichten.

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Von Grund auf Christus

1. Kor. 3, 9-15 – Br. Markus

„Wie hätten Sie`s denn gern, mit oder ohne scharf, groß oder klein, grün oder blau?“

Wir sind es gewohnt, zu wählen. Was gefällt oder angenehm ist, wird gekauft, und da ist es schnell passiert, daß die Kirche mit einer Dönerbude verwechselt wird, in der jeder sagt, was er haben will – mit oder ohne scharf. Erstaunlich, daß gerade diejenigen, die nie hingehen, am besten wissen, wie Kirche zu sein hat. Mich wundert es, daß eine Kirche, in der zweitausend Jahre lang alles falsch gemacht wurde, so lange überlebt hat. Wenn das kein Wunder ist, weiß ich auch nicht. Solange es Kirche gibt, gibt es Diskussionen, wie Kirche zu sein hat. Es ist also nix Neues, daß man sich so seine Gedanken macht. Das Schöne daran ist, daß es hunderttausend Möglichkeiten gibt, richtig gute Kirche zu sein, wenn eine einzige Tatsache geklärt ist: Der Grund, auf dem sie steht, muß Christus sein, von Grund auf Christus.

Christuskirche kann nur christlich sein, wenn sie diese Tatsache nicht aus dem Auge verliert.

1.          In Gottes Team

Ihr seid Gottes Ackerland und sein Bauwerk.

Nicht ich bin der Fels in der Brandung. Nicht ich bin der der Leuchtturm an der Küste. Nicht ich bin der Nabel der Welt. Gott ist der Macher. Es ist wichtig, einen genauen Standort zu finden, heißt es doch an anderer Stelle: „Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt.“ In Gottes Team herrscht ein klares Bewußtsein, wo der Einzelne steht. Wir sind nicht allein. Wir sind nicht im Schrebergartenverein, wo jeder sein eigenes Radieschen sät. Wir sind ein Teil, ein Team, Mitglied eines größeren Ganzen, das die Erde bewegt. Nicht allein. Kirche ist nicht das, was eine Gruppe von Menschen als richtig erkennt, sondern wesentlich mehr.

Wir sind Gottes Ackerland. Ich bin Teil der Kirche. Ich bin Kirche, aber sie gehört nicht mir. Kirche gehört Gott allein. Nicht ich gehöre mir, sondern wir gehören Gott. Das ist der kleine, aber feine Unterschied. Es wirkt sich aus bis in alle Lebensbereiche. Wir gehören Gott – nicht im Sinne der Sklaverei, aber als wichtige Grunderkenntnis. Kirche ist immer und zuerst Werk Gottes in der Welt, auch in mir und durch mich, aber ich bin nicht die Ursache und der Eigentümer, sondern Mitverurscher und Miteigentümer – will heißen: Es gibt immer noch andere, die mit im Boot sitzen, mit rudern und mit reden wollen, sollen, können und müssen. Wir sind im Team mit Gott. Die Kirche ist größer als ich und meine Idee von mir. Sie war vor mir da, wird auch ganz ohne mich und nach mir noch sein.

Sie will mich aber ganz und durch mich bereichert sein, durch mich einen ganz speziellen Charakter, besondere Note oder unverwechselbare Eigenschaft gewinnen. Ich bin ein ganz kleiner, fast winziger Mosaikstein in einer atemberaubenden Kathedrale, einem Meisterwerk der Baukunst. Ich bin nur der Gärtner im anderen, ganz großen Garten Gottes, der auch ohne mich blühen würde, aber mit mir und durch mich zu seiner wahren Schönheit findet. Wir sind ein Team. Kirche ist gemeinsam stark. Wir sind Gottes Ackerland, evangelische wie katholische oder sonstige Furche auf dem  Grund, der Christus heißt.

Wir gehören Gott. In seinem Team herrscht

2.          Persönliche Gestaltungsfreiheit

… das Fundament, das bei euch gelegt wurde, ist Jesus Christus … Nun kann man mit den unterschiedlichsten Materialien weiterbauen …

In Barcelona steht eine atemberaubende Kathedrale. Dem Architekten ist es auf eine ganz besondere Weise gelungen, auszudrücken, was Kirche ist. Sie ist ein absolutes Meisterwerk. Mehrere Generationen arbeiten schon an ihr. Es wird eine einzigartige Kathedrale, die unter verschiedensten Formen und Materialien durch den außergewöhnlichen Entwurf zu einer faszinierenden Einheit wird.

Es kann nie ein tolles Bauwerk werden, wenn jeder für sich ein Mäuerchen mauert, wo er meint, daß eine Mauer zu stehen hätte. So manch ein Frommer umwickelt sein ganzes Leben mit Maschendrahtzaun, wo keiner nötig gewesen wäre. Kirche kann nicht gedeihen, wo Privatplanungen und eigene Ideen krampfhaft festgehalten werden, herausgenommen aus dem Masterplan. Es braucht Einverständnis in Gott, Einverständnis in seinen viel größeren Lebensplan.

Das Haus des Glaubens steht auf Christus. Ein besseres Fundament gibt es nicht. Da muß ich nichts dazubetonieren oder nachmauern. Es ist ein Fundament, das in sich selber trägt. Wir stehen auf Christus – im wahrsten Sinne des Wortes – nicht nur physikalisch. Besser kann man nicht stehen. Das ist nicht Venedig, wo die Pfosten langsam im Brackwasser abfaulen. Christus trägt die Christenheit. Nicht ich muß sie tragen. Was mal betoniert ist, hält aus.

Der feste Grund soll uns aber nicht zementieren, sondern nur untermauern. Er ist nur die Ausgangsbasis. Wenn ein Haus fertig ist, sieht man vom Fundament nichts mehr, und doch ist es das Fundament, das alles trägt. Es geht um ein Fundament, auf dem die tausend Türmchen, die hohen Gewölbe und Pfeiler, die kühnen Mauern und verschnörkelten Erker stehen. In Christus allein kann Kirche Gottes Eigentum sein. Zu fremd wäre die Welt für Gott ohne ihn. An Christus richtet sich alles aus und pegelt sich ein. Ohne ihn kann Kirche nicht sein, weil Gott sonst wenig Gemeinsamkeiten mit uns hätte.

Wir stehen auf Christus, nicht festgenagelt oder ausgebremst, sondern frei, frei für einen völlig verrückten Plan, ein Haus zu bauen und zu sein, von dem keiner weiß, wie es einmal aussehen wird, weil es sich ständig verändert während des Bauens und durch Diejenigen, die bauen. Keiner von uns weiß heute, wie Kirche morgen aussehen wird oder übermorgen, wenn sie fertig ist oder überhaupt fertig wird. Wer Kirche bauen will, braucht extrem viel Fantasie für einen außerirdischen Bauplan, an einem Haus zu bauen, von dem man nicht weiß, wie es einmal werden wird.

Christus verändert die Welt, damit auch mich. Er macht mich vom Macher zum Mitmacher, vom Arbeiter zum Mitarbeiter, vom Lacher zum Mitlacher und vom Leidenden zum Mitleidenden. Mein Leben bekommt auf einem starken Fundament eine völlig neue Größenordnung und eine bewegte Zukunft. Ein steiler Aufstieg. Das eigene Haus ist im Vergleich zu Gottes Welt wie eine Hundehütte neben der Kathedrale.

„Mitarbeiter in der Kathedrale der unbegrenzten Möglichkeiten“ schreibt Gott mir auf die Visitenkarte. Wer ihm gehört, darf mit dabei sein bei dem Jahrhundertprojekt – schon jahrtausendelang. Gott fordert uns heraus, nicht irgendwo irgendwas Frommes zu tun, sondern zielstrebig kreativ zu sein, mitzumachen an seinem Plan, der meine besten Ideen bei weitem überragt.

Kirche bauen und sein mit

3.          Geprüfter Qualität

13 Doch an dem Tag, an dem Christus sein Urteil spricht, wird sich zeigen, womit jeder gebaut hat. Dann nämlich wird alles im Feuer auf seinen Wert geprüft, und es wird sichtbar, wessen Arbeit dem Feuer standhält.

Wir können und sollen mit dem unterschiedlichsten Materialien bauen. Es weht ein großer Hauch von Freiheit, frischer Wind Gottes für ganz verschiedene Lösungen. Mitarbeit heißt für Gott, auch Mitentwerfen, Miterleben, Mitplanen. Gott will Leute mit Fantasie genauso wie mit Ausdauer, Geschick und Kraft. Der Spielraum ist groß. Gott will durch uns etwas erreichen. Es gibt dabei kein frommes Muster- oder Reihenhaus. Von der primitiven Strohhütte bis zur fetten Villa, vom Glaspalast bis zum Iglu ist alles drin. Gott baut Kirche mit Leuten wie uns.

Wie wir bauen, steht in unserer Verantwortung. Gott engt dabei nicht ein, hat aber ein hohes Qualitätsbewußtsein. Es muß im Feuer standhalten. Unser Glaube soll ein Glaube sein, der nach der Krise noch da ist, die Kirche eine Kirche, die das Feuer übersteht. Es ist unsere Entscheidung, wie wir bauen. Es ist gleichzeitig unsere Verantwortung, die richtigen Baustoffe dafür auszuwählen

Was nach dem Feuer bleibt, ist nicht viel – meistens nur Asche und Ruß – wissen wir erschreckend genau seit dem Brand. Hinten klebt noch an der Wand, was in glücklichen Tagen einmal eine schöne Orgel war. So ein Rest von Pfeife, zerschmolzen in heißer Glut, ist nicht das, was vorzeigbar wäre – selbst wenn es in zerstörter Form noch schön aussieht. Was nach dem Feuer bleibt, kann aber auch eine geschnitzte Holzkrippe sein, die steht, als ob es nie gebrannt hätte und tausend Grad selbst Beton zum Brennen brachten.

Was nach dem Feuer steht, weiß keiner von uns, weiß nur Gott allein. Er ist es, der ganz allein das Echtheitszertifikat vergibt für das, was Glaube ist und was nicht. Gott nimmt sich das Recht heraus, vom Menschen eine Antwort zu fordern. Er fordert einen Rechenschaftsbericht, was geworden ist aus den anvertrauten Pfunden. So stellt er auch den Machern der Kirche und den Mitmachern in ihr die Frage, was daraus geworden ist. Ein extrem steiler Anspruch, dem wohl keiner, wenn man ehrlich ist, genügen kann. Es gibt sie eher nicht, die Gemeinde, die nicht dahinter zurückgeblieben ist hinter dem, was sie hätte sein sollen und können.

So muß das Gütesiegel, das Gott gibt, ein Zertifikat der Barmherzigkeit sein. Anders geht es nicht. Kirche ist mehr. Sie ist ein Ort von viel mehr Gnade, die Gott gibt, als der Mensch begreifen kann. Sie kann nur darin echt sein, daß sie nach dem Siegel der Barmherzigkeit strebt, die allein in Christus lebt, weil es aus eigener Kraft kein Mensch erreichen kann. In diesem Sinne sind wir Kirche – in der Kraft, mit der Gott liebt.  Ein besseres Gütesiegel gibt es nicht. Amen.

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Menschenfischer werden und sein

Lukas 5, 1-11 – Br. Markus

Das kann dauern … stundenlang dauern …. bis … der Fisch anbeißt. Für mich ist das nichts, zumal, wenn das Erfolgserlebnis eine schlaffe Forelle ist, die es geschafft hat, die Chemieabfälle im Fluss zu umschwimmen, um dann doch auf den Wurm am Haken hereinzufallen. Vom großen Fang kann sowieso nicht die Rede sein.

Unsere Wirklichkeit fühlt sich anders an – wie einsames, anstrengendes Warten auf sichtbaren Erfolg – darauf, dass die Mühe sich lohnt. Menschenfischer werden und sein – im heutigen Predigttext geht es weniger um Fisch und um prall gefüllte Netze. Es geht um das Wort, das Christus spricht, das Anfang und Ziel einer jeden Berufung ist.

1.          Auf Christus angewiesen

Fürchte dich nicht, du wirst jetzt keine Fische mehr fangen, sondern Menschen für mich gewinnen.

Jesus beruft seine ersten Jünger. Es ist eine Berufung heraus aus dem eigenen Lebensplan, heraus aus der Erfahrung, heraus aus dem Dichten und Denken um die eigene Person, raus aus dem Gewohnten. Berufung durch Christus durchkreuzt die anderen Rufe der Zeit und Zeitgenossen. Gottes Ruf  er ereignet sich. Er lässt sich nicht herbeidenken wie die Frage: Werde ich lieber Angler oder Fischer?

Berufen wird man nicht, weil man sich das vorstellen kann, es will oder schön fände, sondern weil Christus es will. Petrus wird Menschenfischer, weil Christus es ihm zumutet. Menschenfischer beauftragen sich nicht selbst,  sie sind angewiesen auf Christus. Menschenfischer ohne Christus wären bestenfalls Rattenfänger. Menschenfischer müssen christusgemeinschaftsfähig sein. Christus will nicht Menschen ohne eigne Meinung, sondern Menschen, die ihre Meinung in ihm bilden. Er will Menschen, die ihre eigene Intelligenz vor seiner Intelligenz zurückstellen. Er will Menschen, die erkennen, das es Synchronisation zwischen ihm und uns geben muss.

Menschenfischer werden und sein – Petrus und seine Begleiter sind Fischer ohne Diplom. Rein statistisch gesehen befiehlt Jesus zum ungünstigsten Zeitpunkt einen Fischzug. Absolut unverschämt. Es widerspricht jeder Berufserfahrung. Es wirkt aussichtslos.

Ich hab mir mal ganz privat und nur auf theoretischer Basis die Frage gestellt, ob ich bereit wäre, morgens früh um 2.30 Uhr einen Marktstand in einer Tiefgarage in Stuttgart aufzubauen. Es könnte schon sein, dass Kunden kommen, aber nur vielleicht.

Unmöglich ist die Forderung von Jesus. „Auf dein Wort will ich es wagen“ sagt Petrus. Er ist Fischer  – aber welcher Fischer fährt schon auf das Wort eines Touristen zu einer Uhrzeit raus, von der jeder weiß, dass es nichts zu fangen gibt. Ist er der Typ, der auf das Wort eines Nichtfachmanns zum Fischen zieht? Im Nachhinein haben sicher alle immer schon gewusst, dass doch ein paar Fische immer schon in Ufernähe waren – aber vorher?

Sicher, man könnte hergehen und sagen: Je verrückter, desto christlicher und umso wunderbarer. Petrus riskiert eine dicke Blamage in Fischerkreisen. Er fährt raus. Er ist keine Spielernatur – wäre er das gewesen, dann hätte er am Schluss aufgetrumpft.

Petrus erschrickt.

Er entdeckt, dass er

2.          Von Christus geachtet ist

Sie warfen ihre Netze aus und fingen so viele Fische, dass ihre Netze zu zerreißen drohten…..bald wahren beide Boote bis zum Rand beladen, so dass sie beinah sanken.

Voller Erfolg – und Perus erschrickt. Es gibt zwei Momente, in denen Petrus schaudert. Als der Hahn das dritte Mal krähte – und heute im Text.

„Herr, gehe von mir hinaus, ich bin ein sündiger Mensch.“

Petrus ist schockiert, so geschockt, wie ein Mensch nur sein kann, wenn er seine eigene Größe neben der Größe Gottes sieht. Der Menschenfischer Nr.1 ist ein von sich selbst über sich selbst Erschreckter. Petrus zuckt zusammen, als er erkennt, was eine Unmöglichkeit ist: das Nebeneinander Gott und Mensch.

Es ist nicht nur der Schreck über die eigene Dummheit oder das Entsetzen, etwas falsch gemacht zu haben. Es ist nicht nur der große Schreck des Menschen vor Gott überhaupt. Es ist ein heiliger Schreck. Schreck vor der Vollkommenheit Gottes, der Größe seiner Gedanken. Nicht nur das.

Petrus erkennt, dass Gott unheilige Menschen zu einem Job ruft, für den Heiligkeit die Grundvoraussetzung wäre: Menschenfischer zu werden und zu sein. Kein Unternehmer dieser Welt würde Mitarbeiter einstellen, deren Zuverlässigkeit nicht erprobt ist.

Der Gotteswahnsinn heißt Liebe. Wertschätzung ist es, die er uns entgegenträgt – denen, die auf dem Weg sind zu ihm. Nicht die toten Heiligen sondern die lebendigen Sünder sollen Menschenfischer sein.

Das bestimmt die Struktur der Kirche. Nicht die Überflieger, nicht die kühnen Sieger, sondern die über sich selbst Erschrockenen und Barmherzigkeitsfaszinierten sollen Menschenfischer sein. Die Christus-Hierarchie ist einer Hierarchie der innehaltenden und überprüfenden, sich fragenden und Rechenschaft gebenden Menschen. Sie finden Vertrauen  – nicht irgendwann und irgendwie sondern in der Beziehung zu ihm.

Petrus ist kein Einzelfall. Schon bei Mose und Jesaja gibt es Erstaunen über Gottes Gewalt und Vertrauen. Christus vertraut uns – obwohl er weiß,  dass wir viel zu ängstlich sind, mit dem Boot nochmal rauszufahren.

Christus vertraut uns – obwohl er weiß,  dass uns die Vorstellungskraft fehlt.

Christus vertraut uns – obwohl er weiß,  dass unser Verstand Richtung Misstrauen tendiert.

Er vertraut uns – obwohl sowieso immer alles schiefgeht, wir sowas noch nie gemacht haben

Er vertraut – obwohl keiner von uns Vertrauen wirklich verdient

Jesus Christus mutet der Kirche zu, dass in ihr Berufene Dienst tun, die selber noch Probleme damit haben, diesen Dienst tun zu können, die sich nicht trauen.

Erschrocken erstaunt findet Petrus Christusvertrauen. Sein Selbstvertrauen wird zum Christusvertrauen verwandelt. Für Menschenfischer gibt es deshalb nicht die Frage, was ich mir selbst zutraue, sondern nur die Frage, was Christus mir zutraut – und das ist mehr, als Mann und Frau so glauben kann. Das, was ich mir zutraue, passt auf einen Angelschein. Das, was Christus mir zutraut, überfüllt Boote, so dass sie zu versinken drohen.

Christusvertrauen wird konkret in

3.          Der Berufung

Du wirst von jetzt an keine Fische mehr fangen, sondern Menschen.

In Gottes Wort liegt ein neues Programm, Gottes Programm für Petrus. Es ist nie für alle gleich, es ruft alle gleichermaßen zum Leben.

„Schluss mit Fisch“ sagt Jesus zum Fischer.

Was ist mit uns, wenn Christus „Schluss mit Holz“ zum Schreiner

oder „Schluss mit Blume“ zum Gärtner sagt?

Hören wir ihn noch, den Messias vom See Genezareth, wenn „Schluss mit Studium“ zum Studenten oder „Schluss mit Ruhestand“ zum Rentner, „Schluss mit Wochenende“ zum Urlaubsmensch gesagt wird? Du sollst ab jetzt ein Menschenfischerfängergewinnerüberzeuger sein.

Christus nimmt Petrus, ohne zu fragen, ganz und gar, mit Haut und Haaren. Soll das ein Gott der Liebe sein? Wo bleibt das Mitspracherecht, die Diskussion und die gute Überlegung, wo die Probezeit und überhaupt?

         Menschenfischer werden und sein

Jesus selbst ist Menschenfischer, er hat für die ganze Welt den Angelschein. Er ist gewinnend – aber nicht im Sinne eines Vorbildes, das frei gewählt werden kann. Christus ist konkret. Christus ruft konkret.

Nicht nur damals, weit weg am See Genezareth, sondern auch heute ganz nah – auch zuhause,  daheim – klar, direkt – er beruft, Menschenfischer zu sein. Auch alle die, die gerne solo unter der Neckarbrücke leise und unauffällig vor sich hin angeln, aber auch solche, die von sich glauben, hochseetauglich zu sein.

Christus ruft – Menschenfischer werden und sind nicht die Perfekten, sondern die, die auf sein Wort, trotz aller Zweifel, trotz aller Bedenken, trotz aller guten Tipps, trotz der besseren Erfahrung und allem guten Wissen, den Versuch wagen.

Christus ruft. Für einen Berufen gibt es den Verlust der eigenen Freiheit nicht. Es gibt nur eine neue Verantwortlichkeit, die aus dem Vertrauen entsteht, das Christus uns schenkt. Ein verdrossenes „Nicht dürfen – können – oder – wollensollen-Fischerdasein gibt es nicht. Es gibt Vertrauensbezeugungen im gegenseitigen Einverständnis. Christus vertraut mir. Er hat von mir einen Vertrauensversuch verdient. Christus achtet mich. Er hat von mir einen Achtungsversuch verdient.

Menschenfischer sind Menschen, die sich von Gott gefangen nehmen lassen. Es gibt bei Gott keine Sklaverei . Wer aber von seiner Zuneigung erfast ist, der wird zum Sklaven dieser Überzeugung und somit zum Fischer, zum gewinnenden Kollegen von Petrus.

Dabei gilt die Devise: Lieber mit Christus in einem Boot als mit der Angel unter der Neckarbrücke – auch und gerade dann, wenn die Netze nicht zum Bersten voll sind, die Bänke leer bleiben und keiner Beifall klatscht. Amen

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Zwischen Christus und Karl Marx

Apostelgeschichte 4, 32-37 – Br. Markus

Im Paragraphen 1006 des BGB wird grundsätzlich vermutet, daß der Besitzer einer beweglichen Sache auch deren Eigentümer ist – wer die Sache hat, muß sie sich nicht ohne weiteres wegnehmen lassen. Meins oder deins – bei meiner Gitarre ist es einfacher. Ich hab sie selber bezahlt, also gehört sie mir. Es geht heute morgen nicht darum, sich von Gott etwas wegnehmen zu lassen oder um`s kleinliche Feilschen, wem was gehört. Es geht um Gottes Art zu denken. Die wirkt sich darauf aus, wie Christen Eigentum verstehen.

wir können Gemeinsam haben und geben

1.          Alle gehören einem

„Allein – wir sind allein, wir kommen und gehen ganz allein.“  singt Reinhard Mey in einem seiner Lieder.

Ja, es fühlt sich ab und zu so an, stimmt aber leider nicht. Ich bin nur einer von einer Milliarde sich einsam fühlender Menschen, die um ihr Dasein kämpfen, um ihr tägliches Brot, und es fühlt sich nicht nur so an, es ist ein täglicher Kampf. Das streitet die Bibel nirgends ab. Das Entscheidende dabei ist: Ich bin nicht allein. Ich muß nicht alleine um mein Dasein kämpfen, sondern ich gehöre Gott, der mich begleitet – sogar dort, wo ich mich einsam fühle. Wir alle gehören einem. Egal, wie man dazu steht, alles gehört einem, alles, was sich auf dieser Erde dreht. So heißt das christliche Weltverständnis. Aus diesem Schöpfungsverständnis heraus bildet sich unsere Einstellung zu allen Dingen des Lebens, also auch zu Eigentum und Besitz. Für Christen gibt es kein Eigentum, nur Besitz. Wir sind im Besitz der uns anvertrauten Güter. Wir sollen und dürfen Herrschaft ausüben über die uns anvertrauten Werte, ohne deren Eigentümer zu sein. So, wie ein Mieter im Haus oder ein Verwalter.

In diesem Verständnis unterscheiden wir uns grundlegend von Karl Marx oder ähnlich geprägten Ideologien. Mein Bauch gehört nicht mir, er ist mir aber anvertraut. Gott vertraut sich mir an, sein Sachverwalter auf dieser Erde zu sein, und ich bin damit nicht allein. Es gibt noch mehrere Millionen Sachverwalter und Sachverwalterinnen außer mir, neben mir, vor mir und nach mir. Göttliches Wertverständnis bezieht alle und alles mit ein. Deshalb nimmt Gott auch niemand was weg, um es anderen zu geben, so Robin-Hood-mäßig das auch klingen mag. Es geht ganz anders. Alle gehören Einem.

Dieser Eine vertraut Menschen, allen, völlig unterschiedliche Werte an. Das unterscheidet christlichen Sozialismus deutlich von marxistischem Sozialismus. Es ist ein fataler Irrtum zu glauben, daß jeder gleichermaßen gut mit Besitztum umgehen kann. Es ist aber auch ein Irrtum zu glauben, daß mein Geld mir gehört, wenn ich die Gabe es Geldverdienens habe. Gottes Verständnis von Besitz ist nie getrennt vom Blick auf den anderen, den Bruder oder die Schwester neben mir. Darin sind wir Christen absolut solidarisch mit allen Sozialisten dieser Welt, Schulter an Schulter. Geldvermehrung zu Lasten anderer ist unchristlich, auch wenn sie legal oder hochprofessionell organisiert ist. Alle gehören einem. Also ist auch der billigste Chinese oder Neger in der Kohlegrube Südafrikas mein Bruder, und ich kann es nicht zulassen, daß er hungert und friert, wenn es mir gut geht. Die Kaffee-, Tee-, Bananen- oder Radieschenpreise dieser Welt müßten ganz anders aussehen – aber nicht nur das.

Im Verständnis Gottes von dieser Welt gehört

2.          Allen alles

2 Alle in der Gemeinde waren ein Herz und eine Seele. Niemand betrachtete sein Eigentum als privaten Besitz, sondern alles gehörte ihnen gemeinsam.

Christsein heißt, mit Gott ein Gemeinschaftskonto haben. Für Gott geht es zuerst nicht so sehr um Besitz als viel mehr um die Frage von Gemeinschaft. Koinonia – wie es im Griechischen heißt – ist der große Wesenszug Gottes, der die Bibel von Anfang bis Ende durchzieht – gelebte Gemeinschaft. Dem entgegen steht das Böse, das immer als eigenständiges, alleiniges, auf sich selber fixiertes Handeln verstanden wird.

Will heißen: Überall wo ich nur danach strebe, daß es mir allein gut geht, bin ich außerhalb meiner göttlichen Bestimmung, selbst wenn ich zu diesem Zweck in ein Kloster eintrete oder Missionar werde. Erst wenn es allen gut geht, ist es Gemeinschaft. Erst wenn alle gleichermaßen gut dastehen, ist es Kirche. Eine Kirche für besser Verdienende gibt es nicht. Es geht, wie gesagt, nicht nur um Besitz, sondern um Gemeinschaft in allen Bereichen. Wo allen alles gehört, sind alle für alles verantwortlich. Und das fühlt sich streckenweise sehr anstrengend an.

Die Gemeinschaft, die Gott vorschwebt, ist die schwierigste und zugleich spannendste Lebensaufgabe, die es geben kann. Christliche Kirche will keine Massenbewegung oder Diktatur sein, in der alle das tun, was gerade angesagt ist. Es geht nicht um Auflösung von persönlichen Bedürfnissen oder Zerstörung von Indiviualität.

Ganz im Gegenteil. Es geht darum, bei allem was ich tue und empfinde an die anderen zu denken, nicht über sie hinweg, sondern mit ihnen und trotz ihrer anderen Sichtweise. Es gilt, miteinander einen gemeinsamen Weg zu finden. Es geht dabei auch um`s Geld, aber nicht nur. Es geht darum, meine persönlichen Stärken für den anderen einzusetzen und nicht gegen ihn.

Der Ankerplatz für eine kleine Luxusjacht kostete in Nizza vor ca. 10 Jahren 4.500.- Euro pro Monat. Ein Spargelstecher verdiente zu der Zeit 5.- pro Stunde. Ein Pilot verdient über 200.000.- Euro im Jahr, eine Kassiererin 20.000.- Da gibt es schon noch Handlungsbedarf.

Christen können und sollen

3.          Gemeinsam haben und geben

Der Entwurf des Neuen Testaments ist kein Sparprogramm für abgemagerte Asketen. Gott findet Geiz nicht geil. Weil allen alles anvertraut ist, heißt Glauben vor allem: Aus der Fülle Gottes leben.

„Keinem in der Gemeinde fehlte etwas“ wird von der Urgemeinde berichtet.

Im Alten Testament sind reiche Ernten und gute Erträge immer Zeichen der Güte Gottes. Es geht also nicht um ein Sparprogramm, sondern um`s ganze Gegenteil. Gott will, daß wir uns investieren in diese Welt. Das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden zeigt die gleiche Zielrichtung. Nicht die Angst zu verlieren, sondern die Hoffnung auf Ertrag prägt die Richtung.

Es geht um das, was Gott uns anvertraut hat. Jeder hat irgend etwas reichlich. Nicht, was ich nicht habe, sondern das, was ich habe zu teilen, ist mein Gottesauftrag. Was ich habe, was ich reichlich habe, kann ich anderen zukommen lassen ohne zu verarmen – im Gegenteil. Teilen ist das neue Haben, Teilen in Gottes Auftrag ist ein Teilen mit Profit, ein Teilen, das nicht nur den anderen, sondern auch mich selbst bereichert. Mein Reichtum entfaltet seine volle Kraft dort, wo ich ihn in Gottes Auftrag verteile – am anderen, in der Gemeinschaft.

40 Jahre unserer Bruderschaft sind auch 40 Jahre neutestementlicher Gütergemeinschaft. Wir haben jetzt auch keinen Goldesel im Keller, der Dukaten ausspuckt, aber wir haben den Versuch gewagt, alles in diesem Sinne einzusetzen. Viel wichtiger als so ein organisierter Rahmen, den ja nicht jeder hat, ist die tägliche Bereitschaft, sich von Gott mitnehmen zu lassen zu dem total verrückten Projekt der Hingabe. Gott gibt alles, was er hat. Seine Kirche ist also ein Verein derer, die alles geben, weil sie alles haben, weil ihnen alles anvertraut ist. Wir sind als Besitzer der Erde geboren, deren Eigentümer Gott selbst ist. Die Erde ist eine bewegliche Sache. Sie dreht sich nicht nur um sich selbst, sondern im Weltall umher. Ein rasend schnelles Projekt – man merkt es nicht, aber wir drehen uns mit. Es wäre unklug, diesen schönen Planeten als verbrannten Boden zu hinterlassen. Wir sind die Besitzer einer beweglichen Sache.

Es ist unser Auftrag, in Bewegung zu bleiben. Es ist unser Gottesauftrag, die Erde erblühen zu lassen, nicht nur zu melken. Zwischen Christus und Karl Marx liegen Welten. Es soll ja nicht so enden wie nach 40 Jahren DDR. Gönnen wir uns also lieber den christlichen, den einzig tragfähigen Sozialismus in Christus.

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Raus aus dem Schwarz

-Br. Markus- Lukas 18, 35-43

Wir wissen nicht, wie das ist – einen Vogel singen hören, ihn aber nicht zu sehen. Schritte auf der Treppe, aber da ist keiner – oder doch? Die warmen Strahlen der Sonne spüren, ohne zu wissen, wie sie aussieht – ganz in schwarz. Wenn alles dunkel ist, Nacht, finster, nicht nur für den Augenblick, ein paar Stunden oder Tage, sondern Jahre – lebenslängliche Finsternis. Wir wissen nicht, wie das ist, nichts zu sehen, blind zu sein, ausgegrenzt aus der bunten Welt der Farben, der hellen, frohen Welt. Leben ohne Augenlicht – was für ein Schwarz muss das sein, wenn du merkst, dass da was ist, was alle, nur ausgerechnet ich nicht, sehen kann. Leben im Schatten – ausgerechnet ich! Wieso ich nicht, aber alle anderen?

Was für ein Leben das ist, wissen wir nicht. Der blinde Bartimäus ist einer, dem seine Krankheit nicht gefällt, der herauswill aus den Schatten der Nacht. Er will das Selbstverständlichste von der Welt: Er will Licht, sehen können.

1. Die Schreihals-Liturgie

Die vorne an gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr „Du Sohn Davids, erbarme dich meiner.“

Es ist nicht irgendeine ganz normale Wanderung. Jesus und die Jünger sind unterwegs auf der Höhe von Jericho. Die großen Theologen sind sich nicht ganz einig, wie man sich das vorzustellen hat. Die einen sagen, es sei ein Schweigemarsch gewesen, ein kontemplatives Wandern, zu inneren Einkehr bestimmt. Die anderen reden von einer Art „Wandergottesdienst“, wo während des Wanderns unterrichtet wurde. Fest steht, dass Unterbrechungen hier nicht vorgesehen sind.

Der Blinde platzt also voll in eine geordnete geistliche Veranstaltung und schert sich einen Dreck um das, was der äußere Rahmen ist. Er ist ein Störenfried inmitten der nach geistlicher Erbauung suchenden Wandergruppe. Was würden wir denn sagen, wenn hier, heute morgen, mitten im Gottesdienst, plötzlich einer zu schreien anfängt und seine ganz privaten Gesundheitsprobleme zum Mittelpunkt macht – geht irgendwie gar nicht – oder? Er hätte sich vorneweg anmelden sollen, dass alle für ihn beten können, in aller Ruhe, versteht sich – oder nicht?

Zur Zeit des Textes wird Krankheit als Strafe Gottes gesehen, der Kranke selbst demzufolge nicht nur an der Krankheit leidend, sondern auch an den stummen, vorwurfsvollen Blicken der anderen. „Wie schlimm muss der wohl gesündigt haben, dass Gott ihn so blind hat werden lassen!“ Kein Witz, leider eine Sichtweise, die man selbst heute noch, selbst in sehr modern scheinenden Kreisen finden kann. Was Krankheit ist, ist schon immer eine große Frage. Wenn Gott mein Vater ist, könnte er ja auch die Schmerzen im Vorfeld beseitigen, sie gar nicht erst aufkommen lassen. Schon klar, dass Gott das Heil will und dass jede Krankheit eine leichtere Form des Todes ist. Ich war schon immer lieber reich und gesund als arm und krank. Klar ist, dass jede Krankheit eine Krise ist, nicht der Normalzustand, nicht der Zustand, der uns gefällt.

Gott hat dem Menschen das Augenlicht geschenkt, um zu sehen, wie schön die Erde ist. Hätte er alles in Schwarz gewollt, hätte er Schwarz erschaffen, die Sonne niemals aufgehen lassen. Ich verstehe den blinden Mann, dass er schreit, weil Nichts Sehen einfach schrecklich ist. Er schreit, weil er die Not und das Elend sieht und weiß, dass er selbst es nicht ändern kann. Er wartet nicht auf Hilfe, er schreit um Hilfe. Er findet sich nicht damit ab, dass man ja doch nichts ändern kann und bisher alles umsonst war. Er glaubt noch daran, dass man es ändern kann, das schlimme Schicksal, das ihn zu dem gemacht hat, was er ist, einem einsamen Mann in Schwarz, der nichts sehen kann, damit aber nicht zufrieden ist.

Es ist der Schrei seines Lebens, der

2. Gottes Aufmerksamkeit

erregt

Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“

Anders als die Jünger reagiert Christus. Er sagt nicht: „Wir befinden uns gerade auf einem heiligen Weg und haben keine Diakoniesprechstunde.“ sondern: „Was willst du?“ Was für eine Frage! So schlicht und einfach wie in der Metzgerei: „Was darf’s denn heute sein?“

Christus hält inne, um den Lauf der Geschicke zugunsten eines Störenfrieds zu ändern. Gott öffnet das Ohr, um auf vielfachen Wunsch eines Einzelnen am Rad der Geschichte zu drehen. Das ist ganz ohne Frage die größte Unverschämtheit des Glaubens, dass der Lenker der Geschicke bereit ist, auf so ganz kleine Leute zu hören, sich ins Lenkrad greifen zu lassen – so verrückt, wie es klingt.

Das ändert alles – den Augenblick und die Welt. Gottes Achtsamkeit gilt uns. Der Riese hat ein Herz für den Zwerg. Der Glaube öffnet das Ohr Gottes. Gott sieht den Menschen eben nicht als ferngesteuerte Marionette, sondern als Beifahrer und Lenkhilfe auf den Straßen der Welt. Nicht das gleichmütige Ertragen, sondern das Mitgestalten, das Mitformen und Mitentwerfen ist die Idee.

„Was willst Du?“ Das ist ein zeitloses Angebot Gottes an alle Glaubenden. Gott hört sich alles an. Christus öffnet sich für den Mann in der Finsternis, weil der mehr sieht als manch ein Sehender. Er öffnet sich für den Blinden, weil der etwas sieht, was manch einer übersieht, selbst heue nicht sehen kann. Der blinde Mann sieht mehr, als die anderen, er sieht, dass Gott mehr kann als alle anderen. Er sieht, dass da einer ist, der mehr kann, als sämtliche Medizinmänner und -frauen aller Zeiten. Er sieht eine Chance, die größer ist als alle Anstrengungen, die er selber unternehmen kann. Er sieht, dass es medizinische Lösungen gibt, die über den schulmedizinischen Erfolg hinausreichen. Er sieht eine Möglichkeit, die größer ist als halbesotherische Schwingungstherapien oder fragwürdige Frequenzstimulationen. Er denkt sich nicht positiv, er glaubt, er glaubt an Heilung auf göttliche Art. Er sieht in Christus Gottes Kraft zu helfen. Wie das ist oder sein wird, kann er nicht wissen. Er vertraut sich ohne Vorgaben Gott an. Er legt nicht fest oder probiert aus, er glaubt.

Der Glaube macht ihn auch nicht gesund. Der Glaube ist nur die Grundlage, auf der Gott wirken kann. Würde der Glaube uns heilen, wäre der Glaube nichts anderes als eine Selbsttäuschung. Es ist nicht direkt ein Übersetzungsfehler in der Elberfelder Bibel, schon aber im Verständnis. Nicht der Glaube heilt, sondern Christus. Das wirkt sich in der Praxis der Heilungsgottesdienste aus, sonst würden alle, die nicht geheilt werden, nicht richtig glauben, alle unerhörten Gebete lägen dann an mangelndem Glauben – und das wäre dann ziemlich religiöser Bockmist, schätze ich. Wunder geschehen auch ohne meinen Glauben, sind immer schon unabhängig davon gewesen, ob ich es nachvollziehen kann oder nicht.

Es ist Gottes Kraft allein, die

3. Befreit

Und Jesus sprach zu ihm: „Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.“

„Sei sehend.“ So einfach kann moderne Medizin sein. Christus begibt sich damit aber nicht in Konkurrenz zu Spezialkliniken oder Operationsbesteck. Gerade da, wo die Kunst des Arztes endet, fängt seine erst an, die aber niemals zu einer  neuen Art von sanfter Medizin werden will. Überall, wo man das versucht, führt es zu entsprechend peinlichen Entgleisungen.

Ich persönlich bin tief dankbar, dass es in Kirchheim mein Kontaktlinsen-Studio gibt, zu dem ich gehen kann, wenn die Sehkraft nachlässt. Da kümmert man sich, ja gibt sich richtig Mühe, mir zu helfen. Schon eine ganz kleine, computergefertigte Linse wirkt Wunder auf ganz normale Art.

Es nützt weder dem Glaubenden noch Gott oder der Kirche, wenn wir die Mühe des Arztes belächeln oder herabwürdigen. Ich finde es in jeder Weise sogar unanständig, wenn mit religiöser Überheblichkeit die Leistung eines Arztes niedergemacht wird – gerade dann, wenn er eben nicht helfen kann. Kein einziges Heilungswunder der Bibel hat das Ziel, den Ärzten die Kundschaft zu rauben oder Ärzte abzuqualifizieren. Es ist einfach nur peinlich, wenn der große Charismatiker heimlich zum Zahnarzt gehen muss.

Christus befreit – nicht das eigene Wunschdenken oder das gemeinsame Ritual. Christus befreit. Er öffnet den weiten Horizont Gottes, tut ungeahnte neue Türen auf, lässt Licht ins verdunkelte Dasein fließen. Es geht bei Weitem nicht nur um das verlorene Augenlicht. Christus öffnet den unendlichen Spielraum Gottes für jeden, der das glaubt. Das ist kein Spielzeug für religiöse Events, sondern der Schraubenschlüssel Gottes, um mit am Rad der Geschichte zu drehen – nicht nur so, zum Ausprobieren oder zum Spaß, sondern genau dann, wenn die Welt schwarz geworden ist, unerträglich finster, einfach nur schattig und kalt, wenn gar keine andere Chance bleibt.

Wenn keiner uns mehr helfen kann, gilt es den Schrei nach mehr auszustoßen. Das „Erbarme dich unser“ kann nur dann Gottes Ohr finden, wenn es von der Ernsthaftigkeit unseres Lebens getragen ist wie von der Bereitschaft, Gottes Entscheidung zu akzeptieren. Unser Glaube soll alles erwarten, aber nichts zwingen. Christus macht unsere Nacht zur Chefsache, zur Angelegenheit, um die er sich kümmert. Es ist immer jemand da, der hilft, am Rad zu drehen,

egal, was unseren Horizont verdunkelt,

egal, was uns den Schlaf raubt,

egal, was nervös macht,

egal, was Magenkrämpfe verursacht

egal, was stresst

egal, was müde macht

egal, was auszehrt und Angst macht

Schrei es einfach raus in die Nacht. In Christus ist die heile Welt angebrochen in unserem heillosen Durcheinander. Das löst das Durcheinander nicht auf, öffnet aber das Blickfeld, bringt Licht in die Nacht.

Christus hilft raus, raus aus dem Schwarz. Amen.

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Mehr erwarten

Br. Markus – Römer 13, 8-12

Es fühlt sich ganz anders an, nicht so, als ob es hell würde, eher umgekehrt, als ob die Tage kürzer und die Nächte länger, die Dunkelheit kälter und undurchdringlicher wären. Das ist ganz normal. Am Jahresende ist eher Jahresendstimmung – das ist nun mal so, immer schon so gewesen. Eine einzelne Kerze auf dem Adventskranz ändert da nichts, auch wenn sie noch so hell brennt. Auf der Titanic soll die Bordkapelle ja bis zum Schluß gespielt haben. Was also erwarten wir noch – jetzt, wo das Jahr schon fast vergangen ist? Viel kommt da nicht mehr.

Gestern haben wir unsere Marktsaison beendet, nächste Woche wird nur noch aufgeräumt – und dann? Dann war’s das.

Christlicher Glaube funktioniert anders rum, ist immer eine Morgenstimmung, nie ein Feierabendgefühl – leider nicht. Christus blendet nicht ab und aus, sondern zündet an. Es geht also nicht, wie in dem alten DDR-Witz: „Erich, mach’s Licht aus, Du bist der Letzte.“ sondern umgedreht. Die erste kleine Kerze, selbst wenn es ein billiges Teelicht aus dem Supermarkt ist, ist der Anfang. Die Betonung liegt auf „Anfang“ vom großen, starken, hellen, grellen Licht. Wir erwarten Sonne – hunderttausend Watt helles, warmes, strahlendes Licht, oder noch mehr, viel mehr sogar. Wir erwarten mehr, als es gibt.

1.          Spannende Erwartung

Zwischen Frühstückskaffee und Feierabendbier liegt immer ein einziger, langer Tag, der manchmal ganz schnell gelebt ist – so, wie das letzte Jahr. Monate oder Tage – Zeit, die verweht, vorübergeht, als sei sie nicht wirklich gewesen, so schnell gelebt. Da steht man dann da und fragt sich, ob es das gewesen ist, was man erwartet, gewollt und geplant hat. Zeit ist deshalb Zeit, weil sie vergeht und man nicht weiß, ob man viel oder wenig davon hat, ob man es wahr haben will oder nicht. Jeder von uns hat nur 24 Stunden am Tag, keine Sekunde mehr und keine weniger. 20, 60 oder 80 Jahre für ein Leben – keiner weiß, wie viel, aber sich ist, daß sie vergeht, nicht die Zeit als solches, sondern meine Zeit, meine ureigene, ganz persönliche. Meine Zeit, die mir gegegeben ist, verstreicht. Der Spielraum, den ich persönlich gestalten kann, ist bemessen. Machen wir uns keine falschen Illusionen, den 250. Geburtstag erlebt keiner von uns so wirklich. Wenn ich in dieser Welt was bewegen will, sollte es deutlich davor fertig sein. Es ist meine Lebensaufgabe, zu erkennen, was es ist und wie ich es am besten gestalten kann. Man kann es ignorieren oder auch nicht. Zeit vergeht, mit oder ohne mich. Abends, 17, 18 oder 20 Uhr geht die Sonne unter – ob ich es akzeptiere oder nicht. Heute abend ist der Tag vorbei, egal, ob ich viel oder wenig getan habe. Fest steht nur eins: Am 31. Dezember ist 2019 vorbei. Spätestens dann kann ich in 2019 nichts mehr bewegen.

Wenn ich also bis zum Ruhestand brauche, um meine Ausbildung abzuschließen, ist es relativ unwahrscheinlich, daß ich meinen Beruf je ausüben kann. Es gibt ein christliches Zeitbewußtsein, das speziell dafür entwickelt wurde, die anvertrauten Pfunde zu entfalten. Meine Zeit vergeht. „Nütze den Tag“ sagt der alte Römer, und es schadet ja nicht, wenn man das mal an sich ranlässt. Heute mittag schlafe ich mich aus. Das schadet ja nicht. Wer sich aber nur ausschläft, ist eher ein Fall für den Kundendienst.

Christliches Bewusstsein ist ganz klar vom Uhrzeiger geprägt, ohne getrieben zu sein. Was ein erfülltes Leben ausmacht, entscheidet sich ganz sicher an dem, wie ich mit meiner Zeit umgegangen bin. Ich kann und darf an Gottes Seite entscheiden, ob ich mich schone oder nicht, ob ich mich herausfordere oder nicht. Es ist meine ureigenste Entscheidung. Lasse ich es sein oder packe ich’s an. Erwarte ich wenig oder eher noch weniger – Fragezeichen

Man kann auch viel mehr erwarten. Das hieße dann glauben. Diese Mehrerwartung ist es, die uns trägt – meint Paulus.

Sie ist es, die

2.          Unser Leben spannend macht

Christus verändert mein Zeitgefühl von Grund auf. Wir sind nicht am Ende, auch dann nicht, wenn es sich so anfühlt, nicht einmal am Abend, am Jahres- oder Lebensende, auch wenn es sich so anfühlt. Auch wenn ich am Ende bin mit allem, was ich bin und kann, getan oder gelassen habe, steh ich erst am Anfang, am Anfang der Zeit, die nicht vergeht, und die so stark vom Licht geprägt ist, daß ich es gar nicht glauben kann. Mein ureigenstens Zeitgefühl braucht eine Christusreform, daß ich es glauben kann, daß vor mir eine Zukunft ist, die so ganz anders ist als die Nacht, die mich umgibt. Eine Zeit, die nicht vergeht, die darin anders ist als meine Zeit, die ich gestalten kann. Gerade wenn ein Jahr vorbei, ein Leben zu Ende geht, fängt diese Zeit erst an. Zeit ohne Zeitmaß, Blick ins Weite, in die Zukunft Gottes hinein, ist der prägende Blick für meine Zeit, die vergeht – nicht, weil wir Angst haben, zu kurz zu kommen, das Eigentliche zu verpassen oder benachteiligt zu werden, sondern weil wir mehr erwarten. Was kommt, ist nicht die Nacht, sondern der Tag.

Der Theologe Stählin sagt – ich zitiere sinngemäß: Die an Christus Glaubenden leben nicht mit den Gefühlen einer Abenddämmerung, sondern sind in die Situation des aufleuchtenden Morgens gestellt.

80 Jahre sind nur der Augenblick, in dem ich auf den Zug warte in eine neue Zeit. Leben heißt dann, diese Wartezeit sinnvoll nützen. Es macht einen großen Unterschied, wie ich meine Zeit begreife. Es geht deshalb bei meiner Lebensgestaltung nicht um eine ganz allgemeine, mehr oder weniger moralische Fehlerlosigkeit, sondern um ein Dasein aus einer anderen Erwartung. Liebt also eure Mitmenschen, denn ihr wisst doch, dass es Zeit ist, aus aller Gleichgültigkeit aufzuwachen. heißt es im Text

oder

So wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt. „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.“[B] oder Es geht darum, wach zu werden für die anderen. Gott ist wach für uns. Er achtet auf uns. Diese Aufmerksamkeit soll durch uns vervielfältigt werden. Überall, wo die Bibel von Liebe spricht, ist weniger gemeint, den anderen totzulächeln, als vielmehr wach zu werden für ihn. Gott ist immer wach für uns. Wer mehr erwartet, ist wach für andere. Das bedeutet nicht, daß man auf der eigenen Schleimspur ausrutscht, sondern viel mehr, daß man auch die Auseinandersetzung mit dem eingeht, der anders denkt. Es ist unsere spannende Lebensaufgabe, so lieben zu lernen. Das ist die größte Herausforderung, die es gibt, eben weil es so viel mehr ist, als ich selber bin und kann. Nichts ist so häufig missverstanden worden, wie das berühmte: „dem Nächsten das anzutun, was zu seinem Besten dient.“

Streicheln oder schlagen, Gefängnis oder nicht, mit oder ohne Besserungsanstalten – Fragezeichen

Beispiel: Meiner Meinung nach ist es zu meinem Besten, jeden Abend ein, zwei Fläschchen Bier zu trinken. Es gibt aber Leute, die sehen das anders. Was also ist zu meinem Besten? Ein, zwei Fläschchen Bier oder ein Liter Müsli, schlimmer noch, Braunhirse? So kompliziert können die existenziellen Fragen der Lebensgestaltung sein. Ist es Christenpflicht, den Kindern Fernsehen zu verbieten oder nicht? – War 1970 eine wichtige Frage. Ist es eine Sünde, Eisenbahn zu fahren – war rund 1850 eine wichtige Frage (kein Witz!) Ist eine künstliche Befruchtung richtig – ist 2019 eine wichtige Frage. Wie erkenne ich, was das Beste für den oder die anderen ist? Das ist die wichtigste Frage durch alle Zeiten, und wer ehrlich ist, muß zugeben, daß es eine hohe Kunst ist, den anderen zu lieben, genau genommen eine Überforderung.

Gott fordert uns damit heraus. Gott liebt mich und fordert mich heraus, genau so zu lieben, wie er es tut. Er fordert mich heraus, die Dunkelheit der Enttäuschungen zu durchbrechen und eine kleine Kerze der Sympathie zu entzünden für den schwierigen Nächsten. Gott zündet in mir ein Licht an, weil er will, daß ich noch viele tausend Lichter anzünde in dieser Stadt, in dieser grauen Novemberwelt, die so dunkel und so kalt geworden ist, daß sie fast ungemütlich scheint. Gott hat mich wach gemacht, ein Lichtanzünder zu werden und zu sein, heute und jetzt, und in diesem Haus und in dieser Stadt.

Gerade die dicken Kotzbrocken, die fiesen Tyrannen, anstrengenden Gesellen und Gesellinnen sind angesagt – nicht die Katze in der Gärtnerei, die kann jeder streicheln. Die halsstarrigen Wiederholungstäter, angstmachen beratungsresistenten Ausgegrenzten sind angesagt. Man muß es sich nicht künstlich schwer machen, aber es ist ganz klar eine große Herausforderung. Es geht nicht um die lästige Pflicht, möglichst zu allen nett zu sein, sondern um ernsthafte Auseinandersetzung mit dem anderen. Vor uns liegt der anbrechende Tag. Es lohnt sich nicht, die Zeit mit kleinkarierten Streitigkeiten und Rechthabereiene zu vergeuden, wohl aber, ernsthaft mit dem anderen zu streiten. Vor uns liegt Ewigkeit. Es lohnt sich, meine befristete Zeit dafür zu nutzen, die Kunst zu lieben zu lernen und bereit dafür zu sein, ein ewiger Student zu bleiben.

Der Theologe Voigt sagt: „Hier ist alles, was man lernen kann, immer noch zu wenig. Rechtspflichten können abgegolten werden, aber die Liebespflicht ist unendlich, also niemals abzutragen. Hier hört alles Rechnen auf, aber auch alle Beruhigung, jetzt sei es geschafft. Wer liebt, ist in ständiger Bewegung im Dasein für andere.“

Heute ist der 1. Advent. Wir zünden ein Licht an. Das ist zugegebenermaßen noch relativ wenig Licht. Wir zünden es an, weil wir erwarten, daß es mehr wird. „Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier“ – Wenn es der merkwürdige Nachbar auch macht, sind es schon doppelt so viele Kerzen, und wenn es alle machen, wird es ein Lichtermeer. Gott erwartet noch mehr. Eigentlich ist ja auch immer Advent.

Zünden wir also ruhig noch mehr Lichter an – auch nach Weihnachten, dann, wenn es keiner mehr von uns erwartet, einfach deshalb, weil wir mehr erwarten. Amen.

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Sie läutet wieder

Sie läutet wieder

Festakt am Ewigkeitssonntag

geladene Gäste beim Festakt zum „Wieder-Läuten“

Jetzt ist ein gewaltiger Kraftakt abgeschlossen. Ein großer Dank ging an die Kämpfer im Glockenturm. Ein Spezialist der Glockenfirma zusammen mit den beiden Haustechnikern der EBK, hatten wochenlang mit schwerem Gerät, in der Enge des Turmes, akrobatische Leistungen vollbracht. Ein mehrfaches Danke erging an die Spender und Unterstützer, die sich haben von einer stummen Glocke rufen lassen. Von 35.000 Euro sind glücklicherweise 2/3 der benötigten Summe zusammengekommen. Sie haben dazu beigetragen, dass sich nachmittags um drei, zur Sterbestunde Jesu, wieder die unglaubliche Botschaft über das Ermstal ausbreitet: „Du Mensch sei frei, von all dem, was dich belastet, ich habe dich davon losgelöst!“ Danke für Ihr Engagement, danke für Ihr Mitmachen, Danke, dass Sie sich haben von einer stummen Glocke rufen und bewegen lassen. Seien Sie dabei, wenn es noch um die restlichen ca. 11.000 Euro geht.

Schwingung hautnah erleben

Am Ewigkeitssonntag war die ideale Gelegenheit, das „Wieder-Läuten“ der Gott-Vater-Glocke zu feiern.Nach zweijährigem Ausfall klingt wieder der schwere, warme Klang über das Ermstal. Mit geladenen Gästen gab es einen Festakt in der Christ-König-Kirche der Blumenmönche. Br. Theophilos stellte die „menschlichen“ Züge der Glocke heraus. Die vielen Anfragen: „Wann läutet denn eure Glocke wieder“, machten deutlich, dass vielen stillen Verehrern etwas fehlte. „Sie war eine von uns. Sie hat den gleichen Lebenszweck wie wir – hörbar und sichtbar gemachte Liebe und Gegenwart Gottes. Daher war es solch eine Tragik, dass ein Teil von uns schwieg.“

Im zweiten Teil machte Br. Paidoios noch mit dem inneren Geheimnis der Glocke vertraut. Wenn die Gott-Vater-Glocke läutet, schwingt über die Höhen und Tiefen der Menschen die ganze Güte Gottes. Raum und Zeit ist in Wohlklang und heilende Kraft eingehüllt. Weiter gibt es naturwissenschaftliche Experimente, bei denen die Schwingungen der „Unwetterglocken“ heranziehende Gewitter abgewendet haben. Ein heilsamer Nebeneffekt beim Läuten wäre eine angenehme Rückenmassage, wenn man sich beim Schwingen der Glocke, an den Turm anlehnen würde.

Pilgerwanderung zum Glockenturm

Zum 3 Uhr-Läuten zog die feierliche Schar hinaus an den Glockenturm, um die Glocke in ihrem neuen Schwung zu erleben. Das Klostercafé bot dann noch viel Raum, um die gegenseitige Dankbarkeit auszudrücken.

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Amore statt Vendetta

-Br. Markus-

Lukas 6,27-35

Auge um Auge, Zahn um Zahn  – überall auf der Welt gilt das gleiche Prinzip. „Was Du nicht willst, daß man Dir tu, das füg auch keinem Andern zu.“ Solche oder ähnliche Ratschläge prägen die Menschheit seit ihrem Bestehen. Geboren aus dem Kampf um`s Dasein scheint es kaum eine andere Möglichkeit zu geben, als Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Fressen oder selbst gefressen werden – ganz gleich, in welcher Religion oder welchem Kulturkreis der Einzelne steht. Es ist eine Art Naturgesetz – oder scheint es zu sein.

Dementsprechend weltfremd wirkt es, wenn Christus eine ganz andere Möglichkeit darstellt – unmöglich, undurchführbar, total schräg. Die Bergpredigt wirkt insgesamt eher wie ein Konzept vom andern Stern. Immer wenn man versucht, auch nur ein bisschen davon ins Leben zu übertragen, geht man damit baden.

1.          Liebe ohne Limit

Im Sport ist es das maximal Erreichbare einer Disziplin. Christus will das maximal Erreichbare in Sachen Liebe – grenzenlos. Das ist schon deshalb verrückt, weil er weiß, wie eng die Grenzen von uns in dieser Disziplin sind. Es ist einfach und schön, die Person zu lieben, die uns die Kiste mit Berlinern bringt. Bei der Kiste Bier gehen die Meinungen schon auseinander. In der Theorie klingt es gut, seine Feinde zu lieben. Wer das schafft, hat aber noch nie richtige Feinde gehabt. Der Feind ist ja deshalb mein Feind, weil er mich haßt, weil irgendwas Trennendes zwischen uns steht, etwas, was nicht überbrückt werden kann, auch wenn man sich noch so viel Mühe macht. Es können die ganz kleinen Dinge sein, die ihn entfesseln, den ganz großen Krieg zwischen mir und Dir. Da muß man nicht weit gehen.

In Nürtingen gibt es einen Anwohner, der stellt nur deshalb abends seine Autos auf die Straße, damit wir dort unseren Anhänger nicht abstellen können auf der Durchfahrt nach Kirchheim. Obwohl die Familie mehrere gut ausgebaute Parkplätze auf ihrem Grundstück hat, fährt er extra abends die Autos der Familie auf die Straße. Er will nicht, daß wir auf seinem Teil der Straße parken. So einem Giftzwerg würde ich doch viel lieber die Gartentür eintreten oder die Balkonkästen mit Unkrautvertilger gießen, als nett zu ihm zu sein. Der tickt einfach ganz anders als ich, und ich sehe eigentlich gar nicht ein, was es bringt, sich mit so einem Vollpfosten überhaupt auseinanderzusetzen. Ich weiß nicht, was genau der liebe Gott bei diesem Schrebergartentyp falsch gemacht hat, aber irgendwie ist er total falsch programmiert, mindestens aber ganz anders als ich.

Das Schlimme daran ist, daß ich jeden Tag eine ganze Menge Leute treffe, bei denen es eher schwer fällt, sie zu lieben. Manchmal reicht schon ein ganz normaler Kunde aus. Zum Glück liegt`s ja nicht an mir, sonst müsste ich mir noch Gedanken machen (rein rhetorisch, versteht sich.) Aber es ist schon eher eine brasilianische Idee Gottes, seine Feinde zu lieben – oder nicht?

Dabei kann ich verstehen, daß es Leute gibt, die meine orangefarbenen Orchideen nicht gut finden, das Glockengeläut für zu laut halten, meine Nase für zu krumm und meine Haare zu braun.

Ich versuche, Leute zu verstehen, die Donald Trump wählen oder Putin, vielleicht auch noch Erduan, aber irgendwann ist dann auch mal gut. Man soll sich ja nicht in die Tasche lügen und Verständnis heucheln, wo es nichts zu verstehen gibt. Es gibt immer und für alles eine Erklärung, aber nicht immer eine, die ich verstehen kann.

Gott liebt auch da, wo nichts ist, was der Liebe wert wäre sagt Voigt und führt aus, daß alles, was Gott an seinen Menschenkindern auf allen Kontinenten täglich tut, nichts anderes ist als konsequente, in endloser Geduld durchgehaltene Feindesliebe. Gott liebt uns ohne Limit, ohne irgendeine Grenze, an die wir stoßen könnten, weil wir eh schon drüber sind. In Christus haben wir mehr, als die maximal mögliche Menge an Sympathie. Das macht uns gleich, gleichermaßen geliebt, weder bevorzugt noch benachteiligt. Gottes Zuneigung ist größer, seine Grenze weiter als meine je sein könnte.

Es ist diese Liebe allein, die uns

2.          Gegenschlagsaktiv

macht.

„Wie du mir, so ich dir.“

Stehen wir in Christus, heißt es anders. „Wie du mir, so ich euch.“ – Amore statt Vendetta. Es geht nicht darum, Liebe zu äußern, sondern zu tun. Unsere Reaktion soll ein Ausbruch sein aus der Abwärtsspirale der gegenseitigen Enttäuschung. Wo Auge um Auge ausgeschlagen wird, bleiben am Schluß nur blinde, zahnlose, tote Wesen übrig. Es gibt viele logische Gründe, die Spirale der Gewalt zu verlassen, es gibt aber auch viele logische Gründe, die Spirale der Gewalt zu behalten. Ohne Recht und Gerechtigkeit geht es nun einmal nicht.

„Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen.“ – die andere Backe hinhalten

Geld verleihen, das nicht zurückkommt, die Kleidung weggeben. Es ist ein konkreter Maßnahmenkatalog, den Christus vorstellt. Aber spätestens dann, wenn man sein ganzes Geld verliehen hat, stellt sich die Frage, wie es weitergeht, wenn nichts zurückkommt. Unser Gegenschlag, unsere aktive Liebe steht ja immer im rauen Wind der Wirklichkeit. Deshalb ist eine logische Einsicht auch viel zu wenig, um irgend etwas in die richtige Richtung zu bewegen. Es gibt eine unbegrenzte Menge psychologischer Deeskalationsprogramme, die alle auch schon ganz gut sind, aber nichts zu tun haben mit dem, was Christus will. Es geht ihm darum, den anderen so zu lieben, wie Gott ihn liebt. Es geht nicht darum, zu erkennen, daß der andere einen Mantel braucht, es geht darum, mit ihm zu frieren. Es geht nicht darum, zu verstehen, warum der andere anders urteilt, sondern darum, sich auf seine Andersartigkeit einzulassen. Es bringt nichts, sich verkloppen zu lassen, aber es bringt schon etwas, wenn man bereit wird, die eine oder andere Narbe in Kauf zu nehmen.

Die Bergpredigt fordert mit allen ihren Impulsen mehr Mut, als der Einzelne haben kann. Christus will damit ja auch kein starres neues Gesetz kreieren nach dem Motto „Je sozialer, umso heiliger“. Er will die schöpferische Liebe Gottes lebendig machen. Dazu ist das Verständnis nur die eine Seite. Die Bereitschaft, sich aktivieren zu lassen, ist die andere. In Christus entsteht ein neues Sein,  das Leben, das nicht aus der Abwärtsspirale der Enttäuschung, sondern aus der geschenkten Barmherzigkeit entsteht.

Das ist ein Lebensprogramm für alle, die mutig genug sind, sich als Sünder unter Sündern zu begreifen. Den Feind zu lieben gelingt mir erst, wenn ich begreife, daß ich selbst auch Feind bin. In Christus begibt sich Gott weit aus seiner Komfortzone heraus. Er stirbt aus Liebe zum Feind. Diese Hingabe lässt sich nie verstehen. Sie lässt sich nur erleben und weitergeben. Für uns leidet Gott in Christus. An seiner Seite werden wir verletzbar – eben dadurch, daß wir den Mut haben, es geschehen zu lassen. Es soll nicht mit geballter Faust in der Tasche geschehen, sondern aus der Liebe Gottes heraus, die stärker ist als der Haß, der uns umgibt. Es geschieht in uns und soll durch uns geschehen, am anderen, in dem Maß, in dem wir bereit sind, die damit verbundenen Verletzungen hinzunehmen. Es ist keine sinnfreie Selbstkasteiung, sondern bewusste Gestaltung mit Blick auf eine bessere Welt.

Das macht christliche Gegenschlagsaktivität aus, daß sie bereit wird, auf Schläge zu verzichten und dabei

3.          Heute schon romantische Zukunft

ist.

Nicht Auge um Auge, sondern Herz um Herz ist Gottes Plan. Die Zukunft soll eine bessere sein – mit uns und durch uns, aber auch mit dem anderen, dem lästigen Typen, der dazu genauso ungeeignet ist, wie ich selbst. Das geht nicht ohne weiteres, sondern tut weh, so wie ich dem anderen weh tue und er mir. Gottes Liebe erschafft uns, diese Welt zu lieben, inklusiv der Schmerzen und Probleme, die das macht.

Es ist dabei nicht der Plan, daß die Christenheit zum Müllschlucker aller Entgleisungen dieser Welt wird. Gott verschließt uns nicht die Augen und die Ohren. Seine Liebe ist genauso der Impuls, der wch macht, das Unrecht der Welt zu benennen und zu bekämpfen. Es wäre wohl ein Missverständnis, wollte man glauben, daß die Welt durch unsere Hingabe zu einer besseren werden würde. Blauäugigkeit ist da nicht angebracht. Die Bergpredigt ist kein 10-Punkte-Plan, wodurch die Welt durch unser Leiden immer besser würde. Unabhängig von unserem Bemühen wird die Mafia Mafia bleiben und all die anderen Schurken auch. Zurecht lieben oder –leiden wird sich die Welt nicht lassen. Zu viele andere Interessen bleiben im Weg stehen.

Wir sind dazu gerufen, gegenschlagsaktiv zu werden, durch unser Leben und Handeln Zeichen zu setzen, das Gesetz der Vergeltung zu durchbrechen und einen Hinweis zu leben auf Gottes bessere, freiere Welt. Weniger gegen das Alte protestierend, als für das Neue demonstrierend“ wie es der Theologe Karl Barth formuliert. Zukunftsgewisse Liebe bezeugt tathaft, das Gottes Reich kommt. In ihr herrscht Amore statt Vendetta. Ein Aufruf an uns, das täglich zu gestalten.

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