Das Wort ganz nah bei dir

-Br. Markus- 5. Mose 30, 11-14

Der freundlich lächelnde Kellner erklärte uns, wie es wirklich ist. Der Koran sei nämlich in Arabisch geschrieben, und da man in der Türkei türkisch spreche, könne man es leider nicht verstehen, was da geschrieben steht in diesem dicken Buch, das dem guten Mohammedaner dazu helfen soll, Richtung zu finden für sein Leben. Natürlich verehre man Allah, dass man aber deswegen kein Bier trinken solle, kann man zumindest an der türkischen Westküste nicht wirklich verstehen. Mekka ist weit weg, und auf die große Entfernung bei der staubigen Straße kann es schon passieren, daß das eine oder andere Prophetenwort verloren geht oder landestypisch interpretiert wird.

Als gut erzogene Deutsche hatten wir dummerweise auf unser Bier verzichtet, um vor Ort nicht unangenehm aufzufallen. So kann`s einem gehen. Es ist ein Verdienst Martin Luthers, dass die Bibel nicht in arabisch, sondern auf Deutsch vorliegt, und jeder nachlesen kann, wie das genau gemeint ist mit unserem Glauben, dem Wort und dem Ganzen. Es geht um den tiefen Sinn und Zweck, den das Wort Gottes unter uns hat, das Ziel, ausgedrückt in zwei ganz einfachen Worten: Hören und Tun.

1.          So weit, weit weg von mir

Nicht zu hoch und nicht zu fern – nicht im Himmel und nicht jenseits des Meeres

Es geht um das, was wir als Gottes Wort zu kennen meinen. Da fühlt sich vieles an wie religiöse Maskenpflicht – unangenehm zu tragen, nicht wirklich hilfreich, so weit, weit weg vom wirklichen Leben, das doch in Farbe ist. Was wir als Gottes Wort zu kennen glauben, liest sich doch streckenweise wie ein Auszug aus der Verkehrssünderkartei, eingestaubt in überflüssige Unterlassungsanleitungen und überflüssige Freiheitsberaubungen.

Du sollst nicht …So scheint die Botschaft der Bibel im Großen und Ganzen zu klingen und somit die größtes Spaßbremse aller Zeiten zu sein. Das ist aber nur ein ganz kleiner Teil der großen Wahrheit. Unser Abstand, die Entfernung zwischen Mensch und Gott beruht nicht auf falsch verstandenen zwangsmoralischen Einschränkungen. Es wäre unaufrichtig, das zu behaupten. Wirkliche Entfremdung von Gott beruht auf unserem Freiheitsdrang, auf dem unbändigen Menschenwille, sich von niemandem was sagen zu lassen.

Sollte Gott gesagt haben…“ jeder spürt in sich den Drang, es auf eigene Faust zu versuchen, es selber anders zu machen, es besser hinzukriegen. Die Angst, bevormundet zu werden, ist die wirkliche Entfremdung von Gott, die Distanz, in die wir uns begeben, die fatalerweise auf einem großen, bösen Denkfehler beruht.

Gott will gar nicht für uns entscheiden. Gott will sie uns nicht wegnehmen, unsere Freiheit, die eng mit wirklicher Entscheidungsfreiheit verbunden ist. Hätte er das gewollt, hätte er den Menschen anders erschaffen, entscheidungsunfähig. Gott ist der Schöpfer unserer Entscheidungsfreiheit. Er will, dass wir unser Leben selber leben, frei genug, um ja zu sagen oder nein. Er will lediglich der Orientierungspunkt sein für unser Ja oder Nein. Gott will erkannt sein, nicht stur befolgt.

Wer sich befreien kann von der Angst, bevormundet zu werden, entdeckt einen klugen Gott, einen Rat gebenden Gott, einen helfenden Gott, einen Partner, der hilft, teure, folgenschwere Fehler zu vermeiden. Das ist der Plan. Darin liegt die ungeheure Kraft, gerade dann, wenn ich selber gar nicht mehr weiter weiß. Gott ist kein Gott für Besserwisser. Das wollte er nie sein. Er steht denen zur Seite, die sich eingestehen können, nicht mehr weiter zu wissen. Ob mir Gott fern ist oder nicht, liegt gezwungenermaßen an mir selber, an der Frage, ob ich es besser weiß oder eben nicht.

Gott ist immer ganz nah, immer da, wo ich ihn an mich heranlasse. Er ist

2.          Unentrinnbar nah

Es ist das Wort ganz nah bei dir.

Gott ist gegenwärtig – in jedem Augenblick unsres Lebens, nicht nur zwischen den Buchdeckeln der guten alten Bibel. Gott ist immer nah bei mir, immer, wenn die Frage aufsteht: Soll ich – oder soll ich nicht?

Keiner von uns weiß, vor welche Fragen ihn das Leben stellt. Was für mich richtig ist, muss nicht für alle richtig sein. Gott ist ein großer Feind von großen Entscheidungen, die für alle gleichermaßen falsch oder richtig sind. Die allgemeingültigen Entscheidungshilfen stehen ja alle in der Bibel. Es geht auch nicht um fromme Diskussion.

Der Theologe Stählin sagt: „Wer Gottes Wort zum Gegenstand interessanter Diskussionen macht, verbaut sich und anderen den Weg zum schlichten Gehorsam.“

Es geht um unsere freie Entscheidung in Gottes Nähe – was ja nicht  heißt, dass es verboten ist, mit anderen über schwierige Probleme zu reden, im Gegenteil. Es geht darum, das Leben zu wählen, das Leben zu ergreifen, das in der Nähe Gottes ist. Es muss eine freie Entscheidung sein. Gott ist keine Arznei, die man einnehmen muss.

Gott will überzeugend sein. Er will uns aus freien Stücken, deshalb will er, dass auch wir ihn nur aus freien Stücken wollen. Er ist immer da und meldet sich, auch in der leisen Stimme unseres Gewissens, das uns anspricht oder eben auch nicht. Es geht nicht um Gefühle, es geht um Rechenschaft, die ich mir selber gebe – oder eben auch nicht.

Die Bibel und die großen Worte sind das eine. Wie sie anzuwenden sind, steht aber manchmal leider nicht im Buche, und da wird es zur Auseinandersetzung mit dem Leben, mit mir selber und mit den anderen, die auch betroffen sind.

Gott ist mir nah. Er ist aber auch nahe bei den anderen. Gott ist auch nah bei dem, der anderer Meinung ist als ich. Überall, wo ich das bei mir oder bei den anderen vergesse, bin ich dann doch eher weit, weit weg, selbst wenn ich mich ganz nah dran fühle. Es ist nie eine eigene Gefühlsfrage, ob ich Gott nahe bin. Es ist eine Tatsache, daß mir Gott immer nahe ist, egal ob ich ihn ranlasse oder nicht. Ich habe nicht die Macht, Gott von mir zu entfernen. Ich kann mich bestenfalls selber entfremden. Es gibt keinen Meßwert für Gottes Nähe – wie beim Akku, wenn man sagen könnte 10, 20 oder 30 Prozent. Es ist eine Frage der Offenheit in dem Augenblick in dem ich mich ansprechen lasse. Es ist der Augenblick der Zustimmung, in dem ich geschehen lasse, der Augenblick in dem das Wort

3.          Tatwort wird

Es ist das Wort ganz nah bei dir, in deinem Mund und deinem Herzen, daß du es tust.

Gottes Wort hat ein klares Ziel. Es geht nicht so sehr darum, eine eigene Meinung zu äußern oder etwas bekannt zu machen, als vielmehr darum, etwas in Bewegung zu bringen.

Hören und Tun – „hören, dass Du es tust“ heißt es mehrfach im Text.

Gottes Wort hat das Ziel, die Welt zu verwandeln, sie zu formen und zu gestalten – in diesem Augenblick, in dem Moment, in dem er es spricht.

Gottes Wort will immer Tatwort sein, Tatwort an unserer Seite, Tatwort, das uns zur Verfügung steht, Tatwort, das uns verändert und die anderen um uns herum, Tatwort, das uns zu denen werden läßt, die wir sein sollen, zu Gerechten vor Gottes Angesicht,

Menschen, in denen der Zwiespalt endet zwischen Wort und Tat. Menschen, die sich in Bewegung bringen lassen, den Augenblick zum Augenblick Gottes werden zu lassen, zum Moment, in dem das Tatwort schafft, was es sagt.

In Christus allein ist Gottes Wort zu Vollendung der Schöpfung geworden, zum Augenblick der Barmherzigkeit, in dem Gott vergessen kann, daß wir seine Nähe eigentlich nicht verdient haben. In Christus ist sein Wort so nah, dass man ihm eigentlich gar nicht mehr ausweichen kann. Darin erfüllt er das Gesetz – und in ihm das wichtigste Gebot, das im heutigen Mosetext grundsätzlich und allgemein gültig aufgeschrieben ist. Das wichtigeste Gebot der gesamten Christenheit hat hier sein Fundament: Gott und den Nächsten zu lieben ist unsere Lebensaufgabe, das Schöpfungsprogramm. Darin liegt unsere Bestimmung und unser Gewinn. Christus ist Gottes Wort – ganz nah bei Dir und mir, bei allen, die gerne zuhören, was er zu sagen hat. In Christus spricht uns Gott in der Sprache an, die jeder verstehen kann, die kein Kauderwelsch ist oder Jägerlatein. Es ist die Sprache, die Gott spricht, wenn es gilt, die Welt zu verändern, so daß sie wieder gefallen kann in den Augen dessen, der sie geschaffen hat.

In Christus ist Gottes Ja-Wort und auch die Antwort auf all die ganz leisen Fragen, die unser Gewissen uns stellt, die außer uns nie jemand gehört hat. In Christus spricht Gott das Tatwort, das uns aufrüttelt und wach macht, bewegt und beruhigt. Es ist eine völlig neue Sprache, in der Gott uns zum Leben ruft und zur Entscheidung, das Leben zu wählen, das es allein in seiner Nähe geben kann – im Wort, ganz nah bei dir. Amen.

Über brtheophilos

Ein Blumenmönch in Gott verliebt. Mag Menschen, Blumen und Worte die Herzen erobern.
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