Herzverpflanzung

  1. Januar 2017 -Bruder Paidoios-

Jahreslosung: Hesekiel 36, 26

„Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“

Obwohl es schon so lange zurück liegt, es ist mir noch sehr gegenwärtig: das Wagnis der Herzverpflanzung in Süd-Afrika. Täglich wartete man auf neue Nachrichten, wie geht das, funktioniert das überhaupt, wie stehen die Chancen? Über jeden kleinen Fortschritt freute man sich mit. Und im Hintergrund standen die Fragen: Darf man das? Ist das dann ein anderer Mensch mit einem fremden Herzen? Lange vor dem Professor aus Südafrika hat es Gott gewagt, den radikalen Eingriff, das Alte durch Neues zu ersetzen.

1.  Lebensgefährlich krank

„Ein neues Herz und einen neuen Geist.“

Wo von Neuem die Rede ist, muss es etwas Altes geben. Der Zusammenhang redet von einem steinernen Herzen. Stein: das ist kalt, empfindungslos für Gott und Mensch, unveränderbar, lebensfremd, funktionsgestört.

Damals in Israel, das Volk gefangen und kurz vor seiner Auflösung stehend, Jerusalem zerstört, das Land ausgebeutet, Hoffnungslosigkeit macht sich breit, aber eben auch Vorwürfe an Gott, die den Menschen immer für diesen Gott unerreichbar machen. Und das geht bis heute: Man muss wohl ein Herz aus Sein haben, um einen LKW in eine friedliche Menschenmenge steuern zu können, um gnaden- und rücksichtslos Bomben auf eine bewohnte Stadt zu werfen, oder zu mißbrauen, kreuzigen, zerstören, nur weil der andere anders glaubt. Aber lassen wir uns den Blick nicht vernebeln. Auch im Kleinen, ganz Persönlichen, gibt es diese versteinerten Herzen. Es geht alles kaputt – ich habe keine Hoffnung mehr – der oder die ist für nich gestorben – zu oft werden eigene Ansprüche und Vorstellungen rücksichts- und mitleidlos durchgesetzt, Ordnungen ohne Nachdenken übertreten, und sich selber gegönnt ohne zu fragen, was es den anderen kostet. Man braucht nicht schwarz zu sehen, um die Todeskrankheit des Menschen zu erkennen und ein bißchen begütigen: es wird schon irgendwo wieder, wirkt anläßlich der Katastrophe lächerlich. Es gibt bei dieser lebensgefährlichen Herzkrankheit des Menschen nur zwei Alternativen: den Tod oder den mutigen, gewagten Eingriff zur Erneuerung.

Das ist:

2.  Ärztliche Macht

Handeln kann nur, wer kompetent ist. Handeln kann nur, wer Macht hat und Fähigkeit. Handeln kann nur, wer den alten Zustand erkennt und das Neue wagt. Handeln kann nur, wer die Not und den Patienten sieht und nicht fragt, was kostet es mich oder was bringt es mir. All diese Beschreibungen laufen ganz zentral auf Gott zu. Gott erkennt den Zustand der Welt, den Zustand des Menschen, meinen und deinen, das heißt: Gott hat für uns Interesse. Gott schreibt uns nicht als hoffnungslos ab. Gott macht keine Rechnung mit dem Menschen auf. Er schenkt, weil er weiß und lebt, bezahlen kann der Mensch das Handeln und die Güte Gottes sowieso nicht. Diese Herz- und Geistverpflanzung, diese Erneuerung, ist also zutiefst Gnade, ungeschuldetes Handeln für uns. Und Gott ist auch kein Politiker, der viel verspricht und wenig hält. Gott – das heißt: ich habe die Macht zur Erneuerung, nicht nur Absichten. Mir ist es nicht unmöglich, ich bin der, der Grenzen überwindet, Mauern sprengt und Leben wirkt, wo alles zerbombt und zerstört ist.

Dieses Wort muss damals in Israel eingeschlagen haben wie eine Bombe. Denn auch das ist Gottes handeln: dort wo nichts mehr zu hoffen ist, dort wo nur noch Abgrund, Zerstörung, Nacht und gescheiterte Möglichkeiten sind, dort kommt dieser Gott aus sich selber heraus, fröhlich daher und sagt: das beeindruckt mich überhaupt nicht. Gott sagt: ich kann Veränderung, ich kann gut machen, heilen und ich Gott, habe den Mut, das täglich neu zu tun, trotz Unwilligkeit, Unbereitschaft, trotz Menschen, die das was da geschieht nicht erfassen. Gott wagt die Herzverpflanzung und setzt damit die Lebenskraft in die Todeslandschaft, den Weiterweg über den Abgrund, die strahlende Hoffnung über das müde sich Abfinden.

3.  Bleibende Wirkung

Wir wissen es von den Herzverpflanzungen: die Operation an sich ist eines, aber die Genesungsphase, das Leben mit dem neuen Herzen und das immer neue Bekämpfen der Abstoßungsreaktionen ist das andere. Gott kann auch das. Das neue Herz, der neue Geist, das ganz Andere was von Gott in den Menschen hinein gesenkt wird, ist immer gefährdet. Neues Herz und neuer Geist ist Leben und damit tägliche Herausforderung. Das Neue von Gott her will Gestalt gewinnen, will prägen und ist in sich verändernd und das trifft auf Widerstand. Es will keine Veränderung ist nicht nur ein Kündigungsgrund im Blumenhaus, sondern das ständige Problem Gottes. Die mutige Tat, die erwiesene Kompetenz, das geschenkte Neue und damit Andere, sieht der Mensch nicht nur als Gabe, sondern oft als eine Herausforderung und er sehnt sich zurück zu den gewohnten Bahnen und der Ruhe der steinernen Herzen und des bewegungslosen Geistes.

Das ist die Tragik Gottes, aber eben auch die Tragik der Menschheit. Erneuerung löst nicht nur Begeistungsstürme aus, sondern – wir sehen es auch aus der Geschichte sehr oft – erbitterten Widerstand und krampfhaftes Festhalten am Alten. Das Bild prägt schon, das neue Herz und der neue Geist ist ein Fremdkörper im alten Menschen. Das was Gott schenkt ist nicht einfach ein Päckchen zu Weihnachten, das das Leben schöner, angenehmer oder prickelnder macht. Das Schenken Gottes hat das Phaszinierende und das Herausfordernde des Neuen, des Anderen.

Wir gehen in ein neues Jahr unter einem Wort Gottes, das zwei Seiten hat: ich schenke Neues. Die Jahreslosung will uns also dankbar machen für die erneuernde Macht Gottes. Sie fordert uns aber auch heraus, das Neue Gottes in unserem Leben zu hegen und zu pflegen und ihm Raum zu geben. Es fordert uns heraus, Altes loszulassen, altes Fühlen, altes Denken, alte Grundsätze. Jeden Tag steht der Postbote Gottes da und sagt: ich habe für dich ein kostenloses Geschenk. Was sagen wir? Ich freue mich, ich bin dankbar – oder aber: Annahme verweigert.

Daran wird sich entscheiden, wie das Neuschaffen Gottes in jedem Menschen und in der Welt Gestalt gewinnt. Es gibt geheime Zusammehänge, wenn sich der Mensch dem Neumachen Gottes verweigert. Wie soll da Neues werden in der Türkei, in Syrien, im Terrorismus? Das Neue von Gott her ist ein Lebenskeim. Wo wir ihn schützen und Pflegen, wächst er und breitet Wurzeln und Äste aus bis hinein in die Gebiete, wo wir schon gar nicht mehr zu hoffen wagen. Wer um seine eigene Trägheit und sein verhaftet sein mit dem Alten weis, erkennt auch dass das eine große Aufgabe ist, an der wir im Alltag oft scheitern werden.

Es geht Gott aber gar nicht um die perfekte Umsetzung aus unserer Kraft. Gottes Dynamik ist so groß, dass sie auch den Rückfall ins Alte täglich neu überwindet. Gottes Liebe ist so groß, dass sie sich an jedem kleinen Blättchen freut, das sein Lebenskeim in uns treibt und Gottes Gestalten ist so groß, dass er trotz aller Widerstände zum Ziel kommt. 2017 – wir sind eingeladen als die Beschenkten Gottes zu gestalten, eingeladen aus der neu schaffenden Kraft Gottes selber Neues zu bauen. Der schenkende und erneuernde Gott – das ist die Chance, die Kraft und die Hoffnung jeden Tages, das dieses neue Jahr bringt.

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Gott traut sich was

-Br. Markus- Micha 5, 1-4a

Für Gott ist es ganz klar ein Risiko – wenn nicht das größte Wagnis überhaupt: Weihnachten, das große Fest. In der Vergangenheit war es eher so, dass er gar nicht willkommen war, hier auf der Erde – und heute wieder, nicht nur damals, im alten Israel. Heute steht die Frage nach dem Sinn und Zweck des Festes überhaupt. Keiner von uns würde zu einer Party gehen, auf der er nicht willkommen ist. Keiner strebt Partnerschaft mit jemand an, der sie nicht haben will. Man sieht sowieso nicht in den anderen rein, weiß nicht, ob’s gut geht, weiß nicht, wie der oder diejenige tickt.

In Christus, seinem Sohn, traut sich Gott in eine Welt, die ihn des Öfteren so gar nicht haben wollte, obwohl sie Sehnsucht hat nach glücklicheren Tagen und sonnigeren Zeiten. Gott traut sich da hinein, in eine Welt, die mit sich selbst nicht wirklich im Reinen ist.
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1. Mitten unter uns

„Aber zu Bethlehem im Gebiet der Sippe Ephrat sagte der Herr: Du bist zwar eine der kleinsten Städte Judas, doch aus dir kommt der Mann, der mein Volk Israel führen wird.“

In Christus bringt Gott nicht den großen Event-Dreiteiler im Gute-Laune-Format. Auch nicht ungebremste O-du-fröhliche oder O-Tannenbaum im Ohne-Ende-Salat. Zu ernsthaft und zu schattig ist all das, was an Weihnachten abläuft, als dass man’s irgendwie überdröhnen könnte. Zu viele Sattelschlepper landen ungebremst im schön beleuchteten Weihnachtsmarkt. In Christus startet keine Heile-Welt-Programm – auch dann nicht, wenn uns danach zumute ist. Es wäre zu schön, um wahr zu sein, wären die Schatten der Welt weggefegt – wenn auch nur für diesen einen, den Weihnachtstag. Ist aber nicht!

Schön auch deshalb nicht, weil Weihnachten nicht das Produkt unserer Sehnsucht ist. Es ist nicht das Produkt unserer Sehnsucht nach Glück, Gesundheit, Wohlstand und Wohlergehen. Eben dann wäre es Rausch, der vergeht, schmerzhaft zurückprallt in die eben eher dunklere Wirklichkeit. Gott riskiert sich unter uns. Das ist kein Spaßprogramm – selbst dann nicht, wenn’s glücklich macht. Es fängt klein an, bescheiden und unbedeutend, mitten unter uns, so klein, dass es kaum einer bemerkt. Die offiziellen Geschichtsschreiber bemerken und beachten diese Geburt nicht. Gott startet mindestens so bescheiden, wie Apple und Bill Gates – im Garagenformat. Nicht das Erhabene und Bestaunenswerte eines Gottessohns macht den Anfang, sondern der partnerschaftliche Moment Gottes, Mensch unter Menschen zu sein. Bethlehem – so klein, wie ich selbst und die Welt, die ich mir denken kann – so groß, wie mein Gesichtsfeld, das ich überblicke, so klein wie meine Ahnung, die ich habe, so winzig wie mein Vermögen, irgend etwas zur Rettung der Welt zu tun. So klein traut sich Gott zu sein. Klein, wie Menschen sind – nicht nur niedlich klein, sondern zu klein, um wirklich etwas bewegen zu können. In Sachen Großmut klein, klein im Helfen können und Vertrauen, klein im Durchhalten oder Wiederaufstehen, eher erlöschend in unserer Leuchtkraft.

Ich bin nur Staubkorn in der Wüste, Tropfen am Eimer“ sagt der Psalmist an anderer Stelle. In Christus macht sich Gott staubkorngroß, um Staubkorn unter Staubkörnern zu sein. Das hat nichts mit künstlicher Reduzierung seines oder meines Könnens und Denkens zu tun. Es ist Gottes Suche nach echter Partnerschaft. Gott ist mein Partner in meinem Format, nimmt in Christus meine Größe an, schuhgroßgleich. An Weihnachten fängt Gott an, in meinen Schuhen zu laufen, nicht ich in seinen. Er geht auf Augenhöhe mit. Neben mir ist einer, der mich wirklich verstehen kann – vor allem in der letzten Einsamkeit meiner selbst, in der ich mich finde, wenn selbst alle vertrauten Freunde und Verwandte mich nicht verstehen.

Das eigentliche Geschenk Gottes ist dieser Partner, vor dem ich nicht mehr darstellen muss, als ich wirklich bin. Christus geht mit mir, wenn’s sein muss, im Rückwärtsgang. Er kommt mitten unter uns, achtet uns für groß genug, um an unserer Seite zu gehen – auch wenn das kleine Schritte sind. In Bethlehem fängt er ganz klein an, in einem Kuhdorf. Er begründet christliche Tugend, die Welt mit kleinen Schritten groß zu verändern. Krippengroß geht der große Masterplan Gottes in eine neue Phase, die
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2. Weihnachtliche Partnerschaft

„Wie ein Hirte seine Herde weidet, so wird der neue König regieren. Gott, der höchste Herr, hat ihn dazu beauftragt und gibt ihm die Kraft. Dann kann das Volk endlich in Sicherheit leben, denn selbst in den fernsten Ländern der Erde wird er als Herrscher anerkannt. Er bringt Frieden.“

Gott traut sich in die Welt in unserer Form hinein. Er gründet eine Partnerschaft, die nicht von dieser Welt, aber für sie ist, geschaffen, um diese Welt in eine andere, in eine neue Welt zu formen, in der mehr Leben, weniger Sterben ist. Gott traut sich an mich ran, um mich zu fragen, ob ich will, dabei sein will, wenn es darum geht, diese Welt in eine bessere zu wandeln. Da ist kein Spielraum für religiöse Traumtänzerei, wenn Gott mich anspricht. Weihnachtliche Partnerschaft reicht weit, bis Ostern und von Ostern bis Weihnachten und wieder zurück. Jederzeit steht Christus für mich bereit. Er steht bereit, damit auch ich für andere bereitstehen kann. Christus hört mir zu, damit ich zuhören kann. Christus weckt mich auf, damit ich aufwache. Das findet statt, fängt an Weihnachten nur an, hört aber nicht an Sylvester wieder auf. Weihnachtliche Partnerschaft lebenslänglich – nicht eingezwängt und überwacht, sondern frei gemacht in eine Partnerschaft, die überlebt, wenn alles andere zu Boden geht. Es ist die erste und letzte Idee Gottes: Ewige Partnerschaft zwischen Mensch und Gott. Er versteht sein Hirtenamt nicht als Aufpasser über mich, sondern als Ansprechpartner in allen Dingen, Partnerschaft von Anfang an. Nicht, dass jeder das macht, was er für gut findet, sondern was einbringbar ist. Gott will denn Menschen als handelndes, überlegendes Wesen, nicht als gegängelten Hampelmann. Er will unsere Initiative. Das macht lebendige Partnerschaft aus – dass jeder zu Wort kommt. Herrschaft Gottes ist Vertrauensherrschaft, frei von Angst. Frieden  – echter Christusfriede kennt auch keine religiöse Angst. Gerade das ist die stärkste Seite an dieser  Fusion, dass sie angstfrei macht. Nicht ich oder wir, sondern unser Partner hat die Welt überwunden in ihrer Angst, in der sie steht. Unser Partner macht den Frieden in mir aus, den ich selbst nicht finden kann. Meine Zerrissenheit findet zur Ruhe in ihm. Es geht nicht um ein oberflächliches Schwamm-drüber-Konzept, oder um angeordnetes, braves Benehmen in moralischer Vollkommenheit.

Der Friede Gottes ist weit mehr. Es geht nicht um Waffenruhe oder stilles Erdulden Andersdenkender. Christus versöhnt den Menschen zuallererst mit sich selbst. Nur das kann wahren Frieden schaffen, egal wo, egal wie. Nur mit sich selbst versöhnte Menschen vermögen sich wirklich zu vertragen. Ohne Partner, gottlos, schafft das keiner – gerade auch, weil es dabei nicht darum geht, unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen plattzubügeln. Die ganze Bibel erzählt von Menschen, die mit Gott gerungen haben, mit dem Schicksal und dem rechten Weg. Gott hat sich nicht in eine Krippe gelegt, um allezeit sanftselige Heiterkeit zu verbreiten nach dem „Eiapopeia-Prinzip“. Weihnachtsfriede, den Christus gibt, steht immer im Spannungsfeld inmitten von Unfriede der Welt, wie eine Kerze, die brennt in der Dunkelheit. Friede Gottes lässt sich nicht durch Atemtechnik verbreiten. Es braucht eher handfeste Maßnahmen, um ihn zu verwirklichen. Versöhnung mit mir, mit den anderen, mit Gott und der Welt kann nur glaubhaft werden, wo Wahrheit zur Sprache kommt. Selbst die schönste Adventsmusik kann das nicht leisten. Christus bringt den Menschen nicht in eine religiösere Stimmungslage, sondern in die aufrichtigere Beziehung zu sich und allem, was ihn umgibt. Es geht um eine veränderte Denkweise.

In Bethlehem fängt Gott damit an, in einem ganz kleinen Format die Denkweise der Welt großräumig zu verwandeln, unser Denken in Bewegung zu bringen, damit sich wandelbares ändern kann in die neue, lebensfreudige Richtung. Gott traut sich raus, um uns für sich zu gewinnen – nicht nur an diesem einen „Kindergeburtstag“, sondern für eine weite, unaufhaltbare Zeit. Christus ist Gottes Antrag, den er uns macht, gemeinsame Sache zu machen in der Partnerschaft, die er schon gedacht hat, bevor wir denken konnten.

Gott traut sich das – wir doch auch (oder?). Amen.

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Anders als erwartet

-Br. Markus- Jeremia 23, 5-8

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt – erst eins, dann – – – merkt man, dass man vergessen hat, Streichhölzer zu kaufen. Dann, wenn sie nicht so ruhig und beschaulich ist, so romantisch im Kerzenschein, die ruhige und besinnliche Zeit, ist sie irgendwie anders, stimmt etwas nicht mit dem was ist und dem, was man erwartet hat. Wenn die gelbe Tulpe rot blüht, statt Sonne Regen scheint, plötzlich alles aus ist, ist alles anders, als erwartet. Um Veränderung, um Zukunft geht es heute morgen, um Zukunft aber nicht allein. Es geht um das, was Zukunft ist und sein kann, aber auch um unsere Erwartung, unseren Umgang, unsere Einstellung auf das, was kommt. Der Prophet Jeremia folgt mit seiner Prognose keinem Rechenmodell, sondern der Kraft seiner Vision, die er hat, sieht auf das, was kommt.
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1. Schöner, als ein Traum

Schön, wenn man noch träumen kann, das Leben überhaupt kein Alptraum ist, wenn man nach vorne schaut und voll Ideen ist, vergisst, was geht und gehen kann, wenn nicht der Alltagsfrust alle Träume zerstört hat und sich nicht novembergrau in unsere Seele frisst. Schön, wenn da noch mehr ist, als die Enttäuschung des Philosophen, der uns prophezeit: „Es kommt selten was Besseres.“ Was wirklich kommt, wissen wir nicht. Manchmal kommt es noch schlimmer, manchmal kommt es viel schöner als erwartet. Erst gestern, erst letzte Woche haben wir viel besser verkauft, als ich zu glauben gewagt hätte. Die Mauer ist weg. Das Leben überrascht auch im November manchmal mit fröhlicheren Farben als grau. Keiner kann heute wissen, was morgen ist, aber jeder Mensch kann heute schon an morgen denken, an das, was ist oder sein könnte. Der Mensch unterscheidet sich vom Affen darin, dass er vorausschauend handeln kann. Trotzdem ist da ein Unterschied zwischen Erwartung und Traum. Beides ist auf die Zukunft ausgerichtet, aber mit einem ganz entscheidenden Unterschied. Erwartung ist kein Traum – christliche Erwartung erst recht nicht. Träume folgen Wünschen, Erwartungen nicht. Erwartung hat einen Grund, einen konkreten Anlass. Wenn ich ein Paket erwarte, dann deshalb, weil ich vorher eins bestellt hab. Jeder Mensch wünscht sich eine bessere Welt  ohne Krieg, Hass und Gewalt. Alle träumen von einem besseren Leben, frei von Zwietracht und Hinterlist.

Bestellen lässt sich das aber nicht. Schön wie Erinnerungen an die gute alte Zeit kann er sein, unser Traum von einer viel besseren Wirklichkeit. Das macht unsere Wirklichkeit aber nur um 0,0 Prozent besser. Es funktioniert nicht, eine bessere Welt zu träumen. Zu viele sind schon gescheitert an diesem traumhaften Traum. Unsere Erwartung ist geprägt von einer klaren Hoffnung, die in Christus konkret ist, mehr als ein Traum. Es geht um die Frage von Recht und Gerechtigkeit, die soviel größer ist, als man träumen kann.

„Der neue König wird weise regieren und in seinem Land für Recht und Gerechtigkeit sorgen“ heißt es im Text.

Es geht um
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2. Erwartung mit Aussicht

Das alte Israel träumt, träumt mit ganzer Kraft von einem neuen König, einem Macher, der das hat, was der bisherige König nicht hat: Gerechtigkeit. Man muss da nicht ins alte Israel reisen, um schlimme Verhältnisse vorzufinden. Die Wirklichkeit ist rauer, härter, niederschmetternder, als wir es glauben wollen. Heute noch ist die Welt, so, dass sie nach Recht und Gerechtigkeit schreit. Man muss dazu nicht die weltpolitische Bühne betreten. Es gelingt uns allen wirklich nicht, so zu sein, wie wir sein sollten, gerne wären oder sogar wissen, wie wir sein müssten. Es ist der ganz normale Mensch, der unrecht ist, im Unrecht ganz allein, wenn er im Kampf um sich selbst Unrecht zulässt, unrecht lebt. Es ist der eigene Überlebenstrieb, der Unrecht verursacht, anderen Schmerzen zufügt. Die Suche nach dem größten Stück des Kuchens lässt für andere immer kleiner Stücke, manchmal nur noch krümelgroß, zurück. Das ist unser aller Missgeschick, dass wir’s nicht hinkriegen, für andere zu denken und zu lieben und zu denken – und so gibt’s Krieg. Der Krieg, wer mehr kriegt, ist immer und überall – nicht nur in großen, sondern manchmal in winzig kleinen, ganz normalen, zickigen Streitigkeiten. Jeder von uns kann ein Mini-Putin und überall ein kleines Afghanistan sein. Da muss man nicht erst zum Nachbarn hinüberschauen. Die Art von Gerechtigkeit, die diese Welt braucht, ist nicht von dieser Welt. Sie ist anders, ganz anders, als ein Politiker sie geben kann. Sie ist tiefer und reicht weiter, als der Einzelne sieht. Das ist der große Konflikt im alten Israel, der Erwartungskonflikt, in dem Israel lebt. Israel erwartet das Unmögliche. Keine politische Kraft dieser Welt kann Recht und Gerechtigkeit herstellen, kein Kanzler oder König, keine Fraktion oder Parlament – keiner! Im Härtefall entscheidet jeder nach dem Überlebensprinzip. Zum eigenen Vorteil heißt: Nachteil des anderen.

Die Gerechtigkeit Gottes ist größer als Gerechtigkeit, die Menschen sich geben können. Sie folgt einem klaren Prinzip. Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Glaube, Sanftmut und Enthaltsamkeit …. sind politisch nicht herstellbar. Die Gerechtigkeit Gottes kommt von anderswo. Sie wirkt Veränderung von innen heraus. Aus Barmherzigkeit verwandelt sich die Welt. Das ist ganz anders, anders als erwartet. Gerechtigkeit Gottes ist Überzeugung des einzelnen Menschen, nicht Programm von außen, obwohl es die äußeren Umstände ändert. Es ist kein Traum. Würde sich nichts an äußeren Umständen ändern, wäre es Traum. Christliche Erwartungshaltung führt aber zur greifbaren Veränderung in der Welt. Der König, der erwartet wird, ist nicht der König der Barmherzigkeitsverordnungen, sondern der gelebten Barmherzigkeit. Christus schafft kein Hingabegesetz, sondern gibt sich. „Meine Gerechtigkeit ist nicht mein eigenes Werk“ so heißt das neue Gesetz, das einzige Gesetz, das Aussicht auf Erfolg hat. Nicht ich, der andere, der neue Mann, auf den sich unsere Aufmerksamkeit richten soll, hat die alleinige Gerechtigkeitskompetenz. Er allein weiß, was wirklich gerecht ist. Es ist eine ganz andere Herrschaftsform, die entsteht, die einzige, die wirklich Aussicht auf Erfolg hat.

Nicht ich – Christus in mir wird zum
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3. Prägenden Lichtblick

Jeremia kündigt einen neuen Herrscher an, der inzwischen gekommen ist, anders, als erwartet. In Christus hat sich ein neues Lebensziel ausgeformt. Eine neue Erwartungshaltung ist entstanden. „Nicht ich“ – das heißt: „eher er“. Die neue Partnerschaft, die seither möglich ist, schafft wirkliche Hoffnung. Unser Dunkel ist nicht mehr dunkel, unsere Finsternis erstrahlt im hellen Licht.

Lichtpartnerschaft in Christus schafft atemberaubende Aussicht, schön wie der Schein einer Kerze auf dem Adventskranz, aber auch unruhig, wie nur eine lebendige Flamme sein kann. Partnerschaft im Licht kann eine höchst beunruhigende Angelegenheit sein, wenn alte Gewohnheiten, festgefahrene Überzeugung, immer richtige Ansichten plötzlich anders aussehen. Besinnung ist mehr als ein Schäferstündchen mit Räuchermännchen und Co. Echte Besinnung im Kerzenschein lässt Licht auf alles fallen, was im Schatten eines Jahres ist und war. „Frommes Gehabe zählt nicht.“ sagt der Theologe Voigt. Lichtpartnerschaft will mehr sein.

Christus ist der prägende Lichtblick im Schatten meiner selbst. Das ist die alles entscheidende Botschaft Jeremias. Da ist einer, der nicht beschattet ist, auch darin und auch dann noch, wenn der helle Schein ganz anders leuchtet als erwartet und sich anders anfühlt. Die Christusrevolution kommt ohne rohe Gewalt, aber mit gewaltiger Kraft. Sie rückt alles ins richtige Licht, gerade das, was nicht entspricht. Das kann ein gewaltiges Erdbeben sein. Was das ist und sein kann, zeigt sich im Kerzenschein der Besinnung – Adventsbesonnenheit. Nur im Licht der Barmherzigkeit wird er zum Lichtblick, der Blick auf die Welt und mich selbst, zum prägenden Lichtblick für alles, was ansteht im eher dunklen Novembergrau. Der prägende Lichtblick macht es, dass die Welt ganz anders aussieht, als erwartet. Sie erstrahlt im hellen Schein der Barmherzigkeit eines neuen Königs – wie gesagt, oft anders, als erwartet.

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Erst denken, dann glauben

Sonntag, den 09.10.16 -Predigt: Br. Markus-

Prediger 4, 17-5,1

 

Ich persönlich bin ja nicht der Typ, der zum Fahrradfahren einen Helm aufzieht. Nicht, weil ich das Risiko liebe, ne, so’ne Plastikschüssel aufm Kopp steht mir einfach nicht – oder? Der Sicherheitsgurt im Auto hat mir schon einige Male das Leben gerettet. Erst, wenn man aus der Kurve geflogen ist, versteht man die tiefe Bedeutung des Satzes wirklich: „Erst gurten, dann starten.“ Zum Hören eines Musikstücks braucht man ihn jetzt nicht, den Sicherheitsgurt. Obwohl eine gute Musik unseren Geist in schwindelnde Höhen entführen kann, schnallt sich doch keiner von uns zum Musik hören an – oder nicht?

Ein genauso gespanntes Verhältnis scheint zwischen Verstand und Glaube zu bestehen. Braucht man Verstand, um zu glauben, oder glaubt man nur manchmal, zu verstehen? Ist das eine dem anderen manchmal nicht eher hinderlich? Ich will jetzt nicht behaupten, dass der Verstand der Sicherheitsgurt des Glaubens ist – viel mehr, dass der Verstand den Glauben gründet, beflügelt und braucht, um sich wirkungsvoll zu entfalten.
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1. Gott ist schöner und schneller als ich

„Gott ist im Himmel, und du bist auf der Erde“ heißt es im Text.

Es geht um Ehrfurcht vor Gott. Das ist mehr als Respekt, den Menschen sich zollen. Hut ab vor einer bemerkenswerten oder außerordentlichen Leistung, medaillenverdächtig, oskar- oder nobelpreisnominiert. Da steht man doch gerne auf, um zu applaudieren.

Erfurcht vor Gott ist viel mehr. Es geht nicht um den Gott, der irgendwo über den Wolken thront oder auch nicht, der nie da zu sein scheint, wenn man ihn braucht, weit, weit weg von dem, was daneben geht da unten, bei uns und überhaupt. Es geht um’s wirkliche Größenverhältnis Gott-Mensch. Wie groß ist Gott wirklich und wie groß bin ich. Wir staunen über das neueste Handy, über Gott staunt die Welt aber schon lange nicht mehr. Der moderne Mensch von heute hat Gott in sich – und das ist auch wirklich nicht zum Staunen. Anderseits staunen wir schon über die Navigationsgeräte, und wir vertrauen uns diesen kleinen Plastikdingern an, die uns an die Ziele unserer Reise führen – auf erstaunliche Art. Es steht außer Frage, dass ein Navi das kann, was ich nicht kann, den schnellsten Weg ans Ziel finden. Wir glauben schon, dass ein Satellit uns lenken kann, nicht weil er oben im Himmel, sondern draußen im Weltraum ist, aufgrund seines Abstands und seiner besseren Perspektive und seiner Software unser Fahren leiten kann. Trotzdem gibt es ihn von Apple oder Birne noch nicht: den Satellit, der unser Schicksal lenken kann. Physik und Mathematik reichen oft nicht einmal für einen zuverlässigen Wetterbericht. Unberechenbar wie das Schicksal, das zuschlägt oder begünstigt, scheint Gott.

Deshalb glauben ihn viele nicht, weil er zu unbeteiligt scheint, als dass ihn irgendwas kratzen würde, was hier geschieht. Dass ich Gott nicht verstehen kann, ist aber kein Beweis, dass er nicht ist, sondern völlig normal – sagt zumindest die Astrophysik. Wir können nicht einmal begreifen, was draußen im Weltall geschieht. Wir können nur versuchen, zu erforschen, ohne zu verstehen. Genau das tut und sagt die Bibel übrigens schon länger als die Astrophysik. Gott ist in einem mathematisch und physikalisch nicht benennbaren Raum, den die Bibel „Himmel“ nennt. Über den Wolken, unter der Erde, hinter oder über dem All ist er nicht. Er ist auch nicht in der Phantasie der Glaubenden oder der religiösen Übungen und Anstrengungen. Gott ist schöner und schneller als ich – so schnell, dass ich ihn nicht erdenken kann. Es ist schon eine Frage des Verstandes, dass ich verstehen lerne, dass Gott nicht zu verstehen ist. Männer verstehen Frauen auch nicht immer, Linke Rechte auch nicht. Dass ich den anderen nicht verstehen kann, ist kein Beweis, dass er nicht ist. Es gibt aber eine mathematisch präzise  Aussage über Gott, die die Bibel macht, sie heißt: Gott ist größer als ich. Das kennt doch jeder von uns spätestens sei der 5. Klasse: X ist größer als 2. Wir kennen X nicht, wissen aber, dass X mindestens 3 ist.

Gott ist größer als ich. Wer soviel nicht verstehen kann, kann auch nicht glauben, wird im Text „unverständig“ genannt. Wer das begreifen kann, wird
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2. Aufmerksam für dich und mich

„Besinne dich, bevor du zum Tempel Gottes gehst. Geh nur hin, wenn du wirklich auf Gott hören willst.“

Es geht um Gottesdienst, Gottes Qualitätsmanagement, sein schöpferisches Leitbild. Kino ist dazu gemacht, Spaß zu machen, Spannung zu erzeugen, zu gruseln oder zu belustigen. Der Tempel Gottes hat diesen Anspruch nicht – was nicht heißt, dass je trauriger, umso besser und je spassfreier umso heiliger wäre. Ganz im Gegenteil. Gott will in seinem Tempel ins wirkliche Leben. Nur darin ist er auch als Schöpfer schlüssig. Im Tempel, in seinem Haus soll sein Wort aus seiner Welt in unsere Wirklichkeit kommen. Das ist kein seichtes Unterhaltungsprogramm, sondern mehr, viel mehr, inhaltsreicher und tiefer und lebenslustiger, als das Münchner Oktoberfest, wenn auch auf völlig andere Art. Es gibt keine größere Lebenslust als christliche Auferstehungshoffnung. In der Kirche, im Gottesdienst will mindestens die Botschaft, das Wort davon Wirklichkeit werden. Musik kann unsere Gefühle bewegen. Das Wort will noch  mehr. Der auferstandene Christus ist viel mehr als das große Halleluja von Händel.

Gott will Veränderung, dass sich wirklich was ändert. Und ändern kann sich nur was, wenn sich Menschen ändern lassen. Ändern lassen kann man sich nur, wenn man erreichbar ist, ansprechbar. Wir sollen keine geschlossene Gesellschaft sein. Wir sind Club der offenen Ohren. Das Wort sucht unsere Antwort – zuerst Hörer, Menschen, die bereit sind, Gott zu Wort kommen zu lassen. Es geht um wirkliches Hören. Gott kann ein riesengroßer Störsender sein in meinem privaten Lebensprogramm. Das Wort unterbricht mich in meiner Meinung, meiner Laune, meinem Gefühl und Plan. Wirklich hören kann ich nur, wo ich mich unterbrechen lasse. Das ist eine Auseinandersetzung mit mir selbst und meinen Träumen. Das ist auch unangenehm. Darin ist wirklicher Gottesdienst unangenehm, dass er den wirklich Hörenden unterbricht. Gott ist eben auch einer, der am Lack kratzt, am Hochglanzcover meiner selbst. Da muss ich mir selbst gar nichts vormachen und auch den anderen nicht. Erst, wo ich mich selbst zugeben kann, kann ich wirklich hören – das Wort, SEIN Wort, die zweite, die professionelle Meinung über mich. Wort, das mich fragt. Wort, das befreit. Wort, das aufruft, eingrenzt und munter macht. Wort, das weiterführt und entschlossen macht, wahre Worte zu wagen. Wort, das ansteckt und aufbricht in die Sprachlosigkeit der Welt. Wort, das will, dass wir
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3. Mit allen Sinnen glauben

„Besinne dich, denke erst nach, bevor du betest, sei nicht zu voreilig.“

Kopf oder Bauch – das ist immer die spannende Frage. Die Bibel will hier keine Trennung – nicht „Entweder-oder“, sondern „Und-auch“ – gerade, weil Gebet nicht Wunschdenken ist. Einer der großen Gottesleugner unserer Tage findet es unsinnig zu beten, weil es nicht sein kann, dass sich der Lauf der Gestirne zugunsten eines Einzelnen oder einer Gruppe ändere. Genau das ist aber nicht nur die Hoffnung, sondern die Verheißung, die unserem Gebet gegeben ist – daraus auch die große Verantwortung des Betenden, nicht nur für das zu beten, was im Augenblick dem persönlichen Bedürfnis entspricht. Wenn das Gebet der christlichen Kirche den Lauf der Geschicke mit bewegt, hat sie darin ihre Mitverantwortung. „Denke erst nach“ – der Verstand steht dem Glauben nicht entgegen. Gerade dort, wo man sieht, dass außer einem Wunder nichts mehr helfen kann, ist Gebet nötig. Nicht aus der Laune, nicht nur aus Notwendigkeit kann es gelingen, mit allen Sinnen zu beten. „Denke erst nach“. Klare Rangfolge ist angesagt. Der Verstand ist nicht der Sicherheitsgurt das Glaubens, hilft aber, die richtige Richtung zu finden. Auch und gerade da, wo sich nichts ändert durch unser Beten, muss auch eine neue Auseinandersetzung stehen, ein neues Nachdenken über den Inhalt des Gebets. Es ist nicht einfach, als ein wirklich Hörender mit Gott im Gespräch zu stehen. Es ist so unbequem wie die Auseinandersetzung mit mir selbst, den anderen und unserer Art, die Welt zu sehen. „Denke erst nach“ heißt aber auch: „denke nicht nur nach“ – speziell dann nicht, wenn der Verstand stehen bleibt, wenn es keine Worte mehr gibt und alles gesagt ist, der Glaube wie eine unsterbliche Musik ist, die uns in ihren Bann zieht, emporhebt oder mitreißt, keinerlei sonstige Sicherheit braucht. Amen.

 

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Weil Glaube unglaublich ist

 Römer 10, 17 -Predigt: Br. Markus –

 

„Der Glaube kommt allein aus dem Hören der Botschaft, die Botschaft aber gibt uns Christus.“

Können wir`s glauben – zum Beispiel, dass morgen früh wieder die Sonne aufgeht? Normalerweise schon, war bis jetzt immer so – denke also schon, dass es nochmal klappt, übermorgen auch. Bei der Frage, ob die Rose auch aufblüht, wird’s schon schwieriger mit dem Glauben. Das, was die Meteorologen ausrechnen, der orientalische Teppichhändler verspricht oder der Versicherungsmakler versichert, ist nicht immer das, was man geglaubt hat.

So ist es schwierig geworden in unseren Tagen mit dem, was man glaubt, glauben soll oder auch nicht. Im Römerbrief geht es um christlichen Glauben, um den Glauben, der mehr ist als ein Für-Wahr-Halten von Gott oder auch nicht. Es geht um unseren Glauben, den wir leben und der unglaublich ist, so unglaublich, weil er eben Glaube ist, dass man ihn nur glaubend leben kann.
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1. Die Botschaft, die uns wach macht

Luther übersetzt: „So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi.

Es geht um die Quelle. Was Glaube ist und was nicht, entscheidet sich an seiner Herkunft. Aus einer Ölquelle ist meines Wissens noch nie ein Mineralwasser geflossen. Und so ist alles, was nicht aus Christus fließt, kein christlicher Glaube. Glaube ist eben nicht der Gedanke, den ich mir mache oder auch nicht. Glaube ist keine Atemübung. Glaube ist keine Selbstfindung. Glaube ist kein Gefühl, das mich überkommt. Glaube ist zuallererst Gottesimpuls, SEINE Idee für mich, nicht meine Ahnung von ihm. Unser Glaube hat einen ganz klaren Bezugspunkt, nicht aus mir selbst heraus, sondern von außen kommt er.

Der Atheist hat recht, wenn er sagt: „Ich kann gar nicht glauben.“ – Richtig, mir fehlt dazu die Ahnung, mir fehlt die Fantasie, der Witz und die Besonnenheit, um an Gott glauben zu können. Ohne Gott, ohne Botschaft, bin ich ahnungslos. In der ehemaligen DDR gab es ein „Tal der Ahnungslosen“ weil dort kein Westfernsehen war. So ist der Mensch ohne Botschaft, ohne Ahnung von Gott. Ohne Evangelium steht die Menschheit im Wals, ohne Empfang. Der Theologe Voigt sagt: „Es ist aussichtslos, Gott irgendwo zu suchen. Er kann nur dort gefunden werden, wo er sich uns gibt.“

Glaube ist Gottes Geschenk, Gottes Hingabe an mich. Alles andere taugt nicht. Die Quelle meines Glaubens kann nur Gott alleine sein. Ich kann ihn nicht glauben, er muss mich mit Glauben beschenken. Keine noch so intensive Meditationsübung ist in der Lage, Quelle des Glaubens zu sein. Genau da unterscheidet sich Glaube von religiösen Gefühlen oder Projektionen. Er kommt von Gott, nicht von mir. Religiöse Überzeugungen kann ich generieren, Glauben muss ich mir schenken lassen. Die Botschaft ist frei von meinem Denken, sie ist nicht an meinen Zugriff gebunden. Sie unterliegt nicht einmal meinen berechtigten Wünschen nach Sinn und Zweck im Leben. Die Botschaft von Gott ist frei, aber nicht beliebig. Sie ist konkret – für jeden einsehbar aufgeschrieben. Das macht sie wetterfest im großen Sturm der Meinungen und Überlegungen. Es geht um den Wert des Wortes und um den tiefen Zusammenhang von Wort und Tat.

Es ist die Botschaft, nicht meine eigene Initiative, die
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2. Von geheimnisvoller Kraft

ist.

Echter Glaube ist das, was von Gott ausgeht, was in Christus ist. Das kann auch total sperrig, störend, unangenehm und unbequem sein. Gottes Wort an mich ist eben unabhängig – so unabhängig, wie die Worte irgendeines anderen Menschen, den ich auf der Straße treffe. Gott spricht mich zuerst in seiner Liebe an. Es können aber auch unangenehme Wahrheiten über mich selbst dabei sein. Es ist nicht die Aufgabe des Wortes Gottes, meinen Alltag zu verschönern. Die Botschaft will viel mehr. Sie will Sinn geben, zielorientiert oder tröstend sein – aber eben nicht ins eigene Belieben gestellt. Das wirkt sich aus – nicht nur für die Gestaltung des Gottesdienstes, sondern überhaupt. Glaube ist eben kein Psychoprogramm, bei dem der liebe Gott oder der ausführende Pastor von den Hockern reißen müsste. Der Sonntag will nicht großes Kino für uns alle sein, sondern Besinnungspunkt. Die Botschaft will nicht unterhalten, sondern formen. Gottes Wort eignet sich als Spaßmaschine nicht – was nicht heißen will, dass Lachen verboten wäre.

Gott will berühren durch sein Wort. Zuerst im Gottesdienst in Sammlung und Sendung – und nicht nur dort. Gott will durch das Wort nicht nur gehört, sondern verwirklicht sein. Die Botschaft soll anstoßen, aufzeigen, nicht unterhalten. Sicher sind manche Gottesdienste zu trocken, zu theoretisch, zu traurig geworden. Es gibt aber auch solche, die zu spaßig, anspruchslos und inhaltsleer geworden sind. Es steht nirgends in der Bibel, dass Glaube immer Spaß machen muss. Es gibt viel mehr Berichte von Zerreißproben, von Ringen um Erkenntnis und Klarheit. Die Botschaft soll gestalten, nicht aus der Wirklichkeit entführen.

Zuerst im Gottesdienst soll das passieren. Das Wort will seine Kraft entfalten. Geheimnisvolle, aber lebensgestaltende Kraft Gottes – das funktioniert nicht ohne heilige Ernsthaftigkeit. Wenn der Glaube aus dem Wort kommt, ist ja die Frage, was passiert, wenn gar keine Bibeltexte mehr gepredigt werden, sondern nur noch publikumswirksame Themen. Gott will in uns aktiv sein, will mit uns und durch uns die Welt zu einer besseren Welt formen durch sein Wort, das schafft, was es sagt, uns orientiert und motorisiert, nicht dabei stecken bleibt, gehört und bestaunt zu werden, sondern gelebt. Wo der Glaube sich vom Wort erschüttern lässt, wird der Glaube unglaublich. Die Botschaft ist die gleiche, zweitausend Jahre schon. Die Herausforderung, die Botschaft zu leben, ist immer neu. Es braucht keine Eigeninitiative, die Botschaft zu gestalten. Es braucht Eigeninitiative, die Botschaft zu hören.

Sie wird
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3. Durch Hören stark

Will man den Regen rauschen hören, muss man eher leise sein, still, aufmerksam, um zu hören, wie Tropfen um Tropfen oder hunderttausende Wasserperlen vom Himmel strömen. Es braucht so eine stille Offenheit, um zu verstehen, was Gott sagen will. Das Wort oder die Predigt, das Lied oder die Botschaft will aber eines nicht: nur gehört werden. Das Wort, das Glauben schafft, hat unglaubliche Kraft, will unglaublich wirksam sein. Schon der Prophet Jesaja beklagt, dass das nicht richtig funktioniert.

Man muss zugeben, dass es schwer fällt, der eigenen Lebenserfahrung weniger zu trauen als der Stimme des Gotteswortes. Zu sehr sind wir auf Misstrauen geeicht, zu sehr geeicht vom wirklichen Leben, als dass man´s nochmal wagt. Vertrauen ist gefragt, selbst da, wo ich nicht weiß, ob ich mir selbst noch trauen kann. Christus ruft zum Wagnis des Vertrauens – und da ist nicht gesagt, dass das immer gut tut. Es ist ohne Erfolgs- oder Wohlfühlgarantie. Durch Gottes Wort zeigt Christus andere Wege auf, Wege jenseits unserer Vorstellungskraft, Wege, die schöner, aber auch weniger schön sein können. Wer es wagt, aus der Christusperspektive zu leben, dem wird damit nicht gesagt, dass Glaube schmerzfrei macht. Das ist das Unglaubliche daran, dass man Glauben nur riskieren kann. Christlicher Glaube ist kein Bonusprogramm, das uns unempfindlich macht gegen die Tiefschläge des Schicksals aller Art.

Gott spricht uns in Christus an. Hören wir hinein in diese leise Stimme in der Eucharistie, lassen wir uns ansprechen von Gottes Programm. Er glaubt an uns  – weil Gottes Glaube unglaublich ist. Amen.

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Mitgerissen

Predigt -Br. Markus- Römer 9, 16

„Entscheidend ist also nicht, wie sehr sich jemand anstrengt und müht, sondern dass Gott sich über ihn erbarmt.“

Mitgerissen

Sicher – auf der Schwäbischen Alb weht auch das eine oder andere laue Lüftchen. Selbst im Schwarzwald ist der Wind manchmal stark. Will man mal was richtiges sehen, muss man nach Frankreich gehen. Da ist der Wind ungestüm, richtig stark, brutal, stärker als normal, stärker, als die Polizei erlaubt, heftiger, als man glauben kann. Sie nennen ihn den „Mistral“. Er ist so stark, dass ein erwachsener Mann sich kaum aufrecht stehend gegen ihn halten kann. Die Route des Cretes unterhalb von Marseilles wird immer dann gesperrt, wenn er da ist, dieser unglaublich starke Wind, der schon Wohnmobile mitsamt Insassen in den Abgrund geblasen hat. Der Mistral ist ein wilder Wind. Er weht, wo er will. Man kann ihn nicht steuern, er bestimmt selbst seine Bahn. Nicht wir kontrollieren ihn, er weht uns an.

„Es liegt nicht an jemandes Wollen oder Laufen“ übersetzt Luther den heutigen Predigttext. Gottes Barmherzigkeit ist wie ein Orkan. Es geht um die Kraft, die uns antreibt und weiterbringt, Energie gibt im Zeitalter der Windkraft.

Wir sind
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1. Angeweht

Nicht ich.

Es ist eine der wichtigsten Aussagen des Glaubens: Nicht ich wehe, sondern der Wind. Die Frage, woher mein Glaube kommt, ist entscheidend. Ich selber kann gar nicht glauben – so wenig, wie ich den Wind steuern kann. Eben weil christlicher Glaube kein Gedanke oder eine Idee ist, sondern mehr. Glaube kommt nicht aus mir, sondern aus Gott. Der Glaube kommt von Gott auf mich zu. Meine Fantasie ist zu klein, um Gott zu denken. Gott ist Orkan, der mitreißt – nicht Ventilator, den ich betreiben muss. Nicht ich muss Gott betreiben – Gott betreibt mich. Das ist der wichtige Unterschied, das Dauermissverständnis in Sachen Religion. Gott weht mich an. Es gibt keine meteorologischen Berechnungsmöglichkeiten für dieses Phänomen. Keiner weiß wirklich, woher Gott kommt. Gott ist eben nicht das gute Gefühl oder der nette Gedanke, den ich mir mache oder in mir finde. Gott kommt von außen auf mich zu. Ich kann nicht begreifen, woher er kommt, nur spüren, dass er mich anweht. Es ist nicht die Bestimmung Gottes, dass er das Ausführungsorgan meiner Träume und Wünsche ist. Er weht mich an, offenbart sich von außen, nicht aus mir heraus. Ich kann ihn in mir nicht finden, sonst wäre er tatsächlich nur meine Projektion. Gott ist der frische Wind, der mich anweht in der stehenden Luft meiner eigenen Fantasie. Gott weht mich zuerst mit einer Ahnung an, dass es viel mehr gibt als mich und meine Idee. Das kann auch eine ganz schön steife Brise sein, die mich da trifft. Alles in Sachen Glauben kommt aber von ihm, von außerhalb – nicht aus mir selbst. Er ist der Wind – ich nicht.

Gott will eben nicht, dass jeder Mensch in sich eine Theorie entwickelt, wie alles sein könnte. Gott offenbart sich, wie es wirklich ist. Er ist eigenständiges Wesen, folgt seinem Weg, den nur ER kennen kann. Zu vermessen wäre meine Idee – das zeigt die Geschichte von Hiob – als dass ich Gott begreifen kann. So ist der Glaube an sich Gottes erstes Geschenk an mich. Er schenkt mir den Glauben, ohne ihn könnte ich nicht. Allein weil Gott will und nur deshalb, kann auch ich überhaupt glauben. Wollte Gott es nicht, würde ich in der Fülle religiöser Ideen versanden. Gott will mich. Er will, dass ich glauben kann. Sein heiliger Geist reißt uns mit. Wir sind
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2. Mitgerissen

zum Glauben.

Glaube ist immer Mitgerissen sein von Gott. Gott will mich – aber nicht nur mich allein, er will alle. Es gibt keinen stärkeren, unbezwingbareren als den Gotteswillen zu allen. Einer will alles und jeden – also nicht 70, 80 oder 90 Prozent, sondern 100. Gottes Wille ist total unbescheiden und verrückt. Er will es so. Gott ist nicht Gott, um für uns gut zu sein, sondern weil er das will. Er könnte sich den Nettesten aussuchen, er könnte die Fleißigste, Emsigste oder Treueste wählen – aber er will alle. Schon darin, dass wir alle überhaupt leben, verwirklicht sich sein Wille. Gott will, dass wir überleben – uneingeschränkt. Gott will uns alle haben – die rechtschaffene Christenheit mitsamt all der schrägen Vögel in ihr und um sie herum. Seine Liebe ist nicht an unser braves Vorverhalten gebunden. Gott will uns, auch wenn wir ihn nicht wollen. Das Geheimnis Gottes ist so verrückt, dass man sich so was nicht ausdenken kann. Gottes Wille reicht über die Sympathiegrenze hinaus. Gottes Wille geht über die Anstandsgrenze hinaus. Gottes Wille geht über die Ablehnung hinweg. Gott will Gemeinschaft – in diesem wie im nächsten Leben. Zusammenleben heißt der Masterplan, und das ist gerade für die eine Herausforderung, die Probleme mit dem anderen haben. Keiner von uns wäre aus sich heraus liebenswert, gerecht oder schön, so dass Gott ihn unbedingt bräuchte – zu sündeverzeichnet ist jeder von uns, als dass er vor Gott etwas darstellen könnte. Trotzdem will Gott alle haben, die sündeverzeichneten, desillusionierten, an sich selbst oder anderen gescheiterten Menschen. Nicht wir wollen was, Gott will. Gottes tiefste Absicht weht mit Orkanstärke durch die Geschichte der Zeit. Er wollte schon immer, er will immer noch, er will überhaupt. Sein eiserner Wille hält an mir fest – auch wenn ich mich schon lange aufgegeben hab. Nicht, weil wir vorzeigbar wären, weil er uns geschaffen hat, liebt Gott. Nicht den mit dem flottesten Outfit oder modischsten Haarschnitt, sondern alle. Es gibt für Gott keine besonders begehrenswerte Kategorie. Für Gott sind alle wichtig, weil sie Menschen sind, weil es auch keine A-Klasse, B-Klasse oder C-Klasse-Sünder gibt. Gott tritt mit ernster Absicht an alle Menschen heran. Er bietet Barmherzigkeit an. Er zwingt sie nicht auf. Barmherzigkeit heißt sein unschlagbares Angebot, das mitreißt, Barmherzigkeit allein. Wer glaubt, muss durch den Glauben neu denken lernen, anders auffassen, als er das von sich aus tut. Die Logik der Barmherzigkeit ist unfassbar größer, als unser normales Prinzip. Gott reißt uns in Christus mit zum Schenken, nicht zum Verdienen. Beschenkt werden heißt Gottes Prinzip – oder auch: Ich bin von Gott geliebt.

Entscheidend ist nicht, wie sehr sich jemand anstrengt und müht, sondern dass Gott sich über ihn erbarmt.“

Christus reißt mit. Wir sind in ihm

3. Beflügelt

Das Langweilige am Sport ist, dass es immer nur einen Sieger gibt – Ausnahme Fußball, da ist es dann wenigstens eine Mannschaft, die gewinnt, aber eben auch nur eine. Bei Gott gibt es eine wesentlich größere Auswahl an Gewinnern. Da steht eben nicht eineinsamer Radfahrer auf dem Siegerpodest, umgeben vom zweiten oder dritten Platz. Bei Gott gewinnen alle, die mitfahren. Das ist doch wesentlich spannender, wenn jeder Sportler gleichzeitig ein Sieger gibt, es also null Verlierer gibt. Das ist schon eine andere Welt, die Welt der Barmherzigkeit. Gnade ist kein Trostpreis, tröstet aber ungemein. Gott verschenkt seine Gerechtigkeit an alle, die sich danach sehnen, Durst haben. Das ist der Orkan, der in Christus geschieht. Es heißt dabei nicht, dass man sich keine Mühe mehr machen soll. Mühe allein reicht aber nicht.

In Christus wird der Glaube vom Leistungsprinzip befreit, beflügelt zur Hoffnung, in der er geschieht. Christus beflügelt den Glauben ungemein, so, dass er unglaubliches leisten kann. Wir sind in Christus erfasst – erfasst von der ganzen Wucht der Gerechtigkeit Gottes, in der es keinen Zweifel gibt, ob man das schafft, weil es geschafft ist. „Es ist vollbracht“ heißt, es muss nicht mehr vollbracht werden. Meine Gerechtigkeit ist in Christus vollbracht. Meine Wahrheit ist in Christus vollbracht. Meine Aufmerksamkeit ist in Christus vollbracht. Meine Leere ist erfüllt. Ich bin vollbracht – mitgerissen in die Gerechtigkeit Gottes durch ein Lächeln allein – dessen, der auferstanden ist.

Christus beflügelt die Welt mit dieser Barmherzigkeit, die so stark ist, dass man sich kaum dagegenstemmen kann. Wozu also an meiner Gerechtigkeit festhalten, wenn es eine frischerer, stärkere, tragende gibt, eine, die mitreißt? Amen

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Liebeskommunismus

Predigt – Br. Markus – Apostelgeschichte 2, 41 a, 42-47

 

Ich möchte Ihnen heute morgen eine neue Alternative für Deutschland präsentieren. Ist ja gerade schick geworden, neue Fraktionen zu eröffnen. Da muss man schon sehen, dass man den Anschluss behält.

Meine Alternative heißt: Liebeskommunismus.

Keine Angst, ist nicht politisch und gar nicht so link, wie es klingt, auch nicht auf Baden Württemberg begrenzt, sondern wie jeder gute Kommunismus für den weltweiten Export geeignet. Es hat mich schon einige Überwindung gekostet, dieses Thema zu wählen, weil ich beim Stichwort „Kommunismus“ immer selbst die Krise krieg. In Kuba sagen die Kritiker, erröten ja selbst die Bananen über die Zustände, die dadurch sind. Die DDR musste mit Mauern zusammengehalten werden. Warum also für etwas Reklame machen, was nicht funktioniert, zum Scheitern verurteilt und total überholt ist?

Liebeskommunismus ist die Lebensform der ersten Christen.

 

1. Die andere Art zu denken

Alle denken nur an sich, nur ich, ich denk an mich.“ Sie kennen den alten Spruch? Es ist unsere, die ganz normale Art, zu denken, die lebensnotwendige Art. Wer nicht an sich selber denkt, zerbricht im harten Kampf ums Dasein. Der Stärkere überlebt – oder der „am besten Angepasste“ wie es Darwin formuliert. Sie scheint nicht wirklichkeitstauglich, die christusgeprägte Art zu denken.

Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“ sagt Bert Brecht.

Christlicher Liebeskommunismus geht eher andersrum. Gott sieht den Menschen anders. ER liebt ihn anders, als er selbst sich lieben kann. Gott liebt uns in einer ganz anderen Größenordnung. Er liebt uns nicht Mono, als eine einzelne, auf sich selbst allein gestellt Existenz. Gott liebt mindestens quadro, eher Surround, allumfassend, den Einzelnen im großen Ganzen, das geschieht, nicht losgelöst und isoliert, sondern eingebettet ins Welt- und Zeitgeschehen. Gottes Herz ist größer, als dass es nur für einen oder eine reichen würde. Es reicht für eine ganze Welt. Das ist was ganz anderes, als so ein jämmerlicher Kampf nur um mich selbst, so ganz allein, jeder für sich und auf sich selber hin. Gott begreift die Welt anders. Er sieht sie aufeinander bezogen, ineinander verflochten, miteinander verwoben, nicht gegeneinander ausgespielt. Natürlich wäre jeder ein Fantast, der abstreitet, dass es den Kampf um’s Dasein gibt, aber gerade darin, wie er geführt wird, liegt ein Unterschied.

Gott denkt in Christus größer. Er macht das Blickfeld weiter, umfangreicher, tiefer und nuancenreicher. Nicht ich alleine gegen alle, sondern Christus in mir unter allen, für alle, miteinander – muss es heißen. Das ist das Musketier-Prinzip, das Prinzip der Urkirche. Einer für alle, alle für einen. Gott liebt mich – aber eben nicht nur mich allein, sondern zugleich den anderen, der so anders aussieht, so ganz andere Ansichten hat, andere Klamotten anzieht, andere Musik hört und zu einer anderen Uhrzeit ins Bette geht und/oder aufsteht. Ich bin nicht exclusiv geliebt, sondern unter anderen Menschen, mit denen ich Gottes Liebe teilen muss. So bescheiden oder auch demütig muss ich sein, will ich an Gott heranreichen. Ich bin Staubkorn in der Wüste, Tropfen am Eimer der Sympathie Gottes – trotzdem geliebt, geliebt wie all die schrägen Vögel oder schlimmen Finger um mich herum. Gott ist größer als Marx, er ist aber Kommunist, ein großer Kommunist, der größte, weil seine Liebe für alle gleich ist. Es gibt keine größere Gleichheit für Brüder unter Schwestern oder umgedreht. In Gottes Liebe erübrigt und verbietet sich der Kampf um mich auf Kosten anderer. Das ist etwas Größeres, als Darwinismus. Es ist ein erweiterndes Lebensprinzip, im wahrsten Sinne des Wortes alternativ, weil es dazu keine Alternative gibt. Liebe Gottes ist ohne Alternative in dieser Welt. Liebe allein macht mich fähig,
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2. An andere zu denken

Es gibt weltweit nur diesen einzigen Kommunismus, der überleben kann – schon deshalb, weil echter Kommunismus ohne Liebe gar nicht geht. Wir können gar nicht an den anderen denken, ohne dabei Angst um uns selbst zu haben. Mensch sein und Angst haben scheint unlösbar verbunden. Allein in Christus kann es gelingen, trotz unserer Angst zu lieben, wie Gott liebt. Dieses unerhört alternative Denken hat dramatische Auswirkungen. Man muss dabei gar nicht an die großen Flüchtlingsströme unserer Tage denken. Ich erlebe jeden Tag auf dem Wochenmarkt Menschen, die Angst haben, zuviel Geld auszugeben für den Blumenstrauß, den sie dem Menschen schenken wollen, den sie lieben. Da geht es nicht um solide schwäbische Sparsamkeit, sondern um die Angst, selber zu verlieren beim Verschenken. Steckt in jedem von uns, tut weh, ist aber Überlebenstrieb. Ich kaufe zweimal Fair-Trade-Kaffee, bis ich merke, dass er teuer ist und schleiche mich dann heimlich beim dritten Mal doch zu Aldi, weil dann mehr Geld für das dickere Auto, die schönere Wohnung oder sonst was bleibt. Wirklich schenken kann nur, wer seine Angst besiegt, dass nix mehr bleibt.

Zum Liebeskommunismus reicht es bloß, wenn einer liebt, der lieben kann, angstlos. Es ist nicht Gottes Verzicht auf Besitz und Kapital, was angestrebt wird, sondern der Verzicht auf Angst. Christus-Bruderschaft ist, wie Christus-Schwesternschaft, in ihrem Angstverzicht begründet. Im Verzicht auf Angst, auf meine konkrete Angst um mich selbst, entsteht Urkirche, heute, 2016 Jahre nach Christus – nicht, indem ich versuche, irgendwelche Lebensstile nachleben oder zurückzuholen, sondern indem Gottes Liebe in mir wirksam wird. Christus in mir macht mich zum Sympathiekommunisten, zum Teil eines weltweiten, Zeit übergreifenden Komitees von total verrückten, angetörnten und geflashten Typen. So funktioniert’s – fordert heraus, macht Spaß, strengt aber auch an, ist deshalb kein weltfremdes Religionsprogramm, weil es in die Wirklichkeit eingreift, Wirklichkeit formt, Welt verändert.

An andere zu denken fällt nicht leicht, gelingt nicht in noch so frommer Begeisterung, weil der oder die andere immer andersartiger ist, als ich mir denken kann. Wer weiß denn schon, was der andere wirklich braucht – und wer will es wirklich wissen? Gerade dann, wenn der andere etwas wirklich braucht, was bei mir überhaupt nicht auf dem Radar ist. „Mein Freund schenkt mir immer die Blumen, die ich gar nicht mag“ klagt Jenny, 25 Jahre alt. Es geht ihr nicht um Blumen, viel mehr darum, dass der Mensch, den sie liebt, blind dafür scheint für das, was ihr gefällt. Die Aufmerksamkeit, die Gott schenkt, macht offen für den anderen. Gott macht uns nicht neugierig, aber aufmerksam für alles, vor allem für andere. Es geht zentral um ein waches Auge und ein offenes Ohr für die Welt, in der wir leben – natürlich nicht im Sinn von Überwachung oder Lauschangriff. Wer nicht weiß, wo der andere steht, was in ihm wirklich lebt, kann nicht für ihn aktiv sein. Wir alle sind wichtiger als ich allein.

In Christus öffnet Gott der Menschheit nicht nur die Sinne, sondern das Herz füreinander.
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3. Das verändert alles

„Die Gläubigen lebten wie in einer großen Familie. Was sie besaßen, gehörte ihnen gemeinsam. Wer ein Grundstück oder anderen Besitz hatte, verkaufte ihn und half mit dem Geld denen, die in Not waren.“

Gottes Wort zeigt Wirkung. Es entsteht Kirche – ein anderes Wort für Gemeinschaft derer, die es hören. Gemeinschaft mit Gott beschränkt sich aber nicht auf Hören allein. Gott will nicht nur einen Verein der Hörenden und Wissenden. Es geht um Verwirklichung, Lebensgemeinschaft im wahrsten Sinne des Wortes. Gottes Gemeinschaftsgedanke führt in dieses wie ins nächste Leben hinein. Gott zwingt keinen hinein. So kann es keine christliche Entmaterialisierung im Sinne von Enteignung geben. Zu groß wäre der Frust und die Enttäuschung, die dabei entsteht. Bei der Gründung unserer Bruderschaft war der Verzicht auf Privateigentum ein klarer Leitgedanke, um in diesem Sinne für die Kirche arbeiten zu können. Nach vierzig Jahren muss man zugeben, dass nicht jeder damit glücklich geworden ist. Es braucht unglaublich viel Vertrauen, um das auszuleben, was offensichtlich in der Urgemeinde schon verwirklicht ist. Es geht dabei nicht nur um Gemeinschaft der Güter oder des Bankkontos, man würde sonst die Kirche auf Sozialarbeit reduzieren. Es geht um alle Lebensbereiche, die lustigen wie die traurigen, die stressigen wie die entspannten.

Koinonia – wie Gemeinschaft griechisch heißt – ist eine hochexplosive, elektrisierende, nervenaufreibende Risikogemeinschaft, so stark, wie das Leben selbst, manchmal stärker als der Einzelne. Das Ideal Gottes kann nur gemeinsam gelebt werden, weil der Einzelne zu schwach dazu wäre. Koinonia kann nur gelebt werden, wo man die eigene Schwäche dem anderen anvertraut. Koinonia kann nur da sein, wo die ganze Gemeinde ihre Schwäche Christus anvertraut. Gemeinsames Leben gelingt nur in seiner tragenden Kraft, weil Christus allein der stärkste Teil jeder Bruderschaft ist. Liebeskommunismus gelingt nur dort, wo er sich tragen lässt. Ohne Gottes Energie entgleist er mindestens so schlimm wie der von Karl Marx. Weltverändernde Kraft hat er dort, wo der Einzelne Mut findet, seine privaten Reservate einzubringen ins größere Ganze – auch wenn das keine materiellen Werte sind. Schablonisieren lässt sich sowieso nichts.

Gottes Alternative heißt: Vertrauen wagen um zu leben, Gemeinschaft wagen, um zu leben. Dabei entdeckt man dann, dass es weitaus mehr gibt, als ich alleine haben kann. In diesem Sinne liefert die Urgemeinde heute noch mit ihrer Praxis einen knackigen Denkanstoß.

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