Der alles überragende Berg

Sonntag, den 06.08.17

-Br. Markus – Jesaja 2, 1-5

Der Calver Bühl ist eine markante Erhebung südlich von Dettingen/Erms. Auf dem Gipfel befindet sich eine Linde, die von weitem gut sichtbar ist (Wikipedia)

Vom Dettinger Kirchturm aus gesehen ist der Calver Bühl ein alles überragender Berg – wenn da nicht der Deckelesfelsen wäre … So hoch und so schön wie der Mount Everest sind sie beide nicht. Man muss nicht unbedingt nach Katmandu gehen, um atemberaubende Berge zu sehen. Ich geb’s ungern zu, aber mein Favorit in Sachen alles überragender Berg steht in der Schweiz. Das Matterhorn ist so schlank und elegant, steht so frei, das man es deutlich sehen kann, wie es alle anderen Berge überragt.

Es geht um’s größer sein bei Jesaja, der Vision, die er hat. Nicht im Sinne von Größenwahn, es geht um einen einzigen Berg, der größer ist als all die Berge von Schwierigkeiten, die der Mensch hat. Diesen Berg erahnt vor Tausenden von Jahren ein Mann in einer Vision: Jesaja, der Berg des Herrn.

1.                Schwindelerregende Aussicht

1 In einer Vision empfing Jesaja, der Sohn des Amos, diese Botschaft für Juda und Jerusalem:

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“ meinte Altkanzler Helmut Schmidt. Ein Leben ohne Visionen ist meiner Meinung nach der halbe Tod, eher vegetieren als leben. Ein Mensch, der nicht auch träumen kann, ist doch arm dran. Leben ohne Lebenstraum ist frustrierend, ohne Aussicht. Wer nie auf einem Gipfel stand, weiß nicht, was er verpasst hat. Jeder drittklassige Motivationstrainer weiß, dass der Mensch etwas braucht, das in antreibt. Es geht nicht um Luftschlösser, auch dann nicht, wenn jemand ein Konzept erstellt für sein Leben, einen Plan. Dazu braucht er eine Vision, eine Idee, wie es sein wird oder klappen kann. Jeder Wetterprophet entwickelt eine Vision für den kommenden Tag. Wenn sie auch einem Rechenmodell entspringt, ist es eine Vision, eine Art Vorstellung von Zukunft. Wenn ich nicht glauben kann, dass der Zug ankommt, dort, wo ich hinwill, steig ich erst gar nicht ein. Jeder Gärtner braucht eine Vision, pflanzt er Radieschen oder Salat. Ohne Vision pflanzt er erst gar nicht an. Wer nur Angst vor den Schnecken hat, lässt es von Anfang an sein. Das wäre der visionslose, der, der nicht glauben kann, dass er auch trotz Schnecken wachsen kann – der Salat.

Ich brauche den Glauben, dass es gelingen kann, sonst kann ich’s gleich aufgeben – mit oder ohne Glaube. Die echte, die gute Vision verleiht unserer Fantasie Flügel, hebt den Verstand empor, rührt an, macht besonnen und riskant, zockt hoch, holt runter, fährt ab oder spornt an. Ohne Vision lebt man nicht mal schwarz-weiß, man lebt ohne Farbe, ohne Ton, einfach im falschen, zementgrauen Brei. Vision führt den Verstand in die Königsdisziplin des Menschseins, nicht nur an Essen und Trinken und den Augenblick, sondern darüber hinaus an morgen zu denken.

Bert Brecht sagt: Wenn alle Irrtümer verbraucht sind, sitzt als letzter Gesellschafter uns das Nichts gegenüber.“ Der Nachteil dieser Art des modernen Denkens ist, dass es depressiv macht. Je visionsloser ich lebe, umso höher werden die Berge der Schwierigkeiten. Ich versenke mich selbst ins tiefe, tiefe Tal. Für jeden, der sich selber fertig machen will, kann man also Brecht empfehlen. Da is nix, da war nix und da wird nichts sein.

Oberhalb des Calver Bühl gibt es ja noch die Höllenlöcher. Da hat man eine vergleichbare Aussicht. Obwohl die ja höher liegen als der Calver Bühl, sieht man weniger, weil man beschattet ist von den hohen Felsen und den Bäumen rings um die Schlucht herum.

Bei Jesaja ist das anders. Schwindelerregende Aussicht schafft

2.                Weitreichende Einsicht

Denn vom Berg Zion aus wird der Herr seine Weisungen geben,… Gott selbst schlichtet den Streit zwischen den Völkern, und unter den Nationen spricht er Recht. Dann schmieden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen um und ihre Speere zu Winzermessern.

Diese Botschaft ist so unverschämt, dass sie mindestens in einer Disziplin überragt: in ihrer Unverschämtheit. Ja, es ist geschmacklos, in einer Welt der Bombendrohungen, Selbstmordanschläge und Massaker von der total anderen Friedenswelt Gottes auch nur zu träumen. Es ist tatsächlich weltfremd, weil unsere Wirklichkeit so anders ist. Das aber heißt nicht, dass es auch geht.

Unsere Welt 2017 besteht zwar aus Hass, aber auch aus Liebe, und das war auch noch nie anders, auch wenn’s nicht in der Zeitung steht. Es ist keine Sünde, im Krieg vom Frieden zu träumen, erst recht nicht, wenn man weiß, dass Frieden die bessere Lösung ist. Es muss keine Sünde sein, sich nach Gerechtigkeit zu sehnen, wenn man betrogen wurde. Das hat nichts mit kranken Gefühlen zu tun, viel mehr mit wachem Bewusstsein. Lustigerweise war es die Sowjetunion, die Jesajas Prophezeiung als Statue bei den Vereinten Nationen hat aufstellen lassen: ein Schmied, der Schwerter zu Pflugscharen macht. Komischerweise war es dann in der DDR verboten, dieses Symbol der Friedensbewegung zu tragen. Die Logik, die da dahinter steht, erschließt sich mir bis heute nicht. Die Vision des Jesaja ist aber nicht nur Traum von einer entmilitarisierten Zone oder waffenfreien Welt. Darin unterscheidet sich Jesaja von großen politischen Träumern aller Zeit. Der Mensch kann sie nämlich wirklich nicht, die friedvolle Welt, die Welt, in der keiner den anderen ausnützt oder über den Tisch zieht. Die Menschheit kann sie nicht, wir können sie nicht, die versöhnte, gemeinsam schaffende Welt, in der jeder den anderen respektvoll ansieht. Es braucht viel mehr als den Versöhnungstraum, um versöhnt zu leben. Der Krieg fängt nicht erst da an, wo einer in den Panzer steigt oder die Patrone ins Gewehr schiebt. Es fängt im kleinen an, in mir, im stillen, im Frust mit den anderen, im Gefühl, verletzt, benachteiligt oder übergangen zu sein. Da fängt das Bomben bauen an, in meinem Kopf, und nicht nur dort. Im ganz normalen Kampf ums Dasein, das ich nur lebe, wenn ich mich behaupten kann. Fressen oder gefressen werden – da ist kein Platz für Großzügigkeit, auch nicht für die Großzügigkeit Gottes, so scheint es. Man muss ja sehen, wo man bleibt. Verzicht zugunsten anderer gelingt nicht so ohne weiteres. Ohne Verzicht ist aber Krieg. Nur wenn es einem gelingt, zu verzichten um was zwei streiten, kann wieder Friede sein. Selbst wenn einer verzichtet, ist das nicht immer Friede, was dann bleibt, wenn dabei noch die Gewissheit ist, dass eigentlich der andere hätte verzichten wollen sollen. Frieden schaffen ohne Waffen gelingt nicht aus politischer Überzeugung – bestenfalls teilweise. Selbst aus religiöser Überzeugung ist es schwierig, wenn nicht noch schwieriger –  da, wo der andere an den ganz anderen, den falschen Gott glaubt. So werden Kriege gekriegt – auch völlig atombombenfrei, mit messerscharfen Zungen allein, giftigen Vermutungen und dynamitreichen Behauptungen, heute, unter lauter zivilisierten, kultivierten, friedfertigen Geistern. Es gibt in unserer Welt völlig legale Verfahren, um andere über den Tisch zu ziehen, zu übervorteilen und zu brandmarken, zu beschießen, ohne eine einzige Patrone zu vergeuden. Auch das ist Krieg, die stille Schlacht der Gedanken, in denen ich den lästigen anderen fertigmache, so weit, weit weg von mir denke. Gerade, wo sich unser Denken so knietief in eigene Befangenheiten verwickelt, braucht es den überragenden Berg, den Gipfel, auf dem man sieht, dass es noch mehr gibt als nur mich und meine finsteren Täler.

Diese Einsicht macht mich

3.                Im felsigen Gelände aktiv

Gott hat einen Traum: Schwerter zu Pflugscharen, Kanonen zu Kochtöpfen. Dieser Traum ist so verrückt, dass er sämtliche Verrücktheiten dieser Welt überragt. Es gibt keine Konkurrenz mehr zwischen Dir und mir, es gibt nur noch uns – weltweit. Wir – und das heißt wirklich: wir alle – sind in Gott aufgehoben, auch die blöde Kuh auf der anderen Straßenseite und der schräge Vogel hinter dem Gartenzaun. Es ist unser aller Sinn und Auftrag, Geliebter und Geliebte zu sein, aus diesen Bergen von Sympathie die Kraft zu finden, auf Waffen zu verzichten, wie immer das aussehen mag. Es funktioniert nicht wie ein rosa Traum.

Leider kann man die Welt weder mit warmen Worten noch gutem Beispiel retten, auch nicht mit roher Gewalt, obwohl es Länder gibt, in denen gerade die Armee den Frieden sichert. Jesaja prophezeit keinen naiven oder blindwütigen Pazifismus. Er sieht die langfristige Ausrichtung der Welt auf Gott hin, endgültig. Das schafft keine fantastische Lebensführung, aber fantastische Aussicht. Schwerter zu Pflugscharen zu machen ist eine anspruchsvolle Lebensaufgabe, die jeden von uns herausfordert, allein deshalb, weil echter Friede meine Möglichkeiten übersteigt. Es ist unser Auftrag, das Schicksal zu schmieden. Das passiert jeden Tag und überragt meine ganz persönlichen Schmiedekünste. Das Eisen ist heiß, so heiß, dass ich es manchmal nicht anfassen mag, weil es mir die Finger verbrennt, trotz dem, dass ich Handschuhe trage. Wenn’s auch nicht gleich ein formschönes Winzermesser wird, wenigstens eine halb krumme Sense sollte dabei schon rauskommen.

Vor unseren Augen steht ein großer, ein sehr eleganter, weithin sichtbarer Berg, schwerer noch als der dickste Achttausender. Es ist der Berg der Gerechtigkeit namens Golgatha, der Berg, der das aufwiegt, was uns an Gewicht fehlt im Ringen um dieses große Ziel. Dieser überragende Berg hilft uns, heute, zu sein, wie wir sein werden, wenn die Vision Wirklichkeit wird. Ich bin zwar nicht Brecht, wollte aber schon immer mal so einen Brecht-ähnlichen Satz versuchen:

Wenn alle Irrtümer verbraucht sind, ist da alles, was wir gewagt haben, zu glauben: ein überragender Berg.

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Flötentöne und Silbermannklänge

Sie beflügeln und sie ergänzen sich, sie lassen sich Raum und sie verschmelzen – eine Blockflöte und tausend Orgelpfeifen.

Flötistin Carola Rebentisch und Kirchenmusikdirektor Matthias Süß aus dem Erzgebirge stehen für Klangreichtum, Sensibilität und Ausdruckskraft.

Am Sonntag, den 9. Juli 2017 sind sie zu Gast bei den EBK-Blumenmönchen, Schubertstr. 18, 72581 Dettingen/Erms. Ihr Programm: Werke großer Barockkomponisten wie J. S. Bach, G. PH. Telemann und Allessandro Marcello.

Ihr Konzert findet um 17 h in der Klosterkirche mit der nach Gottfried Silbermann disponierten Stehle-Orgel statt. Der Eintritt ist frei.

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Diese Sklaverei macht frei

-Br. Markus- Lukas 17, 7-10

Wer unter euch, der einen Knecht hat, der ihm pflügt oder das Vieh weidet, sagt ihm, wenn er heimkommt vom Felde: „Komm sogleich und setze dich zu Tische.“ Ist’s nicht vielmehr so, dass er zu ihm sagt: „Richte zu, was ich zu Abend esse, schürze dich und diene mir, bis ich esse und trinke. Danach sollst du auch essen und trinken.“ Danket er auch dem Knechte, dass er getan hat, was ihm befohlen war?  So auch ihr. Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: „Wir sind unnütze Knechte, wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.“

Diese Sklaverei macht frei

„Wenn ihr Glaube habt wie ein Senfkorn und sagt zu diesem Maulbeerbaum „Reiß dich aus und setze dich ins Meer.“ so wird er euch gehorsam sein.“ sagt Christus exakt einen Satz vor dem heutigen Predigttext. Deshalb scheint es auch sehr christlich, was moderne Motivationsgurus von sich geben: „Du musst nur an dich selber glauben, das Große in dir, deine innere Stärke und Energie.“ Funktioniert aber nicht und ist vor allem nicht das, was Christus spricht – genau das Gegenteil davon, weil da der heutige Predigttext steht, der den Zusammenhang erläutert. Es ist ein riesiger Unterschied, ob ich an meine mentale Kraft oder an die Kraft Gottes glaube. Gerade weil Gott meine mentale Kraft stärken kann, gelingt es manchmal nicht, den Unterschied auszumachen, der richtig wichtig ist.

„Wir sind unnütze Knechte“ sagt der Text. „Du bist ein Riese“ sagt die Motivationspsychologie. Das ist der entscheidende Unterschied. Glaube an Gott kann nur da  sein, wo ich mich wie ein Sklave nicht nur fühle, sondern weiß. Der heutige Text entzaubert den religiösen Höhenflug. Nicht meine Gedanken oder Träume machen frei, sondern Sklaverei – Christussklaverei, wohlgemerkt.

 

1. Wo 200 % noch zu wenig sind

So auch ihr – wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist.

Christus zieht einen Vergleich: Herr und Knecht. Das soll nicht heißen, er ist Massa, wir der Sklave. Es geht um’s Bewusstsein. Bin ich in meinem Bewusstsein der edle Ritter, dem die Welt Dank schuldet, oder die edle Prinzessin, die in ihrer Heiligkeit wandelt? Ein Dankeschön ist doch nicht zuviel erwartet, wenn ich was spende, meine Zeit opfere, mitgehe oder sogar mein ganzes Leben in einer Bruderschaft verbringe. Da darf man doch was erwarten – oder nicht?

„Wenn ihr alles getan habt.“ Was, bitteschön, ist alles? Was ist denn das überhaupt: Christenpflicht? Was bringen wir denn ein ins Christsein? Gut, man versucht, ein besserer Mensch zu sein, nicht zu stehlen, zu lügen oder neidisch zu sein, keinen auszubeuten, zu unterdrücken oder falsch zu informieren, hübsch ordentlich und fromm zu sein. Ermordet hat meines Wissens von uns noch niemand. Also alles o.k. in Sachen Christenpflicht! Was genau ist Christenpflicht? Zehn Gebote halten ja, aber dann? Zehn Minuten, zwanzig Minuten oder ne halbe Stunde beten täglich? Wie viel ist Pflicht – zehn, dreißig oder achtzig Prozent? Wann ist es genug, nicht genug oder viel zu viel?

„Was uns befohlen ist“ – Was ist uns denn befohlen? Ein, zwei, drei hundert oder gar keinen syrischen Flüchtling aufzunehmen, nach Alaska zur Mission zu fahren oder nach Stuttgart unter die Brücke? Dafür oder dagegen zu sein, nichts zu sagen oder aufzuschreien, auszuhalten oder abzubrechen, neu zu wagen oder umzudrehen. Was ist Pflicht? Wann habe ich für Gott genug getan? das ist die entscheidende Frage. Wann ist genug geliebt, genug gefastet, geholfen und unterstützt? Andere tun weniger – ist sie relativ, die Christenpflicht? Bin ich dann ein guter Christ, wenn ich 3 % über Durchschnitt bin? Beim Sport gewinnt immer der relativ Beste, der, der schneller, eleganter oder weiter geschanzt ist. Hundert Prozent ist Vorjahresleistung. Dieses Jahr zehn Prozent besser. Bin ich, wenn ich besser bin, am Limit, guter Christ – oder ist es Ermessensfrage.

„Mir ist alles erlaubt“ sagt Paulus. Bin ich dann vor Gott richtig, wenn ich mit mir einig bin, mich gut fühle und den Eindruck habe, meine Gestaltungsfreiheit richtig genutzt zu haben? Bin ich dann gut, wenn ich mein mir zumutbares Pensum erledigt habe? Oder ist es eine Kraftfrage. Endet meine Christenpflicht, wenn mir die Kraft ausgegangen ist? Hab ich es dann erreicht, wenn ich gar nicht mehr kann? Wenn ich dreißig Jahre gerudert habe wie ein Besessener – bin ich dann vor Gott anerkannt? Wenn ich 26 Stunden pro Tag für Gott unterwegs bin, total überfordert und ausgebrannt – bin ich dann sogar über Limit? Wo
200 % nicht genug sind – überfordert  Gott?

Die Jünger fragen Christus nach einem Weiterbildungskurs für den Glauben. Christus empfiehlt nicht fromme Tagungen oder Übungen, sondern ein anderes Bewusstsein: die Sklaven-Denke oder Bettler-Denke – zu wissen, dass alles, was ich kann, immer zu wenig ist.

Da sind

2. 0.-€  Mindestlohn der Normaltarif

Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert, steht in der Bibel. Das ganze Alte Testament ist voller sozialkritischer Propheten. Karl Marx war also nicht der erste. Christus präsentiert also keine Agenda 2017 oder ähnliches. Es geht nicht um ein Lohnkonzept. Es geht um unsere Erwartungshaltung. Was erwarten wir von Gott als Christen, als „0.-Jobber“, die 200 % oder alles geben? Was dürfen wir erwarten dafür, dass wir so anständig, fleißig oder einsatzbereit sind? Oder will Gott, schlimmer noch, dass wir nichts erwarten, mit ohne Träume und Hoffnungen leben und sind?

Ganz sicher nicht. Gerade der Glaube wird durch Erwartung zum Glaube. Er richtet sich auf Leben aus, hat eine konkrete Lebenserwartung. Lebenserwartung des Glaubens soll aber keine Lohnerwartung sein. Dass Gott uns mag, ist nicht die Folge unserer Anständigkeit, unseres vorzeigbaren Lebens oder aller unserer gesammelten Mühen. Wir wären dazu nie „arm aber rechtschaffen“ genug. Dass Gott uns mag, ist sein Geheimnis. Man versteht es nie. Er mag uns trotz aller unserer Unanständigkeit. Wenn ich zehn Stunden am Tag arbeite, habe ich berechtigten Anspruch auf Bezahlung für zehn Stunden. Wenn ich zehn Stunden Glaube, habe ich Anspruch auf null Stunden Bezahlung. Christus will den totalen Abschied vom Lohndenken. Hört sich einfach an, reicht aber viel tiefer in mich hinein, als ich glauben kann. Lohnverzicht fällt schwer. Man kriegt im Leben schließlich nie was geschenkt. Man freut sich doch, wenn es ein Trinkgeld gibt, wenigstens ein paar warme Worte oder ein höfliches „Dankeschön“ – das ist doch nicht zuviel verlangt, wenn man den Rasen gemäht oder die schwere Kiste ans Auto getragen hat oder sonst wie behilflich war. Der Glaube soll frei von dieser Lohnerwartung sein.

Radikaler Abschied – Christus macht die leise Hoffnung in mir zunichte, dass Gott Danke sagt für alle Anstrengungen meines Lebens – weil er es für selbstverständlich hält. Somit ist der Glaube erst dann stark, wenn er diese eigene Ohnmacht aushält, die Ohnmacht, zu bezahlen, Belohnung zu erwarten. Der Glaube, der Berge versetzt, ist der Glaube, der weiß, dass er nichts vermag und nichts zu erwarten hat. Absolute Ernüchterung für alle, die Opium für’s Volk brauchen oder einen Rausch der Begeisterung. Gott ist kein Krämerladen, wo man für ein braves Leben eine Sahnetorte oder wenigstens ein Bonbon kriegt. Prämie gibt es nicht, Bonus  auch nicht. Christus reißt nicht mit, er ernüchtert, dass auf dem Boden der Tatsachen etwas wachsen kann, was viel mehr ist. Das echte Vertrauen, um das es Gott geht, das Vertrauen zwischen zwei eigenständigen Partnern, dass nur dort wachsen kann, wo man nüchtern genug ist, die wahren Größenverhältnisse zu sehen.

Wer seine Ohnmacht vor Gott aushält, wird frei für eine völlig neue Lebensweise.

3. Wir dürfen nehmen, ohne zu geben

Wenn man das im Kaufhaus ausprobiert, gibt’s richtig Ärger – es sei denn, man hätte zufällig das Werbegeschenk erwischt. Wer etwas nimmt ohne zu zahlen, ist ein Schmarotzer oder Dieb. Nehmen ohne zu zahlen ist das Prinzip des christlichen Glaubens. Gott nehmen ohne zu zahlen. Man muss ihn dazu nicht klauen, man kann ihn sich schenken lassen. So steht das Ganze rein optisch viel schöner da. Es geht aber nur so. Abschied vom Leistungsprinzip gelingt nur dort, wo ich mich selbst erkenne, wer ich wirklich bin. Es gibt eine schwäbische Rock-Band, die hat außen auf der Plattenhülle einen interessanten Satz aufgedruckt, sozusagen als eine Art Selbstbeschreibung. Da steht: „Sie hatten nichts und gaben alles.“ Der Text sagt: „Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: „Wir sind unnütze Knechte. Wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.“

Wem es gelingt, sich beschenken zu lassen, der wird frei, total frei, besonders vom überzogenen Anspruch an sich selbst. Wem es gelingt, sich als Sklave zu sehen, kann zum Sohn werden, alles erben, befreit von dem Zwang, bezahlen zu müssen. Wer weiß, dass es keinen guten Namen mehr gibt, mit dem er bezahlen kann, ist frei, frei vom Zwang, mehr sein zu müssen als er ist. Wer begriffen hat, dass er allzumahl Sünder ist, wie Luther es nennt, wird frei dafür, Maulbeerbäume ins Meer zu versetzen. Wer sich als Sklave erkennt, muss gar kein Riese mehr sein. Christus lässt mich hart wie Watte und zäh wie Porzellan werden. Es muss kein Raubtier mehr aus meinen Augen funkeln, es kann dann eine kleine Miezekatze sein. Diese Sklaverei macht frei. Wer Gott dient, wird frei, frei für sich selbst und frei für andere.

Wir werden selbständig in Christus, wie es so schön heißt, selbst und ständig. Amen.

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Bitte wenden!

-Br. Markus- Matthäus 4, 12-17

 

Jeder Tag ist voller Kreuzungen. Rechts, links oder geradeaus? Nehmen Sie den kürzesten oder den schnellsten, den schönsten oder den anspruchsvollsten Weg? Im Zeitalter von Satelliten ist es schnell gemacht. Da gibt es eine Stimme, die mir sagt, wie zu fahren ist – und es klappt – meistens, weil der Satellit einen besseren Blickwinkel hat. Der Satellit kann, was ich nicht kann. Er hat die Übersicht, draußen im All, über mich, der ich tief in den Häuserschluchten der Großstadt Orientierung suche, mein Ziel. Bitte wenden! Umkehren, wenn es nicht klappt, ist verkehrstechnischer Alltag. Umkehren, wenn es ein anderer sagt, eine Stimme aus einem 80 Euro teuren Plastikgerät. Eigentlich krass. Wir wenden auf Befehl eines oder einer anderen, ohne zu fragen, ob es Sinn macht. Unser Vertrauen in Plastikgeräte ist so groß geworden, dass wir uns von ihnen steuern lassen. Bitte wenden! ist aber auch eine Botschaft, die Christus spricht zu Anfang seines Wirkens auf der Erde.

1. Erneuerte Blickrichtung

Wohin gehen wir 2017? Wohin schauen wir? Was liegt an? Was planen wir?

Bitte wenden! sagt Christus zu Israel. Umkehr als erste Voraussetzung für den besseren Weg. Da ist nicht eine Kultur religiöser Unstetigkeit gemeint. Für uns sowieso außer Frage, dass die grundsätzliche Umkehr zu Gott fester Bestandteil unseres Lebens ist, sonst wären wir ja heute nicht hier. Allein in einer Bekehrung erschöpft sich die Christusbotschaft nicht. Es geht um Beweglichkeit zu jeder Zeit, Veränderungsbereitschaft des Menschen für Gott, nicht nur ein einziges, bekehrungstechnisches Mal, sondern öfter, eher immer. Veränderung beginnt mit unserer Blickrichtung – nicht nur auf das, was ich schaue, sondern viel mehr, wie ich denke. Aus meinem Denken und Empfinden formt sich das, was ich will, die Entscheidung, wohin ich geh. Da wirken tausend Stimmen auf mich ein, tausend bunte Bilder vor den Augen, tausend Möglichkeiten, die zu haben sind. Da muss man doch schauen, dass man nichts verpasst. Es wäre allzu einfach, wenn sie so einfach zu hören wäre wie die Dame aus dem Navi, die Stimme, die mir sagt: links, rechts oder geradeaus. Stimme Gottes reicht weiter – schon allein deshalb, weil es nicht Gottes Art ist, nur Befehle abzusetzen, die der Mensch befolgen muss. Eben das wäre ja Sklaverei.

Christus erneuert die Blickrichtung. Er vergewaltigt nicht. Trotzdem ist es nicht einfach, diese Stimme zu hören. „Höre auf dein Herz“ sagen manche und erklären damit ihres Herzens Stimme zur Gottesstimme. Das ist zwar schön und klingt gut, funktioniert aber nur begrenzt. So einfach ist es nicht. Nicht immer ist die Stimme meines Herzens Gottes Stimme. Wenn das so wäre, bräuchte ich Gott auch nicht. Meine kleine eigene Stimme kann zwar wie Gottes Stimme klingen, darin liegt aber auch eine große Verwechslungsgefahr. Meine Stimme ist gefangen in meinem Blickfeld, meinem geistigen Wendekreis und Gefühl. Gottes Blickfeld ist größer. Seine Stimme reicht weiter. Sie ruft zum Abenteuer des Glaubens genauso wie zum unscheinbaren Dienst im Staub auf der Straße. Sie kann in meiner oder der Stimme der anderen enthalten sein oder auch nicht. Eins ist sie aber nie: Produkt meiner Fantasie, deshalb auch nicht berechenbar und planbar.

Christus erneuert die Blickrichtung. Er nimmt uns nicht die Arbeit ab, die das ganz normale Leben macht. Er will den Aufblick zu ihm, der ein Blick weg von mir ist. Das ereignet sich zu allererst heute, hier und jetzt im Gottesdienst. Dazu sollte auch jede Predigt nutzen. Darin hat sie ihren höchsten Anspruch, Stimme Gottes zu mir zu sein, ausgehend aus dem Wort, zuallererst hier. In jeder Kirche, jeden Sonntag soll die Blickrichtung des Menschen neu aufgerichtet werden durch Gottes Wort. Erneuerte Sicht auf die Wirklichkeit in mir, über mich und die anderen und die Welt, in der ich lebe. Der erneuerte Blick ist ein scharfes Auge für die Wahrheit, gerade darin göttlich, dass er entzaubert von allem, was ich meine und fühle. Gottes erneuerter Blick entzaubert meine Scheinwahrheiten restlos. Eine Offenbarung, die nicht wirklichkeitstauglich ist, kann keine göttliche sein.

Wo ich Gottes Blickrichtung aushalte, entsteht
.

2. Erneuerte Fahrtrichtung

Es geht ja das Gerücht, dass die in England gar nicht wissen, dass sie auf der falschen Seite fahren. Peinlich – oder nicht – wenn man nicht merkt, dass man falsch fährt, das Ziel nicht erreicht. Wenn ich jetzt in England wie hier fahre, funktioniert das auch nicht. Was auf der Insel richtig ist, kann auf dem Festland falsch ein und umgedreht. Gott ist aber kein Inselgott oder Festlandgott. In seinen Wertvorstellungen gibt es keinen Unterschied. Es ist keine Frage der Sichtweise einer Gruppe oder Regierung, was gilt und was nicht. Bleibt die spannende Frage, woran ich merke, ob ich falsch fahre oder nicht.

Wenn es mir gut geht? Bin ich auf Gottes Weg, wenn alles im grünen Bereich ist? Irgendwie erwartet ja jeder, dass Gottes Weg mehr Freude, mehr Harmonie, mehr Ruhe oder wenigstens Erfüllung bringt. „Gutes und Barmherzigkeit folgen dir lebenslang“ sagt der Psalmist, erkennt darin Gottes Güte. Gelingen kann auch ein Zeichen der richtigen Richtung sein. Es ist aber nicht generell die Frage, wie sich’s anfühlt. Es ist auch dann nicht zwangsläufig Gottes Weg, wenn er möglichst wehtut, auslaugt oder ausgebrannt macht. Das Problem ist, dass man’s streckenweise nicht sehen kann.

„Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, daß mich in meiner Krankheit Gott anschaut“ schreibt Commercon in seinem Buch über Aids.

Es kann keine Schablone geben, an der man abliest, wie richtig Gottes Weg ist und ob er’s ist. Paulus sagt: „Mir ist alles erlaubt, aber nicht alles nutzt mir.“ Wenn es mir nutzt in diesem Sinn, ist es Gottes richtige Richtung, auch wenn sich’s nutzlos anfühlt. Nutzlos scheint mancher Schicksalsschlag. Nutzlos, so scheint es, stirbt Bonhoeffer in einem Konzentrationslager. Nutzlos scheint doch so manche gute Tat, die ich tue. Veränderte Fahrtrichtung braucht verändertes Denken – eben, weil Glaube mehr ist als Schaumschlägerei. Es geht um ernsthafte Auseinandersetzung mit Christus, nicht im Sinne von Streit. „Dein Wille geschehe“ ist die entscheidende Frage.

Geschieht bei meinem Lebensweg Gottes Wille – eben nicht in Form von Sklaverei, sondern in Form von gewachsener Überzeugung. Bin ich zu Gott noch partnerschaftlich? Nutze ich meine Gestaltungsräume gemeinsam mit ihm, in seinem Sinn? Man muss nicht in die letzte Ecke einer Sackgasse fahren um zu bemerken, dass es da nicht weiter geht. „Öfter umdrehen“ heißt das Christusprogramm – nicht aus Prinzip, nicht deshalb, damit man mal was Neues probiert, nicht, weil’s chic ist, sondern dann, wenn man merkt, dass man am Ziel nicht ankommt. Man merkt nicht immer gleich, ob man falsch abgebogen ist. Man merkt aber, dass man nicht ankommt – irgendwann, spätestens dann, kann eine neue Fahrtrichtung doch nur Verbesserung bringen.

Steig ab“ sagt der alte Indianer, wenn du merkst, dass du einen toten Gaul reitest. Für Christus reicht das noch wesentlich weiter. Erfolg, Zustimmung oder Begeisterung sind nicht in jedem Fall der Beweis dafür, dass die Richtung stimmt. Christus mutet uns mehr zu. Es geht um innere Beweglichkeit, um eine laufende Prüfung meiner selbst, solange ich überhaupt unterwegs bin. Gott braucht keine Roboter, die einem programmierten Weg folgen. Er will selbstständige Partner, die zur Selbstkritik fähig sind, daraus heraus die Kraft zur Erneuerung finden. Christus will eine erneuerungsfähige Christenheit.

Er selbst schenkt dazu
.

3. Erneuerte Energie

Es ist weniger der Neustart selber. Was Kraft braucht, ist die Umkehr. Wer gibt schon gerne zu, dass er dran vorbeigefahren ist. Die Einfahrt zu dem Ferienhaus, in das wir wollten, war eine Art zugewachsener Waldweg hinter Müllcontainern. Trotz guter Vorbereitung sind wir mindestens zehnmal dran vorbeigefahren. Der Weg sah überhaupt nicht wie eine Straße aus. Unvorstellbar, dass dahinter das gesuchte Ferienhaus liegen kann. Auch wenn man auf Waldwegen an’s Ziel kommt, war so eine komische Piste für uns nicht vorstellbar, jedes Mal dran vorbei eine neue Enttäuschung. Jeder Irrtum raubt Energie – vor allem Motivationskraft, es nochmal zu versuchen. Manche Menschen geben schon nach dem ersten Versuch auf, andere nach dem dritten, manch einer nie. Christus will, dass wir zur allerletzten Sorte gehören, stur wie ein Ochse in der Bereitschaft, es zum tausendsten Mal zu probieren. Nur wenn der tausendste Versuch klappt, waren die 999 anderen Versuche nicht umsonst. Die Leute auf dem Markt bewundern immer unsere Sträuße und fragen, wie man’s macht, um so schön binden zu können. Ganz einfach: Die ersten tausend Sträuße werden nix, und dann wird’s langsam besser. Nichts braucht aber soviel Energie, wie die ersten tausend falschen Wege.

„Bitte wenden“ sagt Christus. Wenn er das sagt, weiß er auch, dass es nur eine einzige Adresse gibt, bei der erneuerbare Energie dafür zu haben ist. Fangen wir also ruhig noch mal von vorne an – gerade dann, wenn’s nicht mehr weitergeht. Amen.

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Herzverpflanzung

  1. Januar 2017 -Bruder Paidoios-

Jahreslosung: Hesekiel 36, 26

„Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“

Obwohl es schon so lange zurück liegt, es ist mir noch sehr gegenwärtig: das Wagnis der Herzverpflanzung in Süd-Afrika. Täglich wartete man auf neue Nachrichten, wie geht das, funktioniert das überhaupt, wie stehen die Chancen? Über jeden kleinen Fortschritt freute man sich mit. Und im Hintergrund standen die Fragen: Darf man das? Ist das dann ein anderer Mensch mit einem fremden Herzen? Lange vor dem Professor aus Südafrika hat es Gott gewagt, den radikalen Eingriff, das Alte durch Neues zu ersetzen.

1.  Lebensgefährlich krank

„Ein neues Herz und einen neuen Geist.“

Wo von Neuem die Rede ist, muss es etwas Altes geben. Der Zusammenhang redet von einem steinernen Herzen. Stein: das ist kalt, empfindungslos für Gott und Mensch, unveränderbar, lebensfremd, funktionsgestört.

Damals in Israel, das Volk gefangen und kurz vor seiner Auflösung stehend, Jerusalem zerstört, das Land ausgebeutet, Hoffnungslosigkeit macht sich breit, aber eben auch Vorwürfe an Gott, die den Menschen immer für diesen Gott unerreichbar machen. Und das geht bis heute: Man muss wohl ein Herz aus Sein haben, um einen LKW in eine friedliche Menschenmenge steuern zu können, um gnaden- und rücksichtslos Bomben auf eine bewohnte Stadt zu werfen, oder zu mißbrauen, kreuzigen, zerstören, nur weil der andere anders glaubt. Aber lassen wir uns den Blick nicht vernebeln. Auch im Kleinen, ganz Persönlichen, gibt es diese versteinerten Herzen. Es geht alles kaputt – ich habe keine Hoffnung mehr – der oder die ist für nich gestorben – zu oft werden eigene Ansprüche und Vorstellungen rücksichts- und mitleidlos durchgesetzt, Ordnungen ohne Nachdenken übertreten, und sich selber gegönnt ohne zu fragen, was es den anderen kostet. Man braucht nicht schwarz zu sehen, um die Todeskrankheit des Menschen zu erkennen und ein bißchen begütigen: es wird schon irgendwo wieder, wirkt anläßlich der Katastrophe lächerlich. Es gibt bei dieser lebensgefährlichen Herzkrankheit des Menschen nur zwei Alternativen: den Tod oder den mutigen, gewagten Eingriff zur Erneuerung.

Das ist:

2.  Ärztliche Macht

Handeln kann nur, wer kompetent ist. Handeln kann nur, wer Macht hat und Fähigkeit. Handeln kann nur, wer den alten Zustand erkennt und das Neue wagt. Handeln kann nur, wer die Not und den Patienten sieht und nicht fragt, was kostet es mich oder was bringt es mir. All diese Beschreibungen laufen ganz zentral auf Gott zu. Gott erkennt den Zustand der Welt, den Zustand des Menschen, meinen und deinen, das heißt: Gott hat für uns Interesse. Gott schreibt uns nicht als hoffnungslos ab. Gott macht keine Rechnung mit dem Menschen auf. Er schenkt, weil er weiß und lebt, bezahlen kann der Mensch das Handeln und die Güte Gottes sowieso nicht. Diese Herz- und Geistverpflanzung, diese Erneuerung, ist also zutiefst Gnade, ungeschuldetes Handeln für uns. Und Gott ist auch kein Politiker, der viel verspricht und wenig hält. Gott – das heißt: ich habe die Macht zur Erneuerung, nicht nur Absichten. Mir ist es nicht unmöglich, ich bin der, der Grenzen überwindet, Mauern sprengt und Leben wirkt, wo alles zerbombt und zerstört ist.

Dieses Wort muss damals in Israel eingeschlagen haben wie eine Bombe. Denn auch das ist Gottes handeln: dort wo nichts mehr zu hoffen ist, dort wo nur noch Abgrund, Zerstörung, Nacht und gescheiterte Möglichkeiten sind, dort kommt dieser Gott aus sich selber heraus, fröhlich daher und sagt: das beeindruckt mich überhaupt nicht. Gott sagt: ich kann Veränderung, ich kann gut machen, heilen und ich Gott, habe den Mut, das täglich neu zu tun, trotz Unwilligkeit, Unbereitschaft, trotz Menschen, die das was da geschieht nicht erfassen. Gott wagt die Herzverpflanzung und setzt damit die Lebenskraft in die Todeslandschaft, den Weiterweg über den Abgrund, die strahlende Hoffnung über das müde sich Abfinden.

3.  Bleibende Wirkung

Wir wissen es von den Herzverpflanzungen: die Operation an sich ist eines, aber die Genesungsphase, das Leben mit dem neuen Herzen und das immer neue Bekämpfen der Abstoßungsreaktionen ist das andere. Gott kann auch das. Das neue Herz, der neue Geist, das ganz Andere was von Gott in den Menschen hinein gesenkt wird, ist immer gefährdet. Neues Herz und neuer Geist ist Leben und damit tägliche Herausforderung. Das Neue von Gott her will Gestalt gewinnen, will prägen und ist in sich verändernd und das trifft auf Widerstand. Es will keine Veränderung ist nicht nur ein Kündigungsgrund im Blumenhaus, sondern das ständige Problem Gottes. Die mutige Tat, die erwiesene Kompetenz, das geschenkte Neue und damit Andere, sieht der Mensch nicht nur als Gabe, sondern oft als eine Herausforderung und er sehnt sich zurück zu den gewohnten Bahnen und der Ruhe der steinernen Herzen und des bewegungslosen Geistes.

Das ist die Tragik Gottes, aber eben auch die Tragik der Menschheit. Erneuerung löst nicht nur Begeistungsstürme aus, sondern – wir sehen es auch aus der Geschichte sehr oft – erbitterten Widerstand und krampfhaftes Festhalten am Alten. Das Bild prägt schon, das neue Herz und der neue Geist ist ein Fremdkörper im alten Menschen. Das was Gott schenkt ist nicht einfach ein Päckchen zu Weihnachten, das das Leben schöner, angenehmer oder prickelnder macht. Das Schenken Gottes hat das Phaszinierende und das Herausfordernde des Neuen, des Anderen.

Wir gehen in ein neues Jahr unter einem Wort Gottes, das zwei Seiten hat: ich schenke Neues. Die Jahreslosung will uns also dankbar machen für die erneuernde Macht Gottes. Sie fordert uns aber auch heraus, das Neue Gottes in unserem Leben zu hegen und zu pflegen und ihm Raum zu geben. Es fordert uns heraus, Altes loszulassen, altes Fühlen, altes Denken, alte Grundsätze. Jeden Tag steht der Postbote Gottes da und sagt: ich habe für dich ein kostenloses Geschenk. Was sagen wir? Ich freue mich, ich bin dankbar – oder aber: Annahme verweigert.

Daran wird sich entscheiden, wie das Neuschaffen Gottes in jedem Menschen und in der Welt Gestalt gewinnt. Es gibt geheime Zusammehänge, wenn sich der Mensch dem Neumachen Gottes verweigert. Wie soll da Neues werden in der Türkei, in Syrien, im Terrorismus? Das Neue von Gott her ist ein Lebenskeim. Wo wir ihn schützen und Pflegen, wächst er und breitet Wurzeln und Äste aus bis hinein in die Gebiete, wo wir schon gar nicht mehr zu hoffen wagen. Wer um seine eigene Trägheit und sein verhaftet sein mit dem Alten weis, erkennt auch dass das eine große Aufgabe ist, an der wir im Alltag oft scheitern werden.

Es geht Gott aber gar nicht um die perfekte Umsetzung aus unserer Kraft. Gottes Dynamik ist so groß, dass sie auch den Rückfall ins Alte täglich neu überwindet. Gottes Liebe ist so groß, dass sie sich an jedem kleinen Blättchen freut, das sein Lebenskeim in uns treibt und Gottes Gestalten ist so groß, dass er trotz aller Widerstände zum Ziel kommt. 2017 – wir sind eingeladen als die Beschenkten Gottes zu gestalten, eingeladen aus der neu schaffenden Kraft Gottes selber Neues zu bauen. Der schenkende und erneuernde Gott – das ist die Chance, die Kraft und die Hoffnung jeden Tages, das dieses neue Jahr bringt.

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Gott traut sich was

-Br. Markus- Micha 5, 1-4a

Für Gott ist es ganz klar ein Risiko – wenn nicht das größte Wagnis überhaupt: Weihnachten, das große Fest. In der Vergangenheit war es eher so, dass er gar nicht willkommen war, hier auf der Erde – und heute wieder, nicht nur damals, im alten Israel. Heute steht die Frage nach dem Sinn und Zweck des Festes überhaupt. Keiner von uns würde zu einer Party gehen, auf der er nicht willkommen ist. Keiner strebt Partnerschaft mit jemand an, der sie nicht haben will. Man sieht sowieso nicht in den anderen rein, weiß nicht, ob’s gut geht, weiß nicht, wie der oder diejenige tickt.

In Christus, seinem Sohn, traut sich Gott in eine Welt, die ihn des Öfteren so gar nicht haben wollte, obwohl sie Sehnsucht hat nach glücklicheren Tagen und sonnigeren Zeiten. Gott traut sich da hinein, in eine Welt, die mit sich selbst nicht wirklich im Reinen ist.
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1. Mitten unter uns

„Aber zu Bethlehem im Gebiet der Sippe Ephrat sagte der Herr: Du bist zwar eine der kleinsten Städte Judas, doch aus dir kommt der Mann, der mein Volk Israel führen wird.“

In Christus bringt Gott nicht den großen Event-Dreiteiler im Gute-Laune-Format. Auch nicht ungebremste O-du-fröhliche oder O-Tannenbaum im Ohne-Ende-Salat. Zu ernsthaft und zu schattig ist all das, was an Weihnachten abläuft, als dass man’s irgendwie überdröhnen könnte. Zu viele Sattelschlepper landen ungebremst im schön beleuchteten Weihnachtsmarkt. In Christus startet keine Heile-Welt-Programm – auch dann nicht, wenn uns danach zumute ist. Es wäre zu schön, um wahr zu sein, wären die Schatten der Welt weggefegt – wenn auch nur für diesen einen, den Weihnachtstag. Ist aber nicht!

Schön auch deshalb nicht, weil Weihnachten nicht das Produkt unserer Sehnsucht ist. Es ist nicht das Produkt unserer Sehnsucht nach Glück, Gesundheit, Wohlstand und Wohlergehen. Eben dann wäre es Rausch, der vergeht, schmerzhaft zurückprallt in die eben eher dunklere Wirklichkeit. Gott riskiert sich unter uns. Das ist kein Spaßprogramm – selbst dann nicht, wenn’s glücklich macht. Es fängt klein an, bescheiden und unbedeutend, mitten unter uns, so klein, dass es kaum einer bemerkt. Die offiziellen Geschichtsschreiber bemerken und beachten diese Geburt nicht. Gott startet mindestens so bescheiden, wie Apple und Bill Gates – im Garagenformat. Nicht das Erhabene und Bestaunenswerte eines Gottessohns macht den Anfang, sondern der partnerschaftliche Moment Gottes, Mensch unter Menschen zu sein. Bethlehem – so klein, wie ich selbst und die Welt, die ich mir denken kann – so groß, wie mein Gesichtsfeld, das ich überblicke, so klein wie meine Ahnung, die ich habe, so winzig wie mein Vermögen, irgend etwas zur Rettung der Welt zu tun. So klein traut sich Gott zu sein. Klein, wie Menschen sind – nicht nur niedlich klein, sondern zu klein, um wirklich etwas bewegen zu können. In Sachen Großmut klein, klein im Helfen können und Vertrauen, klein im Durchhalten oder Wiederaufstehen, eher erlöschend in unserer Leuchtkraft.

Ich bin nur Staubkorn in der Wüste, Tropfen am Eimer“ sagt der Psalmist an anderer Stelle. In Christus macht sich Gott staubkorngroß, um Staubkorn unter Staubkörnern zu sein. Das hat nichts mit künstlicher Reduzierung seines oder meines Könnens und Denkens zu tun. Es ist Gottes Suche nach echter Partnerschaft. Gott ist mein Partner in meinem Format, nimmt in Christus meine Größe an, schuhgroßgleich. An Weihnachten fängt Gott an, in meinen Schuhen zu laufen, nicht ich in seinen. Er geht auf Augenhöhe mit. Neben mir ist einer, der mich wirklich verstehen kann – vor allem in der letzten Einsamkeit meiner selbst, in der ich mich finde, wenn selbst alle vertrauten Freunde und Verwandte mich nicht verstehen.

Das eigentliche Geschenk Gottes ist dieser Partner, vor dem ich nicht mehr darstellen muss, als ich wirklich bin. Christus geht mit mir, wenn’s sein muss, im Rückwärtsgang. Er kommt mitten unter uns, achtet uns für groß genug, um an unserer Seite zu gehen – auch wenn das kleine Schritte sind. In Bethlehem fängt er ganz klein an, in einem Kuhdorf. Er begründet christliche Tugend, die Welt mit kleinen Schritten groß zu verändern. Krippengroß geht der große Masterplan Gottes in eine neue Phase, die
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2. Weihnachtliche Partnerschaft

„Wie ein Hirte seine Herde weidet, so wird der neue König regieren. Gott, der höchste Herr, hat ihn dazu beauftragt und gibt ihm die Kraft. Dann kann das Volk endlich in Sicherheit leben, denn selbst in den fernsten Ländern der Erde wird er als Herrscher anerkannt. Er bringt Frieden.“

Gott traut sich in die Welt in unserer Form hinein. Er gründet eine Partnerschaft, die nicht von dieser Welt, aber für sie ist, geschaffen, um diese Welt in eine andere, in eine neue Welt zu formen, in der mehr Leben, weniger Sterben ist. Gott traut sich an mich ran, um mich zu fragen, ob ich will, dabei sein will, wenn es darum geht, diese Welt in eine bessere zu wandeln. Da ist kein Spielraum für religiöse Traumtänzerei, wenn Gott mich anspricht. Weihnachtliche Partnerschaft reicht weit, bis Ostern und von Ostern bis Weihnachten und wieder zurück. Jederzeit steht Christus für mich bereit. Er steht bereit, damit auch ich für andere bereitstehen kann. Christus hört mir zu, damit ich zuhören kann. Christus weckt mich auf, damit ich aufwache. Das findet statt, fängt an Weihnachten nur an, hört aber nicht an Sylvester wieder auf. Weihnachtliche Partnerschaft lebenslänglich – nicht eingezwängt und überwacht, sondern frei gemacht in eine Partnerschaft, die überlebt, wenn alles andere zu Boden geht. Es ist die erste und letzte Idee Gottes: Ewige Partnerschaft zwischen Mensch und Gott. Er versteht sein Hirtenamt nicht als Aufpasser über mich, sondern als Ansprechpartner in allen Dingen, Partnerschaft von Anfang an. Nicht, dass jeder das macht, was er für gut findet, sondern was einbringbar ist. Gott will denn Menschen als handelndes, überlegendes Wesen, nicht als gegängelten Hampelmann. Er will unsere Initiative. Das macht lebendige Partnerschaft aus – dass jeder zu Wort kommt. Herrschaft Gottes ist Vertrauensherrschaft, frei von Angst. Frieden  – echter Christusfriede kennt auch keine religiöse Angst. Gerade das ist die stärkste Seite an dieser  Fusion, dass sie angstfrei macht. Nicht ich oder wir, sondern unser Partner hat die Welt überwunden in ihrer Angst, in der sie steht. Unser Partner macht den Frieden in mir aus, den ich selbst nicht finden kann. Meine Zerrissenheit findet zur Ruhe in ihm. Es geht nicht um ein oberflächliches Schwamm-drüber-Konzept, oder um angeordnetes, braves Benehmen in moralischer Vollkommenheit.

Der Friede Gottes ist weit mehr. Es geht nicht um Waffenruhe oder stilles Erdulden Andersdenkender. Christus versöhnt den Menschen zuallererst mit sich selbst. Nur das kann wahren Frieden schaffen, egal wo, egal wie. Nur mit sich selbst versöhnte Menschen vermögen sich wirklich zu vertragen. Ohne Partner, gottlos, schafft das keiner – gerade auch, weil es dabei nicht darum geht, unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen plattzubügeln. Die ganze Bibel erzählt von Menschen, die mit Gott gerungen haben, mit dem Schicksal und dem rechten Weg. Gott hat sich nicht in eine Krippe gelegt, um allezeit sanftselige Heiterkeit zu verbreiten nach dem „Eiapopeia-Prinzip“. Weihnachtsfriede, den Christus gibt, steht immer im Spannungsfeld inmitten von Unfriede der Welt, wie eine Kerze, die brennt in der Dunkelheit. Friede Gottes lässt sich nicht durch Atemtechnik verbreiten. Es braucht eher handfeste Maßnahmen, um ihn zu verwirklichen. Versöhnung mit mir, mit den anderen, mit Gott und der Welt kann nur glaubhaft werden, wo Wahrheit zur Sprache kommt. Selbst die schönste Adventsmusik kann das nicht leisten. Christus bringt den Menschen nicht in eine religiösere Stimmungslage, sondern in die aufrichtigere Beziehung zu sich und allem, was ihn umgibt. Es geht um eine veränderte Denkweise.

In Bethlehem fängt Gott damit an, in einem ganz kleinen Format die Denkweise der Welt großräumig zu verwandeln, unser Denken in Bewegung zu bringen, damit sich wandelbares ändern kann in die neue, lebensfreudige Richtung. Gott traut sich raus, um uns für sich zu gewinnen – nicht nur an diesem einen „Kindergeburtstag“, sondern für eine weite, unaufhaltbare Zeit. Christus ist Gottes Antrag, den er uns macht, gemeinsame Sache zu machen in der Partnerschaft, die er schon gedacht hat, bevor wir denken konnten.

Gott traut sich das – wir doch auch (oder?). Amen.

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Anders als erwartet

-Br. Markus- Jeremia 23, 5-8

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt – erst eins, dann – – – merkt man, dass man vergessen hat, Streichhölzer zu kaufen. Dann, wenn sie nicht so ruhig und beschaulich ist, so romantisch im Kerzenschein, die ruhige und besinnliche Zeit, ist sie irgendwie anders, stimmt etwas nicht mit dem was ist und dem, was man erwartet hat. Wenn die gelbe Tulpe rot blüht, statt Sonne Regen scheint, plötzlich alles aus ist, ist alles anders, als erwartet. Um Veränderung, um Zukunft geht es heute morgen, um Zukunft aber nicht allein. Es geht um das, was Zukunft ist und sein kann, aber auch um unsere Erwartung, unseren Umgang, unsere Einstellung auf das, was kommt. Der Prophet Jeremia folgt mit seiner Prognose keinem Rechenmodell, sondern der Kraft seiner Vision, die er hat, sieht auf das, was kommt.
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1. Schöner, als ein Traum

Schön, wenn man noch träumen kann, das Leben überhaupt kein Alptraum ist, wenn man nach vorne schaut und voll Ideen ist, vergisst, was geht und gehen kann, wenn nicht der Alltagsfrust alle Träume zerstört hat und sich nicht novembergrau in unsere Seele frisst. Schön, wenn da noch mehr ist, als die Enttäuschung des Philosophen, der uns prophezeit: „Es kommt selten was Besseres.“ Was wirklich kommt, wissen wir nicht. Manchmal kommt es noch schlimmer, manchmal kommt es viel schöner als erwartet. Erst gestern, erst letzte Woche haben wir viel besser verkauft, als ich zu glauben gewagt hätte. Die Mauer ist weg. Das Leben überrascht auch im November manchmal mit fröhlicheren Farben als grau. Keiner kann heute wissen, was morgen ist, aber jeder Mensch kann heute schon an morgen denken, an das, was ist oder sein könnte. Der Mensch unterscheidet sich vom Affen darin, dass er vorausschauend handeln kann. Trotzdem ist da ein Unterschied zwischen Erwartung und Traum. Beides ist auf die Zukunft ausgerichtet, aber mit einem ganz entscheidenden Unterschied. Erwartung ist kein Traum – christliche Erwartung erst recht nicht. Träume folgen Wünschen, Erwartungen nicht. Erwartung hat einen Grund, einen konkreten Anlass. Wenn ich ein Paket erwarte, dann deshalb, weil ich vorher eins bestellt hab. Jeder Mensch wünscht sich eine bessere Welt  ohne Krieg, Hass und Gewalt. Alle träumen von einem besseren Leben, frei von Zwietracht und Hinterlist.

Bestellen lässt sich das aber nicht. Schön wie Erinnerungen an die gute alte Zeit kann er sein, unser Traum von einer viel besseren Wirklichkeit. Das macht unsere Wirklichkeit aber nur um 0,0 Prozent besser. Es funktioniert nicht, eine bessere Welt zu träumen. Zu viele sind schon gescheitert an diesem traumhaften Traum. Unsere Erwartung ist geprägt von einer klaren Hoffnung, die in Christus konkret ist, mehr als ein Traum. Es geht um die Frage von Recht und Gerechtigkeit, die soviel größer ist, als man träumen kann.

„Der neue König wird weise regieren und in seinem Land für Recht und Gerechtigkeit sorgen“ heißt es im Text.

Es geht um
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2. Erwartung mit Aussicht

Das alte Israel träumt, träumt mit ganzer Kraft von einem neuen König, einem Macher, der das hat, was der bisherige König nicht hat: Gerechtigkeit. Man muss da nicht ins alte Israel reisen, um schlimme Verhältnisse vorzufinden. Die Wirklichkeit ist rauer, härter, niederschmetternder, als wir es glauben wollen. Heute noch ist die Welt, so, dass sie nach Recht und Gerechtigkeit schreit. Man muss dazu nicht die weltpolitische Bühne betreten. Es gelingt uns allen wirklich nicht, so zu sein, wie wir sein sollten, gerne wären oder sogar wissen, wie wir sein müssten. Es ist der ganz normale Mensch, der unrecht ist, im Unrecht ganz allein, wenn er im Kampf um sich selbst Unrecht zulässt, unrecht lebt. Es ist der eigene Überlebenstrieb, der Unrecht verursacht, anderen Schmerzen zufügt. Die Suche nach dem größten Stück des Kuchens lässt für andere immer kleiner Stücke, manchmal nur noch krümelgroß, zurück. Das ist unser aller Missgeschick, dass wir’s nicht hinkriegen, für andere zu denken und zu lieben und zu denken – und so gibt’s Krieg. Der Krieg, wer mehr kriegt, ist immer und überall – nicht nur in großen, sondern manchmal in winzig kleinen, ganz normalen, zickigen Streitigkeiten. Jeder von uns kann ein Mini-Putin und überall ein kleines Afghanistan sein. Da muss man nicht erst zum Nachbarn hinüberschauen. Die Art von Gerechtigkeit, die diese Welt braucht, ist nicht von dieser Welt. Sie ist anders, ganz anders, als ein Politiker sie geben kann. Sie ist tiefer und reicht weiter, als der Einzelne sieht. Das ist der große Konflikt im alten Israel, der Erwartungskonflikt, in dem Israel lebt. Israel erwartet das Unmögliche. Keine politische Kraft dieser Welt kann Recht und Gerechtigkeit herstellen, kein Kanzler oder König, keine Fraktion oder Parlament – keiner! Im Härtefall entscheidet jeder nach dem Überlebensprinzip. Zum eigenen Vorteil heißt: Nachteil des anderen.

Die Gerechtigkeit Gottes ist größer als Gerechtigkeit, die Menschen sich geben können. Sie folgt einem klaren Prinzip. Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Glaube, Sanftmut und Enthaltsamkeit …. sind politisch nicht herstellbar. Die Gerechtigkeit Gottes kommt von anderswo. Sie wirkt Veränderung von innen heraus. Aus Barmherzigkeit verwandelt sich die Welt. Das ist ganz anders, anders als erwartet. Gerechtigkeit Gottes ist Überzeugung des einzelnen Menschen, nicht Programm von außen, obwohl es die äußeren Umstände ändert. Es ist kein Traum. Würde sich nichts an äußeren Umständen ändern, wäre es Traum. Christliche Erwartungshaltung führt aber zur greifbaren Veränderung in der Welt. Der König, der erwartet wird, ist nicht der König der Barmherzigkeitsverordnungen, sondern der gelebten Barmherzigkeit. Christus schafft kein Hingabegesetz, sondern gibt sich. „Meine Gerechtigkeit ist nicht mein eigenes Werk“ so heißt das neue Gesetz, das einzige Gesetz, das Aussicht auf Erfolg hat. Nicht ich, der andere, der neue Mann, auf den sich unsere Aufmerksamkeit richten soll, hat die alleinige Gerechtigkeitskompetenz. Er allein weiß, was wirklich gerecht ist. Es ist eine ganz andere Herrschaftsform, die entsteht, die einzige, die wirklich Aussicht auf Erfolg hat.

Nicht ich – Christus in mir wird zum
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3. Prägenden Lichtblick

Jeremia kündigt einen neuen Herrscher an, der inzwischen gekommen ist, anders, als erwartet. In Christus hat sich ein neues Lebensziel ausgeformt. Eine neue Erwartungshaltung ist entstanden. „Nicht ich“ – das heißt: „eher er“. Die neue Partnerschaft, die seither möglich ist, schafft wirkliche Hoffnung. Unser Dunkel ist nicht mehr dunkel, unsere Finsternis erstrahlt im hellen Licht.

Lichtpartnerschaft in Christus schafft atemberaubende Aussicht, schön wie der Schein einer Kerze auf dem Adventskranz, aber auch unruhig, wie nur eine lebendige Flamme sein kann. Partnerschaft im Licht kann eine höchst beunruhigende Angelegenheit sein, wenn alte Gewohnheiten, festgefahrene Überzeugung, immer richtige Ansichten plötzlich anders aussehen. Besinnung ist mehr als ein Schäferstündchen mit Räuchermännchen und Co. Echte Besinnung im Kerzenschein lässt Licht auf alles fallen, was im Schatten eines Jahres ist und war. „Frommes Gehabe zählt nicht.“ sagt der Theologe Voigt. Lichtpartnerschaft will mehr sein.

Christus ist der prägende Lichtblick im Schatten meiner selbst. Das ist die alles entscheidende Botschaft Jeremias. Da ist einer, der nicht beschattet ist, auch darin und auch dann noch, wenn der helle Schein ganz anders leuchtet als erwartet und sich anders anfühlt. Die Christusrevolution kommt ohne rohe Gewalt, aber mit gewaltiger Kraft. Sie rückt alles ins richtige Licht, gerade das, was nicht entspricht. Das kann ein gewaltiges Erdbeben sein. Was das ist und sein kann, zeigt sich im Kerzenschein der Besinnung – Adventsbesonnenheit. Nur im Licht der Barmherzigkeit wird er zum Lichtblick, der Blick auf die Welt und mich selbst, zum prägenden Lichtblick für alles, was ansteht im eher dunklen Novembergrau. Der prägende Lichtblick macht es, dass die Welt ganz anders aussieht, als erwartet. Sie erstrahlt im hellen Schein der Barmherzigkeit eines neuen Königs – wie gesagt, oft anders, als erwartet.

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