Auf in den Kampf

-Br. Markus – Matthäus 10, 35-39

Auf in den Kampf …

… die Schwiegermutter naht. Sie kennen das, das alte Jungscharlied. … siegesgewiss klappert ihr das Gebiss … und so weiter, und so fort. Der tiefe Sinn dieses Liedes hat sich mir nie ganz erschlossen. Ich fand’s aber trotzdem lustig, obwohl ich Kriegsdienstverweigerer bin.

Auf in den Kampf! Kämpfen ist wichtig, kämpfen ist angesagt. Gegen wen eigentlich und für was? Wir kämpfen gegen die Müdigkeit, gegen den Hunger in der Welt, gegen die Drogen und gegen soziale Ungerechtigkeit, für Unabhängigkeit und ein Mitspracherecht und immerhin und überhaupt einfach nur um’s Überleben. Und da bleibt es nicht aus, dass bei allem Kämpfen sich Sehnsucht ausbreitet, Sehnsucht nach Stille, Frieden und einer harmonischen Welt, Sehnsucht nach einer Welt ohne Streit. Da bietet sich die Religion an, die Frieden verspricht und uns zu uns selber finden lässt. Und so glaubt manch einer, daß der Glaube dazu dienen müsste, unsere Sehnsucht zur Ruhe finden zu lassen. Tut er auch, aber nicht nur. Das ist der erregende, der entscheidende Unterschied, der den Glauben zum Glauben macht.

Christus durchbricht knallhart unser religiöses Harmoniebedürfnis und macht klar, dass der Glaube mehr ist als eine religiöse Traumfabrik. Es geht um den Mehrwert des Lebens in Gott, das viele verschiedene Seiten hat und das auch eine sehr schattige Seite haben kann. Es geht um den Konflikt, der fester Bestandteil des Glaubens ist.

1.          Christus erregt

„Meint nur nicht, dass ich gekommen bin, um Frieden auf die Erde zu bringen. Nein, ich bringe Kampf!

Man muss den Text zweimal lesen, um sicher zu sein, dass man nicht aus Versehen die falsche Bibel erwischt hat. Der Friedensfürst Christus redet vom Kampf, vom Schwert, von Hass und von Streit. An anderer Stelle sagt Christus: „Wer das Schwert nimmt, soll durch’s Schwert umkommen.“ oder in der Bergpredigt: „Wenn ein er auf die eine Wange schlägt, so halte auch die andere hin.“ Zwei so unterschiedliche Aussagen des einen Christus scheinen nicht zusammenzupassen. Millionen von Kreuzrittern haben sich blindwütig verrannt.

Klar, das einfachste wäre, den heutigen Text einfach für unecht zu erklären. Damit wäre die Welt wieder in Ordnung. Es geht in der Tiefe aber um echten Glauben und echtes Leben, das eben in echter Auseinandersetzung steht zwischen echtem Gut und Böse. Christus ist Gottes Abtrennung gegen alles Böse in der Welt. In Christus nimmt Gott den Kampf auf. In Christus trennt sich Gott sehr deutlich von allem Nicht-Göttlichen ab. Leben ist eben das Gegenteil von Sterben. Genau darin ist die Grenze scharf, messerscharf. Der Glaube an Gott steht immer an dieser Grenze zum Bösen. Es geht zu allererst um den Kampf mit mir selber, weniger mit anderen, obwohl es sicher auch andere sein können, die mich negativ beeinflussen. Zuerst und zuletzt fordert Christus den Kampf mit mir selbst, mit allem, was in mir gegen ihn steht. Da ist es eben nicht die Stille und der Frieden, sondern der Kampf, der im Stillen in mir tobt und der gewonnen sein soll. Der Glaube an Gott kann nur da wirklich Glaube sein oder werden, wo der in der Auseinandersetzung mit meinem ganz persönlichen Unglauben geführt wird. Christus bringt mir den Streit mit mir selbst. Ohne diesen Konflikt wäre ich mit mir selbst ganz zufrieden, weil ich ja eigentlich ganz okay bin. Mit Christus oder im Glauben kann ich diese Selbstzufriedenheit erschüttern. Es braucht Christus, mich zu enttarnen. Christus erregt Gottes Widerspruch in mir. Er bringt eine zweite Meinung, die Meinung Gottes, in mir zum Tragen. Und das ist immer ein Konflikt, weil ich nach meinen eigenen Regeln lebe und strebe. Das ist ja auch nichts ehrenrühriges. Der Mensch muss, um zu überleben, um sich selber kämpfen. Die Frage ist nur immer, wie.

In dieser Auseinandersetzung ist Glaube ein Dauerkonflikt mit mir selbst. Es ist die eigentliche Schwierigkeit des Glaubens, diesen Konflikt auszuhalten und auszutragen. Es strengt eben an, sich selber auszuhalten, das eigene Unvermögen und wiederholte Versagen. Da sind die anderen Angebote im Supermarkt religiöser Strömungen schon wesentlich billiger, sprich: schmerzfreier – zu haben, scheinchristlich oder nicht. Gott mutet uns uns selber zu in unserer ungeschminkten Originalausgabe. Er mutet uns zu, alles abzuschneiden, was von ihm trennt. Gott bringt in Christus unser Kartenhaus zum Einsturz. Das ist Kampf um mich, mit mir und auch gegen mich. Da muss ich kein Schwert erheben, um gegen andere aufzustehen, es reicht völlig, mit mir selber fertig zu werden. Das kostet schon genug Kraft. Würde sich der Glaube diesem Kampf entziehen, wäre er tatsächlich ein Traumschloss, Opium für’s Volk.

Christus erregt Gottes Widerspruch in mir.

2.          Christus bewertet mich

Die schlimmsten Feinde werden in der eigenen Familie sein. Wer seinen Vater oder seine Mutter, seinen Sohn oder seine Tochter mehr liebt als mich, der ist es nicht wert, mein Jünger zu sein.

Christus schafft neue Werte, ein neues Wertesystem. Es geht um das, was wirklich wichtig ist, nicht nur um familiäre Bande – so wichtig, dass ich mir Zeit dafür nehme. Zeit hat keiner von uns. Deshalb sieht man eigentlich an dem, wofür man sich Zeit nimmt, was wichtig ist. Die Stärke von Liebe kann man nicht messen – die Gradzahl von Zuneigung, die man zu einem netten Menschen oder einem Hobby hat – schon aber die Zeit, die man damit verbringt oder die Priorität, die man ihr gibt. Und genau da hat Gott schon den unverschämten Ehrgeiz, auf Platz 1 zu landen. Gott hat den sportlichen Ehrgeiz, das Wichtigste in unserem Leben zu sein. Nicht mein frommes Leben, nicht alle guten Taten, nicht mein soziales Engagement bestimmen meinen Wert für Gott, sondern die Wichtigkeit, die ich ihm gebe.

Er will nicht unser einziger Gedanke, er will aber unser erster Gedanke sein. Die Priorität entscheidet. Christus entfremdet ja nicht, nicht in der Verwandtschaft und auch nicht mich selbst, aber er verbindet in neuer Form zu neuem Wert alle, die es schaffen, Abstand von sich selbst zu gewinnen. Das ist das Geheimnis wahren Lebens, mein wahres Ich, dass ich nur entdecken kann, wo ich den Mut aufbringe, Gottes Blickwinkel zu wagen. Wo ich nur das tue, was mir gerade einfällt, Spaß macht oder sonst was, komme ich nicht heraus aus meinem engen Korsett. Weil es aber mehr gibt, weil es auch ganz anders, viel schneller oder wesentlich leichter geht, deshalb will Gott uns in Bewegung bringen, uns verwirklichen auf seine Art. Das ist es, was uns wertvoll macht.

Der, der uns erregt und bewegt, ist auch der, der für uns

3.          Garantiert

Wer sich an sein Leben klammert, der wird es verlieren. Wer es aber für mich einsetzt, der wird es für immer gewinnen.“

Christus spricht eine göttliche Gewährleistung aus für alle, die den Mut haben, loszulassen, sich selbst in Frage zu stellen. Welchem Konzept ich mehr vertraue, ist meine eigene Entscheidung. Es gibt bei Christus kein Spassversprechen. Es gibt kein Harmonieversprechen und auch keine Wohlfühlgarantie. Sein Kreuz auf sich zu nehmen ist ganz klar schwer. Es ist ganz klar Kampf. Christus beschönigt nichts, im Gegenteil. Er schafft Realitätsbezug. Wer von Gott erregt lebt, erregt damit nicht nur sich selbst, sondern auch andere Gemüter. Das trifft mal mehr, mal weniger hart. In jedem Fall wird die Auseinandersetzung überall konkret, wo man versucht, konkret nachzufolgen.

Es ist nicht nur in der Geschichte unserer Bruderschaft, nicht nur in der ganzen Reformationsgeschichte wie in der gesamten Kirchengeschichte zu sehen. Sich selber zu verlieren, fällt keinem leicht, erst recht nicht in einer Zeit, in der die Selbstkontrolle das oberste Maß aller Dinge ist. Es geht in der Tiefe darum, für welchen Wert ich mich entscheide, den Wert, den andere oder ich mir geben oder den Wert, den Christus in mir erkennt. Zuletzt ist da immer die Angst, zu verlieren, zu kurz zu kommen oder nicht dabei zu sein, wenn die Post abgeht. Man kann sich’s ja nicht leisten, was verpasst zu haben auf dem Lebensweg. Die Angst zu verlieren und der Zweifel nagt. Die ist aber nicht nur auf dem Glaubensweg, die Angst ist auch da, wo ich mich ohne Gott entscheide. Mit Sportsgeist gelingt es also nicht, mit einem scharfen Schwert schon eher, die eigene Angst abzuschneiden, die im Weg steht.

„Auf in den Kampf“ ist deshalb kein oberflächlicher Schlachtruf. „Auf in den Kampf“ ist vielmehr das Motto, unter dem man es wagen kann, gegen den eigenen Schweinehund anzutreten. Es gibt nicht mehr als die göttliche Garantie. Die Kunst ist es nur, darauf zu vertrauen. Vertrauen ist bei Christus angesagt.

„Auf in den Kampf“ – damit wir’s finden, unser Leben, das Leben, das wirklich Leben ist, das Leben, das sich lohnt.

 

 

 

Advertisements
Veröffentlicht unter Predigt | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Wie man als Kamel durchs Nadelöhr geht

Markus 10, 17-27

 

 

 

Ehrlich gesagt, weiß ich es auch nicht, weil ich noch nie ein Kamel war. Esel oder Kommerzschwein hat man mich schon öfter genannt, aber im Vergleich zu einem Kamel ist das immer noch klein. Schon als Goldhamster hätte man ein Problem, sollte man durch ein Nadelöhr kriechen – das sieht doch jeder ein. Da muss man gar nicht als Kamel geboren sein, um zu bemerken, dass es eng wird, sehr eng sogar. Selbst dann, wenn man sich schlank macht, irre schlank, passt man  nicht durch. Klar, so ein Nadelöhr ist eben klein, winzig sogar. Wäre doch Tierquälerei, wollte man selbst eine Ameise hindurchzwängen. Wie man’s auch anstellt, es geht nicht. Es klappt weder so noch anders. Mit und ohne Zauberei kann es nicht sein, dass es passt.

So unmöglich ist es, dass ein Reicher in’s Reich Gottes kommt – sagt Christus im heutigen Predigttext. Das ist hart, bretthart.

1.          Weil es unmöglich ist

Es ist eine traurige Geschichte, extrem traurig sogar. Sie erzählt von einem, der gescheitert ist, nicht geschafft hat, was zu schaffen war. Es ist die niederschmetternde Botschaft von einer gescheiterten Berufung. Da ist einer, der nicht konnte, obwohl er wollte, ein Jünger, der keiner geworden ist, weil’s nicht geklappt hat. Gescheitert trotz bester Voraussetzung. Gescheitert trotz tadelloser Biografie. Gescheitert trotz großem Einsatz.

Wie kann so was sein bei einem liebenden Jesus und einem gnädigen Gott? Wie kann es sein, dass hier kein Wunder geschieht, so dass der reiche Jüngling alles aufgibt und mitgeht? Es will einfach nicht klappen mit dem heutigen Sonntagswunder. Jesus, der Kranke gesund macht und Berufungen ausspricht, kriegt diesmal nix gebacken, wie es scheint. „Er ging traurig weg“ heißt es im Text.

Der, der ein zweiter Petrus und Johannes hätte sein können, geht weg, scheitert schon in der Vorstufe, bevor es überhaupt losgeht. Ein bestens qualifizierter, zum Jünger ideal geeigneter Mensch verpasst die Chance seines Lebens – und Christus lässt es geschehen, geht ihm nicht nach, greift nicht ein, setzt seine Anforderungen nicht herunter. „Das musste ja so kommen. Irgendwie ist der ja auch total überfordert. Christus überfordert den Mann – oder nicht?“ „Verkaufe alles, was du hast, und gib das Geld den Armen.“

Hätte Christus die Hälfte oder zehn Prozent gefordert, hätte es ja vielleicht geklappt mit einem neuen Jünger. Mit  einem gut situierten , gut verdienenden, finanziell begüterten Sponsor im Rücken – da hätte man es doch insgesamt viel leichter gehabt. Es sei eben eine ganz besondere Art der Berufung gewesen, meinen manche Theologen, nicht für die breite Masse gedacht. Wenn das jeder macht, so alles aufgeben und nachfolgen, wo komme man denn da hin? Ja, es ist wahr, es gibt in Jesu Jüngerschaft Menschen mit mehr Geld. Joseph von Arimathia ist Jünger und reicher Mann. Maria und Marta besitzen sogar ein Haus. Also wozu sich allzu viele Gedanken über diese Kamelpassage in der Bibel machen! „Geh hin und verkaufe alles“ – ist das an alle Christen gerichtet oder nur an ein paar dicke Problembären, die auf ihrem Zaster sitzen?

Schon klar, wenn einer nix auf dem Konto hat, tut er sich mit dem Sozialismus leichter. Ich kenne einen Menschen, der hat seine Berufung immer dann entdeckt, wenn der Kontostand immer mindestens bei minus 30.000.-  war – da wurde die innere Stimme immer lauter, in’s Kloster zu gehen. Traurig, aber war. Es geht aber um mehr, als nur um’s Geld. Christus ist nicht Cheguerra – auch wenn Gott ein sozialer Gott ist geht es hier nicht um den Sozialismus, der sowieso gescheitert und zum Scheitern verurteilt ist. Es geht nicht nur um’s Geld.

Am  Martinskirchturm in Kirchheim hängt zur Zeit ein großes Transparent mit einem Luther-Zitat: „Woran einer sein Herz hängt, das ist seine Gott.“ Es geht also um meine ganz persönliche Bindung an meine Wünsche und Träume und das, was mich ausmacht. Es geht sicher auch um Geld, aber nicht nur. Das wäre viel zu einfach. Wir könnten so die zwanzig Minuten einer Predigt nutzen, um auf reichen Leuten rumzuhauen, die sowieso nichts taugen, und sind dabei fein raus, getreu dem Motto „Meine Eltern waren arm aber rechtschaffen – und somit ich auch.“

Es geht aber um mehr. Es geht um das, woran mein Herz hängt. Es geht um die grundsätzliche Überforderung, die Christus anspricht, und die mit dem Glauben fest verbunden ist: Loszulassen – loslassen, woran mein Herz hängt. Das ist so unmöglich wie ein Kamel, das durch ein Nadelöhr muss – gerade deshalb, weil ja mein Herz daran hängt. Glaube ist die Unmöglichkeit, die mir Gott zumutet. Glaube ist meine Unmöglichkeit, mich von mir selbst zu verabschieden. Glaube ist loslassen. Glaube beginnt, Glaube zu sein, immer erst dann, wenn ich darauf verzichten kann, es selber zu machen.

Weil es unmöglich ist

2.          Geht Glaube anders

„Für Menschen ist es unmöglich, aber nicht für Gott. Für ihn ist alles möglich!“

Glaube ist mehr, als eine Ahnung. Er ist mehr als nur die Anstrengung, ein guter Mensch zu sein. Hätte der reiche Jüngling tatsächlich verkauft und verschenkt, hätte er geglaubt, ewiges Leben damit verdient zu haben. Aber genau das geht so nicht. Selbst wenn uns unsere Berufung heimatlos, familienlos, besitzlos oder schutzlos macht, heißt das noch lange nicht, dass daraus ein Rechtsanspruch auf ewiges Leben entsteht. Loslassen ist nur der kleine Schritt, der den Glauben wirklich zum Glauben macht, zu einem Vertrauensverhältnis, das auf Schenken beruht, nicht auf Verdienst. Auf diesem Weg zu einem Vertrauensverhältnis stehen die eigenen Sicherheiten streckenweise im Weg. Sie versperren die Sicht auf Gott. Nachfolge ist völlig anders. Nachfolge ist lebendiges Gespräch mit Gott, gemeinsam geplante Sache, gemeinsames Handeln, gemeinsam gestaltetes erstes Gebot. Das erste Gebot führt zur Veränderung unseres Denkens, nicht zur Aufgabe desselben. Gott will meinen Gedanken durch seinen Gedanken bereichern. Er will meine Fantasie durch seine Möglichkeiten erweitern. Er will mich in neue Räume führen, jenseits meiner Vorstellungskraft. Eben weil Gott mehr ist als ein menschliches Gedankengebäude, reicht sein Berufungsverständnis weiter. Das funktioniert nur, wo ich loslassen kann, Abschied feiern von allem, was Gott im Weg steht, auch wenn ich selber nicht erkennen kann, was hindert.

Es geht Gott nicht um’s Wegnehmen – ER will frei machen, vor allem auch vor aller Angst, vor der Angst zu verlieren. In eine volle Teetasse kann man nichts mehr einschenken – das ist eine alte Weisheit. Im Ruf zur Nachfolge ruft Gott zum Vertrauen, sich neu befüllen zu lassen. Es geht um eine durch Gott bereicherte Lebensweise. Wenn ich den Himalaya besteigen will, nehme ich dazu nicht mein altes Sofa und den Kühlschrank mit, auch nicht den Fernseher von Oma. Es würde auf dem Weg zum Gipfel nur hindern. Es geht darum, mit wenig Ballast möglichst schnell möglichst weit zu kommen. Das ist Gottes Idee für seine Kirche: vom unnötigen Ballast zu befreien. Er will keine Truppe fanatischer Asketen, die blind sind für die Schönheit der Schöpfung. Er will aber schon ein bisschen Sportsgeist bei allem, was er so macht. „Unbefangen mit dabei sein“ heißt die Devise. „Mir ist alles erlaubt, aber nicht alles nützt mir“ formuliert Paulus. Es geht dabei einfach nur darum, zu überlegen, was vorwärts bringt und was hindert.

Da gibt es keine Pauschalurteile. Reichtum kann nützen, aber auch hindern, Hobbys können beschleunigen, aber auch bremsen. Persönliche Vorstellungen sind manchmal eine Bereicherung und Belastung zugleich. Das ließe sich endlos fortsetzen. Es geht um den Handlungsspielraum, den Gott in uns hat. Sind wir Gottes Bremsklotz oder sein Turbolader? Gott will den Menschen ganz, nicht nur ein bisschen. Deshalb sollte es auch ganze Nachfolge geben, nicht nur ein bisschen, nicht nur scheibchenweise, zögerlich oder nach und nach.

Wenn man als Kamel durch ein Nadelöhr will, muss man sich schlank machen, irre schlank sogar. Und da stellt sich schon die Frage, welche frommen Steckenpferde oder kleine Sicherheiten noch mit durchpassen durch’s Nadelöhr, ohne kleinkariert zu sein. Gott ist großzügig. Er will keine bis auf’s letzte Gramm abgemagerten Helden des Glaubens. Da ist viel Spielraum. Natürlich ist das zuviel, als dass man’s machen könnte, und sicher ist es unzumutbar. Aber es macht den Glauben zu dem, was er ist, zum Abenteuer des Vertrauens. Wer dazu immer sein ganz persönliches Sofa braucht, kann nicht mit abheben, wenn die Post abgeht. So einfach ist das.

Glaube ist das Geschenk, nicht der Verdienst, der entsteht, wo ich auf mein gesundes Misstrauen verzichten kann. Es geht um eine völlig neue Beweglichkeit, die entsteht, dort, wo man dem berufenden Wort folgt und sich löst. Wo das Wort uns bewegt, muss man nicht traurig weggehen, sondern kann mit allen Gütern neue Schritte in ungeahnte Richtungen wagen. Als Kamel durch ein Nadelöhr passt nur der, der sich dafür schlank machen lässt.

Veröffentlicht unter Predigt | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Multitalent für´s Kloster

Stellenanzeige Haustechniker

Das komplette Anwesen der Blumenmönche, mit Altenheim, Gästehaus, Gärtnerei,
Wohn- und Sakralräumen, will durch ein Multitalent fit gehalten werden. Für einen
Vollbluthandwerker wartet ein vielseitiges Aufgabenfeld. Sie sind die gute Seele, die
Bewohnern, Gästen und Mitarbeiten das Wohnen und Arbeiten angenehm macht. Ihr
Engagement wird die Atmosphäre eines ganzen Hauses prägen.

 

Stellenprofil

http://www.xn--ebk-blumenmnche-jtb.de/Download/Bewerbung%20Anforderungen%20Haustechniker.pdf

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

Konzert mit Weltklasse-Organist Felix Hell

Seoul, Bogota, San Francisco – Konzertorte 2017/18 auf der Webseite von Weltklasse-Organist Felix Hell, USA.

„In Frankreich, Spanien, Italien, Russland, Island, Lettland, Norwegen, Jamaica, Australien, Neuseeland, Singapur, Malaysia, Korea, Taiwan, Kanada und in den USA erspielte er sich in Kathedralen und Konzertsälen Kritiken höchsten Lobes. Allein in den USA gab er mehr als 500 Konzerte in 45 Bundesstaaten“ ist in seiner Vita zu lesen.

13-jährig spielte er sein erstes Konzert bei uns – und ist uns seitdem freundschaftlich verbunden.

Sein meisterhaftes, facettenreiches Spiel hören und genießen können ist ein unvergessliches Erlebnis –  wir laden herzlich dazu ein: zum Konzert mit Weltklasse-Organist Felix Hell an unserer nach Gottfried Silbermann disponierten Stehle-Orgel  am Sonntag, den 10. September um 17 h,  der Eintritt ist frei.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

Ja, Ja

Sonntag, den 27.08.17 -Br. Markus- 

Matthäus 21, 28-31

Es gibt tausend verschiedene Arten „Ja“ zu sagen.

Ja – (…………), ja (……………) ja,ja (………….)ja (……..) oder einfach nur ja (…………)

Was man damit meint, kann jeweils sehr verschieden sein. Die Palette reicht von „komme gleich“ bis „schau mer mal“. Beim Ja-sagen ist es, wie bei asiatischen Sprache, eine Betonungsfrage, was man genau damit meint – hoch oder tief, kurz oder lang. Das Ja-Wort des Glaubens soll ein ganz anderes sein als alle Ja-Worte der Welt, es soll ein Tat-Wort sein, völlig befreit vom menschlichen Riss, der zwischen unserem Denken und Tun so ist. Es soll eindeutig sein, schlicht und klar, ganz einfach „ja“. So einfach ist es aber nicht. Zu viele Ja-Worte scheitern nicht an der guten Absicht, sondern am Leben selbst, mit oder ohne Glaube, weil manchmal alles anders ist.

1.                Vom Ja-Wort

Ein Mann hatte zwei Söhne.

Christus stellt im Gleichnis zwei falsche Möglichkeiten vor. Beide sind eher schlecht als recht. Trotzdem besteht ein Unterschied, ein ganz erheblicher sogar, der reinhaut wie die berühmte Faust in den Pudding. „Huren und Betrüger sind  – besser“ sagt Christus. Das ist nicht nur unverschämt, sondern trifft hart, gerade wenn man sich Mühe gegeben hat, korrekt zu glauben. Das Motivationstraining von Jesus Christus ist ein knallharter Tiefschlag, eine gemeine Ernüchterung für alle Glaubenden. Der Christus, der predigt, dass Glaube Berge versetzt, predigt auch, dass der Glaube der Glaubenslosen mehr wert sein soll, als derer, die sich Mühe geben, exakt zu glauben. Lässt man die Tatsache weg, dass Christus sich im Dialog mit den Pharisäern befindet, versteht man viel eher die Wut, die entsteht, wenn da einer kommt, der behauptet, dass Huren die besseren – ich sag mal „Gläubigen“ sind.

Es ist nicht die einzige Stelle, an der Christus so brutal wird. Geschmacklos – oder? Mindestens schwer verdaulich! Da gibt man sich ein Leben lang Mühe und wird dann von denen überholt, die sich einen Schlauen gemacht haben. Die Versager, die vom anderen Ufer, die schrägen Vögel und was immer mehr, sollen mehr wert sein. Das haut rein, das zieht runter, schadet mehr, als es nutzt – oder nicht? Sieht so Gottes Motivation aus, die Gebote zu halten, wenn nachher derjenige mehr wert ist, der sie bricht? Kontraproduktiver geht’s wohl kaum. Im heutigen Gleichnis fehlt völlig das positive, Mut machende, aufbauende Element. Christus erzeugt Wut, schlimmer noch, religiöse Wut, indem er die Huren heilig spricht. Sowas macht man doch nicht.

Ein Mann hatte einen Weinberg …“

Christus wählt häufig den Weinberg als Beispiel oder Sinnbild für den Ort, wo sich der Glaube verwirklicht. Gott spricht alle an, die ihr Ja-Wort gegeben haben zur Arbeit im Weinberg des Herrn – uns! Unser Ja-Wort ist ein Winzer-Ja-Wort. Es war nie die Rede vom Schweben auf Wolke 7. Trotzdem gibt es immer Probleme, wenn Arbeit im Weinberg sich auch anfühlt wie Arbeit im Weinberg. Wenn die Sonne heiß vom Himmel brennt, der Zeitdruck steigt, die Arme wehtun gerät so manch ein Ja-Wort ins Wanken. Ich geb’s ganz ehrlich zu: Auch mir wär ein schattiger Weinberg im Hochsommer lieber. Ich genieße immer den Augenblick, wenn ich in unserem LKW die Klimaanlage auf Full-Speed stellen kann, immer dann, wenn draußen die Sonne gnadenlos brennt. Es stand nicht im Kleingedruckten, dass Glaube so wehtun kann wie Arbeit im Weinberg des Herrn. Noch weher tut es dann, wenn man zusehen muss, wie andere sich abseilen. Nicht diejenigen, die von Anfang an „nein“ gesagt haben, sondern die, die „ja“ sagten und deren Ja zum „Jaaaaaaaaa – aber“ oder „ähhhhhhhhh“, vielleicht auch „jain“ wurde. Die Ja-Sager und Nein-Tuer – in jedem von uns steckt so ein Quäntchen Nein, bei jedem „Ja“ das wir sprechen. Wir können gar nicht so sein, wie wir sein wollen, mit uns selber im Reinen, so völlig synchron in Wort und Tat, stimmig mit mir, mit Gott und dem Rest der Welt. Es überfordert uns, so zu sein, wie wir sein sollen, das Gute, was wir wollen, auch zu tun. Und doch fordert Christus das Unmögliche ein: Stimmig zu sein in Wort und Tat. Darin ist sein Urteil scharf. Wenn Glaube nicht zur Tat wird, ist er wertlos – egal, wie fromm der Einzelne seine stille Verneinung tarnt, sie bleibt hinter dem gesprochenen Ja zurück.

So vieles zerbricht nicht aus mangelnder Absicht, einfach aus zu großer Hitze oder Kälte oder sonst was. Es gibt immer einen plausiblen Grund, warum man nicht so konnte, wie man hätte wollen-sollen oder so. So verweht manch ein Ja-Wort im Winde der Ereignisse des Tages, des Lebens oder der schlimmen Enttäuschung über andere. Glaube aber ist Berufung zur Arbeit im Weinberg des Herrn. Eben weil das nichts mit Weltflucht zu tun hat, sondern konkrete Arbeit, auf konkrete Frucht ausgerichtet, treten konkrete Schwierigkeiten auf. Es nützt nichts, das Ja-Wort zurückzuziehen, einzugrenzen oder abzumildern – gerade dann nicht, wenn die Schwierigkeiten größer, anders oder härter als erwartet sind. Gerade da sollte ja der Glaube wirklich werden – nicht in der Reduzierung unseres Ja-Wortes, sondern in der Erweiterung. Ein Glaube, der das Ja-Wort einschränkt, schränkt die Frucht ein, die entstehen könnte durch unsere Mitarbeit im Weinberg des Herrn. „Wer nicht hackt, düngt und gießt erntet eher weniger“ – alte Gärtnerweisheit, gilt auch für Winzer. Ernte entsteht nicht durch Resignation, Weglaufen oder Sein-Lassen. Ernte entsteht durch Mühe um Frucht, tätige Mühe. Deshalb soll unser Ja immer ein Ja-Ja sein, Ja zu Gott, zugleich Ja zur damit verbundenen Mühe, damit wir nicht in unverbindlichen Absichtserklärungen stecken bleiben, unser Ja-Wort

2.                Zum Tat-Wort wird

Der Theologe Voigt meint, dass gerade unsere protestantische Kirche Gefahr läuft, nur Worte zu machen und dass eine immer nur „Worte-machende Kirche“ zur Kirche der nicht eingehaltenen Versprechungen werden kann.

Praktisch heißt das: Wenn unsere Meditation, unser Singen, unser Beten und unser Gottesdienst nicht zum Gottesdienst der Werke wird, war alles umsonst. Eine Kirche, die mit Nichtstun Gott dient, würde wohl auch keiner vermissen, wenn es sie gar nicht gäbe. Es gibt sie schon jetzt nicht. Wo keiner was tut, ist keine Kirche, bestenfalls religiöser Club. Christlicher Glaube versteht sich immer als Antwort auf Gottes Anruf, und diese Antwort ist ein Tat-Wort: „Hier bin ich, ja-ja!“ – synchron in meiner Absicht, das, was ich erkenne, auch zu tun. Gottes Wort will zum Tat-Wort werden in mir. Das hat nichts mit religiöser Geschäftigkeit oder krampfhaftem Aktionismus zu tun.

Es geht um mehr. Die Pharisäer waren religiös hoch aktiv. Wenn Aktion allein Gottes Absicht gewesen wäre, hätte Christus eher empfohlen: „Tue Gutes und rede darüber.“ Es ist aber anders. Im Gleichnis geht es um zwei Söhne: den Ja-Sager aber Nein-Tuer und den Nein-Sager aber Ja-Tuer. Beide haben den Riss in sich. Beide sind nicht das, was Gott sich vorstellt. Trotzdem wertet Christus den Nein-Sager auf in Gestalt von Huren und Betrügern. Nicht das Nein-Sagen wird zur Tugend erklärt, sondern die Bereitschaft zur Veränderung, das Nachdenken, Neudenken und das Ja-Tun. Gott wertet den Widerspruch zum Guten auf, das Tat-Wort. Gott nimmt sich das Recht heraus, sein Reich auszudehnen über die Grenzen der kirchlich Aktiven hinaus. Kirche wird zu einer Kirche der Täter, derer, die das Wort tun: Ja-ja. Es ist dann nicht mehr die Frage, was der andere tut und was er lässt, sondern vielmehr die Frage der Bereitschaft in mir, festzuhalten an alten Gewohnheiten oder aufzubrechen zur Veränderung, die das Wort in mir schafft. Gottes Ziel ist die Geschlossenheit der Person, die Stimmigkeit mit sich selbst, dass ein Ja auch ein Ja ist und ein Nein ein Nein. Christus allein beendet den Widerspruch in mir selbst, der mich von der einen auf die anderen auf die anderen Seite zieht. Es geht um die verwandelnde Kraft seines Wortes, das auch meine besten Absichten zur Wirklichkeit werden lässt. Ja-Ja.

Darin liegt die wahre Kraft der Kirche, unsere Kraft, über die Grenzen der Kraft des Einzelnen hinaus, die Kraft, Berge zu versetzen, die ohne unsere doppelte Zustimmung sitzen bleiben würden. Ein einfaches Ja reicht nicht. Es braucht das Doppelte, tausendfache Ja jeden Tag neu, die Hacke anzufassen, wenn der Weinberg voller Unkraut ist. In den nächsten Tagen beginnt die Weinlese. Ein großer Wein soll es schon werden im Weinberg des Herrn. Spätestens dann, wenn der gute Tropfen fertig ist, schmeckt man umso mehr, wie gut der Wein ist, wenn man mit an der Arbeit war – immer dann, wenn der Weinberg voll Disteln und Dornen war. Wenn der Wein fertig ist, wird er greifbar. Er ist ein genießbares Stück unseres Lebens, ein Stück aller Arbeit, die sicher nicht einfach war.

Veröffentlicht unter Predigt | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Der alles überragende Berg

Sonntag, den 06.08.17

-Br. Markus – Jesaja 2, 1-5

Der Calver Bühl ist eine markante Erhebung südlich von Dettingen/Erms. Auf dem Gipfel befindet sich eine Linde, die von weitem gut sichtbar ist (Wikipedia)

Vom Dettinger Kirchturm aus gesehen ist der Calver Bühl ein alles überragender Berg – wenn da nicht der Deckelesfelsen wäre … So hoch und so schön wie der Mount Everest sind sie beide nicht. Man muss nicht unbedingt nach Katmandu gehen, um atemberaubende Berge zu sehen. Ich geb’s ungern zu, aber mein Favorit in Sachen alles überragender Berg steht in der Schweiz. Das Matterhorn ist so schlank und elegant, steht so frei, das man es deutlich sehen kann, wie es alle anderen Berge überragt.

Es geht um’s größer sein bei Jesaja, der Vision, die er hat. Nicht im Sinne von Größenwahn, es geht um einen einzigen Berg, der größer ist als all die Berge von Schwierigkeiten, die der Mensch hat. Diesen Berg erahnt vor Tausenden von Jahren ein Mann in einer Vision: Jesaja, der Berg des Herrn.

1.                Schwindelerregende Aussicht

1 In einer Vision empfing Jesaja, der Sohn des Amos, diese Botschaft für Juda und Jerusalem:

„Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen“ meinte Altkanzler Helmut Schmidt. Ein Leben ohne Visionen ist meiner Meinung nach der halbe Tod, eher vegetieren als leben. Ein Mensch, der nicht auch träumen kann, ist doch arm dran. Leben ohne Lebenstraum ist frustrierend, ohne Aussicht. Wer nie auf einem Gipfel stand, weiß nicht, was er verpasst hat. Jeder drittklassige Motivationstrainer weiß, dass der Mensch etwas braucht, das in antreibt. Es geht nicht um Luftschlösser, auch dann nicht, wenn jemand ein Konzept erstellt für sein Leben, einen Plan. Dazu braucht er eine Vision, eine Idee, wie es sein wird oder klappen kann. Jeder Wetterprophet entwickelt eine Vision für den kommenden Tag. Wenn sie auch einem Rechenmodell entspringt, ist es eine Vision, eine Art Vorstellung von Zukunft. Wenn ich nicht glauben kann, dass der Zug ankommt, dort, wo ich hinwill, steig ich erst gar nicht ein. Jeder Gärtner braucht eine Vision, pflanzt er Radieschen oder Salat. Ohne Vision pflanzt er erst gar nicht an. Wer nur Angst vor den Schnecken hat, lässt es von Anfang an sein. Das wäre der visionslose, der, der nicht glauben kann, dass er auch trotz Schnecken wachsen kann – der Salat.

Ich brauche den Glauben, dass es gelingen kann, sonst kann ich’s gleich aufgeben – mit oder ohne Glaube. Die echte, die gute Vision verleiht unserer Fantasie Flügel, hebt den Verstand empor, rührt an, macht besonnen und riskant, zockt hoch, holt runter, fährt ab oder spornt an. Ohne Vision lebt man nicht mal schwarz-weiß, man lebt ohne Farbe, ohne Ton, einfach im falschen, zementgrauen Brei. Vision führt den Verstand in die Königsdisziplin des Menschseins, nicht nur an Essen und Trinken und den Augenblick, sondern darüber hinaus an morgen zu denken.

Bert Brecht sagt: Wenn alle Irrtümer verbraucht sind, sitzt als letzter Gesellschafter uns das Nichts gegenüber.“ Der Nachteil dieser Art des modernen Denkens ist, dass es depressiv macht. Je visionsloser ich lebe, umso höher werden die Berge der Schwierigkeiten. Ich versenke mich selbst ins tiefe, tiefe Tal. Für jeden, der sich selber fertig machen will, kann man also Brecht empfehlen. Da is nix, da war nix und da wird nichts sein.

Oberhalb des Calver Bühl gibt es ja noch die Höllenlöcher. Da hat man eine vergleichbare Aussicht. Obwohl die ja höher liegen als der Calver Bühl, sieht man weniger, weil man beschattet ist von den hohen Felsen und den Bäumen rings um die Schlucht herum.

Bei Jesaja ist das anders. Schwindelerregende Aussicht schafft

2.                Weitreichende Einsicht

Denn vom Berg Zion aus wird der Herr seine Weisungen geben,… Gott selbst schlichtet den Streit zwischen den Völkern, und unter den Nationen spricht er Recht. Dann schmieden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen um und ihre Speere zu Winzermessern.

Diese Botschaft ist so unverschämt, dass sie mindestens in einer Disziplin überragt: in ihrer Unverschämtheit. Ja, es ist geschmacklos, in einer Welt der Bombendrohungen, Selbstmordanschläge und Massaker von der total anderen Friedenswelt Gottes auch nur zu träumen. Es ist tatsächlich weltfremd, weil unsere Wirklichkeit so anders ist. Das aber heißt nicht, dass es auch geht.

Unsere Welt 2017 besteht zwar aus Hass, aber auch aus Liebe, und das war auch noch nie anders, auch wenn’s nicht in der Zeitung steht. Es ist keine Sünde, im Krieg vom Frieden zu träumen, erst recht nicht, wenn man weiß, dass Frieden die bessere Lösung ist. Es muss keine Sünde sein, sich nach Gerechtigkeit zu sehnen, wenn man betrogen wurde. Das hat nichts mit kranken Gefühlen zu tun, viel mehr mit wachem Bewusstsein. Lustigerweise war es die Sowjetunion, die Jesajas Prophezeiung als Statue bei den Vereinten Nationen hat aufstellen lassen: ein Schmied, der Schwerter zu Pflugscharen macht. Komischerweise war es dann in der DDR verboten, dieses Symbol der Friedensbewegung zu tragen. Die Logik, die da dahinter steht, erschließt sich mir bis heute nicht. Die Vision des Jesaja ist aber nicht nur Traum von einer entmilitarisierten Zone oder waffenfreien Welt. Darin unterscheidet sich Jesaja von großen politischen Träumern aller Zeit. Der Mensch kann sie nämlich wirklich nicht, die friedvolle Welt, die Welt, in der keiner den anderen ausnützt oder über den Tisch zieht. Die Menschheit kann sie nicht, wir können sie nicht, die versöhnte, gemeinsam schaffende Welt, in der jeder den anderen respektvoll ansieht. Es braucht viel mehr als den Versöhnungstraum, um versöhnt zu leben. Der Krieg fängt nicht erst da an, wo einer in den Panzer steigt oder die Patrone ins Gewehr schiebt. Es fängt im kleinen an, in mir, im stillen, im Frust mit den anderen, im Gefühl, verletzt, benachteiligt oder übergangen zu sein. Da fängt das Bomben bauen an, in meinem Kopf, und nicht nur dort. Im ganz normalen Kampf ums Dasein, das ich nur lebe, wenn ich mich behaupten kann. Fressen oder gefressen werden – da ist kein Platz für Großzügigkeit, auch nicht für die Großzügigkeit Gottes, so scheint es. Man muss ja sehen, wo man bleibt. Verzicht zugunsten anderer gelingt nicht so ohne weiteres. Ohne Verzicht ist aber Krieg. Nur wenn es einem gelingt, zu verzichten um was zwei streiten, kann wieder Friede sein. Selbst wenn einer verzichtet, ist das nicht immer Friede, was dann bleibt, wenn dabei noch die Gewissheit ist, dass eigentlich der andere hätte verzichten wollen sollen. Frieden schaffen ohne Waffen gelingt nicht aus politischer Überzeugung – bestenfalls teilweise. Selbst aus religiöser Überzeugung ist es schwierig, wenn nicht noch schwieriger –  da, wo der andere an den ganz anderen, den falschen Gott glaubt. So werden Kriege gekriegt – auch völlig atombombenfrei, mit messerscharfen Zungen allein, giftigen Vermutungen und dynamitreichen Behauptungen, heute, unter lauter zivilisierten, kultivierten, friedfertigen Geistern. Es gibt in unserer Welt völlig legale Verfahren, um andere über den Tisch zu ziehen, zu übervorteilen und zu brandmarken, zu beschießen, ohne eine einzige Patrone zu vergeuden. Auch das ist Krieg, die stille Schlacht der Gedanken, in denen ich den lästigen anderen fertigmache, so weit, weit weg von mir denke. Gerade, wo sich unser Denken so knietief in eigene Befangenheiten verwickelt, braucht es den überragenden Berg, den Gipfel, auf dem man sieht, dass es noch mehr gibt als nur mich und meine finsteren Täler.

Diese Einsicht macht mich

3.                Im felsigen Gelände aktiv

Gott hat einen Traum: Schwerter zu Pflugscharen, Kanonen zu Kochtöpfen. Dieser Traum ist so verrückt, dass er sämtliche Verrücktheiten dieser Welt überragt. Es gibt keine Konkurrenz mehr zwischen Dir und mir, es gibt nur noch uns – weltweit. Wir – und das heißt wirklich: wir alle – sind in Gott aufgehoben, auch die blöde Kuh auf der anderen Straßenseite und der schräge Vogel hinter dem Gartenzaun. Es ist unser aller Sinn und Auftrag, Geliebter und Geliebte zu sein, aus diesen Bergen von Sympathie die Kraft zu finden, auf Waffen zu verzichten, wie immer das aussehen mag. Es funktioniert nicht wie ein rosa Traum.

Leider kann man die Welt weder mit warmen Worten noch gutem Beispiel retten, auch nicht mit roher Gewalt, obwohl es Länder gibt, in denen gerade die Armee den Frieden sichert. Jesaja prophezeit keinen naiven oder blindwütigen Pazifismus. Er sieht die langfristige Ausrichtung der Welt auf Gott hin, endgültig. Das schafft keine fantastische Lebensführung, aber fantastische Aussicht. Schwerter zu Pflugscharen zu machen ist eine anspruchsvolle Lebensaufgabe, die jeden von uns herausfordert, allein deshalb, weil echter Friede meine Möglichkeiten übersteigt. Es ist unser Auftrag, das Schicksal zu schmieden. Das passiert jeden Tag und überragt meine ganz persönlichen Schmiedekünste. Das Eisen ist heiß, so heiß, dass ich es manchmal nicht anfassen mag, weil es mir die Finger verbrennt, trotz dem, dass ich Handschuhe trage. Wenn’s auch nicht gleich ein formschönes Winzermesser wird, wenigstens eine halb krumme Sense sollte dabei schon rauskommen.

Vor unseren Augen steht ein großer, ein sehr eleganter, weithin sichtbarer Berg, schwerer noch als der dickste Achttausender. Es ist der Berg der Gerechtigkeit namens Golgatha, der Berg, der das aufwiegt, was uns an Gewicht fehlt im Ringen um dieses große Ziel. Dieser überragende Berg hilft uns, heute, zu sein, wie wir sein werden, wenn die Vision Wirklichkeit wird. Ich bin zwar nicht Brecht, wollte aber schon immer mal so einen Brecht-ähnlichen Satz versuchen:

Wenn alle Irrtümer verbraucht sind, ist da alles, was wir gewagt haben, zu glauben: ein überragender Berg.

Veröffentlicht unter Predigt | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Flötentöne und Silbermannklänge

Sie beflügeln und sie ergänzen sich, sie lassen sich Raum und sie verschmelzen – eine Blockflöte und tausend Orgelpfeifen.

Flötistin Carola Rebentisch und Kirchenmusikdirektor Matthias Süß aus dem Erzgebirge stehen für Klangreichtum, Sensibilität und Ausdruckskraft.

Am Sonntag, den 9. Juli 2017 sind sie zu Gast bei den EBK-Blumenmönchen, Schubertstr. 18, 72581 Dettingen/Erms. Ihr Programm: Werke großer Barockkomponisten wie J. S. Bach, G. PH. Telemann und Allessandro Marcello.

Ihr Konzert findet um 17 h in der Klosterkirche mit der nach Gottfried Silbermann disponierten Stehle-Orgel statt. Der Eintritt ist frei.

Veröffentlicht unter Allgemein, Veranstaltung | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen